Sachverständigenrat

Warum Achim Truger eine sehr gute Wahl ist

Mit Achim Truger haben die Gewerkschaften einen Kandidaten für die Nachfolge von Peter Bofinger nominiert, der auch ohne Veröffentlichungen in Top5-Publikationen in der Lage sein wird, wissenschaftlich exzellente Diskussionen zu führen. Die Kontroverse um Trugers Berufung zeigt vielmehr, dass wir eigentlich über die Rolle des Gremiums diskutieren müssen. Ein Kommentar von Andreas Peichl.

Foto: Regina Aigner / BKA.

Nächste Woche ist es also soweit. Dann wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Ökonomen Achim Truger offiziell als Nachfolger von Peter Bofinger in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) ernennen. Seine Nominierung durch die Gewerkschaften vor einigen Monaten hatte eine kontroverse und hitzige Diskussion ausgelöst. Die beiden Hauptkritikpunkte an seiner Berufung waren, dass es sich bei Achim um ein „wissenschaftliches Leichtgewicht“ handle und dass es „bessere linke Ökonomen“ gegeben hätte. In diesem Beitrag argumentiere ich jedoch, dass es keinen besseren Kandidaten für diese Stelle gegeben hätte.

Zu dieser Einschätzung komme ich – full disclosure – auch auf aufgrund persönlicher Erfahrungen. Meinen ersten Kontakt mit Achim hatte ich im Sommer 2002 an der Uni Köln. Als Student im finanzwissenschaftlichen Mittelseminar des Lehrstuhls von Clemens Fuest, das von Achim Truger mitorganisiert wurde, hatte ich eine Seminararbeit zum Thema „Steuerlast- und Einkommensverteilung in Deutschland“ geschrieben, die mein Interesse an diesem Thema nachhaltig geprägt hat, und nicht ganz unschuldig daran ist, dass ich in meiner heutigen Funktion als Leiter des Ifo-Zentrums für Makroökonomik und Befragungen meinen Arbeitsschwerpunkt auf eben diesen Bereich lege.

Neben gewerkschaftsnahen Seiten hatten insbesondere Befürworter einer pluraleren Ökonomik an deutschsprachigen Fakultäten Achims Nominierung begrüßt. Die Berufung eines pluralen Ökonomen in den SVR sei ein überfälliges Signal. Ich denke jedoch nicht, dass dies notwendig war. Ich kann nämlich viele der Kritikpunkte am „Mainstream“ nicht nachvollziehen und sehe es ähnlich wie Johannes Becker: Die wenigsten (Mainstream-)ÖkonomInnen, die ich kenne, sind „ideologisch sattelfeste Gläubige einer bestimmten Denkschule“, sondern im Gegenteil durch eine „Neugier auf alles methodisch und inhaltlich Neue“ (auch aus anderen Disziplinen) gekennzeichnet. Und auch im Studium gibt es vielfältige Möglichkeiten, VWL mit anderen Disziplinen zu kombinieren. Aber das ist ein anderes Thema.

„Links“ ist nicht zwangsläufig „SPD-nah” oder „gewerkschaftsnah”

Ich finde die Berufung Achims aus anderen Gründen gut und möchte deshalb die beiden Hauptkritikpunkte entkräften. Zum Kritikpunkt „Es hätte bessere linke Ökonomen gegeben“ ist zu sagen, dass es aus Sicht der Gewerkschaften keinen besseren Kandidaten als Achim gegeben hätte. Denn man darf gewerkschaftsnah nicht mit „links“ oder „SPD-nah“ gleichsetzen, so dass z.B. die in der Ökonomen-Klatschküche gelegentlich genannten Tom Krebs oder Jens Südekum nie wirklich in Frage kamen. IMK-Direktor Gustav Horn steht kurz vor der Pensionierung und sein Nachfolger Sebastian Dullien ist deutlich jünger und daher eine Option für Achims Nachfolge in einigen Jahren.

In den Debatten der letzten Monate konnte man gelegentlich den Eindruck gewinnen, dass das Label „gewerkschaftsnah“ per se etwas Schlechtes oder ein Makel wäre. Ich selbst stimme inhaltlich sicherlich nicht mit allem überein, was aus den Reihen der Gewerkschaften gefordert wird. Aber das schmälert nicht meine Überzeugung, dass die Positionen der Gewerkschaften im ökonomischen und politischen Diskurs repräsentiert werden sollten. Gleiches gilt im Übrigen auch für (vermeintlich) „arbeitgebernahe“ oder „wirtschaftsnahe“ Ökonomen. Und so lange die Gewerkschaften (ebenso wie die Arbeitgeberverbände) einen Platz im Rat besetzen dürfen, so lange sollte es sich hierbei auch um einen gewerkschaftsnahen Ökonomen handeln – ohne dass ihm (oder irgendwann vielleicht auch mal ihr) mehr oder weniger implizit unterstellt wird, die eigene Forschung sei durch die inhaltliche Nähe zu den Gewerkschaften kompromittiert.

Dies führt mich zum zweiten Kritikpunkt, Achim sei ein „wissenschaftliches Leichtgewicht“. Dazu ist zunächst anzumerken, dass das Vorhandensein von Top-Publikationen keine hinreichende Bedingung ist, um ein guter Politikberater zu sein. Tatsächlich gibt es viele Beispiele von Veröffentlichungen in Top-Zeitschriften zu wirtschaftspolitisch irrelevanten Themen, die nie zitiert – und vermutlich nicht einmal gelesen – werden. Die Frage ist also eher, ob es eine notwendige Bedingung ist.

Ich will an dieser Stelle keinen neuen Methodenstreit anfangen. Publikationen in anerkannten referierten Fachzeitschriften sind meiner Meinung nach immer noch – bei aller berechtigten Kritik und Diskussion über die „Tyranny of the Top 5“ – das beste Maß, um „wissenschaftliche Exzellenz“ zu messen. Aber muss man als Wirtschaftsweiser zu den Top 0,001% der „ökonomischen Exzellenzverteilung“ gehören – oder reicht nicht vielleicht auch ein Platz in den Top 0,1% (was man als promovierter Volkswirt mit Professur sicherlich ist) nicht vielleicht schon aus? Und wenn man wirklich denkt, es müssten zwingend die besten Wissenschaftler sein, warum einigt man sich dann nicht einfach auf eine Metrik für die Messung von Exzellenz und beruft die besten fünf dieses Rankings in den SVR?

Meiner Meinung nach deswegen nicht, weil „ökonomischer Sachverstand“ breiter zu verstehen ist und man fehlende Top-Publikationen für Beratungszwecke durchaus durch entsprechende Kenntnisse von Institutionen, Literatur und Methoden (über)kompensieren kann – und man somit auch ohne „wissenschaftliche Exzellenz“ ein sehr guter Berater sein kann (siehe dazu z.B. auch die drei Dimensionen des FAZ-Ökonomenrankings, das explizit Forschung und Beratung sowie Medien trennt).

Aber Achtung: Im Umkehrschluss gilt natürlich nicht, dass das Nichtvorhandensein von Top-Publikationen (in Mainstream-Zeitschriften) ein Ausweis für „Exzellenz im pluralen Sinne“ oder für Exzellenz als Berater ist. Gleichwohl, ohne solche Publikationen fällt es einem viel schwerer seine Eignung für eine Rolle im SVR glaubhaft zu dokumentieren (wie man an dieser Diskussion sieht). Das müssen dann andere übernehmen, da wir bisher kein gutes Maß für Beratungsqualität oder „Impact“ haben.

Ich selbst kenne Achim als sehr guten Diskutanten, der es auch bei einer Top5-Publikation aufgrund seiner Institutionenkenntnisse schafft, potentielle Schwachstellen (die es natürlich in diesem Beispiel nicht gab bzw. die wir im Online-Appendix geprüft hatten) anzusprechen und zu diskutieren. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen mit Achim und seinen sehr breiten Kenntnissen von Institutionen, Literatur und Methoden denke ich, dass er sehr wohl in der Lage sein wird, im SVR „wissenschaftlich exzellente Diskussionen“ zu führen und somit ein sehr guter Sachverständiger für die Bundesregierung sein wird.

Welche Rolle soll der Sachverständigenrat künftig spielen?

Die Diskussion um Achims Berufung zeigt aber auch, dass wir eigentlich über die Rolle des SVR diskutieren müssen: Geht es um wirtschaftspolitische Beratung oder um wissenschaftliche Exzellenz? Natürlich würde kein Mitglied gerne offen zugeben, dass dies ein Zielkonflikt ist, meiner Meinung nach gibt es diesen aber schon. Greg Mankiw hat dies 2007 einmal sehr schön auf den Punkt gebracht:

 „…more young economists today are doing Levitt-style economics [Anmerkung: Fokus auf Identifikation durch Randomisierung in teilweise exotischen Themenfeldern] and fewer are studying the classic questions of economic policy. That is disconcerting, to a degree. It could be especially problematic twenty years from now, when President Chelsea Clinton looks for an economist to appoint to head the Federal Reserve, and the only thing she can find in the American Economic Association are experts on game shows and sumo wrestling [Anmerkung: wo es randomisierte Variation gibt].”

Nebenbei bemerkt: Diese Zielkonflikte habe ich selbst in meiner Karriere immer wieder zu spüren bekommen. Ich habe schon zu Zeiten meiner Promotion an Beratungsprojekten mitgearbeitet und seither immer Jobs an Instituten gehabt, da mich (wirtschaftspolitisch und gesellschaftlich) relevante Fragestellungen interessieren und ich nicht nur still in meinem Kämmerlein im Elfenbeinturm sitzen möchte. Aufgrund dieser vielen Projekte ist mein CV sehr lang und enthält eine Vielzahl von Publikationen außerhalb der Top-Zeitschriften (z.B. Studien zu Ungleichheitsfragen, die oft sehr deskriptiv sind ohne kausale Identifikation von Effekten oder Politiksimulationen). Dies ist mir in Berufungsverfahren sowohl intern von Kommissionen als auch extern (teilweise anonym im Internet) als Nachteil ausgelegt worden („Masse statt Klasse“). Insofern kann ich Achims unschöne Situation mit der überzogenen öffentlichen Kritik an seiner Person zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Solche Diskussionen öffentlich zu führen, ist letztlich immer auch eine Stilfrage, und Kritik unterhalb der Gürtellinie gehört sich einfach nicht.

Aber zurück zum Thema: Für den SVR (zumindest so wie ich ihn sehe) will man einen Politikberater, der sich breit zu Themen äußern kann und über entsprechende Kenntnisse der Institutionen verfügt und nicht unbedingt einen exzellenten Wissenschaftler, der sehr tief bohrt, um die kleinsten Details eines (ggf. theoretisch interessanten aber in der wirtschaftspolitischen Praxis irrelevanten) Problems zu lösen. Natürlich wäre es schön, wenn man beides bekäme. Aber diese Personen wachsen aufgrund des angesprochenen Zielkonflikts leider nicht auf Bäumen – wie man z.B. an zahlreichen offenen Leitungsstellen an deutschen Instituten sieht – und man muss bei der Besetzung solcher Stellen Kompromisse eingehen. Wenn man nun also die Nominierung und Berufung Achims aufgrund fehlender wissenschaftlicher Exzellenz kritisiert, dann stellt man eigentlich die Frage, ob die aktuelle Aufgabenbeschreibung des SVR (die zum größten Teil noch aus den 1960er Jahren stammt) und die gewohnheitsrechtlichen, politisch motivierten Besetzungsregeln für die Positionen im Rat noch angemessen sind. Doch das ist eine andere Diskussion – die durchaus geführt werden sollte.

Gegeben die aktuelle Aufgabenbeschreibung und Nominierungsregeln ist die Berufung Achim Trugers in den SVR die beste Wahl für die Nachfolge von Peter Bofinger. Ich wünsche ihm viel Erfolg bei dieser wichtigen Aufgabe und freue mich schon auf viele spannende Diskussionen (und Minderheitsvoten in den Gutachten)!

 

Zum Autor:

Andreas Peichl ist Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen und Professor für VWL and der LMU München. Auf Twitter: @APeichl