Volkswirtschaftslehre

Die Plurale Ökonomik setzt ihren Erfolg aufs Spiel

Die Bewegung Plurale Ökonomik erhält rasanten Zulauf. Doch der Erfolg stellt die Bewegung vor die Entscheidung: Will sie weiter Fundamentalopposition sein oder wirklich etwas verändern? Ein Kommentar von Johannes Becker.

Auch im Mainstream gibt es eine gewisse Artenvielfalt. Foto: Pixabay

Wie kann man die Bewegung für Plurale Ökonomik nicht mögen? Junge Menschen, viele davon Studierende der VWL, die sich so sehr für ökonomische Fragen interessieren, dass sie Lesekreise bilden, aktuelle Probleme diskutieren und sich eigene Gedanken um das an den Hochschulen gelehrte Curriculum machen. Und was kann man ihnen schon entgegenhalten? Dass kritisiert wird, dass der Studienplan in vielen Fällen kaum Veranstaltungen zur Finanzkrise, dem prägenden Großereignis dieser Generation, zu bieten hat – absolut plausibel. Dass angeregt wird, Wissenschaftstheorie zu betreiben und sich mit Dogmengeschichte zu befassen, um besser zu verstehen, warum wir machen, was wir machen – gut nachvollziehbar.

Es ist also nicht überraschend, dass die Bewegung rasant wächst. An vielen Universitäten sind Ableger entstanden, es gibt internationale Kongresse, Nobelpreisträger erklären sich solidarisch.

Anfang des Jahres habe ich aus der ZEIT erfahren, dass es an meiner Universität in Münster eine Netzwerkgruppe gibt, die sich zu dieser Zeit intensiv mit dem Werk Karl Marx‘ befasste. Der Kontakt kam zustande, und nun wird es im kommenden Wintersemester zwei gemeinsame Seminare geben: eines zu alternativen, u.a. marxistischen Erklärungsansätzen zur Finanzkrise, ein weiteres zu pluralen Perspektiven auf das bedingungslose Grundeinkommen.

Damit steht mein Lehrstuhl bei weitem nicht alleine da. Allein an meiner Fakultät gab es schon mehrere solcher pluraler Veranstaltungen, und aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen in ganz Deutschland weiß ich, dass es eine allgemeine Offenheit gegenüber thematischen Wünschen ihrer Studierenden gibt (wie ein Kollege sagte: Studierende, die sich auch in ihrer Freizeit mit ökonomischer Literatur befassen, „das sind doch genau die, die wir haben wollen“). Nicht an der Bereitschaft mangelt es, sondern am Kontakt: Ich habe fast niemanden getroffen, der schon einmal von Mitgliedern des Pluralen Netzwerks angesprochen worden ist.

Die Pluralos und der Mainstream

Wachsender Zulauf unter den Studierenden und allgemeine Gesprächsbereitschaft unter den Lehrenden – gute Bedingungen, um der Bewegung zählbare Erfolge zu bescheren. Doch dieser Erfolg wird aufs Spiel gesetzt durch die Art und Weise, wie – zumindest von Teilen der Bewegung – die überlokale Debatte geführt wird.

Die Debatte wird nicht mit, sondern größtenteils über Mainstream-Ökonomen geführt. Um zu verstehen, was ein Mainstream-Ökonom ist, muss man wissen, dass es in der Pluralen Bewegung ein starkes Bedürfnis gibt, Individuen in Denkschulen einzuordnen. Neoklassiker, Austrians, Neu- und Post-Keynesianer, Heterodoxe und Orthodoxe, jeweils noch mit Untergruppierungen („dissenters“) – wie im Fußball streift man sich das Trikot einer Weltsicht über und argumentiert gegen die anderen Teams.

Wenn ich die Zuordnungen richtig verstehe, gehöre ich zum Team der Mainstream-Ökonomen – und das ist schlecht. Denn glaubt man den Artikeln, Tweets oder sonstigen Äußerungen, bin ich damit ein geistig eingeschränkter, ideologisch verbohrter Betonkopf, der den Schuss nicht gehört hat. Ich glaube, dass Menschen ausschließlich eigennutzorientiert sind, der Markt immer zu einem effizienten Ergebnis führt, ich leugne die Möglichkeit von Banken, Giralgeld zu schöpfen, Umweltprobleme sind mir vollständig unbekannt. Das alles sind Vorwürfe, die mir über die Zeit begegnet sind und die von Vertretern des Netzwerks emphatisch geliked, retweetet und anderweitig weiterverbreitet werden.

“Who is a Post-Keynesian? Who knows? Who cares? I believe that intellectuals are, or should be, inclusive in their acceptance of alternative approaches to interesting questions”

Kaum einer dieser Vorwürfe hat Entsprechungen in meinen alltäglichen Erfahrungen als Teil des Mainstreams. Vermutlich reagiert auch darum kaum einer meiner Kollegen auf die Kritik – die häufigste Reaktion ist vielmehr ein verständnisloses Achselzucken. So läuft die Debatte fast ausschließlich innerhalb der In-Group ab: der gemeinsame Gegner, die etablierte VWL, wird mit allen erdenklichen negativen Attributen versehen – und da alle die generelle Stoßrichtung billigen, gibt es keinen Widerspruch. Der Ton reicht von spöttisch bis offen aggressiv. Zahlreiche Anekdoten kursieren, die die ganze Naivität und Dummheit auf Seiten der akademischen VWL („die Herren Professoren“) beweisen.

Negative campaigning gegen die eigene Disziplin

Kein Vorwurf ist zu weit hergeholt, um nicht laut beklatscht zu werden. Die ganze VWL eine einzige eskapistische Übung in DSGE-Modellen? Wildes Nicken! Die moderne Ökonomik hat die Austeritätspolitik in der Eurozone hervorgebracht? Applaus! Unsere Theorie der Finanzkrise ist ein Schaubild aus einer Bachelor-Vorlesung? Jubel! Jeder darf aufs Podium, und jeder Beitrag erhält standing ovations. Hier ist Dieter Schnaas, der seine Forderung, die VWL müsse sich den Geisteswissenschaften öffnen, so begründet:

„All das führt zu dem beklemmenden Schluss, dass die Volkswirtschaftslehre unter schwerem Autismus leidet. Die Ökonomen haben ihre Disziplin mit Markt-Modell-Mathematik und Neuro-Schnickschnack von der Realwissenschaft entkoppelt – und sind im Wolkenkuckucksheim systemblinder Selbstreferenz gelandet. Sie müssen einsehen, dass ihnen der Kapitalismus ohne Kenntnis seiner anthropologischen Voraussetzungen, ohne Kritik seiner Entstehungs- und Erhaltungsbedingungen und ohne seine Analyse als menschliche „Kulturform” (Schumpeter) vollkommen unverständlich bleibt. Eine Öffnung hin zu den Geisteswissenschaften tut bitter not: Nur durch den interdisziplinären Austausch mit Philosophen, Soziologen, Historikern, Literaturwissenschaftlern und Juristen kann die Volkswirtschaft ihre verheerende Verengung zur Business-School-Economy überwinden.“

Nun darf natürlich jeder reden oder schreiben, was sie oder er will, und wenn sich die Pluralos darauf beschränken wollen, sich gegenseitig die eigene intellektuelle Überlegenheit zu versichern – sei’s drum. Aber so herzerwärmend es auch ist, sich über Schwachmaten mit Professorentitel zu amüsieren – es hat einen gewissen Preis.

Denn natürlich unterminiert diese Rhetorik die ernstgemeinten Versuche der differenzierter auftretenden Vertreter der Bewegung zur Kooperation und die Bereitschaft der Mainstream-Lehrenden, auf die Anliegen der Studierenden einzugehen. Niemand lässt sich gerne verächtlich machen, auch kaltherzige Ökonomen nicht.

Wichtiger vielleicht ist noch der Schaden, der der ganzen Disziplin zugefügt wird: Statt die eigenen, im Mainstream vermeintlich unbekannten Perspektiven als lohnenswert und bereichernd anzupreisen, werden die Mainstream-Ansichten als falsch, tumb oder politisch motiviert diskreditiert. Dieses negative campaigning ähnelt ein wenig dem Umgang Donald Trumps mit der amerikanischen Presse. Alle Anschuldigungen an die moderne akademische Ökonomik mögen sich als unwahr herausstellen, aber irgendwas wird an ihr hängenbleiben. Die strenge Kategorisierung in Denkschulen tut das übrige: Alles ist relativ, jeder hat in seinem spezifischen Kontext Recht, und wer sich nicht zum Mainstream zählt, darf ihn auch getrost ignorieren. So kommt kein Gespräch zustande, und es würde nicht verwundern, wenn sich angesichts dessen Studieninteressierte von der VWL abwenden.

Kooperation oder Fundamentalopposition

Sicher, Protestbewegungen müssen zu einem gewissen Grad laut, provokativ und überzeichnend auftreten, um überhaupt gehört zu werden, gerade am Anfang. Die Pluralos aber haben dieses Anfangsstadium inzwischen hinter sich gelassen: es dürfte wohl kaum jemanden in der deutschen VWL geben, der noch nie von ihnen gehört hat.

Wie alle (erfolgreichen) Bewegungen vor ihnen muss sich jetzt auch die Plurale Bewegung die Frage stellen, ob sie wirklich etwas verändern oder weiter Fundamentalopposition betreiben will – Joschka Fischer oder Jutta Ditfurth. Die Rhetorik klingt zurzeit stark danach, dass letzteres angestrebt wird – zumal die Bewegung längst ihr Portfolio erweitert hat: Nach der Devise „Der Gegner meines Gegners ist mein Freund“ gibt es nun auch Kritik an der aktuellen Wirtschaftspolitik (leitet sich die Austeritätspolitik nicht eindeutig aus der Mainstream-Ökonomik ab?), Alt-Keynesianer hoffen auf ein Comeback, Wirtschaftsjournalisten sehen die Bewegung als ihr Vehikel, um ihrer Verachtung der akademischen Zunft gegenüber Ausdruck zu verleihen, und radikale Linke kämpfen für die Überwindung des Kapitalismus. An einem konstruktiven Dialog mit der akademischen VWL hat keiner dieser Akteure ein Interesse.

Konstruktiver Dialog bedeutet nicht Kritiklosigkeit. Wie in allen Kollektiven gibt es auch in der Ökonomik Machtstrukturen, wie überall werden Fehler gemacht und wichtige Entwicklungen verpasst. Niemand von uns würde behaupten, dass die Lehre nicht verbesserungswürdig ist. All das lässt sich kritisieren.

“One economics, many recipes”

Konstruktive Kritik sollte aber in Inhalt und Form der Tatsache stattgeben, dass die allermeisten Kolleginnen und Kollegen keine ideologisch sattelfesten Gläubige einer bestimmten Denkschule sind, sondern ständig die eigene Arbeit in Frage stellen. Dass auf Mainstream-Konferenzen und Workshops zuweilen eine aufgeregte Neugier auf alles methodisch und inhaltlich Neue vorherrscht, die gierig auch Ansätze aus Psychologie, Soziologie und, ja, manchmal auch aus der Biologie aufsaugt. Dass fast täglich innovative Arbeiten erscheinen – vor  allem von Doktorandinnen und Doktoranden an Mainstream-Departments –, die all das leisten, was dem Mainstream nicht zugetraut wird. Dass die individuellen Meinungen von Professoren, wie sie manchmal in Talkshows zu hören sind, keinen Aufschluss über den Zustand der ökonomischen Wissenschaft zulassen. Und dass sich die allermeisten Kolleginnen und Kollegen darüber freuen, wenn ihre Studierenden eigene Interessen vorbringen und die Bereitschaft zeigen, sich auch in ihrer Freizeit mit ökonomischer Literatur zu befassen.

Eine solche Art der Kritik ist zwangsläufig differenziert und nicht pauschalisierend – und damit nicht dazu angetan, frenetischen Applaus der In-Group zu ernten. Doch als Entschädigung gibt es die Chance auf das Gehör derjenigen, die direkten Einfluss auf die Lehre an deutschen Universitäten haben, den Professorinnen und Professoren der VWL.

Denn, auch wenn dies suggeriert wird, es wird keine Revolution geben, bei der die herrschende Ökonomenkaste durch eine andere, „pluralere“ ersetzt wird. Veränderungen wird es nur geben, wenn man die aktuelle Professorenschaft davon überzeugt, dass sie sinnvoll sind. So wie die Experimentalökonomik vor dreißig Jahren ihren Weg aus einer belächelten Nische ins Establishment angetreten hat, könnte auch die Plurale Ökonomik die VWL verändern: mit Geduld, Hartnäckigkeit und Überzeugungswillen. Und vor allem mit, und nicht gegen die etablierte Ökonomik.

 

Zum Autor:

Johannes Becker ist Direktor des Instituts für Finanzwissenschaft der Universität Münster. Auf Twitter: @YohannesBecker


Kommentare
Kommentare zu
Die Plurale Ökonomik setzt ihren Erfolg aufs Spiel

Valentin Seehausen

1. Die Studierenden, die sich im Netzwerk Plurale Ökonomik versammeln, wünschen sich, entgegen den Aussagen des Autors, nichts mehr als den Austausch mit den “Herren Professoren”. Ernst genommen zu werden ist genauso Bestandteil eines Austausches, wie das Machen, Zulassen und auch Eingestehen von Fehlern zur Menschlichkeit und vielmehr noch zur Wissenschaft gehört. Auf individueller Ebene haben viele Studierende des Netzwerks diese Bereitschaft, sich kritisch mit der eigenen Wissenschaft auseinander zu setzen, von ihren Professoren nicht erlebt. Dass der Autor anscheinend mit gutem Beispiel voran geht, sei ihm hoch angerechnet. Viele Professoren entgegnen dem Wunsch nach Pluralität z.B., die Lehre sei mit Verhaltensökonomik und Institutionenökonomik bereits plural genug.

2. Die Rhetorik des Netzwerks Plurale Ökonomik ist keineswegs aggressiv, sondern im Gegenteil bedacht, konstruktiv und anscheinend auch oftmals Gegenstand von Diskussion. Die Beiträge, die der Autor zitiert um eine angebliche Aggressivität zu unterstellen stammen allesamt von Professoren oder Personen älteren Semesters, die mit dem Netzwerk nichts zu tun haben. Die Vorwürfe sind also biased und stimmen so nicht. Vielmehr zeugen sie von einer schlechten Diskussionskultur innerhalb der bereits vorhandenen Wirtschaftswissenschaft, was einen Kritikpunkt des Netzwerkes untermauern würde.

Zuzustimmen ist dem Autor bei dem Wunsch nach Kooperation, aber bitte von beiden Seiten, und bei der Feststellung, dass die Bewegung für Plurale Ökonomik sich in dieser Zeit entscheiden muss, wie die Weichen gestellt werden.

Mit freundlichen Grüßen,
Valentin Seehausen
Master Plurale Ökonomik, Uni Siegen

Mit Bitte um Beachtung: Diese Ansichten spiegeln meine eigene Meinung wider und sind nicht mit dem Netzwerk abgesprochen noch in irgendeiner Form repräsentativ.

 

 

Michael Wendl

Es ist ein altes Spiel der akademischen Ökonomie, das Johannes Becker hier aufführt. Wird die etablierte oder Mainstream-Ökonomie durch Kritik oder neue Theorien herausgefordert, so versucht ein Teil der Ökonomen, die Gegenbewegung lächerlich zu machen, wie z.B. Rüdiger Bachmann in der FAZ den Post-Keynesianer Dirk Ehnts.

Becker zieht den aufgeschlossenen und interessierten Ton vor. Die Mainstream-Ökonomik sei doch besser als ihr Ruf und einige Vorschläge der Pluralen Ökonomik lassen sich auch in den Mainstream integrieren. Dabei ist das bedingungslose Grundeinkommen in Form der negativen Einkommenssteuer (Milton Friedman) längst Teil der Mainstream-Ökonomie. Auch Keynes monetäre Theorie der Produktion wurde weitgehend übergangen, um Teile seiner makroökonomischen Sicht in ein Gleichgewichtsmodell zu integrieren (IS-LM-Keynesianismus) und damit seines kritischen Gehalts zu berauben.

Jetzt kennt die Mainstream-Ökonomie die Giralgeldschöpfung durch die Geschäftsbanken wieder, obwohl sie in den Lehrbüchern noch die Loanable Funds-Theorie predigt. Dabei ist die Entdeckung der Giralgeldschöpfung durch Knut Wicksell und später Joseph Schumpeter ein alter Hut und wurde bis Anfang der 1980er Jahre auch noch breit dargestellt und diskutiert. Sogar Ottmar Issing stellt sie in seinem Lehrbuch zur Geldtheorie vor. Die Mehrheit der Mainstream-Ökonomen hat diese Erkenntnisse durch wirklichkeitsferne Modelle ersetzt, um das Dogma vom durch das Zinsniveau gesteuerten Zusammenhang von vorausgesetzten Ersparnissen und daraus finanzierten Investitionen aufrechterhalten zu können.

Aus meiner Sicht hat bereits in den 1970er Jahren mit der Durchsetzung des Monetarismus in Deutschland und der Revitalisierung der Tugendlehren des Ordoliberalismus der Prozess einer weitergehenden Regression wissenschaftlicher Erkenntnisse stattgefunden. Auf die wissenschaftstheoretische und wissenssoziologische Kritik an der herrschenden Lehre ist diese nie eingegangen, weil sie sich in ihren Eskapismus auch leisten konnte. In Deutschland beherrscht sie fast alle Lehrstühle und die meisten Institute. Sie dominiert die Beiräte der Ministerien den Sachverständigenrat und die eigene Standesorganisation.

Aus dieser starken Position heraus können Studierende bequem indoktriniert werden. Insofern markiert Beckers Diskussionsangebot einen Fortschritt und sollte angenommen werden. Dieses Angebot räumt, wenn auch sehr allgemein, Fehler und Schwächen ein. Bei der Kritik dieser Fehler ist Entgegenkommen jedoch nicht angebracht. Sonst kommt es zur dritten Auflage einer gering modifizierten neoklassischer Synthese.

 

Rainer Lippert

Zu diesem Link bin ich über einen Blog-Beitrag gekommen, in dem darauf hingewiesen wurde, dass es an der Uni Münster einen Arbeitskreis geben würde, der sich mit Karl Marx befasst.

Mit der Marx’schen Arbeitswerttheorie befasse ich mich seit 1980.

Die wichtigste Erkenntnis von Marx und Engels auf diesem Gebiet betrifft das Wesen des Wertes: Wert ist ein gesellschaftliches Verhältnis. Ein gesellschaftliches Verhältnis wirkt zwischen Menschen, ein Wertverhältnis konkret zwischen Tauschpartnern. Das, was Tauschpartner in einem Wertverhältnis tauschen, sind nur die Bezugspunkte des Wertverhältnisses. Die Bezugspunkte können typische technische Produkte, Musikveranstaltungen oder Ideen sein. Mit der Marx’schen Arbeitswerttheorie lassen sich alle ökonomischen Tauschvorgänge erklären. Doch dazu muss der Ansatz, den Marx wählte, etwas verändert werden: Marx beschreibt die Wertbildung auf der Herstellerseite: W = c + v + m. Doch auf der Herstellerseite gibt es keinen Mehrwert „m“. Den bezahlt erst der Kunde auf dem Markt. Folglich gibt es auf der Produktionsseite nur Kosten und den erwarteten Mehrwert c + v + m| erwartet . Daraus wiederum kann der Wert nicht abgeleitet werden – auf der Produktionsseite gibt es nur den Erwartungswert W|erwartet = c + v + m|erwartet. Der reale Wert wird erst auf dem Markt gebildet, wenn ein Kunde die produzierte Ware kauft und einen Mehrwert bezahlt. Der Mehrwert kann dabei mit dem erwarteten Mehrwert übereinstimmen, der kann größer oder kleiner ausfallen, der kann sogar negativ sein, so dass die Verkäuferseite beim Verkauf der Ware nicht einmal die Produktionskosten  c + v erstattet bekommt.
Der Wert ist weder in der (zunächst potenziellen) Ware enthalten, noch fest mit dieser verbunden. Der Wert wird als gesellschaftliches Verhältnis zwischen den Tauschpartnern instanziiert. Er basiert auf bestimmten Bedürfnissen in Verbindung mit Verknappung und Eigentum. In der jetzigen Zeit kommt es hauptsächlich durch bezahlte menschliche Arbeit und durch das Eigentum an bestimmten Natur- sowie weiteren Gütern zur Verknappung.

Marx ging davon aus, dass die menschliche Arbeit die Werte schafft. Doch das ist nicht korrekt, nicht einmal nach der klassischen Interpretation der AWT: Nur die gesellschaftlich nützliche Arbeit (Arbeit, die im ökonomischen Sinne nützlich ist, d. h. Arbeit, die zum Verkauf der Ware führt) soll danach wertbildende Arbeit sein. Wird die Ware nicht verkauft, wäre die für die (potenzielle) Ware aufgewandte Arbeit keine nützliche und damit auch keine wertbildende Arbeit. Durch menschliche Arbeit, insbesondere durch die Arbeit von bezahlten Arbeitskräften, werden nur Grundlagen / Voraussetzungen / mögliche Bezugspunkte für Wertbeziehungen geschaffen, aber nicht die Werte selbst. Gesellschaftliche Verhältnisse, die zwischen Menschen wirken, können nicht in Fabriken produziert werden. Damit mittels menschlicher Arbeit produzierte (zunächst potenzielle) Waren zu Bezugspunkten von Wertbeziehungen gewählt werden, müssen mehr Faktoren wirken, als nur ausgeführte Arbeiten.

Mit solch einer Wertauffassung können die Werte von stofflichen Waren, von künstlerischen Darbietungen, von Ideen (Büchern, Patenten…), von bestimmten Naturprodukten, von Kunstwerken, von archäologischen Fundstücken erklärt werden, ebenso Immobilienblasen etc.

 

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