Klimawandel

Nullwachstum wird unseren Planeten nicht retten

Wachstumskritik ist bei vielen Teilen der Umweltbewegung en vogue. Doch im Kampf gegen den Klimawandel wird weniger Wachstum höchstens Zeit kaufen. Denn das Grundproblem ist das bereits existierende Volumen und die Struktur der Produktion. Ein Kommentar von Andrew Watt.

Bild: Pixabay

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Nullwachstum wird unseren Planeten nicht retten

Ernest Aigner

Ich verstehe nur allzu gut, dass weniger Wachstum schwierig im Rahmen einer arbeitszentrierten Perspektive zu denken ist, aber rein aus wissenschaftlicher Perspektive ist es klar, dass die schlichte Transformation der Produktionsstruktur in Deutschland nicht die notwendigen Treibhausgasemissionsreduktion erreichen kann. Ein paar Punkte die sie nicht erwähnen:

(1)    Sie gehen von der Produktionsseite aus, und ignorieren die großen Mengen an CO2 Emissionen die in Importe eingebettet sind und durch Wachstum zunehmend in Deutschland konsumiert werden.

(2)    Sie legen nicht dar, wie umfassend die CO2 Emissionen zurückgehen müssen, damit die Ziele erreicht werden ohne Wachstum zu beschränken. Aus meiner Sicht scheint es mit, als auch ohne Wachstum fast unmöglich. Letzteres öffnet allerdings mehr Handlungsmöglichkeiten. Bisher kann kein Land eine absolute Entkoppelung von Wachstum und CO2 Emissionen beobachtet werden. Jackson: Prosperity without growth rechnet die Zahlen genau vor.

(3)    Arbeitsplätze müssen auch bei wachstumsagnostischen Zugängen in andere Bereiche verlegt werden. Ob nun die Umlegung in andere Bereiche, oder die Versorgung durch einen inklusiven Sozialstaat immer leichter ist, bleibt unklar. Oder plakativ, wenn ich nun nach 10 Jahren Büroarbeit in einer Kohlemine arbeiten müsste, wäre ich nicht begeistert. Umgekehrt gilt wahrscheinlich teilweise dasselbe.

(4)    Arbeitsplätze an und für sich, sind aus ökonomischer und gesellschaftlicher Sicht notwendige Ziele, wenn die gesellschaftliche Teilhabe durch Arbeitsmarktinklusion ‚definiert wird‘ und Arbeit als Voraussetzung für ein gutes Leben institutionalisiert wird: Das ist politische gewollt und weder ökonomisch oder sozial Notwendig. Oder, wer würde sich für 8 Stunden am Fließband entscheiden um ein klimaschädliches Produkt (zB Auto, Flugzeuge, Waffen, Beton, Öl, Plastik, LKWs, Straßen, …) zu produzieren wenn er/sie die Möglichkeit hätte etwas anderes zu tun? Eine Entkoppelung von Lohnarbeit und Lebensqualität bzw. gesellschaftlicher Teilhabe ist möglich: Eine alte Forderung die zumindest teilweise in Wohlfahrtstaaten in Skandinavien umgesetzt ist. Eine Ausweitung der Arbeitnehmerquote sowie gesamtgesellschaftlichen Arbeits- und Konsumzeit steht dem vor allem im weg.

(5)    Ungleichheit nimmt trotz Wachstum zu, und trotz Wachstum wurde in den letzten Jahren nicht mehr unternommen. Ich kenne keine empirische Evidenz, dass Einkommens- und Vermögensstarke Haushalte eher zustimmen, wenn das ‚Mehr‘ und nicht das ‚Absolute‘ besteuert wird. Es geht doch vielmehr um Steuern an und für sich, oder? Ja, wenn wir wachsen, wachsen zumindest die Einkommen der unteren Einkommensschichten auch, in den letzten Jahren, aber jene der oberen Einkommensschichten stärker. Daher wäre im Anbetracht der momentanen Institutionellen Umstände, absurder weiße, weniger Wachstum gleichheitsfördernd. Daraus folgt vor allem das Ungleichheit unabhängig von Wachstum stärker adressiert gehört.

Zuletzt frage ich mich, wieso es notwendig ist Wachstum als zentrales Ziel zu positionieren, und es diskursiv zu diskreditieren? Keynes (1934) Grantchildren Artikel hat schon gezeigt, dass es schlicht nicht notwendig ist, soviel mehr zu produzieren, wir besitzen heute schon ein vielfaches von dem vor 100 Jahren. Etwas mehr Kreativität könnte leicht alternativen zu Wachstum als gesellschaftliche Ziele positionieren. Wenn aber Lebensqualität nur durch Lohnarbeit, Lohneinkommen, und einkommensbasierten Konsum definiert wird gelingt das nicht, weil Bereiche wie Wohnpolitik, Bildungspolitik, umfassende Sozialpolitik, Raumpolitik, Infrastrukturpolitik, ignoriert werden, solange sie nicht Wachstumsfördernd sind.

Schade eigentlich.

Beste Grüße,

Ernest Aigner