Klimawandel

Nullwachstum wird unseren Planeten nicht retten

Wachstumskritik ist bei vielen Teilen der Umweltbewegung en vogue. Doch im Kampf gegen den Klimawandel wird weniger Wachstum höchstens Zeit kaufen. Denn das Grundproblem ist das bereits existierende Volumen und die Struktur der Produktion. Ein Kommentar von Andrew Watt.

Bild: Pixabay

Kein Zweifel: Wir brauchen Menschen, die unermüdlich und faktenbasiert gegen die weitverbreitete Leugnung des Klimawandels, gegen die Verschwendung von Ressourcen und gegen Umweltverschmutzung ankämpfen. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet der Journalist George Monbiot mit seinen regelmäßigen Kolumnen im Guardian.

Doch in seiner aktuellen Kolumne führt Monbiot seine Leser in die Irre, indem er das Wirtschaftswachstum insbesondere in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften als die Umweltbedrohung schlechthin ausmacht. Und Monbiot ist mit dieser These nicht allein – Wachstumskritik ist bei vielen Teilen der Umweltbewegung en vogue. Doch das wahre Problem ist vielmehr das bereits existierende Volumen und die Struktur der Produktion.

Dies lässt sich leicht mittels einer einfachen Rechnung zeigen. Die Wirtschaftsleistung jedes Landes geht mit einer bestimmten Menge von CO2-Ausstoß, Verschmutzung und Ressourcenverbrauch einher, was ich im Folgenden unter „Umweltschäden“ zusammenfasse. Deren Ausmaß hängt davon ab, welche Güter wir wie produzieren (lassen Sie uns der Einfachheit halber vernachlässigen, dass natürlich aufgrund des globalen Handels die Produktion und der Konsum eines Landes nicht zwangsläufig deckungsgleich sind).

Die verursachten Umweltschäden sind dabei kumulativ: Die Produktion eines Jahres addiert sich zur Produktion der Vorjahre hinzu. In der öffentlichen (Klima-)Debatte wird häufig ein Zeitraum bis zum Jahr 2050 betrachtet, auch Monbiot tut dies in seinem Artikel. Nehmen wir also an, dass die Wirtschaft eines Landes in den nächsten 33 Jahren gar nicht wachsen und ihre momentane Produktionsstruktur beibehalten würde. Nun geben wir dieser Wirtschaft einen jährlichen Umweltverschmutzungsscore von 100 Punkten.

Bis zum Jahr 2050 würde unsere Beispiel-Ökonomie selbst ohne Wachstum einen kumulierten Umweltschaden von 3.300 Punkten produzieren. Stellen wir diesem Wert nun eine jährliche Wachstumsrate von durchschnittlich ein oder zwei Prozent gegenüber, wie sie derzeit die Regel in der industrialisierten Welt ist: Im Falle eines durchschnittlichen Wachstums von 1% würden die kumulierten Umweltschäden bis 2050 3.887 Punkte betragen. Bei 2% wären es 4.611 Punkte.

Natürlich sind das keine trivialen Unterschiede: Bei einer schnelleren Wachstumsrate lägen die verursachten Schäden bis 2050 um rund 40% höher. Allerdings würde ich argumentieren, dass eine andere Betrachtungsweise hier deutlich aussagekräftiger ist: Im 1%-Szenario würde die Marke von 3.300 Punkten Ende 2045 statt 2050 erreicht werden, im 2%-Szenario Mitte 2043. Und selbst wenn die Wirtschaft pro Jahr um 1% schrumpfen würde, würden wir die 3.300-Punkte-Marke schon Anfang 2057 erreichen.

Ein Szenario ohne Wachstum verschafft uns also nur ein paar Jahre mehr Zeit – aber es löst unser Grundproblem nicht. Ob wir mehr oder weniger Wachstum erzielen, ist nicht entscheidend. Existenziell ist vielmehr die Struktur unserer Produktion und unseres Konsums.

Eine bewusste Wachstumsabschwächung würde knallharte globale Gerechtigkeitsfragen aufwerfen

So mag etwa die Abholzung des Hambacher Forstes zugunsten des Braunkohle-Abbaus eine bedauerliche politische Entscheidung sein, aber sie hat so gut wie nichts mit der künftigen Wachstumsrate der deutschen Wirtschaft zu tun. Anders sieht die Sache natürlich in manchen Teilen Asiens oder Afrikas aus. Dort sind Wachstumsraten von um die 7% keine Seltenheit, was bedeutet, dass sich der jährliche Output innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt. Aber die Lebensstandards liegen dort deutlich unter denen der westlichen Welt – was bedeutet, dass eine bewusste Wachstumsabschwächung knallharte globale Gerechtigkeitsfragen aufwirft, wie etwa Branko Milanovic zeigt.

Richtig ist, dass die Herausforderung, die Umweltschäden in der westlichen Welt zu begrenzen und Zeit für technologische Innovationen und strukturellen Wandel zu kaufen, etwas einfacher wird, wenn das Wachstum schwächer ausfällt. Wenn die Menschen immer noch Jobchancen haben sollen, dann würde ein Nullwachstum-Szenario die Reduzierung von Arbeitszeiten implizieren. Dies wiederum wird kaum möglich sein, ohne die bestehenden, und in vielen Fällen wachsenden, Einkommens- und Vermögensungleichheiten zu adressieren. Vermutlich ist es allerdings schwieriger dieses Problem anzugehen, wenn der Kuchen nicht mehr wächst.

Neben bekannten Werkzeugen zur Veränderung von Produktions- und Konsumstrukturen (z. B. Förderung von technologischen Lösungen, Veränderung von relativen Preisen durch Besteuerung,  Investitionen in die öffentliche Infrastruktur) sollten sich die politischen Bestrebungen an dieser Stelle konzentrieren. Gelingt uns das nicht, wird auch „Nullwachstum“ definitiv nicht ausreichen. Dann müssten wir eine dauerhafte, historisch noch nie dagewesene, Kontraktion der Produktion organisieren. Oder, was derzeit wahrscheinlicher erscheint, diese wird der Menschheit durch eine ökologische Katastrophe, Hungersnot und/oder Krieg aufgezwungen.

 

Zum Autor:

Andrew Watt ist Referatsleiter europäische Wirtschaftspolitik und stellvertretender Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Außerdem betreibt er den Blog €-Vision, wo dieser Beitrag zuerst auf Englisch erschienen ist. Auf Twitter: @AndrewWattEU

Kommentare
Kommentare zu
Nullwachstum wird unseren Planeten nicht retten

Ernest Aigner

Ich verstehe nur allzu gut, dass weniger Wachstum schwierig im Rahmen einer arbeitszentrierten Perspektive zu denken ist, aber rein aus wissenschaftlicher Perspektive ist es klar, dass die schlichte Transformation der Produktionsstruktur in Deutschland nicht die notwendigen Treibhausgasemissionsreduktion erreichen kann. Ein paar Punkte die sie nicht erwähnen:

(1)    Sie gehen von der Produktionsseite aus, und ignorieren die großen Mengen an CO2 Emissionen die in Importe eingebettet sind und durch Wachstum zunehmend in Deutschland konsumiert werden.

(2)    Sie legen nicht dar, wie umfassend die CO2 Emissionen zurückgehen müssen, damit die Ziele erreicht werden ohne Wachstum zu beschränken. Aus meiner Sicht scheint es mit, als auch ohne Wachstum fast unmöglich. Letzteres öffnet allerdings mehr Handlungsmöglichkeiten. Bisher kann kein Land eine absolute Entkoppelung von Wachstum und CO2 Emissionen beobachtet werden. Jackson: Prosperity without growth rechnet die Zahlen genau vor.

(3)    Arbeitsplätze müssen auch bei wachstumsagnostischen Zugängen in andere Bereiche verlegt werden. Ob nun die Umlegung in andere Bereiche, oder die Versorgung durch einen inklusiven Sozialstaat immer leichter ist, bleibt unklar. Oder plakativ, wenn ich nun nach 10 Jahren Büroarbeit in einer Kohlemine arbeiten müsste, wäre ich nicht begeistert. Umgekehrt gilt wahrscheinlich teilweise dasselbe.

(4)    Arbeitsplätze an und für sich, sind aus ökonomischer und gesellschaftlicher Sicht notwendige Ziele, wenn die gesellschaftliche Teilhabe durch Arbeitsmarktinklusion ‚definiert wird‘ und Arbeit als Voraussetzung für ein gutes Leben institutionalisiert wird: Das ist politische gewollt und weder ökonomisch oder sozial Notwendig. Oder, wer würde sich für 8 Stunden am Fließband entscheiden um ein klimaschädliches Produkt (zB Auto, Flugzeuge, Waffen, Beton, Öl, Plastik, LKWs, Straßen, …) zu produzieren wenn er/sie die Möglichkeit hätte etwas anderes zu tun? Eine Entkoppelung von Lohnarbeit und Lebensqualität bzw. gesellschaftlicher Teilhabe ist möglich: Eine alte Forderung die zumindest teilweise in Wohlfahrtstaaten in Skandinavien umgesetzt ist. Eine Ausweitung der Arbeitnehmerquote sowie gesamtgesellschaftlichen Arbeits- und Konsumzeit steht dem vor allem im weg.

(5)    Ungleichheit nimmt trotz Wachstum zu, und trotz Wachstum wurde in den letzten Jahren nicht mehr unternommen. Ich kenne keine empirische Evidenz, dass Einkommens- und Vermögensstarke Haushalte eher zustimmen, wenn das ‚Mehr‘ und nicht das ‚Absolute‘ besteuert wird. Es geht doch vielmehr um Steuern an und für sich, oder? Ja, wenn wir wachsen, wachsen zumindest die Einkommen der unteren Einkommensschichten auch, in den letzten Jahren, aber jene der oberen Einkommensschichten stärker. Daher wäre im Anbetracht der momentanen Institutionellen Umstände, absurder weiße, weniger Wachstum gleichheitsfördernd. Daraus folgt vor allem das Ungleichheit unabhängig von Wachstum stärker adressiert gehört.

Zuletzt frage ich mich, wieso es notwendig ist Wachstum als zentrales Ziel zu positionieren, und es diskursiv zu diskreditieren? Keynes (1934) Grantchildren Artikel hat schon gezeigt, dass es schlicht nicht notwendig ist, soviel mehr zu produzieren, wir besitzen heute schon ein vielfaches von dem vor 100 Jahren. Etwas mehr Kreativität könnte leicht alternativen zu Wachstum als gesellschaftliche Ziele positionieren. Wenn aber Lebensqualität nur durch Lohnarbeit, Lohneinkommen, und einkommensbasierten Konsum definiert wird gelingt das nicht, weil Bereiche wie Wohnpolitik, Bildungspolitik, umfassende Sozialpolitik, Raumpolitik, Infrastrukturpolitik, ignoriert werden, solange sie nicht Wachstumsfördernd sind.

Schade eigentlich.

Beste Grüße,

Ernest Aigner