Kommentar

Die Degrowth-Illusion

Die Welt ist zu arm und zu ungleich, als dass das Degrowth-Konzept funktionieren könnte. Wir müssen über andere Wege nachdenken, um die weltweiten Emissionen zu reduzieren. Ein Kommentar von Branko Milanovic.

Gewagte These. Foto: Pixabay

Vor kurzem habe ich auf Twitter und per Email mit ein paar starken Verfechtern des „Degrowth“-Konzepts diskutiert. Daraus habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich diese Leute nicht bewusst sind, wie ungleich und arm (ja, arm) unsere heutige Welt ist und was die Trade-offs wären, wenn wir uns wirklich dafür entscheiden würden, das Volumen der weltweit produzierten und konsumierten Waren und Dienstleistungen auf dem derzeitigen Niveau zu fixieren.

Dieser Beitrag ist nur ein Versuch, ein paar Überschlagsrechnungen zu präsentieren, die noch stark verbessert werden sollten, um die Alternativen zu überprüfen. Lassen Sie uns der einfacheren Argumentation willen annehmen, dass wir „Degrowth“ als die Entscheidung interpretieren, das momentane globale BIP auf dem gegenwärtigen Niveau festzuhalten (wobei wir vorerst davon ausgehen, dass auch die Menge der Emissionen auf dem gegenwärtigen Niveau fixiert wird).

Das bedeutet: Solange wir nicht die Verteilung der Einkommen verändern, sind wir dazu verdammt, dass jene rund 15% der Weltbevölkerung, die momentan weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag verdienen, und jenes Viertel der Menschheit, das weniger als 2,50 US-Dollar pro Tag hat, permanent in extremer Armut leben.* So viele Menschen in extremer Armut zu halten, damit die Reichen auch weiterhin ihren gegenwärtigen Lebensstandard genießen können, ist sicherlich etwas, dass die Degrowth-Befürworter nicht dulden würden. Einer meiner Gesprächspartner hat dieses Szenario explizit abgelehnt.

Was sollen wir also dann tun? Wir könnten natürlich die Einkommen der Armen erhöhen und die der Reichen reduzieren, so dass wir innerhalb des aktuellen BIP-Rahmens bleiben. Nehmen wir also an, wir würden uns dafür entscheiden, jedem Menschen zu „erlauben“, das aktuell in den westlichen Ländern existierende Median-Einkommensniveau zu erreichen. Und wenn die Menschen unterhalb dieser Schwelle schrittweise nach oben in Richtung des Ziels wandern, reduzieren wir gleichzeitig schrittweise die Einkommen der Reichen (von denen ich der Einfachheit halber annehme, dass sie alle im Westen leben).

Das „Problem“ ist, dass das Medianeinkommen im Westen (jährlich rund 14.600 US-Dollar pro Person nach Steuern) sich auf dem 91. Perzentil der globalen Einkommensverteilung befinden. Wenn also die Einkommen von 90% aller Menschen auf dieses Niveau steigen, würde dies unseren BIP-Rahmen gleich mehrfach sprengen (2,7 Mal, um genau zu sein). So „generös“ können wir nicht sein.

Die Verarmung des Westens

Lassen Sie uns als nächstes annehmen, dass wir lediglich jedem Menschen ein Einkommensniveau erlauben, dass etwas höher ist, als das 10. Perzentil des Westens, oder genauer gesagt, des 13. Perzentils (5.500 US-Dollar pro Jahr). Durch einen glücklichen Zufall deckt sich das 13. Perzentil des Westens mit dem globalen Durchschnittseinkommen, dass auf dem 73. globalen Perzentil liegt. Wir könnten also die unteren 72% der Menschheit nach oben bringen, aber wir müssten gleichzeitig die Einkommen aller darüberliegenden Menschen reduzieren, damit die gesamte Welt auf dem globalen Durchschnitt lebt.

Und wie viel an Einkommensreduzierung würde dies für die globalen Top 27% bedeuten, also für jene Menschen, die mehr als das globale Durchschnittseinkommen verdienen? Nun, ihre Einkommen müssten um fast zwei Drittel reduziert werden. Wie schon gesagt leben die meisten von ihnen im Westen. Diese Verarmung des Westens würde sich nicht durch Transfers an die Armen vollziehen: wir haben ihnen schließlich „erlaubt“, mehr zu produzieren und zu verdienen. Nein, diese Verarmung würde durch die graduelle und anhaltende Reduzierung von Produktion und Einkommen geschehen, bis jeder „Reiche“ genug verloren hat und auf das Niveau des globalen Durchschnitts gefallen ist. Wie gesehen wäre das ein durchschnittlicher Einkommensverlust von zwei Dritteln, aber die sehr reichen Menschen müssten noch mehr verlieren: das globale Top-Dezil 80%, für die reichsten 5% wären es 84%.

Fabriken, Züge, Flughäfen, Schulen würden nur noch zu einem Drittel ihrer normalen Zeit betrieben werden; Elektrizität, Heizungen und Warmwasser wären lediglich acht Stunden pro Tag verfügbar; Autos dürften nur an einem von drei Tagen gefahren werden; wir würden nur 13 Stunden pro Woche arbeiten (um Keynes glücklich zu machen, der dies in seinem Werk „Economic possibilities for our grandchildren“ prognostiziert hatte); und so weiter und so fort – und dies alles deswegen, um nur noch ein Drittel der derzeit im Westen hergestellten Güter und Dienstleistungen zu produzieren.

Halten wir einen Moment inne, um uns die enorme Tragweite dieser Vorschläge vor Augen zu führen. Der globale Gini-Koeffizient soll von seinem gegenwärtigen Wert von 65 auf 0 fallen. Die Welt müsste sich von einem Ungleichheitsniveau, das größer als das innerhalb Südafrikas ist, hin zu einer vollständigen Gleichheit bewegen, die es noch nie in einer Gesellschaft gegeben hat. Länder haben schon Schwierigkeiten, den Gini um zwei bis drei Punkte zu reduzieren – und wir schlagen hier vor, 65 Punkte wegzurasieren. Hinzu kommt noch, dass die Weltbevölkerung um weitere Milliarden wachsen dürfte. Unser auf einem absoluten Wert fixiertes BIP müsste also mehr Menschen aushalten – in anderen Worten: das Durchschnittseinkommen müsste fallen.

Die Reichen verursachen pro ausgegebenem Dollar mehr Emissionen als die Armen

Auf der positiven Seite würde eine solch dramatische Verdichtung der Einkommensverteilung allerdings das Konsumverhalten verändern. Wir wissen, dass die Reichen pro ausgegebenen Dollar mehr Emissionen verursachen als die Armen. Das ist darauf zurückzuführen, dass sie mehr emissionsintensive Dienstleistungen und Güter wie z. B. Flugreisen und Fleisch konsumieren als die Armen. Somit wären die durch das neue BIP (dessen Volumen gleichbleibt, sich aber in der Zusammensetzung ändert) ausgestoßenen Emissionen geringer, wenn wir jeden Menschen auf das gleiche Einkommensniveau bringen würden. Das hieße wiederum, dass es in unserem BIP-Rahmen einen gewissen Puffer gäbe, der es uns erlaubt, entweder ein paar Menschen bessergestellt zu lassen oder jeden Menschen auf ein Niveau zu heben, dass leicht über dem 13. Perzentil des Westens liegt.

Nehmen wir an, dass der Bevölkerungszuwachs und der geringere Emissionsausstoß pro ausgegebenen Dollar sich gegenseitig aufheben würden: Dann wären wir wieder bei dem Originalszenario, in dem jeder Mensch auf dem Niveau des aktuellen 13. Perzentils des Westens leben würde und die Reichen rund zwei Drittel ihres Einkommens verlieren müssten.

Besteuerung von emissionsintensiven Waren und Dienstleistungen

Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Ergebnis, egal wie sehr wir auch an den zugrundeliegenden Annahmen drehen, auch nur ansatzweise die nötige politische Unterstützung finden wird – nicht einmal bei den Degrowth-Befürwortern selbst, von denen viele ihren Konsum um vielleicht 80 bis 90% einschränken müssten. Wenn wir ernsthaft darüber nachdenken wollen, wie wir Emissionen reduzieren können, würde es demzufolge mehr Sinn machen zu überlegen, wie die emissionsintensivsten Waren und Dienstleistungen besteuert werden könnten, um deren Konsum zu reduzieren – und uns angesichts einer sehr armen und ungleichen Welt nicht der Degrowth-Illusion hingeben.

So würde der Anstieg der relativen Preise von solch emissionsintensiven Waren und Dienstleistungen die Realeinkommen der Reichen (die diese konsumieren) verringern und somit die globale Ungleichheit zumindest leicht reduzieren. Ganz offensichtlich müssen wir uns damit auseinandersetzen, wie neue Technologien genutzt werden können, um die Welt umweltfreundlicher zu machen. Aber das Degrowing ist dafür nicht der richtige Weg.

 

Zum Autor:

Branko Milanovic ist Professor an der City University of New York und gilt als einer der weltweit renommiertesten Forscher auf dem Gebiet der Einkommensverteilung. Milanovic war lange Zeit leitender Ökonom in der Forschungsabteilung der Weltbank. Er ist Autor zahlreicher Bücher und von mehr als 40 Studien zum Thema Ungleichheit und Armut. Außerdem betreibt er den Blog Global Inequality, wo dieser Beitrag zuerst in englischer Sprache erschienen ist.

Hinweis:

Zu diesem Beitrag ist noch eine Fortsetzung erschienen, in der Milanovic auf die Replik eines Degrowth-Befürworters eingeht.

Kommentare
Kommentare zu
Die Degrowth-Illusion

Sebastian Brumm

Die ausgeführte Überschlagsrechnung führt eindrücklich vor Augen, welches Ausmaß die Ungleichheit zwischen dem globalen Norden und Süden der materielle Wohlstand inzwischen erreicht hat.

Der Umverteilungsansatz verkennt jedoch den wahren Kern des Degrowth-Gedankens:
Der aktuelle Wohlstandsbegriff (und damit verbunden auch der Armutsbegriff) fördert einen Tunnelblick, der die Suche nach Lösungen zur Verringerung der unerwünschten Entwicklungen (Ressourcenausbeutung, Ungleichheit, Machtkonzentration) auf das eigene Denkmodell begrenzt.
Degrowth jedoch meint gerade den Fortschritt von einer rein quantitativen Betrachtung (BIP) zu einem qualitativen Wohlstandsbegriff, der sich an den Grundbedürfnissen des Menschen orientiert.

Und, natürlich: Hierzu gehört unbestritten auch ein ausreichendes Maß an materiellem Wohlstand (Wohnen, Essen, Freizeit). Mindestens gleichberechtigt sind aber auch körperliche und seelische Gesundheit, eine gewaltfreie Gesellschaft, Einbindung in ein soziales Umfeld, der Zugang zu Bildung und eigener Weiterentwicklung – allesamt Bestandteile, die sich leider nicht per einfacher Formel Menge x Preis berechnen lassen und häufig auch außerhalb des mit dem BIP messbaren Wirtschaftsprozesses „produziert“ werden.

Mit diesem neuen Verständnis lautet die Aufgabe dann eben nicht mehr: „Sorge dafür, dass das Pro-Kopf-Einkommen sich angleicht“ (was, hier liegt der Autor richtig, unter Vermeidung von Umweltzerstörung lediglich über eine Umverteilung erfolgen kann). Sondern die Aufgabe für unsere Generation lautet: „Sorge dafür, dass die Menschen weltweit Ihre Bedürfnisse befriedigen können“ (…und akzeptiere, dass nicht alle Bedürfnisse messbar sind).

Wie sich der BIP in diesem neuen Rahmen entwickelt, vermag wohl keiner zu prognostizieren. Eines jedoch lässt sich festhalten: Er wäre dann wieder Messgröße, nicht Steuergröße und damit Selbstzweck mit reichlich negativen Nebenwirkungen. Und die Ökonomie ist dann eben leider nicht mehr Chefberechner optimaler Politik, sondern eine wichtige – aber eben nur eine – Beraterstimme bei der Suche nach Antworten auf die Fragen, welche das komplexe System „Welt“ aufwirft. Und täglich, stündlich, minütlich neu formuliert.

Gehen wir die Herausforderung also endlich an, und diskutieren wir wieder über Ziele, nicht die bloße Verwaltung der Erreichten!

Fußnote: Wer sich zur bereits geleisteten Arbeit bzgl. neuer Wohlstandsindikatoren informieren möchte, dem sei als Einstieg der wikipedia-Artikel zu den W3-Indikatoren empfohlen: https://de.wikipedia.org/wiki/W3-Indikatoren
Bitte beachten: Für Wutanfälle ob der Versandung dieser wertvollen Initiative im status-quo-orientierten Politikbetrieb übernehme ich keine Verantwortung.