Essay

Die EU und das Versprechen der Demokratie

Während angestaubte Argumente wie Frieden und Werte als Begründung für die europäische Integration zunehmend ausgedient zu haben scheinen, rückt das Motiv des Macherhalts im geopolitischen Wettbewerb immer stärker in den Vordergrund – was aber keinesfalls dazu beiträgt, Europas Popularität zu steigern. Doch es gibt noch eine andere Erzählung, mit der die EU ihr Überleben sichern kann. Ein Essay von Nikolaus Kowall.

Europäisches Parlament in Straßburg. Foto: Pixabay

Die europäische Integration polarisiert die Gesellschaft. Interessanterweise verläuft die Bruchlinie nicht streng entlang weltanschaulicher Grenzen, wie die britische Diskussion täglich verdeutlicht: Es gibt im konservativen, im (markt-)liberalen und im linken Lager sehr unterschiedliche Auffassungen. Nur die nationalistischen Strömungen sind sich einigermaßen einig in ihrer Ablehnung einer Vertiefung der europäischen Integration.

So vielfältig wie die Europhilen sind auch die Gründe, mit denen für eine Intensivierung der EU argumentiert wird. Das älteste und ehrwürdigste Argument ist jenes der Friedensunion, das vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron in seinem Brief an die Europäer wieder prominent hervorgehoben wurde. So richtig dieses Argument ist, es wird mit jedem Geburtenjahrgang weniger aktuell. Die Generation, die heute zu studieren beginnt oder ins Berufsleben einsteigt, ist mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur noch durch die Urgroßeltern verbunden – die Altersgenossen von Greta Thunberg haben keine Zeitzeugen mehr in der Familie. Geschichtsbewusste junge Menschen mögen zwar eine Gänsehaut bekommen, wenn auf Aufnahmen Mitterand und Kohl Hände haltend in Verdun der Opfer beider Weltkriege gedenken. Für die gegenwartsorientierte Mehrheit ist das Pathos solcher Gesten nicht mehr greifbar.

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