Analyse

Wie wird sich der Iran-Krieg auf die europäischen Energiemärkte auswirken?

Die europäische Politik sollte sich auf eine langwierige Pattsituation im Nahen Osten einstellen und gleichzeitig die Energiewende vorantreiben, anstatt einen Rückzieher zu machen. Eine Analyse von Simone Tagliapietra.

Die Angriffe der USA und Israels gegen den Iran haben das wichtigste Thema der Energiesicherheit in der Weltwirtschaft wieder auf die Tagesordnung gebracht: die Unterbrechung der Öl- und Gaslieferungen aus dem Nahen Osten, die durch den weltweit wichtigsten Energie-Flaschenhals, die Straße von Hormus, transportiert werden. Auf dem Spiel stehen etwa 20 Millionen Barrel Öl und Erdölprodukte pro Tag – etwa ein Fünftel des weltweiten Verbrauchs – sowie alle Flüssiggas-Exporte aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, was etwa 20% des weltweiten LNG-Handels entspricht. Seit den ersten Angriffen am 28. Februar ist der Schiffsverkehr durch die Meerenge fast zum Erliegen gekommen.

Die unmittelbaren Auswirkungen auf die Energiepreise waren erheblich. Am Morgen des 2. März stiegen die Ölpreise um etwa 8% und die europäischen Gaspreise um etwa 20%. Die längerfristigen Auswirkungen auf die Energiepreise werden davon abhängen, wie lange die Feindseligkeiten andauern und wie sie sich auf die Schifffahrt durch die Straße von Hormus auswirken. Ein kurzer Konflikt würde eine geopolitische Risikoprämie in die Öl- und Gasmärkte einbringen. Eine längere Unterbrechung – möglicherweise über mehrere Wochen hinweg – würde zu einem Abbau von Lagerbeständen, Einschränkungen in der Logistik und einer Verknappung des globalen Öl- und Gasangebots führen, was sich deutlich stärker auf die Preise auswirken würde.

Große Anfälligkeit trotz mäßiger direkter Abhängigkeit

Europa ist weit weniger abhängig von Öl und Flüssigerdgas aus dem Golf als China, Indien, Japan oder Südkorea, aber es ist nicht völlig abgeschirmt. Öl und Flüssigerdgas sind globale Märkte: Jede Blockade der Straße von Hormus könnte sofortige Preisspitzen auslösen, die Europa trotz seiner begrenzten physischen Importe treffen würden.

Die größte Schwachstelle Europas ist Flüssigerdgas. Wenn die LNG-Lieferungen über die Straße von Hormus eingeschränkt werden, verschärft sich die weltweite Spotverfügbarkeit sofort. Europa wäre dann gezwungen, mit asiatischen Käufern um flexible Lieferungen auf dem Spotmarkt zu konkurrieren – wie es schon während der Energiekrise 2021-2023 der Fall war. Dies würde die europäischen Gaspreise in die Höhe treiben, zumal Europa 2026 mit deutlich niedrigeren Gasspeicherständen als in den letzten Jahren gestartet ist: 46 Milliarden Kubikmeter (bcm) Ende Februar 2026 gegenüber 60 bcm im Jahr 2025 und 77 bcm im Jahr 2024.

Die Wiederauffüllung der Speicher könnte gestört werden, was Druck auf die Energiekosten der Industrie in Europa ausüben würde. Höhere Gaspreise wirken sich auf die Strompreise und die Margen der Industrie aus, insbesondere in gasintensiven Sektoren. Wenn die Öl- und Gaspreise gleichzeitig steigen, wird die Substitution schwieriger, was möglicherweise zu einer erneuten Nachfrage nach Kohle und zu Druck auf Einsparungen auf der Nachfrageseite führen könnte. Die Verwirklichung des europäischen Ziels, die Energiekosten der Industrie zu senken – ein Thema, das im Mittelpunkt der Wettbewerbsbedenken der EU-Staats- und Regierungschefs steht – könnte deutlich komplizierter werden.

Was Öl angeht, ist die Entscheidung der OPEC+ vom 1. März, die Produktion zu erhöhen, um die Märkte zu beruhigen, sicherlich wichtig. Die Internationale Energieagentur wird entscheiden, ob sie ihren Mitgliedstaaten erlaubt, gemeinsam die Ölvorräte in Höhe von 90 Tagen Importäquivalent zu nutzen, die sie für den Fall einer schweren Unterbrechung der Ölversorgung vorhalten müssen. Derzeit erwägen die USA nicht, Öl aus ihren großen strategischen Ölreserven freizugeben (die US-Vorräte übersteigen die Anforderungen der IEA), was darauf hindeutet, dass Washington davon ausgeht, dass etwaige Preisanstiege begrenzt sein werden.

Handlungsoptionen für die EU

Falls noch nicht geschehen, sollten die europäischen Entscheidungsträger Notfallpläne für den Fall einer anhaltenden Pattsituation im Nahen Osten vorbereiten. Beim Gas sollte die Europäische Kommission sich mit den EU-Regierungen über Maßnahmen zur Versorgungssicherheit abstimmen, die im Falle eines massiven Preisanstiegs oder von Engpässen ergriffen werden sollen. Dazu könnten gehören

  • die Überwachung der LNG-Märkte, um das Ausmaß einer möglichen Umleitung von Lieferungen nach Asien zu erfassen, und die Umsetzung aller möglichen Optionen zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit;
  • die Ausarbeitung einer EU-Strategie zur Senkung der Gasnachfrage;
  • besser koordinierte Maßnahmen zur Wiederauffüllung der Gasspeicher in den kommenden Monaten, um die Kosteneffizienz und Versorgungssicherheit für den nächsten Winter (für den die Wiederauffüllung im Frühjahr beginnt) sicherzustellen.

Für Europa ist der erneute Konflikt zwischen den USA und Israel mit dem Iran eine Erinnerung daran, dass in einem strukturell engeren und globalisierten Gasmarkt eine Fragmentierung kostspielig ist. Die während der Energiekrise eingeführten Vorsorgeinstrumente, darunter die Koordinierung der Wiederauffüllung der Gasspeicher auf EU-Ebene und gemeinsame Anstrengungen zur Stärkung der Versorgungssicherheit, sollten beibehalten und nicht abgeschafft werden.

Die Situation unterstreicht auch einen fundamentaleren Punkt: Die Anfälligkeit Europas für geopolitische Schocks beruht nach wie vor auf seiner anhaltenden Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen, die auf volatilen globalen Märkten gehandelt werden – auch wenn sich die Abhängigkeit von Russland auf andere Lieferanten, nicht zuletzt die USA, verlagert hat. Anstatt den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zu verlangsamen, zeigen die neuen Spannungen, dass der Einsatz sauberer, im Inland produzierter Energiequellen beschleunigt werden sollte. Nur durch eine Verringerung der strukturellen Abhängigkeit von Öl- und LNG-Importen kann Europa seine Wirtschaft dauerhaft vor wiederkehrenden externen Schocks schützen.

 

Zum Autor:

Simone Tagliapietra ist ein Senior Fellow bei Bruegel, wo dieser Beitrag zuerst in englischer Sprache erscheinen ist (die Übersetzung erfolgte durch die Makronom-Redaktion). Tagliapietra ist außerdem Adjunct Professor für EU-Energie- und Klimapolitik an der Johns Hopkins University – School of Advanced International Studies (SAIS) Europe und Teilzeitprofessor an der Florence School of Transnational Governance des Europäischen Hochschulinstituts.