Unsere Gesellschaft befindet sich inmitten eines tiefgreifenden Transformationsprozesses. Im Zentrum steht die Wirtschaft – und die Suche nach Wegen zur Nachhaltigkeit. Die nächsten Jahre werden entscheiden, inwiefern dieser Wandel by disaster geschieht oder uns by design gelingt.
Die Debattenreihe #econ4future widmet sich den damit verbundenen ökonomischen Herausforderungen und diskutiert mögliche Lösungsansätze. Die Beiträge analysieren Engführungen in den Wirtschaftswissenschaften und Leerstellen in der aktuellen Wirtschaftspolitik. Zugleich zeigen sie Orientierungspunkte für ein zukunftsfähiges Wirtschaften auf und geben Impulse für eine plurale Ökonomik, die sozial-ökologische Notwendigkeiten ernst nimmt.
Die Kooperation mit Economists for Future e.V. begann im September 2019. Seitdem erscheint jährlich eine neue Staffel mit wechselnden Themenschwerpunkten. Die siebte Ausgabe widmet sich der Frage, wie sich soziale Sicherheit im Spannungsfeld von Klimakrise und wirtschaftlicher Transformation neu denken lässt. Was braucht es aus ökonomischer Perspektive, um sozialer Spaltung sowie dem Erstarken autoritär-nationalistischer Tendenzen entgegenzuwirken? Und wie können Wohlfahrtsstaat, Eigentumsverhältnisse, Versorgungssysteme und Institutionen so gestaltet werden, dass demokratischer Zusammenhalt, ökologische Stabilität und ökonomische Resilienz gestärkt werden?
Alle bisher erschienenen Beiträge der Economists for Future-Reihe finden Sie hier.
Es ist ein Bild aus einer längst vergangenen Zeit: Bundeskanzler Olaf Scholz, Finanzminister Christian Lindner und Wirtschaftsminister Robert Habeck stehen Mitte Dezember 2022 bei Minustemperaturen in Wilhelmshaven und eröffnen feierlich das erste deutsche „schwimmende“ Importterminal für Flüssiggas (LNG). Dies sei ein „ganz, ganz wichtiger Beitrag für unsere Sicherheit“, so Scholz angesichts der ein paar Monate zuvor versiegenden Erdgaslieferungen aus Russland.
Etwas mehr als drei Jahre, vier weitere Terminals und eine neue Bundesregierung später scheint sich diese Sicherheit in Luft aufzulösen. Eine neue Studie des Institute for Energy Economics and Financial Analysis schätzt, dass sich die europäische Abhängigkeit von einem einzelnen LNG-Importeur im schlimmsten Fall auf 80% erhöhen könnte – und zwar schon in weniger als vier Jahren. Diesmal geht es allerdings nicht um Russland, sondern um die unter Donald Trump in den Autoritarismus abgleitende USA. Wiederholte geopolitische Drohgebärden aus dem Weißen Haus gegenüber Europa lassen wenige Zweifel daran, dass eine Instrumentalisierung dieser steigenden Abhängigkeit nur eine Frage der Zeit ist.
Wie genau konnte es dazu kommen? Im vergangenen Jahr haben wir in einer Studie analysiert, wie sich der damalige russische Gaslieferstopp auf den Dekarbonisierungsfortschritt – die systematische Verringerung von Treibhausgasemissionen mit dem Ziel einer klimaneutralen Wirtschaft – in der Bundesrepublik auswirkt. Wir haben darin das Argument entwickelt, dass derartige geoökonomische Schocks differenzierte Effekte haben. Zwar haben wir den LNG-Enthusiasmus von Habeck und Co. als problematisch bewertet, gleichzeitig aber positive Effekte beobachtet, wie etwa die langfristige Ausweitung von erneuerbarer Kapazität im Energiesystem und eine sinkende Energieintensität der Industrieproduktion.
Geoökonomische Schocks wirken sich grundsätzlich durch verschiedene Kanäle auf Dekarbonisierungsprozesse aus (Tabelle 1): vor allem durch Investitionen (fließt mehr Geld in erneuerbare oder fossile Energien?), operative Entscheidungen auf Firmenebene (wirken Effizienz- oder Substitutionsmaßnahmen?), oder politische Reaktionen (bemühen sich Entscheidungsträger:innen um zügigere oder umfassendere Maßnahmen oder treten sie auf die Bremse?).
Gefiltert wurden diese Effekte in unserem Fall durch das deutsche exportorientierte Wachstumsmodell. Eine starke Abhängigkeit von „billigem“ russischen Gas wurde einerseits vom Gebäudesektor, aber andererseits eben auch sehr stark von der exportorientierten, energieintensiven Industrie erzeugt. Der Chemiesektor etwa war 2022 für rund 30% des industriellen Verbrauchs verantwortlich. Mehr als die Hälfte des deutschen Gasimports kam dabei zuletzt aus Russland.
Wir konnten feststellen, dass das klassische verarbeitende Gewerbe selbst weniger unter dem Energieschock litt. Anders verhielt es sich in den energieintensiven Branchen, deren Produktion einbrach. Dieser Abwärtstrend sollte sich in den folgenden Jahren fortsetzen und führte 2025 zu einem europaweiten Investitionsrückgang von sagenhaften 80% in der Chemieindustrie. Angesichts steigender Energiepreise stagniert die deutsch-europäische Exportmaschine und wird zunehmend von günstigeren chinesischen Produkten verdrängt. In der Gesamtbewertung konnte der geoökonomische Schock des Gasstopps zwar einige positive Dekarbonisierungsaspekte liefern, wurde aber durch die politischen Entscheidungen zugunsten des deutschen Exportmodells verwässert. Das bringt uns zurück in die Gegenwart: zum amerikanischen LNG.
Erst als Tragödie, dann als Farce
Die deutsche und im weiteren Sinne europäische Antwort auf den Energieschock 2022 verdeutlicht die Relevanz einer Analyseperspektive, die geoökonomische Entwicklungen und grüne Transformationskonflikte zusammen denkt. Aus heutiger Sicht war das Austarieren dieses Konflikts – potenzielle Unabhängigkeit von fossilen Importen gegenüber der Erhaltung der deutschen energieintensiven Industrie – kein wirklicher Erfolg. Das halbherzige Umsteigen auf LNG-Terminals führt heute, nur drei Jahre und eine US-Wahl später, die EU und Deutschland in eine drohende neue, schwerwiegende Abhängigkeit von den USA – wenngleich Belgien, Niederlande und Norwegen noch die größeren Lieferanten sind. Die rückblickende Analyse ist eindeutig: Hätte man 2022 nicht auf LNG, sondern auf eine schnelle Dekarbonisierungsstrategie gesetzt, würde die Welt heute anders aussehen (Pakistans „Solarboom” lässt grüßen).
Wie lässt sich diese Wiederholung von Geschichte, erst als Tragödie, nun als Farce, erklären? Die Bundesregierung, und Europa im weiteren Sinne, unterschätzte nach dem russischen Angriffskrieg die in der Fachliteratur breit diskutierte Gefahr eines „Carbon Lock-In”. Hierbei handelt es sich um einen Spezialfall von Pfadabhängigkeit: Die vorhandenen Infrastrukturen, Technologien, Institutionen und Verhaltensweisen, die um eine fossile Abhängigkeit herum aufgebaut werden, sind nur schwer wieder aufzulösen.
In diesem Sinne ist jede moderne kapitalistische Wirtschaft „locked in“. Die spezifische Ausprägung dieses generellen Carbon Lock-In ist aber entscheidend. Verschiedene Wachstumsmodelle haben unterschiedliche Abhängigkeiten, die mehr oder weniger schwierig zu lösen sind. Dadurch beschreibt Dekarbonisierung kein technisches Unterfangen, sondern vielmehr einen politischen Prozess des Durchbrechens von Carbon Lock-Ins. In Konsum- und Produktionsweise verankerte Interessen müssen dafür neu organisiert, kompensiert oder mit hohen politischen Kosten bekämpft werden. Im deutschen Fall gingen die Abhängigkeit von russischem Gas und die Abhängigkeit vom industriellen Export Hand in Hand und prägten diesen Prozess. Der Schwenk auf LNG aus Norwegen, Katar und eben den USA war eine politische Lösung, deren Problematik bereits zuvor bekannt – und publiziert – war. Carbon Lock-Ins können erklären, wieso diese Gefahr ignoriert wurde und nun die neuen weltpolitischen Bedingungen wieder Problemdruck erzeugen.
Geoökonomie und Transformation
Eine geoökonomische Welt, in der Staaten und Firmen globale Interdependenzen verstärkt strategisch nutzen, ist zunächst keine gute Nachricht für die grüne Transformation. Das Verschieben von Ressourcen und politischen Prioritäten hin zu Verteidigung und Resilienz geht oft auf Kosten von hehren Transformationszielen. Der deutsche Fall von der russischen in die drohende amerikanische Abhängigkeit zeigt aber auch die Grenzen dieses Nullsummendenkens. Dekarbonisierung bedeutet nicht nur Kosten und Transformationskonflikte, sondern führt auch zu höherer Unabhängigkeit von fossilen Importen.
Europa unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht zu sehr von China, das ebenfalls ein historischer Nettoimporteur von fossiler Energie ist. Im Gegensatz zu Europa haben die handelnden Akteure in der Volksrepublik aber schnell verstanden, dass Energieabhängigkeit in einer geoökonomischen Welt Gift ist. In den letzten drei Jahren war China allein für mehr als die Hälfte der global installierten Solarkapazität verantwortlich. Die Solar- und Windkapazitäten haben sich seit der Pandemie verdreifacht. In 2023 allein installierte die Volksrepublik mehr Solarkapazität (um die 217 Gigawatt) als irgendein anderes Land insgesamt bis dato installiert hatte.
Natürlich hat die chinesische Erfolgsgeschichte auch eine fossile Seite: Die Treibhausgasemissionen sind bisher beinahe im Gleichschritt mit den erneuerbaren Kapazitäten angestiegen. Aber die strategische Richtung ist klar: Dekarbonisierung ist in einer geoökonomischen Welt kein Ballast, sondern unabdingbar für strategische Autonomie.
Von Schocks zu Strategie
Ein fundamentaler Aspekt der gegenwärtigen Umbrüche in der Weltwirtschaftsordnung sind geoökonomische Schocks. Dabei geht es längst nicht nur um Energieimporte. Brüche in globalen Lieferketten und Produktionsnetzwerken stellen nicht nur einfache Preisschocks dar, sondern erfassen ganze Produktions- und Wachstumsmodelle. Je nach Sektor und Charakter des Schocks können sich massive Effekte auf den Umbau von Energiesystemen, nachhaltiger Produktion oder Investitionsmöglichkeiten ergeben. Kurzum: Die Bedingungen, unter denen Dekarbonisierungspolitik stattfindet, bleiben transnational, werden aber schwieriger und unwägbarer. Daher muss eine resilienzorientierte Politik lernen, mit dieser neuen Form von strategischer Interdependenz umzugehen. Anstatt eines vermeintlichen Zielkonflikts zwischen Dekarbonisierung und Sicherheit, sollten europäische Regierungen deren Zusammenspiel stärker in den Fokus nehmen. Im Rückgriff auf unseren oben diskutierten Analyserahmen bedeutet dies:
- Staatliche Investitionsimpulse in erneuerbare Energien sind zentral, auch um Skaleneffekte zu erzeugen und als Multiplikatoren für Privatinvestitionen zu fungieren. Diese Investitionen können durch staatliche Vehikel gezielt kanalisiert werden, etwa in den raschen Ausbau von Solarparks und Speicherkapazitäten, um die Resilienz des Energiesystems zu erhöhen. Dasselbe gilt für die notwendige Infrastruktur wie etwa Stromtrassen.
- Unternehmen sind zwar gut darin, Energiesparmaßnahmen umzusetzen, fallen aber oft auch auf fossile Substitutionen (wie etwa Kohle statt Gas) zurück. Hier braucht es klare Regeln, die erneuerbare Substitution fördern und die Stilllegung von Produktion verhindern. Diese erhöhen lediglich die Sorge vor Deindustrialisierung und Wohlstandsverlusten und erhöhen die Chancen auf einen „Carbon Backlash”, also einer Abwendung breiter Bevölkerungsschichten von Dekarbonisierungsmaßnahmen zugunsten eines vermeintlich sicheren fossilen Status quo. Zudem droht bei Auslagerung von energieintensiven Industrien ins Ausland „Carbon Leakage“, also lediglich eine Verschiebung der Emissionsproblematik über Grenzen hinweg.
- Politische Entscheidungsträger:innen und Kräfteverhältnisse sind zentral dafür, ob ein geoökonomischer Schock die Energiewende beschleunigt oder behindert – und damit, ob soziale Sicherheit, demokratischer Zusammenhalt und ökonomische Resilienz gestärkt oder geschwächt werden. Es muss sich das Verständnis durchsetzen, dass Schocks ein funktionierendes System nicht temporär schwächen, sondern dass sie fundamentale Konstruktionsprobleme im jeweiligen Wachstumsmodell offenlegen. Eine auf günstige fossile Energieimporte und Exportüberschüsse gebaute Wirtschaft kann in einer geoökonomischen Welt kaum bestehen. Es braucht daher vorbeugende, systemverändernde Maßnahmen, die auf lange Zeit Resilienz und Zusammenhalt schaffen können.
Zu den Autoren:
Milan Babić ist Associate Professor in politischer Ökonomie an der Universität Amsterdam. Seine Forschung beschäftigt sich mit der Transformation der globalen politischen Ökonomie von einer neoliberal geprägten in eine geoökonomische Ordnung. Hierzu untersucht er das Wechselspiel von Markt und Staat, Unternehmensmacht im globalen Kapitalismus und die politische Ökonomie der Dekarbonisierung. Milan ist auf Bluesky unter @mbabic.bsky.social zu finden. Sein neuestes Buch Geoökonomie erschien im Mai 2025 bei Suhrkamp.
Daniel Mertens ist Politikwissenschaftler und Professor für Internationale Politische Ökonomie am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück. Er forscht und lehrt zur Transformation der globalen und europäischen politischen Ökonomie, insbesondere mit Blick auf Finanz-, Klima- und Industriepolitik. Mehr zu seinen Forschungsinteressen und Publikationen auf danielmertens.info.







































