Essay

Wie wir die soziale Marktwirtschaft zukunftsfest machen können

Digitalisierung, Arbeit, Rente, Einwanderung: Viele Menschen in Deutschland sind verunsichert – zurecht, denn die ökonomische Unsicherheit ist tatsächlich angestiegen, wie sich auch empirisch belegen lässt. Die notwendige – und absolut machbare – wirtschaftspolitische Antwort darauf muss lauten, die Institutionen der gesellschaftlichen Solidarität zu stärken. Ein Essay von Tom Krebs.

Wacklige Arbeitsverhältnisse: Eine erhöhte Unsicherheit wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden von Menschen aus. Foto: Pixabay

Nein, die Welt wird nicht untergehen. Doch sie wird sich verändern und Wandel schafft Unsicherheit. Wird die Digitalisierung meinen Job überflüssig machen? Was muss mein Kind in der Schule lernen, um morgen erfolgreich zu sein? Wie wird die Einwanderung unser Leben verändern? Und wie sicher ist die Rente?

Viele Menschen in Deutschland sind verunsichert und erwarten Antworten auf ihre Fragen. Doch was kann die Politik tun, um die Zuversicht zu stärken?

Eine gängige Antwort ist, die Menschen durch Weiterbildung und Aufklärung in die Lage zu versetzen, von den neuen Technologien und gesellschaftlichen Entwicklungen zu profitieren. Dies ist im Wesentlichen auch die Antwort der Mehrheit der Mitglieder des Sachverständigenrats, die letzte Woche ihr aktuelles Jahresgutachten an die Bundesregierung überreicht haben. Eine andere politische Antwort ist, der verunsicherten Mehrheit durch Abschottung ein Gefühl der kulturellen Sicherheit zu geben. Ich glaube, dass beide Antworten zu kurz greifen, wobei die erste etwas naiv und die zweite schlicht falsch ist.

Von Marx lernen

Um eine umfassende Antwort auf die gestiegene Verunsicherung zu finden, müssen wir zuerst ihre grundsätzlichen Ursachen erforschen. Hier kann Karl Marx helfen. Von Marx stammt die Einsicht, dass gesellschaftliche Entwicklungen auf ökonomische Gesetze zurückgeführt werden können. Heutzutage würden wir eher von ökonomischen Wirkungszusammenhängen sprechen, aber die grundlegende Erkenntnis hat auch 200 Jahre nach Marx immer noch Bestand: Ökonomische (Macht-)Verhältnisse bestimmen die gesellschaftliche Entwicklung.

Für die Analyse der Zukunftsängste der Menschen in Deutschland heißt das: Wir dürfen nicht nur an der Oberfläche kratzen, indem wir uns auf eine Analyse der Unsicherheit der Menschen im Umgang mit neuen Technologien und fremden Kulturen beschränken. Wir müssen zum Kern des Problems durchdringen und die ökonomischen Gründe für die Unsicherheit verstehen. Die relevanten Antworten auf die wichtigsten gesellschaftlichen Fragen werden uns weder Silicon-Valley-Gurus noch selbsternannte Kulturphilosophen geben können, sondern sie müssen aus grundlegenden ökonomischen Überlegungen abgeleitet werden.

Konkret bedeutet dieser Ansatz, dass wir das Phänomen der ökonomischen Unsicherheit erforschen müssen. Denn zu viel ökonomische Unsicherheit schafft Unwohlsein und schürt Zukunftsängste. Anders ausgedrückt: Wer finanziell gut abgesichert ist, begreift technologische und kulturelle Veränderungen eher als Chance, sein Leben zu bereichern. Wer jedoch den finanziellen Absturz immer vor Augen oder schon erlitten hat, sieht in solchen Veränderungen eher eine Bedrohung, die abgewehrt werden muss. So ist es sicher kein Zufall, dass etwa AfD-Wähler mit deutlichem Abstand mehr Angst vor der Zukunft haben als die Anhänger aller anderen Parteien.

Die ökonomische Unsicherheit in Deutschland ist stark angestiegen

Wie hat sich nun die ökonomische Unsicherheit in Deutschland entwickelt? Glücklicherweise müssen wir uns nicht wie Marx mit Spekulationen begnügen, sondern können solche Fragen heutzutage empirisch beantworten. Gemeinsam mit meiner Kollegin Yao Yao habe ich genau das in einer 2016 erschienen Studie getan. Dabei haben wir auf Grundlage des Sozio-oekonomischen Panels die Arbeitseinkommen Tausender Beschäftigter in Deutschland im Laufe ihres Berufslebens untersucht und die ökonomische Unsicherheit ökonometrisch geschätzt. Die ökonomische Unsicherheit haben wir als die Varianz der transitorischen, also vorübergehenden, und der permanenten Veränderungen des Erwerbseinkommens definiert.

Das wichtigste Ergebnis unserer Studie ist in der nachfolgenden Abbildung dargestellt. Sie zeigt, dass sowohl die transitorische als auch die permanente Komponente der Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt in Westdeutschland ab Anfang der 1990er bis zum Ende der 1990er Jahre stetig angestiegen ist. Darauf folgte ein leichter Rückgang der Unsicherheit Anfang der 2000er Jahre und das Einpendeln auf einem stark erhöhten Niveau, das fast einer Verdoppelung der Unsicherheit im Vergleich zur Situation in den 1980er Jahren entspricht. In anderen Worten: In den 1990er Jahren ist die Unsicherheit auf dem westdeutschen Arbeitsmarkt unabhängig von konjunkturellen Betrachtungen erheblich angestiegen.

Aufgrund der fehlenden Daten ist eine Messung der Unsicherheit in Ostdeutschland vor Mitte der 1990er Jahre nicht möglich und im Zeitraum 1995-2008 ist die Einkommensunsicherheit eher konstant geblieben. Quelle: Tom Krebs & Yao Yao (2016): „Labor Market Risk in Germany,“ IZA Discussion Paper 9869

Dieser Anstieg der ökonomischen Unsicherheit hat reale Konsequenzen für das Leben der Menschen. Beispielsweise bedeutet er, dass heutzutage das Risiko eines unumkehrbaren Verlusts von 20% des Einkommens doppelt so hoch ist wie in den 1990er Jahren. Anders gesagt: Es gibt in Deutschland heute mehr als doppelt so viele Menschen, die derartige existenzielle Schocks bereits erlebt oder noch zu verarbeiten haben. Und das erhöhte Absturzrisiko schafft Unzufriedenheit: In unserer Studie haben wir berechnet, dass der gemessene Anstieg der Arbeitsmarktunsicherheit sich so stark negativ auf das Wohlbefinden der Menschen ausgewirkt hat, als wäre ihnen das durchschnittlichen Lebenseinkommen um ca. 10% gekürzt worden!

Stärkung der Solidarität als optimale wirtschaftspolitische Antwort

Die Diagnose ist also eindeutig: Das von vielen Menschen beklagte Gefühl des Kontrollverlusts ist real und muss von der Politik ernst genommen werden. Doch was folgt aus dieser Erkenntnis für die Wirtschaftspolitik in Deutschland? Welche Antwort sollte die Politik auf die gestiegene Unsicherheit geben?

Diese Frage habe ich zusammen mit Martin Scheffel unlängst in einer Studie theoretisch untersucht. Dabei betrachten wir eine Gesellschaft, in der neben den allgemeinen Rahmenbedingungen drei Faktoren den Erfolg der Menschen im Erwerbsleben bestimmen. Erstens ihre Herkunft – sind die Eltern reich oder arm, gebildet oder weniger gebildet? Zweitens ihre Motivation – wird am Arbeitsplatz hart gearbeitet oder vorwiegend im Internet gesurft? Und drittens der Zufall – wurde der Job wegrationalisiert oder ein Bonus für erfolgreiche Finanzspekulation gezahlt?

Die gestiegene Verunsicherung der Menschen bekämpft man am besten mit einer Stärkung der Institutionen der gesellschaftlichen Solidarität, und nicht mit ihrer Schwächung

In der von uns untersuchten Gesellschaft hat der Staat die Aufgabe, durch ein Sozialversicherungssystem (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Altersvorsorge) und das Angebot von öffentlichen Gütern (Bildung, Wohnen, Infrastruktur) gesellschaftliche Solidarität politisch umzusetzen. Kurz gesagt: Der Staat übernimmt die Aufgabe, die einzelnen Menschen gegen Lebensrisiken abzusichern und die Chancengleichheit durch das Angebot an öffentlichen Gütern zu stärken. Diese staatlichen Aktivitäten werden jedoch begrenzt durch die Tatsache, dass jede Versicherung oder Umverteilung die Motivation der Menschen in einer arbeitsteiligen Gesellschaft negativ beeinflussen kann (moral hazard).

Was passiert nun in dieser Gesellschaft, wenn die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt getrieben durch exogene Faktoren (Digitalisierung, Globalisierung) ansteigt? Das zentrale Ergebnis unsere Studie ist, dass der Staat in Reaktion auf die gestiegene Unsicherheit die vorhandenen Instrumente der gemeinschaftlichen Solidarität (Sozialversicherung, öffentliche Güter) ausbauen sollte. Dabei gehen wir von der Annahme aus, dass die Mehrheit der Mitglieder der Gesellschaft vom Anstieg der Unsicherheit betroffen ist und der Staat seine Wirtschaftspolitik an den Interessen dieser Mehrheit ausrichtet. Unser Ergebnis steht im Einklang mit der Arbeit von Dani Rodrik, der einen positiven Zusammenhang zwischen der Unsicherheit des Einkommens und Größe des Sozialstaats postuliert und empirisch untersucht hat.

Wie kann man den Menschen ihre Zuversicht zurückgeben?

Was bedeutet unser theoretisches Ergebnis für die konkrete Wirtschaftspolitik? Wir haben gezeigt, dass die „optimale“ wirtschaftspolitische Antwort auf weiter oben dargestellten Anstieg der Unsicherheit in Deutschland ein Ausbau des Sozialversicherungssystems und eine Stärkung der öffentlichen Investitionen in Bildung, Wohnungsbau und Infrastruktur gewesen wäre – die gestiegene Verunsicherung der Menschen bekämpft man am besten mit einer Stärkung der Institutionen der gesellschaftlichen Solidarität, und nicht mit ihrer Schwächung. Offensichtlich ist in Deutschland in den 1990er und 2000er Jahren genau das Gegenteil passiert, sieht man einmal von den Infrastrukturinvestitionen in Ostdeutschland ab. Wie es dazu kommen konnte, werde ich in einem anderen Aufsatz erörtern.

In diesem Beitrag möchte ich mich dagegen mit der Frage beschäftigen, welche konkreten Reformen in Deutschland heute notwendig sind, um den Menschen ihre Zuversicht zurückzugeben. Oder anders gesagt: Wie können wir die Idee der sozialen Marktwirtschaft zukunftsfest machen? Ich glaube, dass eine umfassende Antwort aus drei wirtschaftspolitischen Säulen bestehen muss:

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Kommentare
Kommentare zu
Wie wir die soziale Marktwirtschaft zukunftsfest machen können

Axel Wartburg

Ein durchaus stimmiger Artikel.

Allerdings fehlt mir das absolut Wichtigste/Ursächlichste, um so zeitnah wie möglich erleben zu können, was notwendig ist. Das sogenannte “Weltbild”.

Wenn wir weiter im Althergebrachten “Der Mensch ist schlecht und muss kontrolliert und bedroht werden, damit er folgsam ist.” verwurzelt bleiben, brauchen wir kaum Hoffnung haben, dass sich politisch, bzw. in den ihr übergeordneten Strukturen der sogenannten Eliten, wie auch in der sogenannten “Masse” etwas, geschweige denn genug tut, um eine Weiterentwicklung vor einem Zusammenbruch erleben zu können.

Erst der Sinneswandel, welcher längst durch Studien des israelischen Verhaltensökonomen Dan Ariely als sinnvoll belegt ist, nämlich, dass der Mensch grundsätzlich empathisch ist und hilfreich sein will, wie auch, dass er erst zum Rebell oder letztlich Betrüger, Raffzahn oder wie auch immer mutiert, wenn er sich als “zu kurz gekommen” erlebt, ist die Ursache für die Einsicht, dass wir ein Mehr an Solidarität, wie auch an Ökologie brauchen.

Doch so lange die sogenannten Eliten uns noch immer als verwertbare Masse wahrnehmen, die ihnen auf allen Ebenen unterlegen und mitnichten als Mensch gleichgestellt sind, so lange werden wir die aufgezeigten Änderungen bitter erkämpfen und teuer zu bezahlen haben.

Und auch wir selbst haben endlich unser Dogma der Arbeit “Lieber schlecht bezahlt und ausgebeutet als keine” wie auch unser Menschenbild “Ich bin gut aber die anderen…” in das zu wandeln, was nach dem Bewusstseinswandel auch einen Wandel in allen anderen Bereichn mit sich bringt:

Erst der Grundgedanke “Ich bin Wert weil ich bin. Und du auch.” wird ein solidarisches Miteinander erlebbar machen, das diesen Begriff auch wert ist.

 

Joachim Winters

Gäbe es ein Markenrecht für “Soziale Marktwirtschaft”
(SMW), könnte wegen dieses Beitrags ein Verstoß gegen diese Marke
gerügt werden. Während die meisten Ausführungen richtige Forderungen
für eine SOZIALE Marktwirtschaft beschreiben, konzentriert sich das
Abkanzeln des Bedingungslosen Grundeinkommens auf eine längst
überholte MARKT-WIRTSCHAFT, die der Idee der SMW widerspricht. Gerade
ein bedingungsloses Grundeinkommen kann die sich verstärkenden
Ungerechtigkeiten der SMW abbauen und das Soziale in der
Marktwirtschaft fördern.