Economists for Future

Wie die Klimakrise den Post-Keynesianismus herausfordert

Die post-Keynesianische Ökonomik beschreibt die grundlegenden Funktionsweisen des Kapitalismus mit besonderem Fokus auf Wachstum und Verteilung. Aber ist sie auch in der Lage, ökologische Krisen zu erfassen und geeignete Lösungsansätze zu entwickeln?

Bild: Pixabay

Unsere Gesellschaft befindet sich inmitten eines tiefgreifenden Transformationsprozesses. Mittendrin: die Wirtschaft. In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, ob wir den Wandel by disaster oder by design schaffen.

Diese Debattenreihe von Economists for Future e.V. widmet sich den damit verbundenen ökonomischen Herausforderungen. Zum einen werden Engführungen in den Wirtschaftswissenschaften sowie Leerstellen in der aktuellen Wirtschaftspolitik kritisch-konstruktiv beleuchtet. Zum anderen diskutieren wir Orientierungspunkte für eine zukunftsfähige Ökonomie und geben Impulse für eine plurale Ökonomik, die sozial-ökologische Notwendigkeiten angemessen berücksichtigt.

Die erste Ausgabe der Debattenreihe startete im September 2019. Die mittlerweile fünfte Staffel stellt nun den Aspekt der Grenzen in den Mittelpunkt – seien es planetare Grenzen und soziale Grundlagen, die Grenzen der Machbarkeit und der politischen Durchsetzbarkeit, die Grenzen ökonomischer Theorie oder (ver)altete Leitbilder, die Grenzen des Subjekts, des Raums oder der Zeit. Alle bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier.

Der neuste Statusbericht über den Zustand der ökologischen Kapazitäten des Planeten zeigt, dass bereits sechs von insgesamt neun planetaren Grenzen überschritten sind. Die Eindämmung der Erderhitzung, auf die wir in diesem Beitrag fokussieren, ist zwar nur eine dieser planetaren Grenzen – aber die mit dem vielleicht dringlichsten Handlungsbedarf.

Die post-Keynesianische Ökonomik beschreibt die grundlegenden Funktionsweisen des Kapitalismus mit besonderem Fokus auf Wachstum und Verteilung. Dennoch hat sich der Post-Keynesianismus, ähnlich wie die neoklassische Ökonomik und auch die Politische Ökonomie, weitgehend ohne einen substanziellen Begriff der Umwelt entwickelt. Dies stellt eine Herausforderung dar: Wie kann der Post-Keynesianismus in Zukunft (besser) zur Bewältigung der Klimakrise beitragen?

Wir argumentieren, dass post-Keynesianische Theorie, Modellierung und wirtschaftspolitische Empfehlungen der Klimakrise gerecht werden können, aber dass auch einige Widersprüche bestehen, die schwieriger aufzulösen sind und weitere Forschung erfordern. Zunächst versuchen wir zu klären, was das Problem „Klimakrise“ charakterisiert.

Die drei Dimensionen der ökologischen Krise

Aus unserer Sicht sind in Bezug auf die Klimakrise drei miteinander verknüpfte Dimensionen relevant, die eine ökonomische Theorie, die der Klimakrise gerecht wird, erfassen sollte: Ausmaß und Geschwindigkeit der Dekarbonisierung (ökologische Dimension), CO2-Ungleichheit (soziale Dimension) und das zugrundeliegende Organisationsprinzip des Wirtschaftssystems (ökonomische Dimension).

Ökologische Dimension: Um die im Pariser Klimaabkommen festgeschriebenen Temperaturgrenzen nicht zu überschreiten, müssen Treibhausgasemissionen weitgehend eliminiert und andere Treibhausgase wie Methan deutlich reduziert werden. Das muss zudem in naher Zukunft geschehen. Für Deutschland müsste z.B. der CO2-Ausstoß in der Größenordnung von gigantischen 17% pro Jahr sinken, wenn die 1,5°C-Grenze mit 67% Wahrscheinlichkeit eingehalten werden soll (Sachverständigenrat für Umweltfragen 2022). Diese „tiefe Dekarbonisierung“ erfordert nicht weniger als den Ausstieg aus allen fossilen Brennstoffen, in allen Sektoren, in allen Ländern. Da Infrastrukturen, Institutionen und Konsumgewohnheiten auf fossile Energieträger ausgerichtet wurden, ist ein systemischer Ansatz zur Transformation der Wirtschaft notwendig.

Soziale Dimension: In absoluten Zahlen – und darauf kommt es bei der Klimakrise an –  haben reichere Haushalte wesentlich höhere CO2-Emissionen als ärmere, vor allem hinsichtlich emissionsintensiver Luxusgüter wie dem Flugverkehr. Die folgende Grafik zeigt, dass über ein Drittel des Fußabdruckes des reichsten 1% in der EU für Reisen über Land und in der Luft verbraucht wird. Diese Gruppe hat somit einen übergroßen Verbrauch, auch wenn die CO2-Intensität des Einkommens für einkommensschwache Personen höher ist. Diese enormen Konsumemissionen an der Spitze der Vermögensverteilung werden dazu noch durch die Emissionen aus Investitionen  und Kapitalbesitz in dieser Gruppe überwogen, die aus dem Besitz von Unternehmen resultieren.

Durchschnittliche CO2-Fußabdrücke nach Verbrauch in der EU

Quelle: Ivanova und Wood 2020

Ökonomische Dimension:  Das aktuelle Wirtschaftssystem basiert auf fossiler Kapitalakkumulation. Der Wettbewerb um Marktanteile und Gewinne setzt die Unternehmen unter permanenten Kostendruck, da sie ständig von der bestehenden Konkurrenz und potenziellen Neueinsteiger:innen bedroht werden. Die Akkumulation von Kapital ist unabdingbar, wenn die Unternehmen im harten Verdrängungswettbewerb des Kapitalismus bestehen wollen. Daraus entsteht ein systeminhärenter Wachstumsimperativ.

Wo kann die Klimakrise in die post-Keynesianische Analyse integriert werden?

Wir stellen aus folgenden Gründen fest, dass post-Keynesianische Theorie, Modellbildung und wirtschaftspolitische Politikempfehlungen die Klimakrise analysieren können.

Theorie und Modelle: Post-Keynesianische Modelle sind in der Lage, den technischen Wandel, der für eine Transformation notwendig ist, abzubilden: Mit der Leontief-Produktionsfunktion und dem Verständnis von historischer Zeit haben sie ein realitätsnahes Verständnis technologischen Wandels. Zudem berücksichtigen sie ungeplante Auswirkungen der Transformationsinvestitionen auf Wachstum und CO2, die sich aus der damit steigenden Nachfrage ergeben.

Zentral ist aber die post-Keynesianische Einsicht in die Funktionsweise moderner Ökonomien: Nettoinvestitionen, d.h. ein wachsender Kapitalstock und somit Wachstum, werden als der grundlegende Treiber angesehen. Es ist zwar möglich, post-Keynesianische Modelle mit einem CO2-neutralen Wachstumspfad zu formulieren, aber positive Nettoinvestitionen bilden den faktischen Wachstumsimperativ ab, der in der modernen kapitalistischen Wirtschaftsstruktur herrscht.

Ein weiterer wichtiger Aspekt post-Keynesianischen Denkens im Hinblick auf die Klimakrise ist der Fokus auf Verteilung. Diese ist eng mit der Produktionsstruktur, der Nachfrage und damit auch den Emissionen verbunden. Für Post-Keynesianer:innen ist somit jede ökologische Frage auch eine Verteilungsfrage, und Lösungen für sozio-ökonomische sowie ökologische Probleme  ergänzen einander. Da sich die ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung und ungleich verteilte politische Macht gegenseitig verstärken, erschwert das aus post-Keynesianischer Sicht die politische Durchsetzbarkeit der ökologischen Transformation. Die Reduzierung von Ungleichheit ist somit entscheidend für ökologische Nachhaltigkeit. Schließlich kann der post-Keynesianische Verteilungsfokus leicht auf intersektionale Ungleichheiten wie Geschlechterungleichheit erweitert werden, die ebenfalls eine ökologische Komponente haben.

Wirtschaftspolitik: Der post-Keynesianismus priorisiert Fiskalpolitik zur Stabilisierung wirtschaftlicher Schwankungen über den Konjunkturzyklus. Dies steht im Einklang mit der ökologischen Transformation, da auf makroökonomischer Ebene kein inhärentes Wachstumsziel verfolgt wird.

Post-Keynesianer:innen empfehlen groß angelegte öffentliche Ausgaben insbesondere für eine energie- und ressourcenarme Grundversorgung sowie die (auch prohibitive) Besteuerung von CO2-intensivem Luxuskonsum. Ein aktiver Wohlfahrtsstaat kann z. B. durch die emissionsarme Umgestaltung der Sozialleistungen zur Transformation beitragen. Eine aktive Industriepolitik, die der post-Keynesianismus ebenfalls befürwortet, kann den Aufbau grüner Produktionskapazitäten und gleichzeitig den notwendigen Ausstieg aus fossilen Energieträgern und Technologien  steuern. Eine post-Keynesianische Finanzwissenschaft differenziert zudem zwischen den unterschiedlichen Ebenen des Staates wie Bund, Länder und Gemeinden. Dadurch kann eine Stärkung des Staates mit Dezentralisierung und verschiedenen Formen öffentlichen Eigentums einhergehen.

In der post-Keynesianischen Auffassung unterstützt die Geldpolitik die Fiskalpolitik maßgeblich. Die endogene Geldtheorie der „horizontalistischen“ Sichtweise besagt, dass Zentralbanken  Zinssätze festlegen und nicht die Geldmenge kontrollieren. Somit behindert die post-Keynesianische Geldtheorie nicht die Erfüllung ökologischer Staatsaufgaben.

Des Weiteren ist Inflation aus post-Keynesianischer Sicht eine Verteilungsfrage. Unternehmen setzen durch einen Aufschlag über die Stückkosten die Preise fest, während Löhne in (kollektiven) Verhandlungen festgelegt werden. Die Inflation kann in einer post-Keynesianischen Sicht somit durch Preiskontrollen und Lohnzurückhalten kontrolliert werden, wenn die politische Macht dafür gegeben ist.

Wo gibt es Widersprüche zwischen Post-Keynesianismus und Klimakrise?

An anderer Stelle ist die Klimakrise nicht so leicht in das Gerüst des Post-Keynesianismus zu integrieren. Wir identifizieren verschiedene Widersprüche, wie zum Beispiel (1) dass eine Verringerung der Ungleichheit Wachstumsimpulse auslöst, (2) den kapitalistischen Wachstumsimperativ und (3) die politische Macht durch Vermögenskonzentration. Während der erste dieser Widersprüche durch Industrie- und Regulierungspolitik überwunden werden könnte, würde der Wachstumsimperativ eine grundlegende Umgestaltung der Wirtschaftsweise erfordern, welche wiederum durch den dritten Widerspruch, den der politischen Macht durch Vermögenskonzentration, behindert wird.

Die Verbindung von nachfragegetriebenem Wachstum und differenziellen Sparquoten, die bei Niedrigeinkommen am geringsten und bei hohen Einkommen am höchsten sind, führt zu einem Widerspruch von post-Keynesianischer Theorie und Klimakrise: Eine Umverteilung von höheren zu niedrigeren Einkommensgruppen führt aufgrund der höheren Konsumneigung letzterer zu stärkerem Wachstum. In Verbindung mit höheren relativen CO2-Emissionen niedriger Einkommensgruppen führt Umverteilung somit zu einem endogenen Anstieg der Emissionen.

Doch dieser Widerspruch kann dynamisch durch sektorale Verschiebungen innerhalb der Wirtschaft aufgelöst werden: Grundlegende Güter wie Heizen sind weniger ungleich verteilt sind als Luxusgüter, die vor allem im Transportbereich zu finden sind. Außerdem sind diese leichter zu dekarbonisieren. Eine Verringerung der globalen Einkommensungleichheit vereinfacht somit die technische Umsetzbarkeit der Dekarbonisierung. Auch könnte die Produktion an menschlichen Bedürfnissen  ausgerichtet werden. Das stellt die Deckung von Grundbedürfnissen und damit hohe Lebensqualität sicher, und senkt durch die gleichzeitige Begrenzung von energieintensiven Konsum, Einkommen und/oder Vermögen auf ein nachhaltiges Maximum den ökologischen Fußabdruck ab.

Es existieren in der Theorie somit Lösungen für den Widerspruch zwischen Umverteilung und Ökologie. Die inhärente Tendenz zum Kapitalwachstum (d.h. positive Nettoinvestitionen) ist dagegen schwieriger zu lösen, was zu einer Spaltung in reformistische und radikalere Positionen führt. Letztere betrachten den Kapitalismus dabei als unvereinbar mit sozial-ökologischer Nachhaltigkeit. Doch über diese Dichotomie hinaus scheinen Mischformen im Post-Keynesianismus denkbar.

Eine Option könnte darin bestehen, die Eigentums- und Beteiligungsverhältnisse zu verändern. Neben einer aktiven Industriepolitik können einzelne Wirtschaftsbereiche aus der Profitlogik herausgenommen und deren Transformation demokratisch geplant werden, wodurch der Druck zur Kapitalakkumulation reduziert wird.

Auch Suffizienzstrategien sind denkbar. Die Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse ist auf der Grundlage bereits verfügbarer Technologien bei einem deutlich geringeren Energieniveau technisch machbar. Nachfrageseitige Suffizienzstrategien haben nicht nur enormes Energieeinsparpotential, sondern sind auch mit hohem Wohlbefinden vereinbar. Reduzierte Arbeitszeiten würden nicht nur die Beschäftigungseffekte eines geringeren Wachstums abmildern, sondern auch zu einer höheren Lebensqualität führen.

Ein weiterer fundamentaler Widerspruch neben dem Wachstumsimperativ des modernen Wirtschaftssystems ist die Frage politischer Macht. Geprägt durch marxistische Ideen bietet der post-Keynesianismus eine tiefgehende Analyse der Interessenslagen in Verteilungskonflikten. Diese wird üblicherweise aber (noch) nicht auf ökologische Themen bezogen. Die Reduktion des CO2-intensiven Luxuskonsums der Wohlhabenden sowie der Rückbau fossiler Sektoren ist technisch und wirtschaftlich machbar, scheitert jedoch am politischen Widerstand des fossilen Kapitals. Seit den 1950ern ist dieser Widerstand dokumentiert. Deren Strategien haben sich über die Zeit verändert, sind aber bisher weiterhin effektiv.

Um diesen Konflikt aufzulösen, sehen wir drei Ansatzpunkte: Erstens können soziale Bewegungen den öffentlichen Diskurs verändern. Wenn es gelingt, die sozial-ökologische Krise als genuin politisch zu verstehen, kann über die Organisation der Produktion und Versorgung neu verhandelt werden. Zweitens können Forschende eine wichtige Rolle spielen, indem sie kritische Forschung betreiben und zugänglich machen, aber auch, indem sie auf Wandel hinwirken. Post-Keynesianer:innen wissen, oft aus eigener Erfahrung der ideengeschichtlichen und wirtschaftspolitischen Marginalisierung seit den 1980ern, dass gute wirtschaftspolitische Vorschläge allein nicht ausreichen, um Veränderung zu bewirken. Neben einer Forschungsagenda für den sozialen Wandel können Wissenschaftler:innen im Klimanotstand stärker öffentlich fürsprechen, mit der Zivilgesellschaft interagieren und durch zivilen Ungehorsam die Dringlichkeit der Krise glaubwürdig an die Öffentlichkeit kommunizieren.

Drittens müssen sich im Kapitalismus die Interessen des Kapitals verschieben – oder verschoben werden –, damit sich die Politik nachhaltig verändern kann. Die Entwicklung und Stärkung jener Fraktion des Kapitals, die ein wirtschaftliches Interesse am Übergang zu grünen Technologien hat, ist daher aus einer post-Keynesianischen Sicht vielleicht das wichtigste strategische Ziel.

 

Zu den Autorinnen:

Miriam Rehm ist Professorin für Sozioökonomie mit Fokus auf Empirische Ungleichheitsforschung am Institut für Sozioökonomie der Universität Duisburg-Essen und Mitglied des österreichischen Fiskalrats.

Vera Huwe promoviert am Institut für Sozioökonomie der Universität Duisburg-Essen und ist Research Economist beim Dezernat Zukunft. Sie forscht zu ungleichen sozialen Beziehungen in der Klima- und Verkehrspolitik.

Hinweis:

Dieser Beitrag wurde ursprünglich publiziert als: Vera Huwe and Miriam Rehm (2023): The Ecological Crisis and post-Keynesian Economics – Bridging the Gap? im European Journal of Economics and Economic Policies (EJEEP) 9(3) S.397-414. Wir danken den Herausgeber:innen für die Genehmigung, diese überarbeitete und gekürzte Version zu publizieren.