Fremde Federn

Schneeflocken, Libra, Frauenförderung

Diese Woche unter anderem in den Fremden Federn: Wie Wohnungen zu einem Werkzeug der Umverteilung von unten nach oben wurden, warum China Trump verdient hat und wie Ausbildungsberufe wieder attraktiver werden könnten.

Foto: Jojo Bombardo via Flickr (CC BY-ND 2.0)

In den „Fremden Federn“ stellen wir einmal pro Woche in Kooperation mit dem Kuratorendienst piqd eine Auswahl von lesenswerten journalistischen Fundstücken mit wirtschaftspolitischem Bezug zusammen. piqd versteht sich als eine „Programmzeitung für guten Journalismus“ – was relevant ist, bestimmen keine reichweitenoptimierten Algorithmen, sondern ausschließlich ausgewählte Fachjournalisten, Wissenschaftler und andere Experten.

Studie: Die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt beschleunigt die Umverteilung von unten nach oben

piqer:
Frederik Fischer

Wohnungen sind kein Produkt wie jedes andere. Das fängt damit an, dass Eigentümer von einem Wertzuwachs profitieren, für den sie selbst häufig wenig leisten. Das Dach überm Kopf ist aber auch ein existenzielles Bedürfnis, das man sich in der Not nicht einsparen kann wie den Urlaub oder teure Restaurants. Gerade deshalb sind Wohnungen zu einem perfiden Werkzeug der Umverteilung von unten nach oben geworden. Wie wir in den Großstädten erleben, nehmen Menschen viele Runden von Mieterhöhungen in Kauf, bis sie die schwere Entscheidung fällen und umziehen, denn der Umzug bedeutet fast immer eine Verkleinerung oder gar den Wegzug. Es gibt also keine echte Entscheidung und damit keinen freien Markt.

So geben die ärmsten 20 % der deutschen Haushalte mittlerweile knapp 40 % ihres Einkommens für Wohnen aus. 1993 waren es nur gut 25 %. Für keine andere Einkommensgruppe waren die Preissteigerungen so dramatisch.

Die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt führt folglich dazu, dass die unteren 50 % immer weniger Aussichten auf eigenes Wohneigentum haben und gleichzeitig den oberen 50 % einen immer größeren Teil ihres Einkommens überweisen.

Obwohl ich selbst Immobilienbesitzer bin und unter dem Mietendeckel finanzielle Einbußen zu erwarten habe, begrüße ich diesen Schritt. Er löst nicht das Problem des Wohnungsmangels in den Städten, aber er adressiert immerhin diese scham- und maßlose Umverteilung von unten nach oben.

Anders als die Autoren dieser ansonsten höchst lesenswerten und angenehm kompakten Studie, bin ich mir auch überhaupt nicht sicher, ob wir ausgerechnet in den Städten so viele neue Wohnungen bauen sollten. Abgesehen davon, dass Neubauten bei der aktuellen Marktlage prohibitiv teuer und fast ausnahmslos zum Heulen hässlich sind: Wir haben faktisch gar keinen Mangel an Wohnungen, wir haben vielmehr eine Fehlallokation. Im ländlichen Raum gibt es wachsenden Leerstand und ineffiziente Nutzung. Viele alte Menschen leiden beispielsweise an riesigen Häusern, die sie nicht mehr bewirtschaften können. Gleichzeitig suchen Familien nach genau solchen Flächen. Es werden fußballfelderweise Neubaugebiete mit Fertighaus-Gruselkabinetten Typ „Toskana“ verschandelt und gleichzeitig verfallen traumhaft schöne alte Gebäude mit Seele und Potenzial.

Ich möchte daher die etwas denkfaule Forderung nach „mehr“ nicht unterstützen. Es geht vielmehr darum, „anders“ zu bauen und gerade den ländlichen Raum wieder zu einem attraktiven Wohnort zu machen. Anders als zu Zeiten von Engels, aus dessen Schrift „Zur Wohnungsfrage“ hier zitiert wird, können heute nämlich immer mehr Menschen ihre Arbeit einfach mitnehmen. Das machen sie aber nur, wenn es ein entsprechendes Wohnangebot gibt und die Infrastruktur stimmt – davon sind wir in den meisten Regionen Deutschlands noch weit entfernt.

„Trump is right about that“

piqer:
Rico Grimm

Diesen Text solltet ihr lesen, weil er dabei hilft, sachlich auf die Handelspolitik zu schauen, die Donald Trump gerade vorantreibt. Thomas Friedman seziert hier angenehm abwägend den Aufstieg Chinas zur größten Wirtschaftsmacht auf dem Planeten. Während China jahrzentelang als Entwicklungsland besondere Rechte hatte, ist es heute längst nicht mehr dieses Entwicklungsland, verhält sich aber nach außen immer noch wie eines. Das muss, laut Friedman, Folgen für die US-amerikanische und europäische Chinapolitik haben:

If the U.S. and Europe allowed China to continue operating by the same formula that it had used to grow from poverty to compete for all the industries of the future, we’d be crazy.

Warum ist der Aufstand der Schneeflocken notwendig? – Paul Mason über Wege ins Offene

piqer:
Achim Engelberg

Als Schneeflocken werden von harten Rechten angeblich verweichlichte Linke verunglimpft. Ursprünglich ist das ein Dialogsatz aus dem Film Fight Club, in dem der Protagonist zu einer Gruppe von Schlägern sagt:

Ihr seid keine wunderschönen, einzigartigen Schneeflocken. Ihr seid genauso verweste Biomasse wie alles andere.

Paul Mason, der schon bei Piqd auftauchte, diskutiert sein neues Werk Klare, lichte Zukunft (mit Leseprobe):

Im Film ist diese Szene als Kritik an toxischer Maskulinität gemeint. Aber die Rechten feiern diese toxische Maskulinität. Wir müssen dem einen radikalen Humanismus entgegenstellen. Wer für eine progressive, linke Politik kämpft und sich für den Klimaschutz einsetzt, sollte den Begriff für sich reklamieren. Genauso, wie die frühe Homosexuellenbewegung sich einst über den abwertenden Begriff queer neu definierte.

Es ist Zeit, aufzubrechen! Schließlich haben – im Gegensatz zu Tieren –  nur Menschen eine soziale Geschichte. Das Alte stirbt, aber das Neue kann ohne einen Bruch nicht geboren werden und aufwachsen.

Der freie Markt existiert nicht mehr. Er wird durch staatliche Absicherung und das Geld der Notenbanken künstlich am Laufen gehalten. Die Ideologie des freien Marktes hält das aber nicht am Leben.

Gründen Sie heute einen Rivalen zu Facebook, kauft Facebook Ihr Unternehmen und löst es auf. Der erste große Wirtschaftsblock, der die Monopole zerschlägt, wird eine neue Welle an Innovationen erleben, die die vierte industrielle Revolution in Gang bringt.

Paul Mason erläutert Umbrüche, die Wenige vorbereiteten, ehe die Vielen sie durchsetzten.

So war es auch beim neuen Christentum im alten Rom. Indem die Christen

sich weigerten, die vorgegebenen Kontrollroutinen einzuhalten, brachten sie ein System, das auf diese Routinen angewiesen war, ins Wanken. Heute müssen wir einen vergleichbaren grundlegenden Reflex trainieren – die Fähigkeit, sich dem ganzen performativen Theater der Gegenwart zu verweigern.

Und eine Rezension von Tom Strohschneider.

Was passiert, wenn sich der Kapitalismus verändert?

piqer:
Otherwise Network

Michael Seemann hat seine Überlegungen zum digitalen Kapitalismus, die er vor ein paar Monaten beim Zündfunk-Kongress vorgestellt hat, jetzt in einem längeren Text dargelegt. Anlass für ein kleines Peer-Review auf diesem Kanal, wo wir es uns gelegentlich auch erlauben, Texte unserer OWNW-Kolleg*innen zu empfehlen.

Michael fragt, ob sich der Kapitalismus gegenwärtig in seiner Gestalt in einer Weise verändert, die infrage stellen lässt, ob es sich überhaupt noch um Kapitalismus handelt. Seine Methode: Er nimmt fünf Definitionsmerkmale von Kapitalismus zum Ausgangspunkt (Privateigentum an den Produktionsmitteln, Ausbeutung von Arbeit/Mehrwert, Steuerung durch den Markt, Eigentumsordnung, Akkumulation/Wachstum) und diskutiert dann, ob diese Kriterien gegenwärtig noch erfüllt werden. Er kommt zu dem Schluss, dass die Definitionsmerkmale Schritt für Schritt ad absurdum geführt werden.

Der Gedankengang ist nachvollziehbar. Allerdings fragt man sich, ob nicht die Entwicklungen im Einzelnen zwar zeigen, dass Kapitalismus gar nicht immer so funktioniert, wie behauptet, im Big Picture jedoch trotzdem funktioniert, nicht zuletzt, weil die Profitmaximierung stabil bleibt.

Kapitalismus ist immer eingebettet in politisch erzeugte gesellschaftliche Ordnungen, die auch andere Wirtschaftsweisen beinhalten. Denken wir an die geschlechterpolitische Regulation von Care-Arbeit, die überwiegend nicht marktförmig organisiert ist.

In theoretischer Hinsicht sollte die Schule der Regulationstheorie hier einiges zum digitalen Kapitalismus zu sagen haben. Sie beschäftigt sich seit den 1970er Jahren damit, wie sich Akkumulations- und Regulationsmodi immer wieder anpassen müssen, weil der Kapitalismus an sich ja gerade keine stabile Ordnung ist, sondern eine, die immanent Krisen (und damit verbunden auch Fragen der Legitimation) erzeugt.

Die „Neuheit der Situation“, die Michael am Ende beschreibt, ist also eine Frage der politischen Ökonomie, die uns in den nächsten Jahren beschäftigen wird.

Nicht jeder Top-Ökonom ist qualifiziert – Über Ökonomik und Wirtschaftsjournalismus

piqer:
Gunnar Sohn

Der Ökonom Rüdiger Bachmann kritisiert den Wirtschaftsjournalismus in Deutschland. Er wünscht sich, dass adäquater und breiter über die Wirtschaftswissenschaft berichtet wird, so wie das etwa bei den Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften oder anderen Sozialwissenschaften teilweise der Fall sei. „Ich finde, dass bei großen gesellschaftlichen Fragen viel mehr berücksichtigt und darüber berichtet werden sollte, was eigentlich die Wissenschaft dazu sagt“, so Bachmann im Interview mit Makronom.

Aber auch die Ökonomen haben nach seiner Ansicht eine Bringschuld. Wenn ein Journalist anruft, müsse man als Ökonom auch in der Lage sein, die eigene Forschung massenkompatibel zu erklären und darf dafür keine drei Stunden brauchen. „Wer das nicht will oder kann, dem ist natürlich nicht zu helfen. Was ich beklage, und da kann man auch meiner Seite vors Schienbein treten, ist diese arrogante Distanz, die auf beiden Seiten zu beobachten ist.“

Sympathisch finde ich die Anregung von Bachmann, der gerne mal den einen oder anderen Kritiker auf Twitter sperrt (findet er wohl lustig), in der Berichterstattung Label wie „Top-Ökonomen“ zu vermeiden, wenn sich das dadurch definiert, dass ein Ökonom besonders oft in der Zeitung steht. „Das schafft eben einen falschen Eindruck von der tatsächlichen Qualifikation der Person für ein bestimmtes Thema. Und gewisse Ökonomen sollten vielleicht aufhören, sich zu jeder x-beliebigen Frage als Ökonomik-Professoren zu äußern, nur weil ihnen das ihre berufliche Stellung ermöglicht“, so Bachmann. Sehr löblich. Es fehlen allerdings in der Ökonomik interessante Persönlichkeiten, die mit ihrer Form der Wissenschaft relevante gesellschaftliche und politische Debatten anstoßen. Das moniert aus guten Gründen Professor Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts. Weniger Sandkastenspiele, mehr Nachrichtenwert. Also das Ding mit „Mann beißt Hund“.

Deutschlands Berufsausbildung ist weltberühmt, nur hierzulande will sie keiner mehr

piqer:
Gabriela Westebbe

Immer mehr junge Leute wollen studieren, Firmen und Handwerksbetriebe finden keine Auszubildenden mehr. Die weltberühmte deutsche duale Berufsausbildung wird immer weniger angestrebt. Wie kann sich das wieder ändern? Thomas Sattelberger nennt einige Ansätze, die die Berufsausbildung wieder attraktiver machen können.

Kluge junge Menschen wollen Karriere machen, Geld verdienen und angesehen bei ihren Freunden sein. Diesen Bedürfnissen werden Ausbildungsberufe immer weniger gerecht.

„Die Betriebe haben sich das teilweise selbst eingebrockt.“

Die Karrierewege sind akademisiert. Im tariflichen Bereich gibt es kaum Talentmanagement. 1984 hatten über 50% der Führungskräfte einen Ausbildungshintergrund, heute sind es gerade noch 30% mit weiter abnehmender Tendenz.

Diese Entwicklung spiegelt in keiner Weise die Kompetenzen wider, die mit einer Berufsausbildung erworben werden, seien sie fachlicher, persönlicher oder anderer Natur. Die Qualifikationen und persönlichen Entwicklungspotentiale beruflich Qualifizierter werden zu gering eingeschätzt. Zum Beispiel wird nicht bedacht, dass in einer handwerklichen Ausbildung Durchhaltevermögen und Teamgeist gelernt und oft eine unternehmerische Haltung vermittelt wird.

Auf der anderen Seite müssen Berufsausbildungen aber moderner gedacht und experimenteller gestaltet (Kreativlabore) werden. Exzellenzprogramme wie für Studierende gehören eingerichtet. Sattelberger sieht auch eine Renaissance der „mittelalterlichen Lehr- und Wanderjahre“, die gerade im digitalen Zeitalter, wo es darum geht Verbindungen herzustellen, eine hohe Bedeutung erhalten haben.

Engere Verbindungen müssen auch zwischen Studiengängen und praktischer Ausbildung geknüpft werden. Das geht über das Angebot dualer Studiengänge weit hinaus. Es muss z. B. mehr in Modulen gedacht werden. Alles muss flexibler, kombinationsfreundlicher und damit individueller angelegt werden. Auch hier ist viel zu tun.

Das Ding mit der Gerechtigkeit – Frauenförderung

piqer:
Thomas Wahl

Mehr Frauen in „Chefpositionen“, das wollen wir alle und gerecht soll es sein. Führt aber in vielen Unternehmen oder Behörden auch zu (gefühlten?) neuen Ungerechtigkeiten. Die Europäische Zentralbank hat nun in einer öffentlich vorliegenden Studie die Wirkungen ihrer eigenen Personalpolitik analysieren lassen.

2010 … führte die EZB ein neues Programm zur Frauenförderung ein, und seit 2012 gibt es umfangreiche Daten über Bewerbungen und Beförderungen. Dabei wird vollkommen klar: Frauen bewerben sich selbst nach der Einführung des Programms seltener um Führungspositionen als Männer. Trotzdem bekommen Frauen inzwischen ebenso wahrscheinlich Beförderungen wie Männer. Ein Drittel der neuen Chefs sind Frauen – das entspricht ungefähr dem Frauenanteil in der EZB. Das bedeutet aber auch: Wenn eine Frau sich erst mal bewirbt, hat sie mehr als doppelt so große Chancen auf den Zuschlag wie ein Mann. Von allen Bewerbern werden 5,8 Prozent der Männer befördert, aber 12,1 Prozent der Frauen. Das wiederum können Männer ungerecht finden.

Der Artikel diskutiert anhand des in der Studie veröffentlichten umfangreichen Datenmaterials (es lohnt sich, mal selbst reinzuschauen) Fragen wie „Quotenfrauen“, Gehaltshöhen und Leistungen. Es bleibt das Dilemma, Gerechtigkeit liegt immer auch im Auge des Betrachters.

Der beste Überblick zu Facebooks neuer Währung „Libra“

piqer:
Rico Grimm

Facebook wird eine Währung namens „Libra“ einführen. Was das bedeutet, wer dahinter steckt, wieso es nicht so viel mit Blockchain zu tun hat, wie man vielleicht auf den ersten Blick denken könnte, haben Simon Hurtz und Martin Fehrensen in der jüngsten Ausgabe ihres Social-Media-Watchblogs beschrieben. Ich habe seit der ersten Meldung mehrere Texte dazu gelesen und ihre Zusammenfassung ist mit Abstand die Beste, weil sie tiefer geht, ohne sich in Details zu verlieren.

Nur eine Ergänzung: Crypto-Nerds sollten zusätzlich noch diesen Text von Jameson Loop lesen, der sich die Technik dahinter anschaut. Aber das wirklich nur für diejenigen, die noch tiefer gehen wollen.

Zwischen Selbstbewusstsein und Selbstsabotage: Boris Johnson

piqer:
Theresa Bäuerlein

Dieses kritische Porträt ist sehr dicht geschrieben und voller krasser Details, die aber nicht (nur) voyeuristisch sind, sondern helfen, den Mann zu verstehen, der wahrscheinlich der nächste Premierminister Großbritanniens werden wird. Einige Kostproben:

Johnson wurde als junger Journalist mit Anfang zwanzig von der Times gefeuert, weil er sich ein Zitat von König Edward II. ausgedacht hat. Etwas später machte er sich trotzdem als Journalist einen Namen, weil er es schaffte, Geschichten über unsinnige Vorgänge in der EU (bzw. damals noch die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) zu erzählen, die wahnsinnig aufgeblasen waren, aber beim Publikum gut ankamen. Niemand wusste, was man mit diesem Mann anfangen sollte, der zu allen Pressekonferenzen zu spät kam, absichtlich schlecht französisch sprach und Löcher in den Klamotten hatte. Wenn er einen Artikel schrieb, schloss er sich in sein Zimmer ein und brüllte Obszönitäten, um in Stimmung zu kommen. Einem Kollegen gegenüber gab er zu, dass er keinerlei politische Ansichten hatte, außer, dass er gegen die Todesstrafe war und gegen Europa.

Man lernt sehr viel über Boris Johnson in diesem Artikel. Wenn du nur ein einziges Porträt des Mannes lesen möchtest: Lass es dieses sein.

Die groteske Bevorzugung von Autos und Autobesitzern

piqer:
Daniela Becker

Alex Rühle wird in diesem Text ein wenig sarkastisch. Da bin ich ganz bei ihm, denn anders lässt sich kaum darüber schreiben, wie das Auto und seine Besitzer in Deutschland auf groteske Weise bevorzugt werden.

47 Millionen Autos sind auf deutschen Straßen unterwegs – und damit 13,8 Prozent mehr als 2008. Alleine in München sind heute 150.000 Autos mehr angemeldet als 2009. Ein Auto braucht im Durchschnitt zwölf Quadratmeter Stellplatz, macht knapp 1,8 Quadratkilometer nur für die Neuzugänge der vergangenen zehn Jahre.

Gleichzeitig werden diese Autos immer fetter und schwerer: 1990 war ein durchschnittlicher Neuwagen 1,68 Meter breit, heute misst er 1,80 Meter. Der neueste VW Golf braucht 25 Prozent mehr Fläche als der erste Golf im Jahr 1974. Die höchsten Zuwachsraten verzeichnen Sport Utility Vehicles (SUVs), die größten, schwersten und dicksten Privatfahrzeuge, die je über die Erde fuhren. Zwei Tonnen Stahl, um 70 Kilo Fleisch durch die Gegend zu kutschieren. Zwischen 2017 und 2018 stieg deren Anteil am Münchner Straßenverkehr um 48 Prozent, von 16 871 auf 25 046.

Ein Berliner Projekt von Studierenden der Best-Sabel-Hochschule errechnete 2014, dass den Autos 19-mal so viel Fläche im öffentlichen Straßenraum zur Verfügung steht wie den Fahrrädern. 58 Prozent zu drei Prozent. Diese Autos, die in Werbespots ja immer so dynamisch durch malerisch endlose Fjordlandschaften düsen, stehen in Wahrheit mehr als 23 Stunden am Tag Stoßstange an Stoßstange im Stadtraum herum. In Berlin gibt es zehnmal so viel Fläche für Parkmöglichkeiten wie für Spielplätze. Laut dem dortigen „Flächen-Gerechtigkeitsreport“ sind 19 Prozent der öffentlichen Verkehrsfläche parkenden Autos vorbehalten – ein Fünftel der Stadt ist Parkplatz.

Der Text ist voll von Beispielen bei denen man nur den Kopf schütteln kann. Ich kann an diesem Text nur eines kritisieren, nämlich dass die SZ keinen One-Click-Einzelkauf ermöglicht. Hier der Link zu Blendle.