Ökonomische Offenheit

Die Vermessung der Globalisierung

Eine neue Studie liefert einen umfassenden Überblick über bestehende Indikatoren für wirtschaftliche Offenheit. Diese können unter anderem dabei helfen, die diversen Auswirkungen der Corona-Krise zu verfolgen und zu erforschen. Ein Beitrag von Philipp Heimberger, Claudius Gräbner und Jakob Kapeller.

Die zunehmende internationale Integration in den Bereichen Handel und Finanzwirtschaft ist das zentrale Merkmal der Globalisierung, die sich auf das Leben von Milliarden von Menschen rund um den Globus auswirkt. Die sozioökonomischen Auswirkungen der wirtschaftlichen Globalisierung sind seit Jahrzehnten Gegenstand heftiger wissenschaftlicher und politischer Debatten, und werden es auch in absehbarer Zukunft bleiben.

Sozial- und WirtschaftswissenschafterInnen haben dazu ein breites Spektrum von Fragen untersucht, darunter etwa: Wie wirkt sich die grenzüberschreitende Verlagerung von Kapital und Arbeitsplätzen auf die Besteuerung und die Ausgabenentscheidungen nationaler Regierungen aus? Beeinflusst die internationale Öffnung des Güterhandels Entwicklungsländer anders als Industrieländer? Was sind die innenpolitischen Auswirkungen einer wachsenden Marktintegration? Welchen Einfluss hat ein Anstieg ökonomischer Offenheit auf Konvergenz- und Polarisierungsdynamiken?

Was genau ist eigentlich „ökonomische Offenheit“?

Robuste Antworten auf solch wichtige Fragen zu finden ist nicht einfach, und die berichteten Forschungsergebnisse unterscheiden sich immer wieder erheblich. In den einschlägigen Debatten wird zur Beschreibung des Ausmaßes der internationalen wirtschaftlichen Integration eine große Vielfalt von Begriffen verwendet: „Handelsoffenheit”, „wirtschaftliche Integration”, „Handelsliberalisierung” und „Globalisierung” sind weit verbreitete Begriffe, die immer wieder synonym gebraucht werden. Die gleiche Beobachtung gilt für die finanzielle Dimension, wo Begriffe wie „finanzielle Offenheit”, „finanzielle Integration” und „finanzielle Globalisierung” regelmäßig und oft austauschbar verwendet werden.

Analog zu dieser Vielfalt von Begriffen und Konzepten haben die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften eine große Vielfalt von Kennzahlen der wirtschaftlichen Offenheit entwickelt. Diese Maße heben typischerweise verschiedene Aspekte der wirtschaftlichen Integration hervor. Infolgedessen variiert nicht nur die Definition, sondern auch die Messung der Offenheit mitunter beträchtlich. Der daraus resultierende Mangel an Konsens darüber, wie die wirtschaftliche Offenheit eines Landes am besten gemessen werden kann, ist weithin anerkannt.

Um Licht in den Dschungel der Offenheitsmessung zu bringen, geben wir in einer kürzlich in der Fachzeitschrift „Review of World Economics“ veröffentlichten Studie einen umfassenden Überblick über bestehende Indikatoren für wirtschaftliche Offenheit. Wir stellen einen neuen Datensatz mit verschiedenen Handels-, Finanz- und kombinierten Offenheitsmaßen zusammen, wobei bis zu 216 Länder über den Zeitraum 1960-2019 erfasst werden. Interessierte ForscherInnen können auf die Daten über eine eigens dafür eingerichtete Homepage zugreifen, über die wir regelmäßig Datenaktualisierungen und auch ein dafür gedachtes R-Paket bereitstellen.

Eine Typologie der wirtschaftlichen Offenheit

In besagter Studie schlagen wir zudem eine Typologie von Offenheitsindikatoren zur besseren konzeptionellen Orientierung vor. Auf dieser Basis erläutern wir einige Vor- und Nachteile verschiedener Maße mit Blick auf die angewandte Forschung und analysieren vergangene Trends in der Entwicklung wirtschaftlicher Offenheit. Schließlich veranschaulichen wir, dass die Wahl des Indikators einen starken Einfluss auf die mithilfe von Regressionsanalysen erzielten Ergebnisse haben kann.

Wirtschaftliche Offenheit kann abstrakt als das Ausmaß verstanden werden, in dem ausländische AkteurInnen an der heimischen Wirtschaft teilhaben und mitwirken können bzw. dies auch tatsächlich tun. Wir schlagen vor diesem Hintergrund vor, Offenheitsmaße entlang zweier zentraler Dimensionen zu unterscheiden: Die erste Dimension unterscheidet zwischen Maßen, welche die Offenheit der Realwirtschaft zu erfassen suchen (z.B. über den Vergleich von Handelsvolumen und BIP) und jenen, die Offenheit in einer finanzwirtschaftlichen Dimension messen (z.B. durch Erfassung der Auslandsdirektinvestitionen).

Ein Land kann eine defensive rechtliche Haltung in Bezug auf Offenheit einnehmen, aber dennoch eine wichtige Rolle im Welthandelssystem spielen

Die zweite Dimension unterscheidet zwischen de-facto Maßen, die sich auf tatsächliche Outcomes beziehen, und de-jure Maßen, welche die Offenheit einer Volkswirtschaft auf Basis regulatorischer Kriterien zu bestimmen suchen. In diesem Zusammenhang unterscheiden sich auch die Quellen, die bei der Erstellung des Offenheitsmaßes verwendet werden. Bei diesen Quellen handelt es sich entweder um aggregierte Wirtschaftsstatistiken (die zu de-facto-Maßen führen) oder um Bewertungen der rechtlich festgelegten Hemmnisse für Handels- und Finanztransaktionen (de-jure-Messungen). Darüber hinaus versuchen „hybride” Maße sowohl Real- als auch Finanzwirtschaft miteinzubeziehen, während „kombinierte” Maße darauf abzielen, Informationen über de-facto- als auch de-jure-Aspekte der wirtschaftlichen Offenheit zu aggregieren.

De-facto- und de-jure-Facetten der Offenheit müssen für ein bestimmtes Land nicht übereinstimmend sein. So kann ein Land z.B. eine defensive rechtliche Haltung in Bezug auf Offenheit einnehmen, aber dennoch eine wichtige Rolle im Welthandelssystem spielen – z.B. aufgrund seiner besonderen Stellung als Handelsdrehscheibe (wie u.a. China), als Finanzzentrum (wie u.a. Malta) oder auch aufgrund ökonomischer Abhängigkeiten (wie u.a. Weißrussland). Gleichzeitig kann ein Land institutionell und politisch für den Handel offen sein, aber dennoch aufgrund seiner geographischen Lage (z.B. Kanada) oder wegen mangelnder technologischer Entwicklung (z.B. Uganda) in seiner Integration in den internationalen Handel relativ hinter anderen Ländern zurückbleiben.

Auf der Grundlage dieser kurz umrissenen Typologie tragen wir in unserer Studie mehr als dreißig verschiedene Offenheitsindikatoren aus der Literatur zusammen und integrieren sie in einem Datensatz. Der mit Abstand weitverbreitetste Indikator für die Handelsoffenheit basiert auf einem Vergleich von Handelsvolumen und Wirtschaftsleistung, wobei ersterer relativ zu letzterem ausgedrückt wird (Handel/BIP). Diese Präferenz für den Handel/BIP-Indikator überdeckt dabei den Umstand, dass alternative Indikatoren für die Handelsoffenheit, wie z.B. de-jure-Messungen auf der Grundlage von Zollsätzen, durchaus existieren und für so manche Forschungsfrage unter Umständen auch angemessener wären als die besser sichtbare und gängigere Alternative.

Darüber hinaus weisen wir auf einige wichtige Vorbehalte bei der Verwendung von Handel in Relation zum BIP in empirischen Arbeiten hin: So erfasst das Maß Handel/BIP etwa auch zyklische Schwankungen von Volkswirtschaften (aufgrund der Normalisierung durch das BIP). Die Finanzkrise von 2008/09 ließ mehrere Länder in Bezug auf Handel/BIP „offener” erscheinen, einfach wegen der erheblichen Auswirkungen der Krise auf das BIP.

Außerdem korrigiert die Verwendung des BIP im Nenner nicht nur für die Größe eines Landes, sondern auch für dessen ökonomischen Entwicklungsstand (die Offenheit sinkt ceteris paribus bei einem höheren Durchschnittseinkommen). Daraus ergibt sich, dass es für größere und dominantere Volkswirtschaften viel schwieriger ist, ein hohes Maß an Offenheit zu erreichen – typischerweise als „offen“ angesehene Länder wie die USA oder Japan tauchen daher erst am hinteren Rand der jeweiligen Offenheitsranglisten auf.

Länder, die technologisch fortgeschrittener sind, weisen tendenziell eine höhere De-facto-Handelsoffenheit auf

Schließlich negiert die Verwendung von Handel/BIP auch die Dimension der Finanzglobalisierung. Hier haben ForscherInnen alternative Indikatoren wie die Ströme ausländischer Direktinvestitionen und Indizes für die Liberalisierung des Kapitalverkehrs erarbeitet. Darüber hinaus hat sich der Globalisierungsindex der Schweizerischen Konjunkturforschungsstelle (KOF) als die beliebteste hybride Maßzahl für die wirtschaftliche Globalisierung herauskristallisiert. In unserer Studie diskutieren wir, wie all diese verschiedenen Offenheitsmaße konstruiert sind, und welche Vorteile und Fallstricke ihre Verwendung je nach Forschungskontext mit sich bringen kann.

Trends ökonomischer Offenheit

Um zu veranschaulichen, welche deskriptiven Analyse unser Datensatz ermöglicht, zeigen wir hier die Trends bei zwei prominenten De-facto-Offenheitsindikatoren – einen aus der realwirtschaftlichen Handelsdimension und einen aus der Finanzdimension. Wir klassifizieren die Länder in unserem Datensatz dabei nach ihrer wirtschaftlichen Komplexität, ein Indikator für das Niveau ihres technologischen Entwicklungsstandes. Dies wird durch Erkenntnisse motiviert, wonach Länder mit hoher wirtschaftlicher Komplexität tendenziell stärker von wirtschaftlicher Offenheit profitieren und somit strukturelle Unterschiede zu erwarten sind.

In der Tat beobachten wir einige wesentliche Unterschiede in der De-facto-Handelsoffenheit, wenn wir nach technologischen Fähigkeiten differenzieren. Insbesondere stellen wir fest, dass sich das Verhältnis des Handels zum BIP von Ländern mit hoher Komplexität Anfang der 1990er Jahre von den Ländern mit mittlerer und geringer Komplexität entkoppelt hat.

Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass Länder, die technologisch fortgeschrittener sind (und daher wahrscheinlich mehr vom Handel profitieren), tendenziell eine höhere De-facto-Handelsoffenheit aufweisen. Wir können auch feststellen, dass die De-facto-Handelsoffenheit zeigt, dass die Handelsintegration vor dem Beginn der Finanzkrise 2007/2008 einen Höhepunkt erreicht hat. Vor dem Hintergrund der Veränderungen in der Handelspolitik – insbesondere im Fall der USA unter Präsident Trump – und der möglichen Auswirkungen der COVID-19-Krise auf den Globalisierungsprozess ist zu erwarten, dass die internationale De-facto-Handelsintegration in absehbarer Zeit in einem wesentlich langsameren Tempo voranschreiten wird als in früheren Jahrzehnten.

Das von uns zu Illustrationszwecken ausgewählte Maß für die finanzielle Offenheit (ausländische Assets und Verbindlichkeiten im Verhältnis zum BIP), das in der nachstehenden Abbildung dargestellt ist, weist einen ähnlichen, aber noch stärkeren Trend auf als die Entwicklung des Indikators Handel/BIP. Die finanzielle Offenheit der Ländergruppe mit hoher Komplexität hat sich zwischen 1995 und 2000, d.h. nach der Gründung der WTO im Jahr 1994, rasch von den anderen Gruppen abgekoppelt. Seitdem hat sich der Abstand zwischen der Gruppe der hochkomplexen Länder und den anderen Ländergruppen erheblich vergrößert, was darauf hindeutet, dass die Integration der Finanzmärkte der hochkomplexen Länder schneller vorangeschritten ist als in der übrigen Welt.

Schließlich stellen wir fest, dass die Finanzkrise von 2007-08 nur geringe Auswirkungen auf die finanzielle Offenheit hatte: Nach einem krisenbedingten Rückgang sank die De-facto-Offenheit der Finanzmärkte nicht nur rasch wieder auf das Vorkrisenniveau zurück, sondern nahm weiter zu, was bei dem gezeigten Maß der De-facto-Handelsoffenheit nicht der Fall war.

Quellen: Weltbank, LMF-Datenbank, Atlas of Economic Complexity; eigene Berechnungen.

Der KOF-Globalisierungsindex – ein hybrider Index, der sowohl die handels- als auch die finanzwirtschaftliche Dimension erfasst – gibt einen umfassenderen Überblick über die Zunahme der wirtschaftlichen Öffnung in den vergangenen Jahrzehnten und die Verlangsamung des wirtschaftlichen Globalisierungsprozesses seit der globalen Finanzkrise. Wie aus der Abbildung unten ersichtlich ist, erfasst der Index den allgemeinen Trend zunehmender Offenheit von den 1970er bis zu den 2000er Jahren:

Quellen: Weltbank, LMF-Datenbank, Atlas of Economic Complexity; eigene Berechnungen.

Er zeigt zudem unterschiedliche Dynamiken in der De-facto- und De-jure-Dimension an.

Quellen: Weltbank, LMF-Datenbank, Atlas of Economic Complexity; eigene Berechnungen.

Vergangenheit und Zukunft der Globalisierung

Wir haben eine Korrelationsanalyse von mehr als 30 Offenheitsindikatoren durchgeführt, die stärkere Beziehungen zwischen Indikatoren desselben Typs erkennen lässt (z.B. weisen De-facto-Indikatoren des Handels wie Handel/BIP typischerweise eine relativ starke Korrelation zu anderen handelspolitischen De-facto-Indikatoren auf). Allerdings können nur schwache bis mäßig starke Korrelationen von Indikatoren über verschiedene Typen hinweg festgestellt werden (z.B. De-facto-Handel gegenüber De-facto-Finanzindikatoren).

Darüber hinaus deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass jede Wahl eines Offenheitsmaßes in der empirischen Forschung eine explizite theoretische Begründung der für die vorliegende Forschungsfrage relevanten Offenheitsdimensionen und daher zur Messung geeigneten Indikatoren erfordert. Unterschiede in der Art und Weise, wie Offenheitsindikatoren mit dem Wirtschaftswachstum korrelieren, verdeutlichen die Theorielastigkeit der Beobachtung: Die Annahmen und der theoretische Hintergrund, welche der Konstruktion verschiedener Offenheitsindikatoren zugrunde liegen, machen in der Praxis einen wichtigen Unterschied.

Unser Datensatz stellt eine große Anzahl relevanter Handels-, Finanz- und kombinierter Offenheitsindikatoren für zukünftige Forschungen zur Verfügung. Wir hoffen, dass die Daten sich für viele angewandte ForscherInnen, die sich mit den sozioökonomischen Auswirkungen der Globalisierung befassen, als nützlich erweisen werden. So besteht beispielsweise im Zusammenhang mit der aktuellen Covid-19-Krise ein erhebliches Interesse daran, wie die Pandemie die Marktintegration bei Handel und Finanzwirtschaft in den kommenden Jahren beeinflussen wird.

Auf der Datenhomepage stellen wir regelmäßige Datenaktualisierungen zu allen zusammengestellten Offenheitsindikatoren und ein dafür geeignetes R-Paket bereit. Dadurch soll es möglich werden, die Entwicklung der verschiedenen Facetten der wirtschaftlichen Offenheit im Prozess der Gewinnung eines besseren Verständnisses der Auswirkungen der gegenwärtigen Krise zu verfolgen.

 

Zu den Autoren:

Philipp Heimberger arbeitet am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und am Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE, Johannes Kepler Universität Linz). Auf Twitter: @heimbergecon

Claudius Gräbner arbeitet am Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE, Johannes Kepler Universität Linz) und am Institut für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen. Auf Twitter: @ClaudiusGrabner

Jakob Kapeller ist Professor für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen und leitet das Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE).