Leistungsbilanz

Exportieren wir wirklich unsere Ersparnisse?

Es wird häufig argumentiert, dass Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss dem eigenen wirtschaftspolitischen Interesse widerspricht, weil er der deutschen Volkswirtschaft wichtige Investitionsmittel entzieht, anderen Ländern das Leben auf Pump finanziert und finanzmarktpolitische Exzesse auf der Welt antreibt. Allerdings haben Leistungsbilanzen damit nicht notwendigerweise etwas zu tun.

Die deutschen Sparexporte sind keine direkte oder gar notwendige Geldquelle für andere Länder, um Importe zu finanzieren. Bild: Pixabay

In der Debatte um die Vor- und Nachteile des deutschen Leistungsbilanzüberschusses sticht auf Seiten der Nachteile ein folgenschwerer Punkt hervor: Da dem Leistungsbilanzüberschuss zwangsläufig ein Netto-Kapitalexport in derselben Höhe gegenübersteht muss Deutschland als Warenexportweltmeister auch zwangsläufig führend beim Exportieren von Finanzkapital sein: Laut Berechnungen des ifo-Instituts verteidigte Deutschland mit einem Wert von 255 Milliarden Euro auch 2017 seinen Titel als Netto-Kapitalexportweltmeister.

Mit dem Geld, das Deutschland aufgrund seines Exportüberschusses verlässt, scheinen diverse unerwünschte Effekte einherzugehen.  In der FAZ heißt es beispielsweise, dass Deutschland durch seine Leistungsbilanzüberschüsse „das Leben auf Pump in den Vereinigten Staaten und Großbritannien [mitfinanziert]”. Quer durch das politische Spektrum scheint es in dieser Frage einen seltenen Konsens zu geben. Auch Ulrike Herrmann schreibt in der taz, dass „die Menschen in den anderen Ländern gar nicht das nötige Geld haben, um die hiesigen Waren und Dienstleistungen zu kaufen“ und sich daher „bei den deutschen Banken“ (Anmerkung: und wohlgemerkt nur dort) verschulden „müssen“.

Martin Hellwig, der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, argumentiert zumindest implizit, dass es eine Konkurrenz zwischen Exportüberschüssen und heimischen Investitionen gibt: „Es (könnte) in unserem eigenen Interesse liegen, einen Teil der Sparüberschüsse nicht ins Ausland zu lenken, sondern in die heimische Infrastruktur.“ Auch DIW-Chef Marcel Fratzscher pflichtet diesem Gedanken bei und schreibt: „Die Handelsüberschüsse Deutschlands sind schlecht, nicht, weil wir zu viel exportieren, sondern weil wir zu wenig in Deutschland investieren und zudem unsere Ersparnisse im Ausland in das Falsche investieren.“

Dieser Logik zufolge muss sich Deutschland also zwischen Investitionen im Inland oder Kapitalexporten ins Ausland entscheiden – das Geld zur Finanzierung ist nur einmal da. Unserer Meinung nach handelt es sich dabei aber um ein Missverständnis: Es ist keinesfalls so, dass ein großer Handelsüberschuss der deutschen Volkswirtschaft zwangsläufig wertvolle Investitionsmittel entzieht – was aber gleichzeitig auch nicht heißt, dass die Leistungsbilanz- und Exportüberschüsse unproblematisch wären.

Eine deutsche „Savings Glut“?

Aus makroökonomischer Sicht wird in diesem Kontext häufig die deutsche Ersparnisflut (“Savings Glut”) genannt, welche zwangsläufig mit den Leistungsbilanzüberschüssen einhergeht, und in Form von milliardenschweren Kapitalströmen zu makroökonomischen Ungleichgewichten führt. So hätten deutsche Ersparnisse, welche 1:1 mit dem Exportüberschuss in Zusammenhang stehen würden, angeblich die Immobilienblasen in den USA, Spanien oder Irland mit aufgeblasen.

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