Die Anatomie des deutschen Außenhandels

Ein Projekt von Mario Huzel und Philipp Stachelsky

Der deutsche Außenhandel gehört zu den spannendsten ökonomischen Phänomenen unserer Zeit – und sorgt regelmäßig für hitzige Debatten. Auf dieser Seite werden wir den deutschen Außenhandel in den kommenden Monaten genauer unter die Lupe nehmen.

Unsere Anatomie des deutschen Außenhandels ist in zwei Hauptkategorien aufgeteilt: In den „Key Facts“ werten wir rein deskriptiv Statistiken aus, die genauere Einblicke in die Struktur des Außenhandels ermöglichen. In den „Debatten“ tragen wir die wichtigsten Argumentationslinien zum Thema zusammen.

Das Projekt funktioniert nach dem Motto “Work in Progress”: Wir werden kontinuierlich weitere Aspekte und Fragestellungen ergänzen. Dabei greifen wir gerne auch Ihre Anregungen auf, die Sie uns unter redaktion@makronom.de zukommen lassen können.




Übersicht
  • Gemessen am gesamten Handelsvolumen sind China, Frankreich und die USA Deutschlands wichtigste Handelspartner
  • In den letzten zehn Jahren ist das deutsche Handelsvolumen mit keinem anderen Land so stark gestiegen wie mit China.
  • Die mit Abstand größte Abnehmerregion deutscher Exporte ist die EU.
  • Die wichtigsten Abnehmerländer sind die USA, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, China und Italien.
  • In absoluten Werten betrachtet konnten Maschinenbau und Autoindustrie ihr Exportvolumen während des letzten Jahrzehnts am deutlichsten steigern.
  • Allerdings hat sich die Exportstruktur seit fast einem Jahrzehnt kaum verändert – der Anteil der einzelnen Warengruppen an den Gesamtexporten ist sehr konstant.
  • Die meisten Waren importiert Deutschland aus der EU und aus Asien.
  • Der größte Anteil der nach Deutschland eingeführten Waren stammt aus China, den Niederlanden, Frankreich, den USA und Italien.
  • Auch bei den Importen stieg der absolute Wert der Maschinenbau- und Autoindustrieerzeugnisse von allen Warengruppen am stärksten an.
  • Auffallend stark zurückgegangen ist der Import von Roh- und Brennstoffen seit dem Jahr 2014, der vor allem auf den Einbruch der Rohstoffpreise, vor allem Mineralöl, zurückzuführen sein dürfte.
  • Auch die Importstruktur der Warengruppen hat sich seit knapp 10 Jahren kaum verändert. Am stärksten haben Fertigwaren & Warenverkehrsvorgänge an Bedeutung hinzugewonnen.
  • Mehr als ein Drittel der deutschen Außenhandelsüberschüsse wurden im Handel mit Großbritannien und den USA erwirtschaftet. Ein nennenswertes Außenhandelsdefizit hat Deutschland nur gegenüber China.
  • Der hohe Überschuss ist in erster Linie auf den Export von Maschinen und Fahrzeugen zurückzuführen.
  • Dagegen bilden Roh- und Brennstoffe den größten Defizit-Posten. Allerdings ist dieser wohl vor allem wegen der gesunkenen weltweiten Rohstoffpreise in den letzten Jahren deutlich kleiner geworden.
  • Die deutsche Außenhandelsquote ist seit Einführung des Euro stark gestiegen.
  • Im internationalen Vergleich ist Deutschland eine sehr offene Volkswirtschaft.
  • Zu Beginn des neuen Jahrtausends trug der Außenhandel relativ viel zum Wachstum des deutschen BIP bei. In den letzten Jahren waren die Konsumausgaben der stärkste Wachstumstreiber.
  • To be continued …
Mit welchen Ländern tauscht Deutschland die meisten Waren aus?

Gemessen am gesamten Handelsvolumen (Exporte plus Importe) tauscht Deutschland inzwischen die meisten Waren mit China aus. Es folgen Frankreich, die USA, die Niederlande und Großbritannien:

Quelle: Destatis, eigene Berechnungen

Damit hat China den USA den Rang als Deutschlands wichtigster Handelspartner abgelaufen. In den letzten zehn Jahren ist das deutsche Handelsvolumen in absoluten Werten gegenüber keinem Land so stark gestiegen. Starke Zuwächse gab es auch im Handel mit Polen und den USA, wobei das Handelsvolumen mit den Vereinigten Staaten im letzten Jahr zurückgegangen ist.

Quelle: Destatis, eigene Berechnungen
Was für Waren exportiert Deutschland in welche Länder?

Die folgende Grafik zeigt die Struktur der deutschen Exporte nach Ländergruppen, einzelnen Staaten und Warengruppen, jeweils gewichtet nach ihren Anteilen: Wenn Sie auf der ersten Ebene auf eine Ländergruppe klicken, öffnet sich eine zweite Ebene, die zeigt, in welche Staaten dieser Gruppe Deutschland wie viel exportiert. Ein Klick auf die einzelnen Staaten zeigt, welche Warengruppen konkret in dieses Land exportiert werden.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen”

Die mit Abstand größte Abnehmerregion deutscher Waren ist die EU mit einem Anteil von knapp 59%. Es folgen Asien (17%), Nordamerika und die nicht zur EU gehörenden europäischen Staaten (jeweils knapp 10%). Die verbleibenden Regionen haben jeweils einen Anteil von unter 3%.

Das größte einzelne Abnehmerland sind die USA mit einem Anteil von knapp 9%, gefolgt von Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, China und Italien.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen

In absoluten Werten betrachtet konnten Maschinenbau und Autoindustrie ihr Exportvolumen während des letzten Jahrzehnts am deutlichsten steigern – von einem Tiefststand von 378 Milliarden im Jahr 2009 auf fast 600 Milliarden in 2016.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen

Einigermaßen erstaunlich ist jedoch, dass sich die Exportstruktur seit fast einem Jahrzehnt kaum verändert hat. Der folgende Chart zeigt den Anteil einzelner Warengruppen an den Gesamtexporten: Demnach ist lediglich der Anteil der Gruppe „Bearbeitete Waren“ seit 2008 konstant zurückgegangen (um 3 Prozentpunkte). Die Anteile der anderen Warengruppen sind seit fast einem Jahrzehnt dagegen sehr konstant.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen
Was für Waren importiert Deutschland aus welchen Ländern?

Die folgende Grafik zeigt die Struktur der deutschen Importe nach Ländergruppen, einzelnen Staaten und Warengruppen, jeweils gewichtet nach ihren Anteilen: Wenn Sie auf der ersten Ebene auf eine Ländergruppe klicken, öffnet sich eine zweite Ebene, die zeigt, aus welchen Staaten dieser Gruppe Deutschland wie viel importiert. Ein Klick auf die einzelnen Staaten zeigt, welche Warengruppen konkret aus diesem Land importiert werden.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen”

Die meisten Waren importiert Deutschland aus der EU (57%), Asien (20%) und den europäischen Ländern, die nicht Teil der EU sind (11%). Der größte Anteil der nach Deutschland eingeführten Waren  stammt aus China (knapp 10%), es folgen die Niederlande, Frankreich, die USA und Italien.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen

Auch bei den Importen stieg der absolute Wert der Maschinenbau- und Autoindustrieerzeugnisse am stärksten an – von einem Tiefststand von 235 Milliarden im Jahr 2009 auf knapp 350 Milliarden im Jahr 2016. Der Import von Fertigwaren & Warenverkehrsvorgängen nahm ebenfalls deutlich zu. Auffallend ist der deutliche Rückgang der Roh- und Brennstoffe seit 2014, der auf den Einbruch der Rohstoffpreise (vor allem Mineralöl) zurückzuführen sein dürfte.

Destatis, eigene Berechnungen

Auch die Importstruktur der Warengruppen hat sich seit knapp 10 Jahren kaum verändert.  Der Anteil einzelner Warengruppen an den Gesamtexporten zeigt, dass Fertigwaren & Warenverkehrsvorgänge in den letzten Jahren am meisten an Bedeutung hinzugewonnen haben. Danach folgen Maschinen- und Fahrzeugimporte. Deutliche Schwankungen gibt es nur bei den Roh- und Brennstoffimporten.

Destatis, eigene Berechnungen

Die Volatilität der Roh- und Brennstoffimporte dürfte auf die Schwankungen der Weltmarktpreise zurückzuführen sein. Dafür spricht auch, dass das Importvolumen dieser Warengruppe lediglich in Euro betrachtet sehr stark schwankt, aber das importierte Gewicht durchaus konstant ist. So importierte Deutschland (mit Ausnahme des Krisenjahres 2009) seit 2008 jedes Jahr Roh- und Brennstoffe zwischen 360 und 400 Megatonnen. Allerdings ging das Importvolumen in Euro gemessen insbesondere seit 2014 – also parallel zum Verfall der globalen Rohstoffpreise – kontinuierlich zurück.

Destatis, eigene Berechnungen
Im Handel mit welchen Ländern entstehen Überschüsse bzw. Defizite?

2016 erzielte Deutschland Außenhandelsüberschüsse in Höhe von insgesamt 252 Milliarden Euro. Mehr als ein Drittel dieser Überschüsse wurden im Handel mit Großbritannien und den USA erwirtschaftet. Ein nennenswertes Außenhandelsdefizit hat Deutschland nur gegenüber China.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen

Die Aufgliederung nach Warengruppen zeigt sehr deutlich, dass der hohe Überschuss in erster Linie durch den Export von Maschinen und Fahrzeugen zustande kommt. Ein wichtiger Faktor sind auch chemische Erzeugnisse. Dagegen bilden Roh- und Brennstoffe den größten Defizit-Posten. Das aus dieser Warengruppe resultierende Defizit wird jedoch seit einigen Jahren kleiner, was primär auf die fallenden Rohstoffpreise zurückzuführen sein dürfte.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen
Wie „offen“ ist die deutsche Volkswirtschaft?

Wenn man über die „Offenheit“ einer Volkswirtschaft spricht, meint man in der Regel, wie stark ein Land in die internationalen Handelsverflechtungen eingebunden ist. „Offene“ Volkswirtschaften sind stark in den Welthandel eingebunden, während „geschlossene“ Volkswirtschaften in Relation zu ihrer Wirtschaftsleistung weniger exportieren und importieren.

Der einfachste statistische Indikator, mit dem man die Offenheit einer Volkswirtschaft messen kann, ist die Außenhandelsquote. Diese bemisst den Anteil des Warenexports und Warenimports gemessen am Bruttoinlandsprodukt eines Landes.

Im Jahr 2016 exportierte und importierte Deutschland Waren im Gesamtwert von 2,162 Milliarden Euro. Dabei machten Exporte 1,207 Milliarden Euro oder 38,60% des BIP aus; Importe schlugen mit 955 Milliarden Euro oder 30,53% zu Buche. Somit betrug die Außenhandelsquote 69,12%, also mehr als zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung des Jahres. Laut unseren approximativen Hochrechnungen (Rundungsfehler inbegriffen) lag die Außenhandelsquote in den letzten Jahren immer knapp unter dem Spitzenwert von 72,75% aus dem Jahr 2011.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen

Auffällig ist auch, dass die deutsche Außenhandelsquote im Zuge der Einführung des Euro als Buchgeld (also ab 1999) deutlich angezogen hat: In den neun Jahren nach der Wiedervereinigung betrug die durchschnittliche Außenhandelsquote etwa 42% des BIP. Seit der Einführung der Gemeinschaftswährung lag diese durchschnittlich bei 65%. Nach der Großen Rezession von 2008/09 liegt sie relativ konstant bei etwa 70% des BIP.

In den obigen Berechnungen haben wir allerdings nur den Export von Waren berücksichtigt. Bezieht man auch den Handel mit Dienstleistungen ein, dann lag die deutsche Außenhandelsquote laut OECD-Daten im Jahr 2016 etwa bei 84% der jährlichen Wirtschaftsleistung. Deutsche Unternehmen exportierten Dienstleistungen im Wert von 7,4% des BIP, die Importquote lag bei 7,9%. Im Gegensatz zum Warenhandel ist die deutsche Dienstleistungsbilanz (vor allem wegen der Ausgaben von deutschen Touristen im Ausland) chronisch defizitär – es werden jedes Jahr also mehr Dienstleistungen importiert als exportiert.

Egal ob unter Berücksichtigung der Dienstleistungen oder ohne – gemessen an der Außenhandelsquote ist Deutschland im Vergleich zu anderen größeren Volkswirtschaften sehr stark in die internationalen Handelsverflechtungen eingebunden, wie der folgende Chart zeigt:

*Quoten für 2015, ** Quoten für 2014, ansonsten alle für 2016. Quellen: IWF, OECD, eigene Berechnungen

An dieser Stelle sollte betont werden, dass es keinen unmittelbar nachweisbaren Zusammenhang zwischen der handelspolitischen „Offenheit“ eines Landes und dessen Wohlstandsniveau gibt. Setzt man die Außenhandelsquote (gemessen an Waren-Quoten) ins Verhältnis zum pro-Kopf Einkommen einer Volkswirtschaft, zeigt sich, dass der Zusammenhang zwischen „offen“ und „wohlhabend“ zumindest im Ländervergleich nicht eindeutig herzustellen ist. So hat Brasilien beispielsweise im Verhältnis zu seinem Pro-Kopf-Einkommen eine geringe Außenhandelsquote, während die Slowakei bei etwa ähnlichem Pro-Kopf-Einkommen sehr stark mit anderen Ländern verflochten ist.

Wie viel trägt der Außenhandel zur Wirtschaftsleistung bei?

Die Verwendungsrechnung gibt Auskunft darüber, wie die inländische Wertschöpfung von den Wirtschaftssubjekten (hier privat und öffentlich zusammen) verwendet werden. Dabei unterteilt man die Verwendung des Bruttoinlandsproduktes in 3 grobe Kategorien: 1) Konsumausgaben (unterteilt in Haushalte, Unternehmen und öffentlich Hand) 2) Investitionsausgaben (unterteilt in Haushalte, Unternehmen und öffentliche Hand) 3) Die Nettonachfrage des Auslands nach inländischen Gütern (privat und öffentlich). Also setzt sich gemäß der Verwendungsrechnung das BIP eines Landes wie folgt zusammen:

BIP = Konsumausgaben + Investitionen + Außenbeitrag (Exporte – Importe)

Der deutsche Außenhandelsüberschuss bzw. Außenbeitrag, also die Differenz zwischen Exporten und Importen, betrug im Jahre 2016 etwa 252 Milliarden Euro. Das entspricht rund 8.1% der gesamten Wirtschaftsleistung. Einen deutlich höheren Anteil am BIP haben die Konsumausgaben und Investitionen.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen

Eine weitere Möglichkeit, um die Bedeutung des Außenhandels zu ermitteln, ist die Betrachtung der Wachstumsbeiträge der drei Komponenten. Diese geben an, wie viel Prozentpunkte des realen BIP-Wachstums eines Jahres auf die Veränderungen bei Konsum, Investitionen oder dem Außenbeitrag zurückzuführen sind. Hier zeigt sich, dass der Außenbeitrag insbesondere in den Jahren zu Beginn des neuen Jahrtausends im Vergleich zu Konsum und Investitionen relativ viel zum Wachstum des deutschen BIP beitrug. Seit der Finanzkrise hat sich dies jedoch geändert. In den letzten drei Jahren waren die (staatlichen und privaten) Konsumausgaben der stärkste Wachstumstreiber.

Quelle: Destatis

Allerdings gilt es Folgendes zu beachten: Ein negativer Außenbeitrag, bzw. ein Importüberschuss erweckt den Eindruck, dass Einfuhren aus dem Ausland die heimische Wertschöpfung verringern und somit an der Wachstumsrate der Volkswirtschaft zehren würden. Bei dieser Schlussfolgerung handelt es sich allerdings um einen Trugschluss, da Importe bereits in den Konsumausgaben oder den Investitionsausgaben miteinbezogen sind und deshalb abgezogen werden, damit sie nicht fälschlicherweise zum Konsum- bzw. den Investitionsausgaben für die inländische Produktion hinzugerechnet werden.

In diesem Abschnitt zeigen wir die Argumentationslinien und Positionen auf, die in der Debatte um die deutschen Überschüsse vorgebracht werden. Dabei haben wir das Ziel, möglichst viele der Argumente darzustellen – unabhängig davon, ob wir diese persönlich teilen oder nicht.

Was sind die Gründe für die deutschen Überschüsse?

Hohe Qualität „Made in Germany“

Herausragende Innovationskraft, vorbildliche Kosteneffizienz und ein führendes Preisleistungsverhältnis sind verantwortlich dafür, dass insbesondere deutsche Kraftfahrzeuge und maschinelle Erzeugnisse reißenden Absatz auf dem Weltmarkt finden. Die starke Nachfrage nach deutschen Produkten aus dem Rest der Welt ist ausschlaggebend dafür, dass der deutsche Außenhandelsüberschuss derart ausgeprägt ist – schließlich werden weder ausländische Käufer dazu gezwungen, deutsche Produkte zu erwerben, noch können inländische Käufer dazu gezwungen werden, ausländische Produkte zu kaufen.

Wie hoch die Attraktivität des Labels „Made in Germany“ ist, zeigt sich beispielsweise anhand des Made-in-Country-Index, für den das Statistikportal Statista gemeinsam mit dem Marktforschungsunternehmen Dalia Research rund 43.000 Verbraucher in 52 Ländern befragt hat:

Importschwäche

Der Außenhandelsüberschuss hängt nicht nur von der starken Nachfrage nach deutschen Produkten ab. Es gibt zahlreiche Volkswirtschaften, deren Exportprodukte innovativ sind, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis haben und weltweit nachgefragt werden und dennoch keinen Handelsüberschuss von 8% des BIP aufweisen. Auch die inländische Gesamtnachfrage und somit die Nachfrage nach ausländischen Produkten ist entscheidend – und in Deutschland ist diese verhältnismäßig dürftig. Die entscheidende Frage muss also lauten: Wieso ist die deutsche Nachfrage nach Importen so schwach?

Zum einen könnte ein Teil der Importschwäche durch eine größere Preissensibilität der Importprodukte zu Stande kommen. Anschaulich wird dies zum Beispiel bei der volatilen Entwicklung der nominalen Rohstoffimporte, die in den Jahren 2014 bis 2016 vor allem auf starke Preisschwankungen zurückzuführen waren.

Andererseits könnte die Antwort auch in der wachsenden Einkommensungleichheit, der Zunahme prekärer, unsicherer und unterbezahlter Arbeitsverhältnisse sowie einer ungerechten Verteilung der Einkommen aus den Exportüberschüssen liegen. Diese Faktoren führen dazu, dass deutsche Haushalte insgesamt weniger konsumieren und, falls überhaupt möglich, mehr sparen. Die dadurch (etwas) unterkühlte Binnenkonjunktur bedeutet im Umkehrschluss, dass Firmen bei ihren Investitionsentscheidungen eher zurückhaltend agieren und angefallene Gewinne lieber ausschütten oder im Ausland investieren. Somit übersteigen die aggregierten Ersparnisse die aggregierten Investitionen bzw. bleibt im Umkehrschluss die inländische Nachfrage weit hinter der jährlichen Wertschöpfung zurück.

Die schwäbische Hausfrau

Ein gewaltiger Exportüberschuss bedeutet aus buchhalterischer Perspektive zugleich, dass in Deutschland mehr gespart als investiert und dadurch Kapital ins Ausland exportiert wird. Verschiedene Wirtschaftsakteure haben dafür verschiedene Gründe. Zum Beispiel sparen Haushalte vor dem Hintergrund des demographischen Wandels vermehrt für ihre Altersvorsorge. Unternehmen sparen, da sie bereits mit einer sehr kapitalintensiven Technologie arbeiten bzw. einen sehr hohen Kapitalbestand angehäuft haben. Der deutsche Staat verzeichnet seit geraumer Zeit ebenfalls einen Haushaltsüberschuss. Der gesamtdeutsche Überschuss an Ersparnissen muss also exportiert werden. Und da die Kapitalbilanz die Kehrseite der Leistungsbilanz darstellt, kommt es spiegelbildlich zu einem gewaltigen Leistungsbilanzüberschuss.

Lohnzurückhaltung (a. k. a. Lohndumping)

Anfang des neuen Jahrtausends galt Deutschland als “der kranke Mann Europas”. Erst die Agenda 2010-Reformen verhalfen der deutschen Wirtschaft wieder auf die Beine. Die Lohnstückkosten konnten gesenkt und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wiederhergestellt werden. Die stabilen Lohnstückkosten seit Einführung der Agenda-Reformen verhalfen der Exportindustrie zu einem Vorteil im hart umkämpften internationalen Preiswettbewerb.

Gegen dieses „Agenda 2010-Argument“ spricht allerdings, dass die deutschen Lohnstückkosten bereits seit Mitte der 90er Jahre im Vergleich zu Deutschlands wichtigsten Handelspartnern stagnieren und die Lohnzurückhaltung somit wohl eher die Folge der Dezentralisierung von Lohnverhandlungen nach der Wiedervereinigung ist. Tarifautonomie und die Schwäche der gewerkschaftlichen Verhandlungsmacht spielen also eine entscheidende Rolle bei der Erklärung stabiler bzw. niedriger Lohnstückkosten. Hartz IV und Co. haben diese Entwicklung vielleicht intensiviert, aber nicht ausgelöst.

Quellen: OECD, eigene Berechnungen

Ungleichgewicht zwischen Sparen und Investieren

Hinzu kommt, dass die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands eine relative Größe ist, die nur im Vergleich mit der Preisentwicklung anderer Länder eine Aussagekraft hat. Und diese hängt auch davon ab, wie groß das Ungleichgewicht zwischen Sparen und Investieren in Deutschland ist – denn ein Exportüberschuss ist immer auch ein Kapitalexport.

Die gesamtwirtschaftliche Zahlungsbilanz setzt sich grob aus zwei Teilbilanzen zusammen, der Leistungsbilanz und der Kapitalbilanz. Die Ökonomen Jens Südekum und Gabriel Felbermayr erklären die Bedeutung der beiden Teilbilanzen anhand der Analogie des Yin und Yang:  “Das „Yin“ der Leistungsbilanz sind dabei die Überschüsse, die Deutschland im Waren- und Dienstleistungshandel erzielt. Das sind 261 Milliarden Euro. Das „Yang“ der Leistungsbilanz (das wir in der Kapitalbilanz finden. Anm.) ist wiederum die Finanzierungsseite: Hiernach hat die deutsche Volkswirtschaft 2016 261 Milliarden Euro weniger konsumiert oder im Inland investiert, als möglich gewesen wäre. Dieses Geld ist natürlich nicht einfach weg, sondern wurde gespart und im Ausland angelegt.” Durch die über die Jahre hinweg aufgebauten Außenhandelsüberschüsse beträgt das deutsche Netto-Auslandsvermögen mittlerweile 1,8 Billionen Euro.

Anhand dieser Analogie wird deutlich, dass man das deutsche Außenhandelsungleichgewicht nicht nur aus der Perspektive einer der beiden Teilbilanzen betrachten kann. Es kommt eben darauf an, von welcher Seite man die Zahlungsbilanz anschaut – eine unausgeglichene Leistungsbilanz bedeutet zugleich auch eine unausgeglichene Kapitalbilanz: Dort wo mehr exportiert als importiert wird, wird eben zugleich auch mehr gespart als ausgegeben. Diese Erkenntnis ist für die Diskussion um den deutschen Außenhandel von besonderer Bedeutung, da sie die Spar- und Investitionsentscheidung der deutschen Haushalte, Unternehmen sowie des deutschen Staates in den Vordergrund rückt. Denn Ersparnisse, die in Deutschland nicht investiert werden, suchen schließlich im Ausland nach gewinnbringenden Anlagemöglichkeiten, entweder als klassische Auslandsinvestitionen oder als ganz normale Kredite im Ausland mit zum Teil “verheerenden” Folgen für das Preisniveau anderer Länder, zum Beispiel in Südeuropa.

Aber auch für Deutschland selbst sind die im Ausland angelegten Gelder nicht zwangsläufig ein gutes Geschäft: So erzielt das Auslandsvermögen der Deutschen laut Bundesbank miserable Renditen.

Sehr deutlich wird dieser Punkt, wenn man die Entwicklung des deutschen Auslandsvermögens in Relation zu den Leistungsbilanzüberschüssen setzt. Laut Berechnungen von Fabian Fritzsche, Analyst beim Vermögensverwalter Collineo, hat Deutschland bis Ende 2016 Leistungsbilanzüberschüsse von kumuliert knapp 2,4 Billionen Euro angehäuft. Allerdings betrug das kumulative Nettoauslandsvermögen bis zum 3. Quartal 2016 aber lediglich 1,59 Billionen Euro. Die negative Differenz von 744 Milliarden Euro ist der Betrag, für den Güter und Dienstleistungen ins Ausland exportiert worden, denen nun aber keine Forderungen mehr gegenüberstehen. „Diese Produktion wurde also letztlich verschenkt. Unter Berücksichtigung dieser Zahlen sehen vermeintliche Gewinner und Verlierer von Leistungsbilanzüberschüssen bzw. -defiziten auf einmal ganz anders aus. Demnach gehört Deutschland zu den großen Verlierern und zwar nicht trotz, sondern wegen der gigantischen Überschüsse der letzten Jahre“, so Fritzsche.

Quelle: Berechnungen von Fabian Fritsche auf Basis von Bundesbank-Daten

Der Euro

Die außergewöhnliche Nachfrage nach deutschen Produkten müsste eigentlich dazu führen, dass die deutsche Währung nominal aufwertet. Ein höherer Wechselkurs würde die Exportnachfrage dämpfen und die Importnachfrage steigern, so dass ein automatischer Ausgleich der Handelsbilanz stattfinden könnte. Allerdings ist Deutschland ein Mitglied des Euroraums, wodurch dieser Anpassungsmechanismus unterdrückt wird. Hinzu kommt, dass der Kurs des Euro in letzter Zeit eher ab- als aufgewertet hat und somit deutsche Produkte in Ländern außerhalb der Eurozone immer billiger werden.

Quellen: EZB, eigene Berechnungen

Andererseits müssten sich im Fall eines anhaltend stark unterbewerteten Wechselkurses deutliche Preissteigerungstendenzen (vor allem der Kerninflationsrate) in Deutschland beobachten lassen, was seit geraumer Zeit aber nicht der Fall ist. Zudem ist der deutsche Export sehr stark auf importierte Zwischengüter angewiesen, die bei einem unterbewerteten Wechselkurs die Kosten für die Produktion von Exportgütern in die Höhe treiben würden.

Hinzu kommt die Tatsache, dass der Wechselkursmechanismus vor allem dann eine bedeutende Rolle spielt, wenn es sich bei den Export- und Importprodukten um sehr preissensible Produkte handelt. Bei den deutschen Exportprodukten handelt es sich aber größtenteils um Investitionsgüter und andere langlebige Kapitalgüter, bei denen die Wettbewerbsfähigkeit entscheidend von den nicht-preislichen Eigenschaften der Güter abhängt. Es gibt also gute Argumente die dafürsprechen, dass der nominale Wechselkurs eher eine untergeordnete Rolle spielt.

Verschiebung von Arbeit zu Kapital

Anders sieht es beim realen Wechselkurs aus. Eigentlich müssten anhaltende Außenhandelsüberschüsse dazu führen, dass das Preisniveau in Deutschland unter Druck gerät und sich somit der reale effektive Wechselkurs anpasst. Unter einem realen effektiven Wechselkurs versteht man ein Austauschverhältnis, das die Preis- und Kostenentwicklung eines Landes relativ zu der seiner Handelspartner, gewichtet nach ihrem jeweiligen Handelsanteil, berücksichtigt. Im Vergleich zum nominalen Wechselkurs werden somit Preis- und Kostenunterschiede, ausgedrückt in der Inflationsrate, in die Betrachtung miteinbezogen.

Wertet der reale Wechselkurs ab, werden inländische Produkte im Vergleich zu ausländischen Produkten günstiger. Spiegelbildich nimmt allerdings zugleich die Kaufkraft der Inländer im Bezug auf ausländische Güter ab. Dementsprechend gibt der reale Wechselkurs auch Auskunft über die relative Kaufkraft eines Landes. So hat Deutschland bis 2008 real im Vergleich zu den europäischen Krisenländern (vor allem infolge der Euro-Aufwertung) wesentlich weniger stark aufgewertet bzw. einen deutlichen Kostenvorteil gewinnen können:

Dass die Anpassung des realen Wechselkurses in Deutschland nicht geschehen ist, kann man auch auf die gesamtgesellschaftliche Gewichtsverschiebung von Arbeit zu Kapital – also die Abnahme der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen – zurückführen. Die dadurch etwas unterkühlte inländische Nachfrage hat nicht nur zur Folge, dass wenig aus dem Ausland nachgefragt wird, sondern auch, dass zu wenig nicht-handelbare Güter in Deutschland nachgefragt werden – mit negativen Folgen für den Arbeitsmarkt und das Preisniveau.

Die Verschiebung von Arbeit zu Kapital, könnte auch damit zusammenhängen, dass in Deutschland verhältnismäßig wenig investiert wird. Denn ein Blick auf Frankreich oder Italien zeigt, dass in den Ländern, in denen das Arbeitseinkommen als Anteil am Volkseinkommen in den letzten Jahren nicht abgenommen, sondern leicht zugenommen hat, auch eine Vertiefung der Kapitalintensität, also der Investitionen, zu beobachten ist. Diese wiederum könnten direkt mit den steigenden Lohnstückkosten zusammenhängen, die wir schon weiter oben beobachtet haben.

Die entscheidende Frage wäre also: sind Kapital und Arbeit Komplemente oder Substitute? Oder einfacher gesagt: ersetzen neue Investitionen die menschliche Arbeitskraft (Stichwort Roboter) oder steigern sie vielmehr die Nachfrage nach menschlicher Arbeit?

Es gibt Indizien, die daraufhin deuten, dass mehr Investitionen zu einer höheren Produktivität und somit wiederum zu höheren Arbeitnehmerentgelten führen, ohne gleichzeitig einen Stellenabbau zu verursachen – also mehr Kapital unterm Strich auch der Arbeit in unserer Gesellschaft zu Gute kommt. Höhere Investitionen würden einerseits das Ungleichgewicht zwischen Sparen und Investieren abbauen und andererseits (siehe oben) über die höheren Arbeitnehmerentgelte und höheren Steuern zu einer höheren Gesamtnachfrage der Haushalte und des Staates führen. Der deutsche Außenhandelsüberschuss könnte also auch mit der gesamtwirtschaftlichen Verschiebung von Arbeit zu Kapital verbunden sein.

Sind die deutschen Überschüsse überhaupt ein Problem?

Die Antwort auf die Frage, ob die deutschen Überschüsse ein Problem darstellen, hängt im Wesentlichen davon ab, wie man die einzelnen Gründe zur Entstehung des Außenhandelsüberschusses gewichtet.

Einerseits scheint ein kurzer Blick in die Daten die Überzeugung zu bestätigen, dass es sich bei dem außergewöhnlich hohen deutschen Exportüberschuss vornehmlich um einen „Niveaueffekt“ handelt: Dabei handelt es sich um einzelne Jahre, in denen das Exportvolumen deutlich stärker zugenommen hat als das Importvolumen, während die übrigen Jahre jedoch keinen eindeutigen Trend aufweisen. In Deutschland waren in dieser Hinsicht vor allem die Jahre 2000, 2001 und 2002 von entscheidender Bedeutung.

Kurz nach der Einführung der Gemeinschaftswährung steckte Deutschland in einer tiefen Rezession, während die südlichen Euroländer zu einem konjunkturellen Höhenflug ansetzten. Exporte und Importe koppelten sich in der Folge ab und blieben, mit Ausnahme der Krisenjahre 2008/09 (und 2014), seither verhältnismäßig konstant. Aus dieser Perspektive spielen vornehmlich unterschiedlich verlaufende Konjunkturzyklen und die jeweiligen Präferenzen der beteiligten Wirtschaftssubjekte eine entscheidende Rolle bei der Erklärung des deutschen Außenhandelsungleichgewichts. Folglich sind die sich daraus ergebenden hohen Kapitalexporte – die Gegenposition zu den hohen Exportüberschüssen – vornehmlich als eine natürliche Folge historischer Entwicklungen sowie der demografischen Gesellschaftsstruktur Deutschlands zu verstehen. Problematisch wäre das nicht unbedingt.

Andererseits könnte man auch argumentieren, dass das anhaltende Ungleichgewicht zwischen Exporten und Importen vornehmlich die Konsequenz einer unterkühlten Binnenkonjunktur ist. Auch hier sprechen die Daten für sich. Die nach der Wiedervereinigung einsetzende Lohnzurückhaltung, der ausbleibende Preisdruck trotz anhaltender Außenhandelsüberschüsse und die in den letzten Jahren stattgefundene Gewichtsverschiebung von Arbeit zu Kapital deuten tatsächlich auf eine strukturelle Schwäche der deutschen Wirtschaft hin.

Das ist problematisch, weil die deutsche Wirtschaft somit hinter ihren Produktionsmöglichkeiten bleibt, zu wenig in die Zukunft investiert und weniger Menschen Arbeit bietet, als dies unter voller Auslastung möglich wäre. Hinzu kommt, dass die dadurch entstehenden deutschen Überschussersparnisse als Kapitalströme ins Ausland fließen, mit Teils unangenehmen Folgen für die Empfängerländer. Schließlich lässt sich die Entstehung der Eurokrise auch auf die Asymmetrie intereuropäischer Kapitalströme zurückführen.

Zudem haben die permanenten Exportüberschüsse zur Folge, dass sich die Defizitländer fortwährend verschulden müssen, um ihr Außenhandelsdefizit finanzieren zu können. Auch dies ist problematisch, da das auf Dauer nicht möglich ist bzw. irgendwann die Handelsbilanz der Defizitländer (bei Finanzierungsengpässen wie in der Eurokrise) plötzlich und abrupt ausgeglichen werden muss. Das kann zu einer starken realwirtschaftlichen Kontraktion führen und eventuell auch eine Finanzkrise auslösen (oder umgekehrt).

Problematisch sind die Überschüsse also nicht nur aus Perspektive der deutschen Wirtschaft, sondern auch für die Empfängerländer der deutschen Kapitalströme und die Industrien jener Länder, aus denen Deutschland seine Importe bezieht.

Hinzu kommt, dass sich die deutschen Geldanlagen im Ausland insgesamt als nicht besonders profitabel erwiesen haben. Dies zeigt sich etwa an der Entwicklung des deutschen Nettoauslandsvermögens (mehr dazu im ersten Frage-Block Was sind die Gründe für die deutschen Überschüsse im Abschnitt Ungleichgewicht zwischen Sparen und Investieren).

Wie könnten die Überschüsse abgebaut werden?

Höhere Wettbewerbsfähigkeit anderer Länder

Da die Import- und Exportnachfragen die jeweiligen Präferenzen der beteiligten Wirtschaftssubjekte ausdrücken, können die deutschen Außenhandelsüberschüsse nur abgebaut werden, wenn sich deutsche Waren hinsichtlich des Preis-Leistungs-Verhältnisses verschlechtern und/oder andere Länder den deutschen Produkten den Rang ablaufen. Eine gesteigerte Binnendynamik innerhalb Deutschlands könnte diesen Anpassungsprozess über eine Aufwertung des realen Wechselkurses unterstützen und zugleich zusätzlichen Menschen in Deutschland eine Arbeit bieten.

Verteilungspolitik und Lohnsteigerungen

Die Verteilungspolitik könnte beispielsweise durch höhere Spitzensteuersätze und eine geringe Abgabenlast bei Geringverdienern die in den letzten zwei Jahrzehnten erfolgte Gewichtsverschiebung von Arbeit zu Kapital korrigieren. So könnte die Binnenwirtschaft angekurbelt werden, was neben der Anpassung des realen Wechselkurses auch höhere Importe zur Folge haben dürfte.

Jedoch ist es zweifelhaft, ob und inwiefern höhere Löhne dazu beitragen könnten, die Überschüsse abzubauen. Laut Berechnungen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) würden kräftige Lohnsteigerungen zwar theoretisch zu höheren Preisen und damit zu reduzierten Export- und erhöhten Importmengen führen, den Überschuss also reduzieren.

Allerdings würden Lohnerhöhungen auch die Exportpreise steigen lassen, was für sich genommen auch den Exportumsatz und damit den Überschuss erhöhen könnte. Ob der Gesamteffekt auf den nominalen Wert der Exporte positiv oder negativ ist, hängt somit von der Preiselastizität der Exportnachfrage ab. Diese gibt an, wie stark die ausgeführten Mengen auf eine Veränderung der Ausfuhrpreise reagieren. Wenn die Preiselastizität, was die Regel ist, kleiner als Eins ist, steigt der Wert der Exporte, wenn die Preise steigen.

Wiewohl die Nachfrage nach Exportprodukten und somit die Exportmengen bei einer Preiselastizität kleiner eins zurückgehen, fällt ihr Rückgang allerdings schwächer aus als der Preisanstieg. Mithin erfolgt über die Exportseite daher überhaupt kein Beitrag zur Reduzierung des Leistungsbilanzsaldos – im Gegenteil: der wertmäßige Exportüberschuss erhöht sich sogar noch.

Ob ein Ausgleich der Handelsbilanz gelingt, hängt somit vor allem von einer hinreichend starken Importreaktion ab, was auf den ersten Blick nicht unrealistisch ist –  schließlich führt ein Anstieg des Lohnniveaus zu einer gesteigerten inländischen Nachfrage, die sich auch bei den Importmengen und eventuell sogar den Importpreisen bemerkbar machen dürfte. Auf den zweiten Blick gibt es jedoch auch an dieser Stelle eine Komplikation:  Export- und Importmengen sind nicht voneinander unabhängig. Im Zuge einer intensivierten weltwirtschaftlichen Verflechtung basiert die Produktion von Exportgütern zunehmend auf der Einfuhr von importierten Zwischengütern. Gehen also die Exportmengen aufgrund von Preissteigerungen zurück, sinkt zugleich die Nachfrage nach importierten Vorprodukten. Dies dämpft den Anstieg der Importmengen und reduziert damit den ausgleichenden Effekt höherer Lohn- und Preissteigerungen.

(Europäische) Fiskalpolitik

Der Außenhandelsüberschuss ist auch die Folge einer unvollständigen Währungsunion. Damit eine Währungsunion im Interesse aller Mitgliedsländer funktioniert, müssen generell drei Bedingungen erfüllt werden: Die Freiheit von Güter-, Kapital- und Arbeitsströmen muss gewährleistet werden. Die Konjunkturzyklen der einzelnen Länder sollten synchronisiert verlaufen, damit die EZB eine für alle Mitgliedsländer adäquate Geldpolitik verfolgen kann. Ein Ausgleichsmechanismus sollte implementiert werden, der konjunkturelle Divergenzen gezielt adressieren kann.

Vor allem die Abwesenheit eines funktionierenden Ausgleichsmechanismus in der Eurozone hat das Problem der Außenhandelsungleichgewichte verschärft. Eine gezielte Fiskalpolitik auf gesamteuropäischer Ebene könnte asynchrone Kapitalströme ausgleichen und das Problem divergierender Konjunkturzyklen in Angriff nehmen.

 

Sie haben weitere Argumente, die wir in diese Übersicht aufnehmen sollten? Dann schreiben Sie uns an redaktion@makronom.de

An dieser Stelle protokollieren wir in chronologischer Reihenfolge alle Ergänzungen, die wir am Projekt vorgenommen haben.

4. Mai 2017

Key Facts

  • „Offenheit“ der deutschen Volkswirtschaft: Außenhandelsquote Deutschland, internationaler Vergleich
  • Anteil des Außenhandels am BIP

Debatten

Was sind die Gründe für die deutschen Überschüsse?

  • Auswirkungen der Gewichtsverschiebung von Arbeit zu Kapital

 

24. April 2017

Debatten

Was sind die Gründe für die deutschen Überschüsse?

  • Ergänzende Erläuterungen zum Zusammenhang von Exportüberschüssen und Kapitalexporten („Yin und Yang“)
  • Berechnungen zur Entwicklung des deutschen Auslandsvermögens (ebenfalls ergänzt bei Frage: Sind die deutschen Überschüsse überhaupt ein Problem?)

Wie könnten die Überschüsse abgebaut werden?

  • Ergebnisse eines IMK-Reports zu den Auswirkungen von Lohnsteigerungen auf die Handelsbilanz

Seitenstruktur

  • Linkliste: Übersicht mit im Projekt verwendeter Literatur und Datenquellen hinzugefügt
  • Die Linkliste wurde in Reiter „Mehr“ eingegliedert, wo sich jetzt auch die methodischen Erläuterungen finden
29. März 2017

Key Facts

  • Importe: Chart zu Roh- und Brennstoffimporten in Euro und nach Gewicht

Debatten

Was sind die Gründe für die deutschen Überschüsse?

  • Ergebnisse einer Studie zur Attraktivität des Labels “Made in Germany”
  • Argument: Importschwäche könnte seit 2014 auch (zumindest teilweise) durch sinkende Rohstoffpreise begründet sein
  • Chart zu Lohnstückkosten
  • Chart zu realen effektiven Wechselkursen

Linkliste

Analysen & Kommentare

 

Datenquellen

Methodik

Angepasste Warensystematik

Für einige unserer Darstellungen, in denen es um die Aufschlüsselung des Außenhandels nach Warengruppen geht, verwenden wir eine modifizierte Variante der von der UN entwickelten Standard International Trade Classification (SITC). Die SITC beinhaltet im Original die folgenden Warengruppen:

SITC-0: Lebende Tiere und Nahrungsmittel
SITC-1: Getränke und Tabak
SITC-2: Rohstoffe (ausgen. Nahrungsm. u.mineral. Brennst.)
SITC-3: Mineral. Brennstoffe, Schmiermittel u.verw.Erzeug.
SITC-4: Tierische und pflanzliche Öle, Fette und Wachse
SITC-5: Chemische Erzeugnisse
SITC-6: Bearbeit. Waren, vorwieg.n.Beschaffenheit geglied.
SITC-7: Maschinenbauerzeugn.,elektrotechn.Erzeugn.u.Fahrz.
SITC-8: Verschiedene Fertigwaren
SITC-9: Waren und Warenverkehrsvorgänge

Zur besseren Visualisierung haben wir einige dieser Gruppen zusammengefasst und umbenannt. Wir haben darauf geachtet, nur Gruppen „wegzurationalisieren“, deren Anteil an den deutschen Gesamtexporten und -Importen bei höchstens um die 1% liegt. Hier die von uns zusammengefassten Warengruppen:

0 + 1 + 4 = „Lebensmittel“
2 + 3 = „Roh- und Brennstoffe“
5 = „Chemische Erzeugnisse“
6 = „Bearbeite Waren“
7 = „Maschinen und Fahrzeuge“
8 + 9 = „Fertigwaren & Warenverkehrsvorgänge“