Hartz-Reformen

Sind schlechtere Jobs der Preis für weniger Arbeitslosigkeit?

Eine neue Studie hat untersucht, ob der Erfolg der Hartz-Reformen beim Beschäftigungsaufbau mit einem zunehmenden Niedriglohnsektor und ungünstigen Arbeitsbedingungen erkauft wurde. Ein Beitrag von Hermann Gartner, Thomas Rothe und Enzo Weber.

Obwohl seit der Großen Rezession Ende der 2000er Jahre in vielen Länder die Arbeitslosigkeit gestiegen ist, sank sie in Deutschland erheblich. Viele sehen dabei eine wichtige Rolle der Hartz-Reformen von 2003 bis 2005. Gleichzeitig wird aber die Qualität der neue entstandenen Jobs kritisiert. Dies betrifft insbesondere die schwache Lohnentwicklung, steigende Lohnungleichheit und möglicherweise abnehmende Beschäftigungsdauer. Die Reformen hätten demnach nur den Druck auf die Arbeitslosen erhöht und die Arbeitgeber merklich von Regulierungen und Kosten entlastet. Ging also der Erfolg der Reformen beim Beschäftigungsaufbau zu Lasten eines zunehmenden Niedriglohnsektors und ungünstiger Arbeitsbedingungen?

Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit.

Mehrere Studien zeigen, dass Arbeitslose nach den Hartz-Reformen tatsächlich schneller in Beschäftigung gekommen sind. Um das zu untersuchen, wird üblicherweise eine sogenannte Matchingfunktion geschätzt. Sie liefert als Kenngröße unter anderem die Matchingeffizienz, die angibt, wie schnell Arbeitslose und offene Stellen zueinanderkommen. So stellen etwa Klinger/Weber (2016) sowie Launov/Wälde (2016) fest, dass die Matchingeffizienz mit den Hartz-Reformen gestiegen ist.

Bei diesen Untersuchungen wird aber nicht unterschieden, welche Qualität die neuen Jobs haben. In einer am heutigen Mittwoch erschienenen Studie haben wir daher den Ansatz einer Matching-Funktion um eine Qualitätsperspektive erweitert und das Konzept der qualitätsgewichteten Matching-Funktion eingeführt.

Aus Arbeitnehmerperspektive werden die einzelnen Matches nach ihrer Qualität gewichtet, indem Maße für Lohn, Lohnungleichheit und Beschäftigungsdauer in eine Matching-Funktion einbezogen werden. Diese Qualitätsmaße werden auch von Studien herangezogen, die mit Mikrodaten ungewünschte Nebenwirkungen von Reformen evaluieren (vgl. van den Berg/Vikström 2014 oder Nekoei/Weber 2017). Die Gewichte werden empirisch ermittelt und spiegeln so die Relevanz der verschiedenen Qualitätsmaße für das Matching wider. Der Beitrag unserer Studie liegt damit in einer Gesamtabwägung zwischen Quantität und Qualität aus einer makroökonomischen Perspektive. So werden auch Gleichgewichtseffekte (wie Verdrängungs- und Substitutionseffekte) berücksichtigt, die von Mikrostudien nicht erfasst werden.

Der Ansatz ermöglich zu analysieren, inwieweit die Matching-Effizienz mit den Reformen auch nach Kontrolle der Qualitätsänderungen noch gestiegen ist. Es können also zwei Schlüsselfragen beantwortet werden: Haben die Reformen zu einer höheren Matchingeffizienz und damit einer echten Verbesserung der Funktionsweise des Arbeitsmarktes geführt? Oder haben sie nur die Ergebnisse in einem Zielkonflikt zwischen Quantität und Qualität verschoben?

Die Datenbasis für unsere Studie bildet eine repräsentative 2-Prozent Stichprobe der Integrierten Erwerbsbiografien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Diese administrativen Individualdaten eignen sich ausgezeichnet, um Neueinstellungen, Löhne und Beschäftigungsdauern zu berechnen und die Auswirkungen institutioneller Änderungen zu analysieren (vgl. Bauer/King 2018 oder Schmieder et al. 2012).

Zur Schätzung der Matchingfunktion werden die monatlichen Zeitreihen der registrierten Arbeitslosen sowie die Übergänge aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung (die Matches) verwendet. Qualitätsmerkmale der Neueinstellungen sind Löhne und Beschäftigungsstabilität. Es werden verschiedene Qualitätsmaße berechnet und deren Bedeutung empirisch geprüft. Neben der mittleren Lohnhöhe im neu begonnenen Beschäftigungsverhältnis erweist sich insbesondere die Lohn(un-)gleichheit, gemessen als das Verhältnis des niedrigsten Lohndezils zu den mittleren Löhnen, als relevantes Maß für die Beschäftigungsqualität. Die folgende Abbildung zeigt die Entwicklung beider Qualitätsmaße: Die Qualität nach Arbeitslosigkeit neu begonnener Beschäftigungsverhältnisse hat sich während und nach Einführungen der Hartz-Reformen verschlechtert, allerdings begannen solche Prozesse schon deutlich früher.

Quelle: IAB Erwerbsbiografie, eigene Berechnungen

Wenn aufgrund der Reformen zum Beispiel stärker gering qualifizierte und langzeitarbeitslose Personen in Beschäftigung kommen, dürfte das unsere Qualitätsmaße – wie etwa den Lohn – verschlechtern. Dies sollte aber nicht der Reform zu Last gelegt werden, da es ein Ziel war, diese Gruppe verstärkt in Beschäftigung zu bringen. Wir berechnen daher mit Hilfe der Mikrodaten, wie sich die Qualitätsvariablen geändert hätten, wenn sich die Eigenschaften der Personen (Geschlecht, Nationalität, Landesteil, Bildungsniveau, Alter, Arbeitserfahrung, Arbeitslosigkeitsdauer vor dem Match) im betrachteten Zeitraum nicht geändert hätten. Schließlich schätzen wir Matching-Funktionen mit saisonbereinigten Monatswerten für Arbeitslosigkeit und Vakanzen für den Zeitraum 1992 bis 2017. Mögliche Veränderungen in der Alters- oder Bildungsstruktur der Arbeitslosenpopulation werden berücksichtigt, indem für den Anteil gering qualifizierter, jüngerer und älterer Personen sowie für den Anteil von Frauen und Personen nichtdeutscher Staatsbürgerschaft kontrolliert wird.

In der Vergleichsschätzung ohne Qualitätsindikatoren zeigt sich: Die Matching-Effizienz hat sich mit den Hartz-Reformen insgesamt um 24 Prozent erhöht. Mit anderen Worten: Die Chance, innerhalb eines Monats aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung zu wechseln, ist um ein Viertel gestiegen.

Durch Hartz IV gab es einen Trade-off zwischen Beschäftigungsquantität und -qualität

Im betrachteten Zeitraum hat sich die Qualität der neuen Jobs zwar verschlechtert. Unsere Ergebnisse zeigen aber: Wenn die Job-Qualität – gemessen als Entlohnung und Lohnungleichheit – konstant gehalten wird, steigt die Effizienz des Matchings dennoch. Allerdings erhöht sich die Matchingeffizienz nur noch um 13 Prozent, statistisch signifikant niedrigerer als in der Vergleichsschätzung. Die Verringerung des Reformeffekts tritt insbesondere 2005 auf. In diesem Jahr trat Hartz IV in Kraft, die oft kritisch diskutierte Reform der Grundsicherung für Arbeitslose. Hier gab es also nach unseren Ergebnissen einen Trade-off zwischen Beschäftigungsquantität und -qualität.

Fast die Hälfte der positiven Gesamtwirkung auf die Matching-Effizienz ist also durch eine schlechtere Qualität der Matches erkauft. Umgekehrt wäre aber auch bei konstanter Qualität der neuen Beschäftigungsverhältnisse gut die Hälfte der positiven Wirkung auf die Matching-Effizienz infolge der Hartz-Reformen verblieben.

 

Zu den Autoren:

Hermann Gartner ist Senior Researcher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Forschungsbereich „Arbeitsmarktprozesse und Institutionen“ und Privatdozent an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Thomas Rothe ist Senior Researcher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Forschungsbereich „Arbeitsmarktprozesse und Institutionen“.

Enzo Weber leitet den Forschungsbereich „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen” des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung, insbesondere Makroökonometrie und Arbeitsmarkt, der Universität Regensburg.

 

Hinweis:

Die diesem Beitrag zugrundeliegende Studie finden Sie hier.