Eurozone

Deutschlands stilles Rebalancing

Seit Jahren wird Deutschland für seine hohen Leistungsbilanz- und Haushaltsüberschüsse kritisiert. Allerdings wird dabei oft übersehen, dass Europas größte Volkswirtschaft bereits wichtige Schritte unternommen hat, um gegen bestehende Ungleichgewichte anzugehen – und dass Deutschland nicht der „fixer of last resort“ für die Währungsunion sein kann. Ein Beitrag von Donato Di Carlo.

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Deutschlands stilles Rebalancing

Michael Wendl

Drei grundsätzliche Einwände gegen diesen Beitrag.

  1. Zur Lohnentwicklung. Vom Basisjahr 2010 auszugehen, ist irreführend. Wir müssen, um die Entwicklung der Lohnkosten und damit auch eines Teils der effektiven Nachfrage beurteilen zu können, vom Basisjahr 1995 ausgehen. Ab 1996 und bis 2008 wird in Deutschland der Verteilungsspielraum der sog. produktivitätsorientierten Tarifpolitik (grob: Produktivität plus Inflationsrate) nicht ausgeschöpft, es entwickelt sich die bekannte Lohnstückkostenschere zwischen Deutschland (plus Österreich, Niederlande) und den anderen Ländern in der Eurozone. In diesem Zeitraum kumuliert der Lohnkosten- und Inflationsvorteil Deutschlands, eine Kombination von niedrigen Arbeitskosten und realer Abwertung durch die niedrige Inflationsrate. Auch wenn sich ab 2012 die Tarifpolitik wieder “normalisiert”, sich also am Modell der produktivitätsorientierten Tarifpolitik orientiert, bleibt der Lohnkostenvorteil, der zwischen 1996 und 2008 geschaffen wurde. Rebalancing wäre, wenn durch eine expansive Lohnpolitik diese Vorteile aufgezehrt würden, was nicht der Fall ist.
  2. Leistungsbilanzsalden und Handelsbilanzsalden beziehen sich auf die ganze Weltwirtschaft. Die deutsche Wirtschaft hat die Defizitpartner ändern müssen, weil die europäischen Defizitländer ihre Verschuldung reduzieren müssen und weniger importieren. Auch dies ist kein Rebalancing, sondern zeigt den ökonomischen Niedergang dieser Länder.
  3. Der deutsche Staat hat auf der Basis seines erfolgreichen Handelsmerkantilismus eine niedrigere Arbeitslosigkeit und höhere Staatseinnahmen. Also kann auch relativ mehr ausgegeben werden, wobei die Vergleichsländer zur strikten Austerität gezwungen worden sind, nicht zuletzt durch den deutschen Einfluss in der Eurozone. Auch hier kein Rebalancing, sondern Zeichen von hoher Arbeitslosigkeit und wachsender Verarmung in den südeuropäischen Ländern. Deutschland hätte in der gesamten Zeit von 2010 bis 2018 mehr ausgeben können, als es getan hat. Das fiskalpolitische Elend anderer Länder kann nicht der Maßstab sein, um die Fiskalpolitik der stärksten Volkwirtschaft in diesem Wirtschaftsraum zu beurteilen.

 

 

Kurt Brand

Vielen Dank für diese wirklich tolle Analyse zu, der ich zwei ergänzende Blogs aus dem Jahr 2017 beisteuern kann, aus denen hervorgeht, dass Arbeitnehmer in Deutschland zwischen 2001 und 2016 die viertschlechtesten Steigerungen der Realeinkommen erhalten haben – hinter Griechenland, Portugal und Österreich:

  1. “Reallohnentwicklung in der EU zwischen 2001 und 2016”: https://tivot.blog/2018/02/10/reallohnentwicklung-in-der-eu-zwischen-2001-und-2016/
  2. “Unternehmensgewinne vs. Reallöhne in Deutschland zwischen 1991 und 2016”: https://tivot.blog/2018/02/10/unternehmensgewinne-vs-reallohne-in-deutschland-zwischen-1991-und-2016/
Durch die Währungspolitik der EZB mit Niedrig-/Nullzinsen und Quantitative Easing-Programmen im Volumen von 2,5 Billionen ist der Außenwert des Euro zwischen 2008 und 2017 um fast 35% gegenüber dem US-Dollar gefallen – konkret von 1,60 USD/EUR in 2008 auf zeitweise 1,05 USD/EUR Anfang 2017.
Laut Berechnungen von Morgan Stanley liegt der fair value des Euro für Deutschland bei 1,54 USD/EUR. Per 11.09.2018 hat der Euro einen Außenwert von 1,16 USD/EUR, d. h. aus deutscher Sicht er aktuell immer noch um 25% unterbewertet.
Es ist schade, dass Sie den ansonsten wirklich tollen Artikel durch die Befürwortung einer gemeinsamen EU-Arbeitslosenversicherung und der Einführung von Eurobonds entwerten. Beides würde nur zu noch mehr Umverteilung innerhalb der EU bzw. Eurozone führen und das “no bail-out”-Prinzip des Maastricht-Vertrags ein weiteres Mal mit Füßen treten.

Karl Josef Munkler

Eine fundierte Kritik (mit empirischen Belegen) hat Paul Steinhardt auf Makroskop.eu veröffentlicht:

https://makroskop.eu/2018/09/wissenschaftliche-sensation-deutschlands-stilles-rebalancing-wurde-entdeckt/

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.