#Economists4Future

Der Markt und das Klima

Die dominante Ökonomie fordert eine Bepreisung der Umwelt – spielt aber de facto beim Klimaschutz eine bremsende Rolle. Ihre Vorstellungen von „dem Markt“ sind zur direkten Bedrohung der Menschheit geworden. Ein Beitrag von Walter Otto Ötsch.

Vor einem Jahr hat das Netzwerk Plurale Ökonomik im Angesicht der Klimakrise und der Fridays-for-Future-Proteste unter #Economists4Future dazu erstmals aufgerufen, Impulse für neues ökonomisches Denken zu setzen und bislang wenig beachtete Aspekte der Klimaschutzdebatte in den Fokus zu rücken. Das Ergebnis war eine im Makronom erschienene Debattenreihe.

Nun folgt die zweite Runde der Debattenreihe. Wieder erscheint wöchentlich ein ausgewählter Beitrag, der sich kritisch-konstruktiv mit aktuellen Leerstellen und Herausforderungen in der Klimaökonomik auseinandersetzt. Dabei geht es beispielsweise um die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, mentale Infrastrukturen, institutionelle Pfadabhängigkeiten und Wachstumszwänge oder Klimapolitik auf EU-Ebene. Alle Beiträge, die bisher im Rahmen der Economists for Future-Serie erschienen sind, finden Sie hier.

Umweltfragen werden von der Ökonomie vor allem anhand von neoklassischen Modellen beantwortet.  In diesen gelten Umweltprobleme als Folge eines „Marktversagens“: „Die Natur“ ist demnach ein „freies Gut“, sie hat keinen Preis. Werden Produkte mit Naturbezug gehandelt, dann besitzen sie „falsche“ Preise: Denn die „wahren Kosten“ wären nicht oder nicht ausreichend „internalisiert“ (ich setze all diese Begriffe in Anführungszeichen, weil jeder von ihnen zu hinterfragen ist).

In dieser (uns wohlvertrauten) Denkweise ist die Politik aufgefordert, die „Rahmenbedingungen“ so zu verändern, dass die „richtigen Preise“ entstehen können. Dies könne bekanntlich vor allem über Steuern erfolgen – oder indirekt, in dem z.B. „Verschmutzungsgüter“ einen Preis bekommen: Die Politik solle also einen neuen Markt für das Recht errichten, die Umwelt belasten zu dürfen. In dieser Variante wird meistens der Preis nicht vorgegeben. Er solle sich – so die Theorie – durch die Fundamentalfaktoren von Angebot und Nachfrage „von selbst“ einstellen.

Was bedeutet „Markt“?

Die Rede von einer „Kostenwahrheit“ mag verlockend klingen. Tatsächlich ist aber der neoklassische Zugang in vielerlei Hinsicht problematisch, vor allem im Hinblick auf den Marktbegriff, der hier thematisiert werden soll. Zentral sind folgende Fragen:

  • Was versteht man überhaupt unter einem Markt?
  • Für welche Phänomene soll dieser Begriff gelten?
  • Welche Reichweite kommt ihm zu?
  • Und insbesondere: In welche Beziehung wird „der Markt“ zu „dem Staat“ gesetzt?

Die erste Frage beantworten die Lehrbücher der Mikroökonomie bekanntlich mit dem Modell der vollkommenen Konkurrenz: Marktvorgänge werden durch die Interaktion von Angebot und Nachfrage erklärt und im üblichen Diagramm dargestellt. Es zeigt den Marktpreismechanismus, er gilt als der zentrale Wirkungsmechanismus einer Marktwirtschaft.

Wofür aber das Modell der vollkommenen Konkurrenz (bzw. die allgemeine Gleichgewichtstheorie nach Walras bzw. nach Arrow und Debreu) in der Realität steht, kann das Modell aus sich heraus nicht beantworten – es stellt nur ein logisch geschlossenes Set von Symbolen zur Verfügung. Zu fragen ist also, auf welche Phänomene das Modell angewandt wird.

Einflussreiche Neoklassiker haben ihr Marktmodell nicht als Stoßkraft für eine energische Umweltpolitik, sondern als ein Mittel verwendet, um ernsthafte Anstrengungen auf die lange Bank zu schieben

Dazu wurden in der Geschichte der Wirtschaftstheorie ein gutes Dutzend Interpretationen entwickelt. Beispielsweise gilt das Modell nur für bestimmte Markttypen, nur für einzelne Branchen (wie für Finanzmärkte), für die Wirtschaft insgesamt (sie gilt als „Markt“) oder für ein breites Set menschlicher Verhaltensweisen im Sinn eines „ökonomischen Imperialismus“. Noch ausufernder: Das Marktmodell steht für eine „Ordnung“ (auch dieser Begriff ist zu erklären) oder für etwas, was früher (oder immer noch in speziellen Soziologien und Philosophien) „Gesellschaft“ genannt worden ist. Oder noch grundsätzlicher: Wird die Wirtschaft in diesem Modell in eine ökologische Sicht der Natur (bzw. exakter: das Modell der Wirtschaft in ein Modell der Natur) eingebettet oder kann das, wofür das Modell steht, unabhängig oder jenseits von Natur existieren?

Das Kriterium von Begrenzung und Entgrenzung gilt auch für die Stellung der Politik und damit für die Wirkungsmächtigkeit der Politik. Beschreibt das Marktmodell einen Bereich, der prinzipiell der Politik bzw. dem Staat unterstellt ist oder wird ein Konzept von Politik vertreten, indem diese „dem Markt“ untergeordnet ist?

Markt, Staat und Politik

Fragen dieser Art sind alles andere als theoretischer Natur – sie entscheiden letztlich über die Ernsthaftigkeit, mit der Umweltpolitik betrieben wird. Die Stellung des Marktmodells (bzw. „des Marktes“ als Realität) zur Politik können wir vereinfacht einem Kontinuum mit zwei Polen zuordnen:

Der linke Pol markiert die Vorstellung einer „eingebetteten“ Ökonomie. Die Politik besitzt Vorrang vor der Wirtschaft und ist in die Gesellschaft eingegliedert, die als eigenständiger Bereich erscheint. Eine solche Position vertritt z.B. die alte (neoklassische) Wohlfahrtstheorie nach Marshall und Pigou. Sie wurzelt letztlich in der Tradition der klassischen Moralphilosophie, zu der auch Adam Smith zählt. Auf diesem Pol wird der Politik eine eigenständige Position zugeschrieben. Sie kann und darf die Wirtschaft nach ihren Kriterien gestalten, z.B. das Ziel einer gerechten Gesellschaft oder einer nachhaltigen Umwelt verfolgen.

Der rechte Pol markiert eine vollkommen entgrenzte Vorstellung der Wirtschaft als „Markt“, welchem ein Vorrang vor Gesellschaft und Politik eingeräumt wird. Diesem Pol können bestimmte Ansätze in der Neoklassik sowie vor allem im Neoliberalismus zugeordnet werden (dazu später mehr).

Vorerst ein kurzes Gedankenexperiment: Angenommen, die Vorstellung einer autonomen Wirtschaftspolitik wäre in den 1980er Jahren selbstverständlich gewesen und hätte damals die Umweltpolitik dominiert. Denn damals hat es bereits einen Konsens in den Umweltwissenschaften über die von Menschen verursachte Erderwärmung gegeben. Was wäre geschehen, wenn die Politik schon damals diesen Tatbestand ernst genommen und zügig reagiert hätte? Welche Umweltsituation würden wir heute vorfinden? Welche Debatten könnten wir jetzt führen?

Neoklassiker als Bremse für die Politik

Aber das ist nur ein frommer Wunsch. Tatsächlich wurde zu Beginn der 1980er Jahre in vielen Ländern die Position vertreten, nicht „übertrieben“ in die Wirtschaft zu „intervenieren“. Ein prominentes Beispiel stellen die Ökonomen und späteren Nobelpreisträger William Nordhaus und Thomas Schelling dar. Beiden gelang 1983 folgender Coup: Im Endbericht der Studie der National Academy of Science zu Umweltfragen haben sie die Argumente der Klimaforscher in bemerkenswerter Weise „umrahmt“. Kapitel 1 des Berichts wurde unter der Federführung von Nordhaus, das letzte unter der Anleitung von Schelling geschrieben.

ÖkonomInnen wussten von einem gravierenden Problem und trugen das ihre dazu bei, dieses Problem erst richtig bedrohlich werden zu lassen

Den großen Mittelteil von vier Kapiteln verfassten Naturwissenschaftler, die den damaligen Konsens sachlich darlegten und auf ein rasches Handeln durch die Politik drängten. Die Ökonomen hingegen ignorierten diese Schlussfolgerungen zur Gänze. Sie betonten die „enorme Unsicherheit“ in der Faktenlage ab dem Jahre 2000 und die „noch größere Unsicherheit“, wenn man die sozialen und ökonomischen Auswirkungen der Erderwärmung in weiterer Zukunft analysieren wolle. Niemand könne seriös Ereignisse „jenseits der Lebensspanne der heutigen Entscheidungsträger“ ökonomisch bewerten, einen Diskontsatz für die Kalkulation möglicher Schäden in weiter Ferne gebe es nicht. Zudem wisse auch niemand, wie die Menschen zukünftig leben werden: Vielleicht würden sie ein anderes Klima präferieren? Am besten sei es abzuwarten und weiterzuforschen. Diese Deutung der Ökonomen wurde dann von der US-Politik übernommen.

Anfang der 1980er Jahre hatten wir also folgende Situation: Man wusste von der Problematik steigender Emissionen und ihren Folgen. Einflussreiche Neoklassiker haben ihr Marktmodell jedoch nicht als Stoßkraft für eine energische Umweltpolitik, sondern als ein Mittel verwendet, um ernsthafte Anstrengungen auf die lange Bank zu schieben. Zeitgleich ging aber das eigentliche Umweltproblem erst richtig los: Denn seit Beginn der 1980er Jahre hat sich der globale Weltenergieverbrauch (damals ca. 80.000 Terrawattstunden) verdoppelt und sich die gesamte, von Menschen in die Atmosphäre gebrachte Menge an CO2 fast verdoppelt (1980 waren es ca. 19.440 und 2018 ungefähr 36.600 Millionen Tonnen). ÖkonomInnen wussten also von einem gravierenden Problem und trugen das ihre dazu bei, dieses Problem erst richtig bedrohlich werden zu lassen.

„Der Markt“ entgrenzt sich

Nordhaus und Schelling stehen für eine bemerkenswerte Interpretation des Marktmodells, die die heutige Neoklassik zum Problemfall für die Umweltbewegung gemacht hat. Die dominante Ökonomie fordert ambitionslos, wie Katharina Keil und Max Wilken in ihrer Kritik an der neoklassischen Umweltökonomie schreiben, eine Bepreisung der Umwelt – spielt aber de facto eine bremsende Rolle.

Der Grund liegt in einer stillschweigenden Umdeutung des neoklassischen Modells vom Markt – und zwar in Richtung des rechten Pols auf dem oben gezeigten Kontinuum.* Auf diesem Pol wird „der Markt“ neu interpretiert: als vollkommen entgrenzt und zwar in Bezug auf alle anderen Bereiche.

„Der Markt“ hat (im Konzept) Priorität vor jedem anderen Bereich, d.h. man kann das Modell „des Marktes“ auf buchstäblich alles anwenden, z.B. auf jede Art des menschlichen Verhaltens. Auch die Politik ist hier „dem Markt“ untergeordnet und muss seinen Vorgaben folgen (man denke an Angela Merkels „marktkonforme Demokratie“). In manchen Varianten der Neoklassik wird die Marktdominanz direkt angesprochen, z.B. wenn die Politik nur noch als ein spezieller Markt aufgefasst wird – wie in den Public-Choice-Modellen von Politik und Demokratie. Damit kann die Politik für sich selbst keine eigene Logik und vor allem keine eigene Ethik in Anspruch nehmen.

Heute können wir die Gesellschaft als eine ökonomisierte Gesellschaft erfahren – die Coronakrise zeigt, wie verletzlich diese dabei geworden ist

Die Vorstellung einer marktdominierten Politik ist über die Jahrzehnte langsam gewachsen und wurde ab den 1990er Jahren im Zeitalter „der Globalisierung“ bzw. „des globalen Marktes“ zum Standard. Schon in den einführenden Lehrbüchern werden die Studierenden heute geschult, der Politik anhand einfachster Überlegungen – die nur für das Marktmodell gelten – Handlungsempfehlungen zu geben. Die „Theorie der Wirtschaftspolitik“ reduziert sich im Kern auf die Umsetzung der Erkenntnisse eines Modells, das sich entgrenzt gebärdet und über die Politik urteilt. Das ökonomische Denken erlangt damit eine Sonderstellung und entfaltet (wenn ihm gefolgt wird) eigene Wirkungen. Die Ökonomik wird zur Leitwissenschaft für die ganze Gesellschaft, die in vielen Bereichen immer mehr ökonomischen Logiken und betriebswirtschaftlichen Vorgaben unterworfen wird. Heute können wir die Gesellschaft als eine ökonomisierte Gesellschaft erfahren – die Coronakrise zeigt, wie verletzlich diese dabei geworden ist.

Der Markt weiß es besser

Aber die Vorstellung eines entgrenzten Marktes wurde in einer noch destruktiveren Variante entwickelt. Sie stammt von Friedrich August von Hayek und hat heute stillschweigend viele Bereiche der Neoklassik durchdrungen. (Die Hypothesen effizienter Finanzmärkte, bei der sich neoklassische Überlegungen mit dem Marktkonzept von Hayek mischen, sind ein wichtiges Beispiel). „Der Markt“ wurde von Hayek bekanntlich als eine Instanz bzw. als ein Prozess gedacht, bei dem das verstreute und heterogene Wissen einzelner AkteurInnen aufgegriffen, umgewandelt und in Form von Marktpreisen verdichtet wird. Das Preissystem erscheint als ein „Mechanismus zur Kommunikation von Information“. „Der Markt“ ist zugleich eine „Ordnung“, dieser Begriff (über den auch Ordoliberale verfügen) saugt die frühere Dimension der Gesellschaft auf. Oder wie es Margaret Thatcher popularisiert hat: Gesellschaft existiert nicht mehr.

Hayek überhöht und personalisiert „den Markt“. Er schreibt das „Wissen“, das im „Markt“ verarbeitet wird, „ihm“ selbst zu – Information und Wissen werden begrifflich vermengt. „Der Markt“ (als fiktives Wesen) enthält nach Hayek ein Wissen, das „kein einzelnes Gehirn und keine einzelne Organisation besitzen und erfinden kann”. Das „überbewusste“ riesige Marktwissen stehe in Kontrast zu dem beschränkten Wissen, das jedes Individuum besäße – auch PolitikerInnen. Niemand sei deshalb in der Lage, „der Ordnung“ ein Ziel vorzugeben, das wäre schlichtweg eine „verhängnisvolle Anmaßung“ einer individuell begrenzten „Vernunft“. Dieses Verbot trifft somit auch auf alle umweltbewegten Personen zu.

In dieser zweiten Deutung eines entgrenzten Marktes macht der Begriff „Marktversagen“ keinen Sinn, weil niemand in der Lage ist, die Ergebnisse „des Marktes“ anhand eines externen Kriteriums beurteilen zu können. An diesem Marktverständnis prallen ökologische Vorgaben und Bewertungen zur Gänze ab. Alle Ergebnisse, die „der Markt“ in seiner „Transzendenz“ (Hayek) hervorbringt, sollten schlichtweg „in Demut“ akzeptiert werden. Umweltfragen kann man so getrost zur Gänze „dem Markt“ überlassen, die Politik brauche nichts unternehmen. Sollten sich in der Zukunft Umweltprobleme so verdichten, dass Menschen tatsächlich bereit wären, für ihre Beseitigung zu zahlen, dann würde es Firmen geben, die z.B. mit Hilfe von Geoengineering den Planeten retten werden wollen.

Das Wissen „des Marktes“ und das Wissen der Umweltwissenschaften

Das Verbot Hayeks, über „den Markt“ kritisch nachzudenken, hatte fatale Folgen. Wenn Menschen angesichts „des Marktes“ unwissend sind, dann gibt es letztlich keine Instanz, die gesellschaftlich gesichertes Wissen unabhängig und gegen „den Markt“ produzieren kann. Hayek stellt damit implizit die Wissenschaften als autonomes System in Frage. Ausdrücklich hat er das für die Sozialwissenschaften (und damit auch für die Ökonomie) formuliert: Diese produzierten nur „Meinungen“ und sollten sich dessen stets bewusst sein, wenn sie „die erweiterte Ordnung“ „des Marktes“ studieren. Vor allen Dingen sei es nach Hayek wichtig, das „konstitutionelle und unabänderliche Unwissen“ aller Menschen (angesichts „des Marktes“) anzuerkennen. Das gilt demnach ausdrücklich auch für Personen im Wissenschaftsbetrieb.

Damit wurde ein Tor zu einer Entwicklung aufgestoßen, die ab den 1980er Jahren vor allem in den USA, in Großbritannien und Australien zu einer machtvollen Bewegung anwuchs – und Hayeks Warnungen vor den Sozialwissenschaften auf den Bereich der Naturwissenschaften ausdehnte: Wenn diese, wie in Umweltfragen, umfangreiche „Eingriffe“ in das Wirtschaftssystem fordern, dann wären sowohl ihr Wissen als auch die Art, wie dieses Wissen zustande kommt, in Frage zu stellen. Denn ein solches Wissen, das als systemkritisches Wissen gedeutet wird, verträgt sich offenbar nicht mit dem Wissen „des Marktes“.

Die Theorien „des Marktes“ (in der Deutung von Hayek) sind zur Basis einer Wissenschaftsfeindlichkeit geworden, in der Vorgänge der Natur ohne Bezug zu den Naturwissenschaften „erklärt“ werden

Mit diesem Standpunkt konnten sich ab den 1980er Jahren Hayeks radikale Nachfolger im Aufbau einer Bewegung engagieren, die mit vielen (einander durchaus widersprechenden) Argumenten leugnet, dass es einen von Menschen verursachen Klimawandel gibt. (Diese Bewegung wurde und wird weiterhin tatkräftig von reichen Personen, Unternehmerverbänden, Medien und konservativen PolitikerInnen unterstützt). Ein zentraler Knoten dieser Bewegung  liegt in der Mont Pèlerin Society, die Hayek 1947 gegründet hat, sowie in Think Tanks, die aus dieser Organisation gewachsen sind – vor allem im Atlas network, das 1988 als Think Tank zur Gründung von Think Tanks gegründet wurde und heute weltweit fast 500 Think Tanks „des Marktes“ koordiniert. Federführend waren und sind in den USA beispielsweise die Heritage Foundation, das Cato Institute, das Competitive Enterprise Institut und das Heartland Institute.* Die Theorien „des Marktes“ (in der Deutung von Hayek) sind also zur Basis einer Wissenschaftsfeindlichkeit geworden, in der Vorgänge der Natur ohne Bezug zu den Naturwissenschaften „erklärt“ werden.

„Der Markt“ tötet die Natur

Damit haben wir zwei Varianten eines entgrenzten Marktes in ihrer Wirkung auf die Umwelt: die Neoklassik, die (wie beispielsweise im deutschen Sachverständigenrat) bremsend wirkt, und die (radikale) Nachfolgerversion von Hayek, die im Schulterschluss mit rechtspopulistischen Bewegungen das Geschäft der Klimaleugnung betreibt.

Die Übergänge zwischen diesen Positionen verlaufen in vielen Fällen fließend. In Deutschland kann das z.B. an der Alternative für Deutschland beobachtet werden. Diese Partei wurde 2013 auch von ordoliberalen ÖkonomInnen bzw. von Personen mitgegründet, die in besonderer Weise an „den Markt“ glauben. In der Anfangszeit der AfD sprach man auch von einer „Professorenpartei“ (gemeint waren Ökonomen). Bernd Lucke, der erste Bundessprecher der AfD, war und ist eine zentrale Figur in der deutschen Ökonomik „des Marktes“ – u.a. der Initiator des „Hamburger Appells“ 2005 mit über 240 Unterschriften von ÖkonomInnen, vor allem ProfessorInnen für Volkswirtschaftslehre.* Die AfD war zugleich von Anfang an ein Zufluchtsort von Klima(wandel)leugnern.

Beide Varianten „des Marktes“ (die neoklassisch-verzögernde und die Hayek bezogen-leugnende) führen zu der gleichen Konsequenz: Die Politik braucht nicht rasch und umfassend zu handeln. Diese Vorstellungen von „dem Markt“ sind heute zur direkten Bedrohung der Menschheit geworden. Man kann nur hoffen, dass es schnell gelingt, diese Sichtweisen in ihrer Wirksamkeit abzuschwächen. Dazu muss auch gefordert werden, die Grundlagenveranstaltungen der Volkswirtschaftslehre nicht mehr mit Hilfe von Lehrbüchern zu unternehmen, in denen „der Markt“ kritiklos als Tatsache vermittelt wird.

 

Zum Autor:

Walter Otto Ötsch ist Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung.