Zukunft der EU

Vom Hegemon zur gewöhnlichen Volkswirtschaft?

Das historische Beispiel Großbritanniens zeigt, wie eine Weltmacht ihre Führung nicht durch Zusammenbruch, sondern durch zu wenig Erneuerung verlieren kann. Die Parallelen zur heutigen EU sind unbequem – und werfen die Frage auf, ob Europa noch rechtzeitig gegensteuert. Ein Beitrag von Bakhtovar Abdukhamedov.

 1870 hätte kaum ein Banker in der Londoner Lombard Street geglaubt, dass Großbritannien binnen eines halben Jahrhunderts aufhören würde, das wirtschaftliche Zentrum der Welt zu sein. Das Empire kontrollierte ein Viertel der Landmasse des Planeten, das Pfund Sterling war die globale Reservewährung, und die City of London finanzierte Eisenbahnen von Argentinien bis Indien. Bis 1913 hatte sich der britische Anteil an der weltweiten Industrieproduktion gegenüber dem Höhepunkt nahezu halbiert. 1945 war das Land de facto kein eigenständiger wirtschaftlicher Pol mehr.

Eine ähnliche Frage stellt sich heute für die Europäische Union. Nominal erreichte der EU-Anteil an der Weltwirtschaft 1992 mit 29% seinen Höhepunkt, im Jahr der Unterzeichnung des Maastrichter Vertrags. Seither ist er auf rund 17,5% im Jahr 2024 gefallen. 2022 hatte er mit 16,6% seinen Tiefstand.*

Quelle: Weltbank, World Development Indicators (NY.GDP.MKTP.CD). Grafik: eigene Darstellung.

Von einem Niedergang im wörtlichen Sinne kann zwar keine Rede sein. Die EU-Wirtschaft ist zwischen 1990 und 2024 real um rund 72% gewachsen. Allerdings fiel die Staatengemeinschaft relativ zurück: Der Rest der Welt, allen voran China, ist schneller gewachsen. Genauso begann auch der britische Niedergang. Die Wirtschaft schrumpfte nicht. Sie verlor lediglich an Tempo.

Eine fatalistische Ableitung sollte man jedoch vermeiden. Großbritannien hat nicht verloren, weil sein Schicksal besiegelt gewesen wäre – sondern weil seine Führungsschichten immer wieder falsche Antworten auf die richtigen Fragen gaben. Die EU hat einen Vorteil, den Großbritannien nie hatte: einen historischen Präzedenzfall vor Augen. Die eigentliche Frage lautet, ob Brüssel diesen Vorsprung nutzt – oder Londons Kurs mit einem knappen Jahrhundert Verspätung wiederholt.

Sechs Bausteine des britischen Niedergangs

Der britische Anteil an der weltweiten Industrieproduktion erreichte um die Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt. Ab den 1870er Jahren überholten Deutschland und die Vereinigten Staaten das Land im Tempo der Industrialisierung. 1913 produzierte allein die amerikanische Industrie mehr Stahl als Großbritannien und Deutschland zusammen. Die britischen Zahlen wuchsen weiter. Die Welt wuchs schneller.

Die viktorianischen und edwardianischen Eliten hielten die industrielle Führung für eine natürliche Ordnung der Dinge und nicht für das Produkt spezifischer historischer Bedingungen: früher Zugang zu Kohle, koloniale Absatzmärkte, das Fehlen ernsthafter Rivalen in den Jahrzehnten nach Waterloo. Andere aufstrebende Industriemächte wurden lange als Kuriosität abgetan – bis es zu spät war, sie doch noch ernst zu nehmen.

Britisches Kapital floss in enormem Umfang ins Ausland: in koloniale Anleihen, in südamerikanische Eisenbahnen, in ausländische Unternehmen. 1913 hatten die Auslandsinvestitionen ein gewaltiges Volumen erreicht, während die heimische Stahl- und Textilindustrie mit längst veralteten Anlagen arbeitete. Der Pionier war zum Gefangenen einer Infrastruktur geworden, die zu früh gebaut worden war, um von späteren Technologien profitieren zu können.

Die enormen Marineausgaben unter dem Two-Power-Standard, der die Royal Navy stärker als die nächsten beiden Flotten zusammenhalten sollte, waren der Versuch, den eigenen Status durch militärische Stärke zu bewahren, in einem Moment, in dem die eigentliche Herausforderung industrieller Natur war. Die Vorherrschaft zur See konnte das verlorene Rennen um Produktivität nicht ausgleichen.

Es breitete sich eine Rentiersmentalität aus. Ein wachsender Teil des britischen Kapitals arbeitete nicht mehr daran, neuen Wert zu schaffen, sondern zog nur noch Zinsen aus bereits akkumuliertem Vermögen. Vom Ertrag früherer Investitionen zu leben war bequemer, als Kapital in neuen Industrien zu riskieren. Institutionelle Trägheit vervollständigte das Bild. Anders als Deutschland, das das preußische System technischer Bildung und Industriepolitik geerbt hatte, sperrte sich Großbritannien lange gegen Reformen seiner Bildungs- und Wissenschaftsinstitutionen und verließ sich weiter auf frühere Vorteile, die rasch an Bedeutung verloren.

Ein Spiegel für die Europäische Union

Legt man diese sechs Faktoren über die heutige Lage der EU, ergibt sich ein unangenehm vertrautes Bild.

Der Anteil an der Weltwirtschaft wurde bereits genannt. Auch der EU-Anteil am Welthandel ist stetig zurückgegangen, von rund 19% Anfang der 2000er Jahre auf unter 15% Anfang der 2020er Jahre. Besonders ausgeprägt ist der Rückgang bei Maschinen und Hightech-Gütern – also in jenen Sektoren, in denen die europäische Führung einst als selbstverständlich galt.

Die Rhetorik der „normativen Supermacht”, der „Brüssel-Effekt” und die Idee, dass die EU ihre regulatorischen Standards exportieren könne, ohne selbst technologisch führend zu sein, erinnern in ihrer Struktur an den viktorianischen Glauben an eine natürliche Überlegenheit. Während europäische Politiker sich auf die Regulierung Künstlicher Intelligenz konzentrierten, waren Entwickler in anderen großen Volkswirtschaften damit beschäftigt, die Industrie hinter generativen Modellen und der Chip-Produktion aufzubauen.

Der Draghi-Bericht von 2024 hat eine jährliche Investitionslücke von 750 bis 800 Milliarden Euro identifiziert, was rund 5% des EU-BIP entspricht und ungefähr das Zwei- bis Dreifache des relativen Umfangs des Marshall-Plans ausmacht. Draghi hat gesondert darauf hingewiesen, dass der EU-Privatsektor jährlich rund 450 Milliarden Euro außerhalb der Union investiert. Das erinnert an die britischen Kapitalexporte anderthalb Jahrhunderte zuvor. Das Geld ist da. Es fließt nur in Märkte im Ausland, die Investoren attraktiver finden, statt in europäische Start-ups. DIW-Präsident Marcel Fratzscher hat dies noch schärfer formuliert: Der Draghi-Plan sei der einzige Weg, Deutschlands Deindustrialisierung zu verhindern, und Europa lebe weiter in der Illusion einer kleinen offenen Volkswirtschaft der 1980er Jahre.

Der Rückgriff auf Soft Power und regulatorische Dominanz als Ersatz für echte Wettbewerbsfähigkeit ist das funktionale Äquivalent des britischen Vertrauens in seine Flotte. Die Ausgaben zur Status-Verteidigung steigen weiter, während das eigentliche Problem des technologischen Rückstands ungelöst bleibt.

Kapital in liquide Auslandsmärkte zu lenken, statt die eigenen Kapitalmärkte zu entwickeln, ist im Kern dieselbe Entscheidung: passive Einkünfte aus alten Ersparnissen statt Risiko in neuen Investitionen. Die europäischen Ersparnisse sind in absoluten Zahlen größer als die jeder anderen großen Volkswirtschaft. Doch sie finden innerhalb der EU keinen effizienten Kanal zur Reinvestition. 27 unterschiedliche regulatorische und fiskalische Regime innerhalb eines formal einheitlichen Binnenmarkts laufen auf dieselbe institutionelle Trägheit hinaus, die man aus dem viktorianischen Großbritannien kennt, multipliziert mit dem Fehlen eines einzigen Souveräns, der Reformen von oben erzwingen könnte.

Reanimation statt Routine-Therapie

Man sollte die Dinge beim Namen nennen. Die EU-Wirtschaft braucht keine kosmetische Kurskorrektur. Sie braucht eine Reanimation: einen erzwungenen, weitgehend nicht-marktförmigen Eingriff im Maßstab eines Notfalleinsatzes, nicht die übliche Routine-Therapie. Das klassische Rezept aus mehr Deregulierung, mehr Freihandel und dem Vertrauen auf die Marktkräfte reicht angesichts des Ausmaßes der Lücke nicht mehr aus.

Die Energiepolitik setzt die Kostenbasis für alles andere. Bestehende Versorgungswege müssen rasch wiederhergestellt und diversifiziert werden. Ungenutzte LNG-Kapazitäten müssen wieder ans Netz, untergenutzte Pipeline-Routen reaktiviert, grenzüberschreitende Netzverbindungen ausgebaut werden. Das entlastet die Industrie kurzfristig und verschafft Zeit. Parallel dazu muss Europa Energieträger der nächsten Generation vorantreiben, die einen dauerhaften Vorteil bringen können. Kleine modulare Reaktoren (SMR), grüner Wasserstoff, Offshore-Wind und moderne Speichersysteme ergänzen das Bild. Es geht nicht darum, zwischen Alt und Neu zu wählen, sondern das Erste als Brücke zum Zweiten zu nutzen.

Ein zweites Feld ist die Reform der Digitalregulierung. DSGVO oder AI Act sollten beibehalten, aber vereinfacht werden. Für ein Start-up in der Seed-Phase sind die aktuellen Compliance-Kosten und Bußgelder existenziell. Branchenumfragen deuten darauf hin, dass rund ein Viertel der europäischen Tech-Start-ups eine Verlagerung außerhalb der EU erwägt. Als Hauptgrund wird regulatorische Unsicherheit angegeben.

Europa hat auch keine eigenen Technologieunternehmen im Maßstab der größten Player der Welt. Europäische Firmen finanzieren sich zu rund 85% über Bankkredite, in Volkswirtschaften mit tieferen Kapitalmärkten sind es 45 bis 55%. Ein Bankenmodell, das auf materielle Sicherheiten ausgelegt ist, passt schlecht zu Unternehmen, deren einzige Vermögenswerte Codes und Menschen sind. Ohne eine echte Kapitalmarktunion, die auch der Draghi-Bericht als Priorität benennt, wird Europa weiter die Tech-Champions in anderen Ländern finanzieren, statt eigene aufzubauen.

Nothilfe für den Mittelstand und Binnennachfrage stimulieren

Der europäische Mittelstand, der die Industrieregionen Deutschlands, Italiens und Frankreichs trägt, verdient ein zielgerichtetes Übergangspaket. Vorhersehbare mehrjährige Energietarife, ein temporäres Moratorium für neue Umwelt- und Berichtspflichten bei kleineren Firmen, beschleunigte Abschreibungen als Anreiz zur Automatisierung, günstige Kredite über öffentliche Förderbanken nach Vorbild der KfW und eine bedingte Erbschaftssteuerentlastung bei der Übergabe an die nächste Generation würden genau jene Belastungen adressieren, die derzeit gesunde Betriebe zur Aufgabe zwingen.

Mit angebotsseitigen Maßnahmen allein ist es nicht getan. Zwei Hebel auf der Nachfrageseite können die Lage rasch verbessern. Der erste ist die Digitalisierung und Automatisierung des Dienstleistungssektors, der mehr als 70% der EU-Wirtschaft ausmacht. Der Einsatz von KI-Werkzeugen im Büro, in der Logistik und im Finanzwesen kann die Produktivität spürbar heben. Für ein alterndes Europa ist das weniger eine Quelle für Nettowachstum als vielmehr ein Weg, die schrumpfende Erwerbsbevölkerung auszugleichen. Genau deshalb kann man diesen Übergang nicht aufschieben.

Der zweite Hebel ist die großflächige öffentliche Förderung des Wohnungsbaus. Es handelt sich um eine der Ausgabenkategorien mit dem höchsten Multiplikator. Der Wohnungsbau zieht direkte Nachfrage nach angrenzenden Branchen wie Zement, Stahl und Glas nach sich. Er verbessert die Arbeitsmobilität, weil er Beschäftigten erlaubt, dorthin zu ziehen, wo die gut bezahlten Jobs sind, statt an billigen Mieten zu kleben. Und er entlastet das verfügbare Einkommen der Haushalte, das in mehreren EU-Ländern derzeit fast zur Hälfte für Miete und Hypothek ausgegeben wird. Nur die Kombination beider Seiten liefert einen Effekt in der richtigen Größenordnung.

Bilaterale Abkommen und strategische Autonomie

Es braucht auch weitere direkte Eingriffe. Großflächige Subventionen für Mikroelektronik, Batterien und KI-Infrastruktur müssen es mit den Volumina der US-amerikanischen CHIPS Act und Inflation Reduction Act aufnehmen können. Selektiver Protektionismus für aufstrebende Industrien hat einen Präzedenzfall in genau jenen Volkswirtschaften des 19. Jahrhunderts, die ihre eigene Industrie geschützt haben, während Großbritannien seinen Rivalen den Freihandel predigte. Vereinfachte Zuwanderung für Ingenieure, Forscher und IT-Spezialisten könnte die demografische Alterung teilweise ausgleichen.

Darüber hinaus braucht Europa eine neue Klasse flexibler bilateraler Abkommen, in denen Kapital- und Energiezugang direkt gegen Technologietransfer und langfristige industrielle Zusammenarbeit getauscht werden. Wie das aussehen kann, zeigt die entstehende Kooperation zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Japan: Regierungen umgehen langsame multilaterale Rahmen und verhandeln direkt darüber, was jede Seite tatsächlich braucht. Für Europa liefe das Muster darauf hinaus, europäische Technologie, Expertise und Absatzmärkte gegen stabile langfristige Partnerschaften in den Bereichen Ressourcen, Kapital und gemeinsame Industrieprojekte zu tauschen. Abkommen dieser Art lassen sich in Monaten statt Jahren aushandeln und auf die jeweiligen Asymmetrien der Partner zuschneiden.

Das Prinzip, das all diese Maßnahmen zusammenhält, ist strategische Autonomie ohne Isolation. Es geht nicht darum, Europa abzuschotten, sondern die strukturelle Abhängigkeit von den technologischen Ökosystemen anderer Mächte zu beenden und dabei ihre Stärken – Kapital, Absatzmärkte, einzelne Technologien – weiter zu nutzen. Das ist eine grundlegend andere Logik als die britische um 1900, die entweder ganz auf Freihandel setzte oder verspätet und inkonsistent zu Zöllen griff, aber nie eine bewusste Strategie entwickelte, um die Stärken anderer für den eigenen Aufholprozess zu nutzen.

Das „Economy first”-Regime

All das erfordert einen Wechsel des Grundprinzips, das die Entscheidungen leitet – allerdings nur für die Übergangsphase. Solange sich die Wirtschaft in einem Krisenzustand befindet, sollte das Prinzip lauten: Ökonomie zuerst statt wie sonst Politik zuerst. Werte werden dabei nicht aufgegeben. Was sich ändert, ist die Bereitschaft, Zulieferer und Partner unabhängig von aktuellen politischen Differenzen zu diversifizieren, Investitionen und Talente aus Ländern mit anderen politischen Systemen anzuwerben und gezielte Abkommen jenseits der üblichen multilateralen Rahmen zu schließen, wo immer sie einen realen ökonomischen Effekt bringen.

Historische Präzedenzfälle für eine solche Umkehr sind bekannt. Nixons Öffnung gegenüber China 1972 durchbrach ein zwei Jahrzehnte währendes ideologisches Einfrieren im Namen einer strategischen ökonomischen Öffnung. Die westdeutsche Politik des „Wandels durch Handel” während der Entspannungspolitik basierte auf derselben Wette: dass eine dauerhafte wirtschaftliche Verflechtung politische Beziehungen zuverlässiger umformt als Konfrontation. In beiden Fällen setzte sich die ökonomische Logik zeitweilig gegen die politische Rhetorik durch, und der Gewinn erwies sich langfristig als strategisch.

Für die EU bedeutet der Übergang zu einem „Economy first”-Regime während der Reanimationsphase die Bereitschaft, dringende wirtschaftliche Entscheidungen für eine gewisse Zeit von längerfristigen politischen Streitigkeiten zu trennen. Politische Prinzipien werden dadurch nicht aufgelöst. Ihre Priorität wird lediglich aufgeschoben, bis das wirtschaftliche Fundament wieder steht.

Keine Zeit mehr für Unentschlossenheit

Das edwardianische Großbritannien hatte keinen Vorgänger, dessen Erfahrung es hätte studieren können. Die EU hat einen: Großbritannien selbst. Allein die Tatsache, dass der Draghi-Bericht existiert, im Europäischen Parlament debattiert wird und die Agenda für den nächsten Haushaltszyklus prägt, zeigt einen Grad an Selbstreflexion, der den Führungszirkeln des edwardianischen Großbritanniens fremd war. Sie stellten ihre eigene Position erst dann in Frage, als der Erste Weltkrieg sie dazu zwang.

Die Kluft zwischen Diagnose und Behandlung bleibt allerdings beträchtlich. Ein erstes vollständiges Audit des European Policy Innovation Council, Anfang 2026 veröffentlicht, kam zu dem Ergebnis, dass von den 383 Empfehlungen des Draghi-Berichts nach einem Jahr lediglich 11,2% vollständig umgesetzt waren, weitere 20,1% teilweise. Ein Problem ein Jahrzehnt vor der Krise zu erkennen, ist keine Garantie dafür, dass Maßnahmen rechtzeitig und in ausreichendem Umfang beschlossen werden. Eine politische Ökonomie, die auf dem Konsens zwischen 27 Staaten aufbaut, ist so konstruiert, dass sich eine gemeinsame Diagnose nicht automatisch in einen gemeinsamen Behandlungsplan übersetzt.

Der Ausgang ist nicht vorherbestimmt. Doch die Zeit, die für Unentschlossenheit bleibt, schrumpft weiter. Genau das, nicht die abstrakte historische Analogie, sollte das zentrale Argument für alle sein, die dieses Problem weiterhin ohne rasche, groß angelegte Intervention gelöst wissen wollen.

Es gibt auch Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Europa hat weitaus Schlimmeres erlebt als einen relativen Rückgang seines Anteils am Welt-BIP und ist daraus zurückgekehrt. Nach dem Ersten Weltkrieg baute es sich innerhalb einer Generation wieder auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Erdboden gleichgemachten Städten und zig Millionen Toten, gelang Westeuropa eine noch bemerkenswertere Erholung. Das Wirtschaftswunder, die Trente Glorieuses und der zum Teil vom Marshallplan finanzierte Wiederaufbau verwandelten einen in Trümmern liegenden Kontinent binnen eines Vierteljahrhunderts in den größten Handelsblock der Welt.

Diese Erholungen hatten Namen und Gesichter hinter sich. Ingenieure, die zerbombte Fabriken wiederaufbauten. Lehrerinnen und Lehrer, die eine Generation, die Jahre der Schulbildung verpasst hatte, nachholen ließen. Familien, die sparten und blieben. Das Wirtschaftswunder war kein Strategiepapier. Es war eine Entscheidung, millionenfach getroffen, dass dieser Kontinent den Wiederaufbau wert sei.

Großbritannien hat nicht in Whitehall verloren. Es hat verloren in jeder Werkstatt, die aufhörte zu modernisieren, in jeder Familie, die Anleihen den Unternehmen vorzog, in jedem Klassenzimmer, das lehrte, was bereits funktioniert hatte statt was künftig funktionieren würde. Die Frage lautet nicht, ob Brüssel richtig entscheiden wird. Sie lautet, welche dieser beiden Geschichten die Leserin und der Leser dieses Beitrags in diesem Jahr mitschreiben wollen, in ihrem eigenen Feld, mit ihren eigenen Entscheidungen. Der Präzedenzfall ist am Ende sein eigener. Die Wahl ebenfalls.

 

Zum Autor:

Bakhtovar Abdukhamedov ist Masterstudent im Studiengang International Business and Economics an der Hochschule Furtwangen University mit den Forschungsschwerpunkten europäische Wettbewerbsfähigkeit und sozioökonomische Entwicklung.