Grundsicherung

Wie eine Statistik-Revision 126.000 „Hartz IV-Kinder“ verschwinden ließ

Mit Zahlen macht man Politik: Diese Binsenweisheit gilt vor allem für die Sozialpolitik. Jüngstes Beispiel dafür ist eine Umstellung der Messmethoden, durch die zahlreiche in Hartz IV-Haushalten lebende Kinder nicht mehr in der amtlichen Statistik auftauchen.

Ene mene muh, und raus bist du aus der Statistik. Foto: Pixabay

Es ist eine Binsenweisheit – mit Zahlen macht man Politik. Und so ist es wenig verwunderlich, dass die Politik immer wieder einen erheblichen Einfluss darauf ausübt, welche Daten eigentlich erhoben und wie diese ausgewiesen werden.

Die Macht über Zahlen kann im positiven Sinne genutzt werden, um bislang intransparente Felder besser auszuleuchten und unser Wissen in diesen Bereichen zu erweitern. Sie kann aber auch verwendet werden, um bestehende Probleme klein zu reden oder gänzlich zu ignorieren, frei nach dem Motto: Was nicht gezählt wird, existiert auch nicht – jedenfalls nicht in der medialen Berichterstattung, die in einem erheblichen Umfang auf Zahlen angewiesen ist.

In der Sozialpolitik dominiert leider die letztere Variante. Das ist insofern logisch, weil auf diesem Gebiet Zahlen meistens negativ konnotiert sind. So existieren beispielsweise keinerlei amtliche Daten, die Auskunft über die Zahl der Obdachlosen geben – schließlich könnte so Handlungsdruck entstehen, etwas gegen dieses Problem zu unternehmen.

Das beliebteste Stilmittel der politischen Einflussnahme auf die Statistik besteht darin, den potenziellen negativen Effekt der Zahlen dadurch abzuschwächen, indem man das, was man zählt, durch Ausschluss eigentlich zu berücksichtigender Elemente kleiner macht oder man diese Zahlen in mehrere Untergruppen kleinschreddert und die (Wieder-)Zusammenführung erschwert.

Das mag sich jetzt etwas abstrakt anhören, hat aber sehr handfeste Auswirkungen – immerhin geht es hier nicht um irgendwelche Belanglosigkeiten, sondern um Dinge wie die Grundsicherungsstatistik, die Aufschluss über ein System geben soll, auf das Millionen Menschen angewiesen sind.

Im Bereich der Arbeitslosenstatistik gibt es seit vielen Jahren eine fundierte Kritik an den monatlich ausgewiesenen Arbeitslosenzahlen, die regelmäßig die Schlagzeilen dominieren. Schauen wir uns das an einem aktuellen Beispiel an: Für den Mai 2016 berichtet die Bundesagentur für Arbeit (BA) von 2,66 Millionen Arbeitslosen. Das gesamte Ausmaß der Menschen ohne Arbeit bildet die offizielle Zahl jedoch nicht ab. Denn weitere 864.000 faktisch Arbeitslose sind nicht in der Arbeitslosen-, sondern in der separaten „Unterbeschäftigungsstatistik“ enthalten.

Die Schlagzeilen dominiert in der Regel die definitiv zu niedrige Zahl der offiziell registrierten Arbeitslosen. Erst in den späteren Absätzen wird – wenn überhaupt – über die erheblich höhere Zahl der „Unterbeschäftigten im engeren Sinn“ berichtet. Diese Menschen sind de facto ebenfalls arbeitslos, werden in der amtlichen Statistik aber nur als „unterbeschäftigt“ geführt – ein semantisches Glanzstück, das man fast schon lustig fänden könnte, wäre es gegenüber den Betroffenen nicht so unglaublich zynisch.

Die vom Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM) betriebene Webseite O-Ton Arbeitsmarkt beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Problematik und schlüsselt die entsprechenden Zahlen regelmäßig auf. Unter den 864.000 faktisch Arbeitslosen befanden sich demnach 615.000 Menschen, die an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen teilnahmen, 85.000 Menschen, die am Tag der Erfassung krankgeschrieben waren und rund 164.000 über 58-Jährige, die innerhalb der letzten 12 Monate kein Jobangebot erhielten.

Erfreulicherweise wird die Differenz von Unterbeschäftigung und offizieller Arbeitslosenzahl gelegentlich auch in den Medien aufgegriffen und geradegerückt (z. B. hier). Auch die Tagesschau hat sich kürzlich in ihrer Rubrik „#kurzerklärt“ mit dem Thema beschäftigt:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Aber bei den meisten Medien herrscht leider „business as usual“: Man schreibt einfach ab, was aus Nürnberg verkündet wird. So lauteten auch anlässlich der Veröffentlichung der Mai-Daten die Überschriften meist „Zahl der Arbeitslosen fällt auf 2,66 Millionen“ oder ähnlich.

Das Problem bei den Arbeitsmarktzahlen ist schon seit Jahren bekannt – allerdings liefert die Zahlenproduktionswelt auch ein sehr frisches Beispiel, und zwar bei der Grundsicherungsstatistik.

Dabei geht es um die – scheinbar triviale – Frage, wie viele Kinder eigentlich in sogenannten „Hartz IV-Haushalten“ leben. Anlässlich des internationalen Kindertages hatte die Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann (Fraktion Die Linke) eine Datenauswertung auf Basis von Angaben der Bundesarbeitsagentur veröffentlicht: Daraus ging hervor, dass im Jahr 2015 insgesamt 1,54 Millionen unter 15-Jährige davon betroffen waren, das sind 30.000 mehr als im Vorjahr.

1, 54 Millionen: Diese Zahl ist bereits gigantisch, immerhin würde somit jedes siebte Kind in einem Hartz IV-Haushalt leben. Tatsächlich liegt die Zahl aber sogar noch höher, nämlich bei 1,67 Millionen – das sind 126.163 Kinder mehr als aus der offiziellen Statistik ersichtlich wird.

Auf diese nun wirklich nicht zu vernachlässigende Differenz hat Paul M. Schröder vom Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) hingewiesen, der sich seit Jahren akribisch mit den wahrlich nicht-vergnügungssteuerpflichtigen (Un-)Tiefen der Arbeitsmarkt- und Grundsicherungsstatistik beschäftigt.

Aber wieso fallen mehr als 126.163 Kinder einfach so unter den amtlichen Daten-Teppich? Laut Schröder ist dies die Folge einer statistischen Revision, die im April vorgenommen wurde: Vor der Revision der Statistik gab es mit Blick auf die Menschen im Hartz IV-System im Grunde zwei Kategorien: die erwerbsfähigen Leistungsberechtigten (eLb) und die nicht erwerbsfähigen Leistungsberechtigten (nEf), darunter weit überwiegend Kinder im Alter von unter 15 Jahren (nEf_u15). Diese Kategorien wurden auch entsprechend ausgewiesen und man musste nur beide Zahlen addieren, um auf die Gesamtzahl zu kommen. Darauf basiert auch die SGB II-Quote (wie viele Menschen anteilsmäßig auf Hartz IV-Leistungen angewiesen waren und sind).

Nach der Revision ist die Statistik ungleich komplizierter geworden. Die folgende Übersicht von Schröder illustriert die Bildung mehrerer neuer Untergruppen – ein klassisches Beispiel für das eingangs erwähnte „Kleinschreddern“:

Hartz_IV_Kinder_Bundesagentur für Arbeit
Quelle: Paul M. Schröder: Hartz IV: Revision der Grundsicherungsstatistik – Revisionseffekte im Bund und in den Ländern, BIAJ-Materialien vom 25.5.2016

Das bedeutet: Die in der Presse zitierte Zahl von 1,54 Millionen Kindern ist durchaus korrekt, bezieht sich allerdings nur auf „nicht erwerbsfähige Leistungsberechtigte“ (NEF_u15). Hinzurechnen muss man aber noch

  • 30.743 „nicht erwerbsfähige sonstige Leistungsberechtigte“ (NESLB_u15)
  • 89.597 „Kinder ohne Leistungsanspruch“ (KOL_u15)
  • 5.823 „vom Leistungsanspruch ausgeschlossene Personen“ (AUS_u15), jeweils alle unter 15 Jahre alt.

Nach der neuen Statistik lag die SGB II-Quote für Kinder unter 15 Jahren bei 14,4 Prozent. Wenn man aber richtig rechnet, erhöht sich die jahresdurchschnittliche SGB II-Quote auf 15,6 Prozent. Durch diese statistische Anpassung hat Deutschland also auf einen Schlag mehr als 126.000 „Hartz IV-Kinder“ weniger. Das ist doch ein toller Erfolg, oder?

 

Zum Autor:

Stefan Sell ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz und Direktor des Instituts für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM). Außerdem betreibt Sell das Portal Aktuelle Sozialpolitik, auf dem dieser Beitrag zuerst erschienen ist.