Wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeiten

Welche Betriebe Bedarf an flexibleren Arbeitszeiten hätten – und welche nicht

Mit dem Wechsel von einer täglichen zu einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit diskutiert die Koalition eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes. Aktuelle Befragungsdaten aus der IAB-Stellenerhebung zeigen, unter welchen Betrieben Bedarf für Arbeitstage mit mehr als zehn Stunden vorhanden ist.

Wie bereits im Koalitionsvertrag festgehalten, plant die Bundesregierung, die bisherige tägliche Höchstarbeitszeit stärker an einer wöchentlichen Obergrenze auszurichten. Ziel ist es, Betrieben und Beschäftigten mehr Spielraum bei der Verteilung der Arbeitszeit zu eröffnen, ohne die europarechtlichen Vorgaben zum Arbeits- und Gesundheitsschutz infrage zu stellen.

Während Arbeitgeberverbände darin vor allem eine Möglichkeit sehen, Arbeitszeiten besser an betriebliche Erfordernisse und individuelle Präferenzen anzupassen, verweisen Gewerkschaften auf Risiken für Gesundheit, Vereinbarkeit und die Entgrenzung von Arbeit.

Ein Drittel der Betriebe sieht Bedarf für längere tägliche Arbeitszeiten

Doch wie groß ist überhaupt innerhalb der Wirtschaft der Wunsch, die täglichen Arbeitszeiten ausweiten zu können? Und welche Betriebe genau würden dies nutzen wollen? Im Rahmen der IAB-Stellenerhebung wurden im ersten Quartal 2026 mehr als 9.300 Betriebe und Verwaltungsstellen mit mindestens einem sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, mit und ohne Tarifbindung, zu entsprechenden Bedarfen befragt.

Wie Abbildung 1 zeigt, gaben rund ein Drittel aller Betriebe (32,6 %) im ersten Quartal 2026 an, dass sie Bedarf hätten, dass Beschäftigte an einzelnen Tagen mehr als 10 Stunden arbeiten – 3% der Betriebe regelmäßig, 29% zumindest gelegentlich. Für zwei Drittel der Betriebe besteht hingegen kein entsprechender Bedarf.

Abbildung 1: Betrieblicher Bedarf von mehr als 10 Stunden Arbeitszeit an einzelnen Tagen

Angaben in Prozent. Quelle: eigene Berechnungen auf Basis der IAB-Stellenerhebung im ersten Quartal 2026; hochgerechnete Daten von Betrieben mit gültigen Angaben (Insgesamt N=9.283, tarifgebundene Betriebe N=1.414)

Die Nachfrage nach längeren täglichen Arbeitszeiten unterscheidet sich deutlich nach Betriebsgröße und Branche. Während 45% der Großbetriebe entsprechende Bedarfe äußern, gilt dies nur für 28% der Kleinstbetriebe. Besonders häufig werden Bedarfe in der Land- und Forstwirtschaft, in Teilen der öffentlichen Verwaltung und im Produzierenden Gewerbe genannt. Hingegen fallen die Bedarfe in vielen Dienstleistungsbranchen geringer aus.

Diese Unterschiede lassen sich vor allem durch die Arbeitsorganisation erklären. In Branchen mit saisonalen Schwankungen, projektbezogenen Arbeitsabläufen oder kurzfristigen Auftragsspitzen kann eine flexiblere Verteilung der Arbeitszeit helfen, betriebliche Anforderungen besser aufzufangen. Hinzu kommt, dass gerade in diesen Bereichen häufig hohe Vollzeitquoten bestehen. Zusätzlicher Arbeitsbedarf kann dort nur begrenzt über die Ausweitung von Teilzeit gedeckt werden.

Dies wird auch durch multivariate Ergebnisse gestützt (vgl. Abbildung 2). Betriebe mit arbeitskräfte- oder umsatzbedingten Aktivitätshemmnissen äußern häufiger einen Bedarf an längeren täglichen Arbeitszeiten. Umgekehrt sinkt die Wahrscheinlichkeit entsprechender Bedarfe mit steigendem Frauenanteil in der Belegschaft. Dies deutet darauf hin, dass die Nachfrage nach einer flexibleren Wochenarbeitszeit insbesondere in vollzeitgeprägten Branchen entsteht, während in Bereichen mit hohen Teilzeitanteilen andere Formen der Arbeitsausweitung eine größere Rolle spielen dürften.

Abbildung 2: Determinanten des betrieblichen Bedarfs von mehr als 10 Stunden Arbeitszeit an einzelnen Tagen

Lesebeispiel: Bei Betrieben mit Schwierigkeiten aufgrund zu wenig geeigneter Arbeitskräfte ist die Wahrscheinlichkeit für einen Bedarf von mehr als 10 Arbeitsstunden um 36% höher als in anderen Betrieben. Dargestellt sind Odds-Ratios mit 95%-Konfidenzintervallen für ausgewählte Determinanten des betrieblichen Bedarfs von mehr als 10 Stunden Arbeitszeit an einzelnen Tagen (abhängige Variable) aus Logit-Modellen (Vergleich des Bedarfs alle Betriebe und bei Einschränkung auf tarifgebundene Betriebe). Die multivariaten Modelle kontrollieren für folgende weitere Variablen: Region, Betriebsgröße, Tarifbindung, Branche, betriebliche Mitbestimmung, Vakanzrate, Anteil Teilzeit und geringfügige Beschäftigung sowie Befragungsmodus. Quelle: eigene Berechnungen auf Basis der IAB-Stellenerhebung im ersten Quartal 2026; hochgerechnete Daten von Betrieben mit gültigen Angaben.

Medienberichten zufolge liegt nun ein Referentenentwurf des Bundesarbeitsministeriums vor, der vorsieht, entsprechende Abweichungen von täglichen Höchstarbeitszeiten auf tarifgebundene Betriebe zu beschränken. Damit würde sich der Kreis der potenziell betroffenen Betriebe deutlich verkleinern. Nach den Ergebnissen der IAB-Stellenerhebung verblieben nur gut 9% aller Betriebe, die sowohl einen entsprechenden Bedarf äußern als auch tarifgebunden sind (vgl. Abbildung 1). Vor allem kleine und mittlere Betriebe würden aufgrund fehlender Tarifbindung diese Flexibilisierung der Höchstarbeitszeit nicht nutzen können. Die Modellergebnisse ändern sich zwar nicht so stark, wie Abbildung 2 veranschaulicht, aber wegen der kleineren Beobachtungszahl werden die Schätzungen weniger präzise.

Kontext und Ansatzpunkte

Aktuellen Befragungsdaten der IAB-Stellenerhebung zufolge trifft die Flexibilisierung der Höchstarbeitszeit auf einen realen betrieblichen Bedarf, dieser ist jedoch keineswegs flächendeckend und umfasst sowohl Betriebe mit als auch ohne Tarifbindung.

Den betrieblichen Bedarfen steht auf Seiten der Beschäftigten nur teilweise eine entsprechende Bereitschaft gegenüber. Analysen auf Basis der IAB-Beschäftigtenbefragung OPAL zeigen, dass längere tägliche Arbeitszeiten für 34% der Beschäftigten infrage kommen würden. Ein Drittel der Beschäftigten geht davon aus, dass ihr Arbeitgeber Arbeitszeiten über zehn Stunden erwarten würde – aber nur insgesamt 13% der Beschäftigten wären auch dazu bereit. Dabei wären Vollzeitbeschäftigte häufiger bereit als Teilzeitbeschäftigte, mehr als zehn Stunden an einzelnen Tagen zu arbeiten.

Die Ergebnisse sind auch vor dem Hintergrund arbeitswissenschaftlicher Studien zu sehen, die negative Effekte langer Arbeitszeiten auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit feststellen. Insgesamt deuten die Befunde auf die Notwendigkeit einer gut ausbalancierten Regelung hin, die die heterogenen Bedarfe und Wünsche von Arbeitgebern und Arbeitnehmern berücksichtigt.

Ein möglicher Ansatz für eine Wochenarbeitszeit könnte voraussetzen, dass Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite eine „10-Stunden-Vereinbarung“ abschließen. Diese umfasst Rechte und Pflichten von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, regelt Verantwortung und Vorgehensweise bei der Arbeitszeitverteilung ebenso wie ein angemessenes Gesundheitsmonitoring gekoppelt mit klaren Richtlinien zur Gestaltung von Arbeit an langen Tagen.

Die Tarifvertragsparteien hätten das Vorrecht, solche Vereinbarungen abzuschließen. Daran müssten sich dann alle Betriebe der jeweiligen Branche orientieren, unabhängig von der Tarifbindung. Wenn der Tarifvertrag keine Regelung enthält, könnten Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf Betriebsebene solche Vereinbarungen treffen. Das würde drei zentrale Punkte sicherstellen: Erstens könnten alle Betriebe die Wochenarbeitszeit nutzen, allerdings – zweitens – nur mit einvernehmlichen Regeln. Und drittens könnten die Tarifvertragsparteien die Arbeitszeitpolitik verbindlich ausgestalten.

 

Zu den AutorInnen:

Enzo Weber leitet den Forschungsbereich „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen” des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Wirtschaftsforschung, insbesondere Makroökonometrie und Arbeitsmarkt, der Universität Regensburg.

Timon Hellwagner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im Forschungsbereich „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“. In seiner Forschung beschäftigt er sich insbesondere mit demografischen Prozessen und deren Arbeitsmarktauswirkungen.

Susanne Wanger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im Forschungsbereich „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich insbesondere mit arbeitszeitbezogenen Fragestellungen.