Steuern

Was wäre, wenn wir nicht Einkommen besteuern – sondern Ausgaben?

Eine neue Studie zeigt, dass eine progressive Konsumsteuer fairer und wachstumsfreundlicher sein könnte als die klassische Einkommensteuer. Dies ließe sich sogar ohne neue Bürokratie bewerkstelligen. Ein Beitrag von Marcelo R. Santos.

Wenn über Steuergerechtigkeit gesprochen wird, liegt der Fokus fast immer auf dem Einkommen. Wie viel verdienen die Reichen, wie hoch sollte dieses Einkommen besteuert werden und wie kann sichergestellt werden, dass Geringverdiener geschützt werden? Aber es gibt eine ältere Idee, die langsam wieder mehr Aufmerksamkeit bekommt: Was wäre, wenn Steuern nicht einkommensbasiert, sondern ausgabenbasiert erhoben würden?

Das ist mehr als nur ein technischer Tweak. Eine progressive Konsumsteuer – bei der Menschen, die mehr ausgeben, höhere effektive Steuersätze zahlen – kann sich ganz anders verhalten als eine progressive Einkommenssteuer. Und laut einer Studie, die ich gemeinsam mit meinem Kollegen Carlos da Costa auf der Grundlage des Verhaltens über den gesamten Lebenszyklus hinweg verfasst habe, können die Effekte überraschend stark sein.

Auf den ersten Blick mögen die Besteuerung von Einkommen und des Konsums ähnlich erscheinen. Wenn Sie 40.000 Euro verdienen und 30.000 Euro ausgeben, könnte man sich vorstellen, dass die Besteuerung beider Beträge zu ähnlichen Steuereinnahmen führt. Aber Menschen leben nicht nur ein Jahr nach dem anderen. Sie verdienen im Laufe ihres Lebens sehr ungleichmäßig – zu Beginn ihrer Karriere weniger, später mehr – und sie neigen dazu, in guten Jahren zu sparen, um ihre Ausgaben in mageren Jahren zu stabilisieren.

Diese Tatsache macht die Entscheidung zwischen der Besteuerung von Einkommen oder Ausgaben viel wichtiger, als es zunächst den Anschein hat. Progressive Einkommenssteuern erhöhen den Grenzsteuersatz (den Prozentsatz, der innerhalb der höchsten Steuerklasse einer Person angewendet wird) mit steigendem Einkommen. Dies soll zu einer Umverteilung des Einkommens zugunsten von Geringverdienern führen. Es hat jedoch auch einen unbeabsichtigten Effekt: Menschen werden davon abgehalten, in den Jahren, in denen sie am produktivsten sind, mehr zu arbeiten, da diese zusätzlichen Einkünfte stark besteuert werden.

Im Laufe eines Lebens führt diese Entmutigung zu einer Abflachung der Einkommensmuster der Menschen und zu einer Verringerung der Ersparnisse. Wenn viele Menschen gleichzeitig diese Entscheidungen treffen, führt dies zu weniger Investitionen, geringerer Produktivität und einem langsameren Lohnwachstum in der Gesamtwirtschaft. Diese langfristigen Auswirkungen sind in den jährlichen Statistiken nicht sichtbar, aber sie sind für den allgemeinen Wohlstand von großer Bedeutung.

Was eine progressive Verbrauchssteuer anders macht

Eine progressive Verbrauchssteuer verfolgt einen anderen Ansatz. Sie bestraft nicht, wenn man in einem bestimmten Jahr mehr verdient. Stattdessen werden die Menschen entsprechend ihrer Gesamtausgaben besteuert. Jemand, der 70.000 Euro verdient, aber 25.000 Euro spart, würde weniger Steuern zahlen als jemand, der 50.000 Euro verdient und alles ausgibt.

Dies schafft einen Anreiz, in Jahren mit hohem Einkommen zu sparen. Nun könnte man argumentieren, das höhere Ersparnisse die Wirtschaft zunächst bremsen. Doch langfristig bewirken sie genau das Gegenteil: Ersparnisse liefern die Mittel, die Unternehmen für Investitionen in neue Ausrüstung, Technologie und Expansion verwenden.

Mit der Zeit steigert dies die Produktivität und – was entscheidend ist – treibt die Löhne nach oben. Dieser Mechanismus ist besonders wichtig für Haushalte mit geringerem Einkommen, die fast ausschließlich von ihrem Lohn und nicht von Kapitaleinkünften (z. B. aus Immobilien) oder Kapitalerträgen abhängig sind.

Unsere Analyse legt nahe, dass ein Wechsel von einer progressiven Einkommenssteuer zu einer progressiven Verbrauchssteuer die finanzielle Lage der Haushalte spürbar verbessern könnte. Dies könnte in etwa einer dauerhaften Erhöhung des Lebensstandards um 10% entsprechen, da die Löhne steigen und Familien bei Einkommensschwankungen besser abgesichert sind. Eine politische Reform, die sowohl die Wirtschaft stärkt als auch die finanzielle Sicherheit verbessert, ist selten. Unsere Analyse zeigt, dass dieser Ansatz beides leisten könnte.

Eine häufig geäußerte Sorge ist, dass Verbrauchssteuern regressiv sind. Eine Pauschalsteuer auf Ausgaben würde in der Tat einkommensschwache Haushalte, die ihr gesamtes oder fast ihr gesamtes Einkommen ausgeben, stärker belasten. Aber Progressivität kann in ein verbrauchsbasiertes System integriert werden. Tatsächlich zeigen unsere Untersuchungen, dass eine progressive Verbrauchssteuer ebenso viel umverteilen kann wie eine progressive Einkommenssteuer, jedoch mit weniger Verzerrungen, die das Wachstum verlangsamen.

Einfach ausgedrückt: Es ist möglich, ein verbrauchsbasiertes System zu entwickeln, das sowohl fair als auch effizient ist. Und dafür wären nicht unbedingt radikale Reformen erforderlich. Das mag nach einer umfassenden Umgestaltung klingen, doch viele der Vorteile könnten durch praktische, schrittweise Reformen erzielt werden.

Ein Beispiel hierfür ist die Einkommensmittelung. Anstatt die Einkünfte jedes Jahres einzeln zu besteuern, könnte die Verbrauchssteuer auf einem Mehrjahresdurchschnitt basieren. Dahinter steht die Idee, dass das durchschnittliche Einkommen einer Person über einen bestimmten Zeitraum ein guter Indikator für ihren Konsum ist, da Menschen dazu neigen, ihre Ausgaben bei schwankenden Einkünften auszugleichen.

Bei diesem Ansatz würden die Steuern über das Einkommensteuersystem verwaltet und die Menschen ihre Steuern ähnlich wie heute zahlen. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass die Steuerklassen auf ein Durchschnittseinkommen und nicht auf das Einkommen eines einzelnen Jahres angewendet würden. Dies spiegelt besser wider, wie Menschen tatsächlich im Laufe ihres Lebens ausgeben, und verringert die Benachteiligung für diejenigen, die in Spitzenjahren mehr arbeiten oder mehr verdienen.

Die dafür erforderlichen Informationen sind bereits in den Sozialversicherungsunterlagen enthalten, in denen die Einkünfte der Menschen im Laufe der Zeit erfasst werden. Anstatt neue Daten zu erheben, würden die Regierungen diese Unterlagen wie bisher weiter nutzen und sie gleichzeitig zur Berechnung von Durchschnittseinkommen über mehrere Jahre hinweg als Indikator für die Höhe der Ausgaben heranziehen. Es wäre kein zusätzlicher Verwaltungsaufwand erforderlich – es handelt sich lediglich um eine zusätzliche Nutzung bereits vorhandener Informationen.

Aber warum ist das gerade jetzt wichtig? Die meisten fortgeschrittenen Volkswirtschaften stehen vor denselben langfristigen Herausforderungen: alternde Bevölkerung, steigende finanzpolitische Anforderungen, stagnierende Produktivität und intensive Debatten darüber, wie man „fair“ besteuern kann, ohne Arbeit und Investitionen zu behindern. Diese Herausforderungen werden wahrscheinlich nicht verschwinden.

Ein Umdenken nicht nur hinsichtlich der Höhe der Steuern, sondern auch hinsichtlich der Art der Besteuerung bietet einen anderen Weg in die Zukunft. Ein System, das den Konsum statt des Einkommens besteuert, ist kein Allheilmittel. Aber die progressive Konsumsteuer verdient einen weitaus prominenteren Platz in der öffentlichen Debatte darüber, wie ein faires und prosperierendes Steuersystem für die Zukunft gestaltet werden kann.

 

Zum Autor:

Marcelo R. Santos ist Senior Lecturer für Makroökonomie an der Universität Glasgow.

Hinweis:
The Conversation
Dieser Artikel wurde zuerst von The Conversation in englischer Sprache veröffentlicht und von der Makronom-Redaktion unter Zustimmung von The Conversation und des Autors ins Deutsche übersetzt.