Economists for Future

Vor-Sorge in Zeiten ökonomischer Umbrüche

Was nützt finanzielle Vorsorge, wenn Geld allein keine Sicherheit mehr garantiert? Klimakrise und ökonomische Umbrüche erfordern ein neues Verständnis, das unsere Lebensgrundlagen gemeinschaftlich absichert. Ein Beitrag von Elsa Egerer und Franziska Heimrich.

Unsere Gesellschaft befindet sich inmitten eines tiefgreifenden Transformationsprozesses. Im Zentrum steht die Wirtschaft – und die Suche nach Wegen zur Nachhaltigkeit. Die nächsten Jahre werden entscheiden, inwiefern dieser Wandel by disaster geschieht oder uns by design gelingt.

Die Debattenreihe #econ4future widmet sich den damit verbundenen ökonomischen Herausforderungen und diskutiert mögliche Lösungsansätze. Die Beiträge analysieren Engführungen in den Wirtschaftswissenschaften und Leerstellen in der aktuellen Wirtschaftspolitik. Zugleich zeigen sie Orientierungspunkte für ein zukunftsfähiges Wirtschaften auf und geben Impulse für eine plurale Ökonomik, die sozial-ökologische Notwendigkeiten ernst nimmt. Die Kooperation mit Economists for Future e.V. begann im September 2019. Seitdem erscheint jährlich eine neue Staffel mit wechselnden Themenschwerpunkten.

Thema der aktuellen 8. Ausgabe ist die Frage: Wie lässt sich Vertrauen in Zeiten ökonomischer Umbrüche bewahren oder neu begründen? Die Beiträge versammeln unterschiedliche Perspektiven und Ansätze, die ökologische und soziale Krisen zusammendenken und danach fragen, welche Institutionen, Beziehungen und Formen wirtschaftlicher Organisation Orientierung und Verlässlichkeit schaffen können. Damit möchten wir zur Diskussion einladen, wie gesellschaftliche Handlungsfähigkeit, demokratischer Zusammenhalt und die Planbarkeit des eigenen Lebens auch unter Bedingungen tiefgreifender ökonomischer Umbrüche und vielfältiger, miteinander verflochtener Problemlagen gestärkt werden können.

Alle bisher erschienenen Beiträge der Economists for Future-Reihe finden Sie hier.

Wie wollen Menschen in Regensburg, Düsseldorf oder Delitzsch Sicherheit für die Zukunft schaffen? Für viele lautet die Antwort: durch gute finanzielle Absicherung. Gerade die Klimakatastrophe gibt jedoch Anlass, genauer hinzuschauen, welche Formen der Vorsorge eigentlich als vernünftig gelten und welche Kriterien wir dazu anlegen.

In Deutschland führt die Frage der finanziellen Vorsorge die ältere Generation häufig zum Bankberater. Wenn dieser eine Anlageform z. B. der Kategorie „Substanz” empfiehlt, also eine vergleichsweise schwankungsarme und damit vermeintlich sichere Anlageform, erscheint dies auch für risikoaverse Anleger*innen eine vernünftige Entscheidung. Die jüngere Generation scheint mittlerweile fast selbstverständlich in ETFs anzulegen. Auch diese Anlageform gilt innerhalb der jeweiligen Altersgruppe als vernünftig und bedarf kaum einer Rechtfertigung.

Anders sieht es aus, wenn Vorsorge nicht als klassische Geldanlage gedacht wird. Wer beispielsweise in eine Wärmepumpe investieren möchte oder sich gar an einem Mietshäusersyndikatsprojekt beteiligt, muss sich vermutlich fragen lassen, ob sich das auch wirklich rechnet.

Was gilt als vernünftige Vorsorge?

Die Beispiele verweisen auf bestimmte Vorannahmen darüber, was als (vernünftige) Vorsorge gilt. Für eine genauere Analyse ist deshalb eine Unterscheidung hilfreich: Auf der einen Seite stehen etablierte, monetäre Finanzpraktiken, etwa kapitalgedeckte Lebensversicherungen, ETFs oder andere Fonds.

Auf der anderen Seite befinden sich stärker realwirtschaftlich motivierte Investitionsentscheidungen. Hier steht nicht die Anlage selbst im Vordergrund, sondern das angestrebte reale Ergebnis – etwa energetische Unabhängigkeit –, das über konkrete Projekte wie die Finanzierung einer Wärmepumpe im Häuserverbund verwirklicht wird. Solche Entscheidungen werden jedoch seltener mit privater Vorsorge verbunden. Eine Ausnahme bildet die sogenannte „Betonrente”, also eine Investition ins Eigenheim: Obwohl sie einen realwirtschaftlichen Charakter hat, ist sie gesellschaftlich fest als Form der Vermögensbildung etabliert.

Allen genannten Praktiken ist jedoch gemein, dass sie sich in ähnlicher Weise als Form der Absicherung oder (Alters-)Vorsorge beschreiben lassen. Die Unterscheidung zwischen monetären und realwirtschaftlich motivierten Vorsorgepraktiken wird im Folgenden noch wichtig werden, weil sie die Frage danach, was als vernünftige Altersvorsorge gelten kann, grundlegend verändert.

In den meisten der klassischen, monetären Praktiken sind wir als Privatpersonen weitgehend passiv. Wir nehmen uns kaum Zeit, inhaltlich nachzuvollziehen, wie das Finanzprodukt, in das wir investieren, funktioniert. Bei sogenannten Indexfonds ist diese Passivität sogar Teil der Anlagestrategie: Wer in einen Indexfonds investiert, vertraut auf die Gesamtentwicklung des „Marktes”, ohne sich inhaltlich mit den einzelnen Unternehmen oder den gesellschaftlichen Folgen dieser Investitionen auseinanderzusetzen.

Was schafft Sicherheit?

Vertrauen oder ein Gefühl von Sicherheit entstehen dabei häufig auch dadurch, dass wir uns anschauen, wie gut etwas früher funktioniert hat: Die Wertentwicklung vieler ETFs war über lange Zeiträume betrachtet positiv – ein Argument, das aus Sicht des einzelnen Anlegenden für Indexfonds sprechen kann, auch wenn es wenig über deren gesamtwirtschaftliche und -gesellschaftliche Sinnhaftigkeit aussagt. Doch selbst wenn man Wirkungen und Kontext solcher Investitionen zunächst außer Acht lässt, bleibt auch aus eigennutzmaximierender „Verbraucher”-Perspektive die Frage bestehen: Wie hilfreich ist der Blick zurück für die Planung eines transformierten Morgens?

Jede klassische monetäre Altersvorsorge ist damit mit zwei grundsätzlichen Unsicherheiten verbunden: Wie viel Geld bekomme ich am Ende heraus, wenn ich die Anlage liquidiere? Und zweitens: Was kann ich dafür in der Zukunft kaufen?

Eine mögliche Erklärung, warum diese Unsicherheiten in der gängigen Vorstellung von Vorsorge kaum eine Rolle spielen, findet sich auch in der finanziellen Bildung. Sie beruht in der dominanten Interpretation auf sogenannten Lebenszyklusmodellen und der Idee der Konsumglättung über den Lebensverlauf: In jüngeren, arbeitsreichen Jahren verzichten wir auf einen Teil unseres Konsums, um zu sparen und im Alter vom „angesparten“ Vermögen zu zehren. Der Finanzmarkt selbst kommt dabei als Blackbox daher, die finanzielles Sparen per Modellkonstrukt in produktives Kapital verwandeln soll.

In diesen Modellen muss sich der Anlegende also gar nicht fragen, ob sich eine Anlage lohnt – sie tut es immer. Er oder sie trifft keinerlei inhaltliche Finanzentscheidung, sondern wägt allein heutigen Konsum gegen Konsum im Alter ab – ohne sich über strukturelle Veränderungen in der Wirtschaft oder Unsicherheiten bezüglich relativer Preisentwicklungen oder des Zugangs zu Waren und Dienstleistungen Gedanken zu machen.

Wie verankert diese Vorstellung ist, zeigt sich auch im Verständnis von finanzieller Kompetenz. International gelten dafür häufig die „Big Three” als Maßstab: mathematische Fragen zu Zinseszins, Risikodiversifikation und Inflation. Zwar wird damit grundsätzlich ein Verständnis von Kaufkraftverlust abgefragt. Zugleich wird aber von einer niedrigen und einheitlichen Preisentwicklung und damit einem stabilen Umfeld ausgegangen, in dem sich Geld verlässlich in das umtauschen lässt, was man braucht.

Wo Unsicherheit überhaupt eine Rolle spielt, wird sie als kalkulierbares Risiko interpretiert: als Größe, die der Anlegende nicht beeinflussen, sondern zu der er sich lediglich richtig verhalten kann. Das „korrekte” Verhalten besteht dann in Diversifikation, also der Streuung der Anlage. Fragen systemischer Instabilität oder der ökologischen und sozialen Wirkungen von Finanzentscheidungen sind ebenso wenig präsent wie die Möglichkeit, auf die zugrunde liegende Unsicherheit selbst einzuwirken.

Wie zeitgemäß ist dieser Zugang?

Betrachten wir klassische, passive Anlagepraktiken zunächst unter der Perspektive der ersten Frage: Wie viel Geld bekomme ich am Ende heraus? Auch aus Verbraucher:innenperspektive sind hier die neuen Erkenntnisse zur Wechselwirkung zwischen Klimaveränderung und Finanzmarktstabilität relevant. Die Forschung geht davon aus, dass sich Klimarisiken nicht so einfach mit Streuung beherrschen lassen, u. a. weil sich Risiken nicht als unabhängige Größen modellieren lassen.

Das kann Positionen im eigenen Portfolio betreffen, die unerwartet miteinander korrelieren, aber auch die Unmöglichkeit der Absicherung durch Aussortieren. Was aus der Perspektive eines einzelnen Portfolios gegenwärtig wie erfolgreich gestreutes, bewältigtes Risiko aussieht, kann sich in der Zukunft als systemisches, bislang ausgeblendetes Risiko erweisen, das auch das eigene Portfolio betrifft – selbst dann, wenn man nicht direkt in die betroffenen Bereiche investiert war. Im zunehmend wahrscheinlichen Szenario einer Hot House World, in der sich klimatische Kippprozesse in einer selbstverstärkenden Eigendynamik entwickeln, gibt es letztlich kein unbetroffenes „Anderswo”, auf das sich Risiken dauerhaft verlagern ließen.

Wenn Geld allein keinen Zugang sichert

Doch Unsicherheit existiert nicht nur im Hinblick auf die Anlage selbst, sondern auch in Bezug auf die zweite Frage, was ich in der Zukunft mithilfe der liquidierten Anlagen kaufen kann. Damit erweitert sich die Frage nach der Unsicherheit einer Finanzanlage um den Aspekt, ob Geld in Zukunft überhaupt den benötigten Zugang zu Versorgung ermöglicht. Inwiefern lässt sich finanzielles Vermögen in jene konkrete Versorgung übersetzen, die wir im Alter benötigen? Hier lohnt ein Blick auf die typischen Ausgaben älterer Menschen. Deren größte Posten sind Wohnen und Energie sowie Ernährung. Im Alter gewinnen zudem Gesundheitsausgaben an Bedeutung.

Erwähnenswert ist zunächst, dass viele der genannten Bereiche, gerade im letzten Jahrzehnt, durch hohe Preissteigerungen gekennzeichnet waren. Konkret bedeutet das: Selbst wenn ich bei meiner Anlage die klassische Inflation, also die durchschnittliche Konsumgüterpreisinflation berücksichtige, kann die Preissteigerung in jenen Bereichen, die für mich im Alter relativ größere Bedeutung haben, höher liegen.

Das zeigt sich besonders deutlich bei der Pflege: Die pflegebedingten Eigenanteile für einen Pflegeheimplatz haben sich laut AOK seit 2017 mehr als verdreifacht und sind damit mehr als sechsmal so stark gestiegen wie die allgemeine Inflation im selben Zeitraum. Auch bei den Energiekosten bleibt die Unsicherheit über mögliche Preissprünge bestehen. Im Kontext geopolitischer Konflikte und des bislang unzureichenden Ausbaus der notwendigen Infrastrukturen für erneuerbare Energien erscheint zumindest für die Übergangsphase der energiepolitischen Transformation keine Entlastung bei den Marktpreisen erwartbar.

Hinzu kommt, dass Preis und Zugang nicht notwendig zusammenfallen: Auch bei ausreichend Geld ist nicht garantiert, dass verfügbar ist, was gebraucht wird. Dies zeigt sich z. B. bei Wohnraum. Hinzu kommt, dass im Preisindex nur Bestandswohnungen berücksichtigt werden. Im Kontext altersgerechten Wohnens gewinnt neben Fragen der Wohnungsbeschaffenheit auch aufgrund der zunehmenden Immobilität die Qualität des direkten Wohnumfelds an Bedeutung. Neben dem Zugang zur Daseinsvorsorge, also etwa zur ärztlichen Versorgung, wird hier vor allem der Hitzeschutz, z. B. durch den Zugang zu beschatteten Flächen, immer wichtiger.

Auch bei der Ernährung ist mit großen Unsicherheiten zu rechnen. Die anzunehmenden Klimaveränderungen lassen Preissteigerungen und stärkere Schwankungen bei Lebensmittelpreisen erwarten. Kombiniert mit der zuletzt umfassender beforschten Tendenz des Handels, in Krisen Gewinne durch Preiserhöhungen über eine reine Kostenkompensation hinaus zu erzielen, deutet dies auf schwankende und vermutlich steigende Lebensmittelpreise in der Zukunft hin.

Von Vorsorge zu Vor-Sorge

Angesichts dieser vielfältigen Unsicherheiten ist die dominante Vernunft zur „richtigen” Altersvorsorge zunehmend infrage zu stellen: Systemische Risiken lassen sich nicht durch Streuung absichern – auch ein Welt-ETF garantiert in einer systemisch instabilen Welt keine Rendite. Und selbst eine Finanzanlage, die „Rendite abwirft”, sichert nicht automatisch den Zugang zu dem, was wir im Alter brauchen. Das spricht dafür, Finanzanlagen realwirtschaftlich zu denken und Vorsorge direkt an tatsächlichen Bedarfen auszurichten: Wohnen, Energie, Ernährung, Pflege, aber auch soziale Teilhabe im Alter.

Das wirft auch die Frage auf, was finanzielle Bildung eigentlich umfassen müsste. Bisher konstruiert sie den Anlegenden, was die inhaltliche Anlageentscheidung angeht, als passives Subjekt, das monetäre Vorsorge auslagert. Eine finanzielle Bildung, die der Unsicherheit multipler Krisen gerecht werden will, müsste dagegen stärker danach fragen, wie wir das, was wir im Alter tatsächlich brauchen, ermöglichen und unseren Zugang dazu sichern können.

Hierbei können gemeinschaftliche Eigentumsformen an Bedeutung gewinnen, weil sie Zugänge direkter organisieren. Das kann zum einen dazu beitragen, den Zugang z. B. zu Wohnraum, Lebensmitteln oder Energie von der zukünftigen Kaufkraft zu entkoppeln. Gleichzeitig werden die Konditionen der Vorsorge selbst aktiv und gemeinschaftlich mitgestaltet, was auch das Verständnis der hierfür erforderlichen Kompetenzen verändert: Gefragt ist etwa die Fähigkeit, inhaltliche Investitions- und Finanzierungsfragen selbst zu beurteilen und entsprechende Aushandlungs- und Organisationsprozesse mit anderen zu gestalten.

Hierzu bietet die Commons-Literatur hilfreiche Ansätze. Wie eine solche Vor-Sorge konkret aussehen kann, zeigen beispielsweise Projekte des Mietshäusersyndikats: Bewohner*innen organisieren und verwalten gemeinsam Wohneigentum und finanzieren es etwa über Bank- und Direktkredite. Durch das Vetorecht des Syndikats als Dachstruktur wird ein späterer Verkauf am Immobilienmarkt verhindert und das Haus dauerhaft der spekulativen Verwertung entzogen. So wird der eigene langfristige Zugang zu Wohnraum abgesichert und zugleich eine resilientere Versorgungsstruktur geschaffen – individuelles Interesse und systemische Wirkung fallen hier nicht auseinander.

Im Zentrum der Commons-Perspektive steht der Prozess des Commoning: die gemeinsame Organisation und Nutzung dessen, was für die Versorgung benötigt wird, entlang selbst entwickelter Regeln. Dabei geht es nicht allein um das Teilen von Ressourcen, sondern um die aktive Gestaltung sozialer Beziehungen und Strukturen, durch die Zugänge zu Lebensgrundlagen gemeinsam hergestellt, erhalten und reproduziert werden.

Möglicherweise liegt darin auch Potenzial für eine andere Form von Vertrauen: in die eigene und gemeinschaftliche Handlungsfähigkeit. Klassische finanzielle Vorsorge baut auf passivem Systemvertrauen auf. In Zeiten tiefgreifender Krisen wird dieses Vertrauen brüchig. Lokale und gemeinschaftlich organisierte Versorgungsstrukturen stärken zum einen die eigene Handlungsfähigkeit in einer Zeit, in der man sich gegenüber großen Entwicklungen oft ohnmächtig fühlt. Gleichzeitig können sie konkrete ökonomische Resilienz schaffen. Sie können Versorgung weniger abhängig machen von langen und verschachtelten Strukturen und zugleich verständlicher und gestaltbarer machen für diejenigen, die auf sie angewiesen sind. Vertrauen entsteht dann auch daraus, die Bedingungen der eigenen Versorgung zu verstehen und gemeinsam mit anderen zu gestalten.

 

Zu den Autorinnen:

Elsa Egerer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung (HfGG) in Koblenz. Sie hat Volkswirtschaftslehre (M. Sc.) studiert und beschäftigt sich in Forschung und Lehre mit pluraler Ökonomik, insbesondere mit Geld- und Finanzsystemen sowie deren Bedeutung für eine sozial-ökologische Transformation. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Frage, wie ökonomische und finanzielle Bildung dazu beitragen können, Handlungsspielräume für eine nachhaltige Wirtschaftsgestaltung zu eröffnen.

Franziska Heimrich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität zu Köln am Lehrstuhl für Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt ökonomische Bildung. Sie hat Ökonomie – Nachhaltigkeit – Gesellschaftsgestaltung an der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung studiert und forscht zu Bedingungen einer sozioökonomischen Finanzbildung.