Friedrich Merz sagte einst über die Ampel-Koalition, „ihre Wirtschaftspolitik ist eine Politik der beständigen Interventionen in den Markt“. Das klang, als vergreife sich die Politik an etwas, das man besser in Ruhe lässt. Und wenn gefordert wird, dass man den Markt entscheiden lassen soll, wie Deutschlands Strommix in der Zukunft aussieht, schwingt dieselbe Annahme mit. Beide setzen dasselbe voraus: dass es da draußen einen Markt gibt, der einfach da ist, wie das Wetter — den man stören, aber nicht machen kann. Genau das stimmt aber nicht.
Manchen Märkten kann man förmlich beim Entstehen zusehen. Der europäische Emissionshandel wurde mit einem klar festgelegten Ziel (langfristige Emissionsreduktion) entworfen. Jede Regel, von der Menge der ausgegebenen Zertifikate bis zum Versteigerungsverfahren, ist dabei eine Entscheidung mit Verteilungsfolgen.
Für das Forschungsfeld „Market Design“ gab es 2012 sogar den Nobelpreis. Der Wirtschaftssoziologe Donald MacKenzie hat dafür ein hilfreiches Bild: Die Ökonomie ist kein Fotoapparat, der die Wirtschaft abbildet, sondern ein Motor, der sie hervorbringt. Von Auktionsmärkten für Mobilfunkfrequenzen bis zur Vergabe von Schulplätzen — wofür lässt sich kein Markt entwerfen? Hätte niemand diese Märkte entworfen, würde an ihrer Stelle vermutlich nichts Markt-ähnliches stehen, also fällt es hier nicht schwer, die explizite Konstruktion als solche anzuerkennen.
Regeln sind für den Markt konstitutiv
Die für unser Leben folgenreichsten Märkte scheinen deutlich weniger gemacht: Wohnen, Arbeit, Energie und viele mehr. Aber auch sie haben eine „Verfassung” und unterliegen einem Regelwerk von enormem Umfang. Allerdings sind sie historisch gewachsen, sodass sie kaum noch als gemacht wahrgenommen werden. Dadurch rückt ebenfalls in den Hintergrund, wem die Regeln systematisch nutzen.
Wirtschaftsliberale würden hier womöglich erwidern, dass es sich bei diesen Regelwerken ja bereits um unzulässige Eingriffe der Politik in den freien Markt handelt (und wer ist kein Fan von Freiheit?). Dahinter steckt wohl die Idee, dass es eine Art Naturzustand des freien Tausches gibt: Menschen handeln spontan miteinander, Preise bilden sich, ein Gleichgewicht stellt sich ein, und das ist dann „der Markt”, in den man hinterher eingreift. Doch schon der „natürlichste” Markt ist nicht vom Himmel gefallen. Denken wir etwa beim Wohnungsmarkt an Bodenrecht, Eigentumsregister, Zwangsvollstreckungen und so weiter; angefangen bei der schlichten Frage, wem der Boden eigentlich gehört und warum. Das „Natürliche” ist hier eher das Ergebnis massiver staatlicher Intervention als ein neutraler Ausgangspunkt.
Und selbst wenn man den spontanen Tausch als eine Art Urphänomen zugesteht: Sobald es zum Beispiel um Strom geht, ist das handelbare Gut ohne solche Prozesse gar nicht denkbar. Elektrizität lässt sich nicht so einfach frei tauschen; es braucht Netze, Einspeiseregelungen, Ausgleichsenergie, die bei Schwankungen im Netz bereitgestellt werden muss, und vieles mehr, damit ein Markt für Strom überhaupt denkbar ist. Diese Regeln schränken den Strommarkt nicht ein – es gibt ihn ohne sie nicht. Kommodifizierung war eben schon immer ein politischer Prozess, der in seiner Form erst post-hoc alternativlos scheinen mag.
Wer ist der Markt – und wenn ja, wie viele?
Wie wenig souverän der gemachte Markt am Ende manchmal ist, zeigt sich, wenn man ihm bei der Arbeit zusieht. Bleiben wir beim Strommarkt: An der Strombörse wird täglich Strom für den nächsten Tag gehandelt, als ließe er sich beliebig durchs Land schicken. Die Leitungen sehen das anders. Und so verkauft „der Markt“ regelmäßig Windstrom aus dem Norden an Abnehmer im Süden, obwohl die Netze ihn dorthin gar nicht transportieren können. Dann müssen die Netzbetreiber eingreifen und das Marktergebnis mit sogenanntem Redispatch korrigieren: Kraftwerke im Norden drosseln, im Süden hochfahren, gegen das, was die Börse eben noch entschieden hatte – und uns in Deutschland Milliarden pro Jahr kostet.
Man kann diesen Vorgang als bloße technische Panne abtun, aber er zeigt etwas Grundsätzliches. „Der Markt” ist hier gar nicht ein Ding, sondern verschiedene. An der Börse ist Strom eine Ware, die man frei verschieben kann; im Netz ist er ein physikalischer Fluss, der sich nicht darum schert, wer ihn gekauft hat.
Das sind nicht zwei Sichten auf dieselbe Sache, sondern zwei verschiedene Dinge, die denselben Namen tragen. Die Philosophin Annemarie Mol hat für solche Fälle den Begriff der ontologischen Multiplizität geprägt: ein Gegenstand, der in verschiedenen Praktiken verschieden hervorgebracht wird und dadurch mehr als einer ist, aber auch nicht einfach viele. Insbesondere geht es Mol darum, dass der Gegenstand durch diese multiplen Praktiken erst gemacht wird und nicht unabhängig von ihnen existiert.
Und genau hier liegt der politische Effekt. Ökonomen sagen gern und ohne Zögern, der Markt sei effizient. Nur ist Effizienz zuerst ein Begriff aus dem Modell, aus einem Theoriegebäude mit Gleichgewicht und sauberer Preisbildung, das unter idealisierten Annahmen lebt. Von dort wandert das Wort mit erstaunlicher Leichtigkeit auf die reale Börse (z. B. die Day-Ahead-Auktion für Strom), und von der Börse dann weiter auf „den Markt“ schlechthin.
Das sind zwei Sprünge, und bei keinem wird die Reibung ausreichend benannt. Der erste Sprung überträgt eine mathematische Eigenschaft auf einen konkreten Handelsplatz, als hätte diese Idealisierung keinen Preis. Der zweite Sprung überträgt die Leistung dieses einen Handelsplatzes auf das Ganze, obwohl das Netz sein Ergebnis hinterher teuer einholen muss. Am Ende steht ein Satz wie „der Markt ist effizient“, der hier mindestens drei verschiedene Dinge in eins zieht, und wer an den Regeln etwas ändern will, gilt als jemand, der Effizienz gegen Ideologie eintauscht. Dabei war nie „der Markt“ effizient, sondern ein bestimmtes Verfahren, in einer bestimmten theoretischen Auslegung.
Wenn wir also von „dem Markt“ sprechen, als wäre das ein singulärer und naturgegebener Gegenstand, dann tragen wir der tatsächlichen ontologischen Unordnung und Vielschichtigkeit nicht Rechnung. Stattdessen sollten wir uns bewusst machen, dass je „natürlicher“ ein Markt wirkt, desto erfolgreicher war die Verschleierung seines Designs, seiner Regeln, die ihn konstituieren — und desto wichtiger ist es, diese sichtbar zu machen.
Darüber hinaus gilt es im Sinne von Mol zu erkennen, dass es „den Markt“ eben gar nicht wirklich gibt. Naturalisierungsfiguren („der Markt regelt das“) sind politisch nützlich für diejenigen, die vom aktuellen Design besonders profitieren, und ihre rhetorische Verwendung sollte uns aufhorchen lassen. Der Markt regelt vielleicht, aber was er regelt und für wen das Ergebnis vorteilhaft ist, hängt sehr von den Spielregeln ab.
Von der unsichtbaren Hand zu vielen sichtbaren Händen
Aus all dem folgt eine Umkehr der Beweislast. Wenn es keinen neutralen Zustand gibt, sondern jeder Markt durch Regeln konstituiert ist, die bestimmte Interessen gegenüber anderen bevorzugen, dann können wirtschaftsliberale Politiker nicht einfach „Markteingriff, nein danke“ rufen, sobald über die Änderung dieser Regeln gestritten wird. Es gibt keinen neutralen Nullpunkt, in den da eingegriffen würde. Umgekehrt betreiben aber auch Linke eine Naturalisierung, wenn sie „den Markt“ als Ganzes kritisieren, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Auch hier wird der Markt wie ein einheitlicher Gegenstand behandelt, den es einzuhegen gilt.
Beide Seiten verbauen sich damit den Blick auf das, was dazwischen möglich wäre. Dass ein Modell wie der Marktsozialismus hierzulande (leider) kaum bekannt ist, hat vielleicht auch damit zu tun: Wo es nur „Markt“ oder „kein Markt“ gibt, wird der ganze Raum an gestaltbaren Zwischenformen unsichtbar. Wenn wir stattdessen von einem möglichen Kontinuum an Regeln ausgehen, können wir die ideologische Debatte ein Stück weit entschärfen und uns eher fragen, wo wir auf Marktmechanismen setzen wollen, mit welchen Regeln, und wo nicht.
Am Redispatch-Beispiel lässt sich gut Mols Idee illustrieren, laut der die Koordination der multiplen Realitäten stets auch politische Arbeit ist: Weil die Redispatch-Kosten auf alle umgelegt werden, können sie wie eine Subvention für die süddeutsche Industrie gelesen werden. Die Frage ist dann eher, ob diese Koordinationsarbeit versteckt oder transparent-demokratisch funktioniert. Das Strommarktdesign ist durchaus komplex und technisch, aber wenn wir es als technokratische Frage verstehen, die man ausschließlich Expert*innen und Lobbyisten überlässt, dann verschwinden genau jene Verteilungsentscheidungen aus dem Blickfeld, die implizit in den Regeln stecken.
Demokratische Teilhabe würde stattdessen bedeuten, dass die Ziele, denen ein Marktdesign dient, offen und transparent ausgehandelt werden. In Märkten wie Wohnen, Arbeit oder eben dem Strommarkt steht zu viel auf dem Spiel: Der Strommarkt wird auch in der Klimakrise ein Ergebnis liefern, und das mag in einem theoretisch-technischen Sinne „effizient“ sein. Aber ob dieses Ergebnis auch zu unseren gesellschaftlichen Zielen passt und sozial gerecht ist, ist damit nicht gesagt. Wenn wir entscheiden, welche Märkte wir wollen und mit welchen Regeln, dann müssen wir die Idee einer unsichtbaren Hand des Marktes hinter uns lassen. Was wir stattdessen brauchen, sind viele sichtbare Hände.
Zum Autor:
Christian Fröhlich arbeitet derzeit als Data Scientist im kurzfristigen Stromhandel. Zuvor promovierte er an der Universität Tübingen über die konzeptuellen und mathematischen Grundlagen von Risiko und Unsicherheit, mit einem Schwerpunkt auf unscharfen Wahrscheinlichkeiten (imprecise probabilities).








































