„Ohne Wachstum ist alles nichts!“ hat uns Kanzlerin Merkel im Jahr 2003 gelehrt – und nun ist es so weit: Das Wachstum „kommt zum Erliegen“, „die Wachstumskräfte versiegen“ stellen die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer aktuellen Gemeinschaftsdiagnose fest. Also: Nullwachstum, Deutschland ohne Wachstumsperspektive (und die war „alternativlos“), so dass wir jetzt in den Abgrund blicken, ins Nichts.
Man könnte meinen, das wäre Grund zur Beunruhigung oder gar zur Panik. Zur Beruhigung gibt es das Rezept „Wachstumspolitik“, das sich allerdings in den zurückliegenden Jahren nicht als besonders wirksam erwiesen hat. Daher müssen sich Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik wesentlich intensiver mit der Perspektive „Nullwachstum“ beschäftigen: Welche wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Konsequenzen ergeben sich, welche Handlungsoptionen bestehen dann noch? Man kann das als akademische Übung betreiben – als „Denkmodell“ (Borchardt 1974) – aber die zunehmende politische Relevanz ist offensichtlich. Unverzichtbarer Bestandteil einer verantwortungsvollen Vorsorgepolitik muss ein Plan B namens „Beyond Growth“ sein.
Die Ergebnisse der Gemeinschaftsdiagnose
In der Gemeinschaftsdiagnose (S. 59) heißt es: „Alles in allem wächst das Produktionspotenzial … bis zum Ende des Projektionszeitraums 2030 um jahresdurchschnittlich 0,1%. Die Wachstumsrate liegt damit gut 1,1 Prozentpunkte unter dem Mittel der Jahre 1996 bis 2025.“ Was sind die Ursachen und welche Entwicklungstrends sind für die drei Bestimmungsfaktoren des PP-Wachstums zu erwarten?
- Arbeitsvolumen: Unter weitgehend unstrittigen Annahmen über Geburtenhäufigkeit und Lebenserwartung sowie unter der (umstrittenen) Annahme einer Nettozuwanderung von 150.000 Personen p.a., sinkt die Erwerbsbevölkerung ab 2025. Es kommt dann auf Partizipationsquoten, Erwerbslosenquote und auf die Arbeitszeit je Erwerbstätigen an. „Insgesamt ergibt sich für das potenzielle Arbeitsvolumen in der mittleren Frist ein jahresdurchschnittlicher Rückgang um 0,5%“, so die GD. (S. 57). Daraus resultiert ein („dämpfender“) Wachstumsbeitrag von minus 0,3%.
- Kapitalstock: Das Wachstum des Kapitalstocks berechnet sich aus den Brutto-Anlageinvestitionen und der Abgangsquote (Abschreibungen). Im Wesentlichen werden hier Trends aus der Vergangenheit fortgeschrieben und so Netto-Investitionen errechnet, die den Kapitalstock erhöhen. Der Kapitalstock wächst um 0,7% p.a. und leistet damit einen Wachstumsbeitrag von 0,2%.
- Totale Faktorproduktivität (TPF): Es wird geschätzt und erwartet, dass die TPF nicht an den Schätzzeitraum 1980-2024 anknüpfen kann (mit 0,9% p.a.), sondern nur einen Wachstumsbeitrag von 0,1% p.a. liefern wird.
Ist das Ergebnis der GD als ein „worst case“ zu betrachten? Welche alternativen Szenarien sollten analysiert werden (Sensitivitätsanalyse)?
Beim Arbeitsvolumen könnten insbesondere zwei Bestimmungsfaktoren einen deutlich anderen PP-Wachstumspfad ergeben: die Arbeitszeit und die (Netto-)Zuwanderung. Minus 0,5% ist hier nicht der Worst Case, sondern liegt eher im optimistischen Bereich. Beim Kapitalstock sind sowohl die Annahmen über Brutto-Investitionen (am Standort Deutschland) als auch über Obsoleszenz und Abschreibungen („stranded assets“) eher zu optimistisch – ein negativer Wachstumsbeitrag ist nicht unwahrscheinlich.
Die TPF ist der Residualfaktor, in dem nicht nur der technische Fortschritt, sondern alle weiteren Wachstumsdeterminanten zum Ausdruck kommen, d.h. die Effizienz und Innovationskraft der Volkswirtschaft insgesamt. Wenn z.B. Verteilungskonflikte und Reibungsverluste zunehmen, kann dieser Faktor durchaus negativ werden.
Die GD-Projektion liegt also im optimistischen Bereich und befasst sich nicht mit extremen Entwicklungen und deren möglicher Kumulation.
So untersucht die GD nicht die Zeit nach 2030 (langfristiges PP-Wachstum). Es bleibt offen, ob langfristig eine Aufhellung oder eine weitere Verdüsterung der Perspektiven für Deutschland zu erwarten ist. Dazu liegen Untersuchungen und Ergebnisse aus dem Kontext der „Tragfähigkeitsanalyse“ öffentlicher Haushalte und insbesondere der Sozialen Sicherungssysteme vor (vgl. SVR 2023). Die langfristigen Projektionen und Szenarien bis 2070 liefern jedenfalls keine Anhaltspunkte für eine Verbesserung: Die PP-Wachstumsrate wird in der Größenordnung zwischen null und 0,5% p.a. liegen.
Viele Megatrends, die das Wachstum in Deutschland bedrohen, können mit der verwendeten GD-Methode (Cobb-Douglas-Produktionsfunktion) nicht erfasst werden:
- Die steigenden Schadenskosten und Knappheiten aufgrund der Übernutzung von Öko-Systemen (insbes. Klima-Effekte);
- Die zunehmende Gefahr einer Weltwirtschaftskrise (Protektionismus, Lieferketten etc.), die aus dem realwirtschaftlichen Bereich, vor allem aber von den Finanzmärkten (zunehmende Volatilität, unzureichende Regulierung) kommt.
- Die geopolitischen Risiken, die sich im Verlust der Friedensdividende aber auch der Globalisierungsvorteile und der (militärischen) Umlenkung von F&E-Aktivität auswirken.
Man muss also bilanzieren: Mit den angedeuteten Ergänzungen und Erweiterungen ist klar, dass Nullwachstum in der Periode 2025-2030 kein Worst-Case-Szenario ist – und auch danach wohl nicht verschwinden wird.
Nullwachstum: Entlastung oder Bedrohung?
Über Jahrzehnte war Nullwachstum eine Horror-Vision. Wenn nun das Postwachstums-Zeitalter beginnt, wird die wissenschaftliche und politische Befassung mit Nullwachstum dringlicher und politisch relevant.
„Ohne Wachstum“ bzw. „Postwachstum“ umfasst zwei Fälle:
- Nullwachstum: Die Real-Einkommen sind (auf hohem Niveau) stabil – trotz einer alternden Bevölkerung und trotz globaler Konkurrenten, die aufgeholt und z.T. überholt haben. Das ist nicht mehr das alte Fortschritts- und Wohlstandsversprechen, aber auch keine finstere Zukunft.
- Degrowth: Die Wachstumsrate rutscht in den negativen Bereich, also z.B. auf minus 0,5% p.a. Der numerisch geringfügige Unterschied hat langfristig gravierende Effekte: Innerhalb einer Generation, also etwa bis 2050, sinken die Real-Einkommen um 12%, bis 2100 (drei Generationen) um 31% – die Enkel haben noch etwa zwei Drittel des Real-Einkommens, das die Großeltern hatten. Bei einer Schrumpfungsrate von 1% p.a. ergäbe sich bis 2100 eine Halbierung der Einkommen. Wann und wie endet ein solcher Schrumpfungsprozess? Führt er ins Merkel’sche Nichts? Wie könnte eine Zivilisation einen solchen anhaltenden (ökonomischen) Niedergang überleben?
Auch die weniger dramatische Nullwachstumsperspektive ist mit gravierenden Herausforderungen verbunden, die es proaktiv zu lösen oder zumindest zu kommunizieren gilt.
Nullwachstum und Stagnation
Mit Nullwachstum ist nicht das Ende der Entwicklungsdynamik verbunden, die der Innovationsaktivität entspringt und vom Wettbewerb angetrieben wird. Der marktwirtschaftlich-unternehmerische Kernprozess (schöpferische Zerstörung) geht weiter. Das ist nicht das Ende der (Evolutions-)Geschichte. Es entsteht auch kein grundsätzliches Problem für die marktwirtschaftliche Ordnung – allerdings werden Strukturwandel und Verteilungskonflikte intensiver.
Der Schwerpunkt des Innovationsprozesses wird sich ändern müssen; mit Technologien allein werden die gesellschaftlichen Zukunftsprobleme nicht zu lösen sein. Ganz offensichtlich hat Deutschland insbesondere Probleme bei gesellschaftlichen Innovationen, bei der Anpassung und Modernisierung von Institutionen und Regulierungen und der Organisation von gesellschaftlichem Zusammenhalt. Erst wenn der Such- und Entdeckungsprozess und die Innovationsfähigkeit auf breiter Front erlahmt, mündet die wirtschaftliche Entwicklung in Stagnation und Niedergang. Dann geht es allerdings nicht mehr nur um Nullwachstum, sondern um einen gesellschaftlichen und ökonomischen Niedergang, der sich nicht nur im BIP-Indikator (als Degrowth) ausdrückt.
Nullwachstum und Umweltschutz
Der tendenzielle Fall der Wachstumsrate in Richtung null nimmt ökologisch zumindest etwas Druck vom Kessel: Öko-Effizienzsteigerungen wirken dann voll als Reduktion der Umweltbelastung (z.B. der CO2-Emissionen).
Nullwachstum ist aber keine hinreichende Bedingung für die Lösung von Umweltproblemen, weil es angesichts der Überschreitung planetarer Belastungsgrenzen ökologisch nicht ausreicht, wenn das BIP und damit c.p. die Umweltbelastung konstant bleibt. Zusätzlich kommt es weiterhin auf die „Entkoppelung“ (Substitution, Effizienzsteigerung) an. Weil in der Vergangenheit und im globalen Maßstab eine rasche Entkoppelung nicht gelungen ist, rückt auch „scale“ in den Fokus, insbesondere der Umwelt- und Ressourcenverbrauch in reichen Ländern, und wird deren weitere Expansion (Überkonsum) in Frage gestellt. Nullwachstum kann zumindest einen ökologischen Entlastungseffekt bringen.
Nullwachstum und Beschäftigung
Ein Gespenst kehrt zurück, das in den 1970er Jahren Angst und Schrecken verbreitet hat: Umweltschutz führt zur Vernichtung von Arbeitsplätzen. Wenn die Arbeitsproduktivität um 1% p.a. steigt, führt das bei Nullwachstum zu einem Rückgang der Arbeitsnachfrage um 1% p.a., es fallen also c.p. 400.000 Jobs weg, innerhalb von zehn Jahren wären das ca. vier Millionen.
Aktuell hätte Nullwachstum noch einen willkommenen Entlastungseffekt am Arbeitsmarkt. Mittelfristig wird demographisch bedingt und aufgrund der Zeit-Präferenzen (Partizipationsrate, Arbeitszeit) das Arbeitsangebot weiter sinken. Wenn im Zeitbudget die Anteile von Care-Arbeit und Ehrenamt zunehmen, ist das ein Beitrag zur Entlastung des Sozialstaats und zur Bildung von Sozialkapital (Zusammenhalt). Allerdings werden dadurch die Markteinkommen sinken und gravierende Lebensstil-Änderungen (Suffizienz) notwendig.
Veränderungen in der Work-Life-Balance und im Lebensstil (Konsummuster) sind untrennbar miteinander verbunden. Ob und wie die Synchronisierung von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage bei langfristigem Nullwachstum und anhaltendem Wachstum der Arbeitsproduktivität beispielsweise unter dem Einfluss von KI gelingen kann, ist die sozio-ökonomische Schicksalsfrage. Antwort offen.
Wirtschaftspolitik für das Postwachstums-Zeitalter
In einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung gilt der Grundsatz: „Die Wirtschaftspolitik ist nicht dazu da, die Wirtschaftsleistung zu maximieren.“ Ihre primäre Aufgabe ist es, „Bremsen für freiwillige ökonomische Aktivität zu lösen.“ (GD 2026, S. 66). Im Vordergrund steht dabei die „dysfunktionale Regulierungsdichte“, die allerdings „das Ergebnis eines über viele Jahre andauernden Prozesses ist.“ (GD 2026, S. 67) – und daher nicht über Nacht beseitigt werden kann.
Daher ist auch nicht verwunderlich, dass es bislang so schwergefallen ist, „Potenzialreserven“ zu heben und dass das Standardrezept: „Wachstumspolitik“ seit Jahren ohne Erfolg geblieben ist. Wenn – weitgehend unabwendbar – massive militärische, soziale und ökologische Zusatzlasten auf Deutschland zurollen und zugleich das Produktionspotenzial schwindet, dann spitzen sich Allokations- und Distributionskonflikte massiv zu. Darauf hat die Bürger*innen niemand systematisch vorbereitet – von vereinzelten Warnungen vor kommenden „Zumutungen“ abgesehen. Die weitreichende gesellschaftspolitische Neu-Orientierung ist noch nicht einmal in den Umrissen thematisiert.
Die aktuelle Entwicklung und der Erkenntnisstand – über den Wachstumstrend einerseits und über die Leistungsfähigkeit der Wachstumspolitik andererseits – lassen es immer mehr angeraten erscheinen, Vorbereitungen für ein neues (Postwachstums-)Zeitalter zu treffen. Wie kann sich Wirtschaftspolitik auf ein Zeitalter ohne Wachstum einstellen, in dem es keine Zuwächse mehr zu verteilen gibt, sondern in dem es gilt, Schäden und Lasten zu begrenzen und gerecht zu verteilen, so dass der gesellschaftliche Zusammenhalt auch ohne den „social mollifier“ Wachstum erhalten bleibt? Wenn das nicht gelingt und die Konflikte eskalieren, dann wird das Wachstum noch mehr geschwächt und es entsteht ein circulus vitiosus.
Wie könnte also ein „Plan B“ für die Postwachstums-Zeit entstehen, welche Bausteine könnten genutzt werden?
Richtig messen: Ein Bausteinchen war der Versuch des BMWK unter Robert Habeck in den Jahreswirtschaftsberichten zumindest den Mess- und Indikatoren-Ansatz zu erweitern und damit die Grundlage für eine breiter angelegte Wohlstandsdebatte zu schaffen (vgl. BMWK, 2023).
Ordnungspolitische Wurzeln weiterentwickeln: Ein neues Wohlstandsmodell für Deutschland kann auf der Sozialen Marktwirtschaft aufbauen, auf der Leitidee einer zugleich funktionsfähigen und menschenwürdigen Ordnung. Humanisierung der Gesellschaft statt Maßlosigkeit war ein zentrales Thema der Gründungsväter (z.B. Ludwig Erhard 1957) – und muss heute auch die Einhaltung ökologischer Grenzen einbeziehen. Die Nullwachstums-Diagnose ist insofern auch eine Chance, weil sie nicht nur das Weiter-so fundamental angreift, sondern auch auf die Notwendigkeit einer Re-Vitalisierung der Grundlagen verweist.
Erkenntnisse des gesellschaftlichen Such- und Entdeckungsprozesses auswerten und nutzen: Zum Transformationsprozess gibt es einerseits eine umfangreiche Literatur und andererseits die Erfahrungen aus einer Vielzahl von Projekten, Reallaboren und Experimenten. Allerdings muss festgestellt werden, dass Jahrzehnte der Informations-, Aufklärungs-, Diskurs-Arbeit in der Zivilgesellschaft wenig Lernfortschritte gebracht haben. Weder sind Aufklärung, Kommunikation und Konsensbildung in die Breite der Gesellschaft vorgedrungen, noch sind die politischen Entscheidungsträger erreicht worden. Es gibt kaum Ansätze einer Suffizienzpolitik. Auch „mentale Infrastrukturen“ ändern sich offensichtlich nur sehr langsam. Politiker (aller Parteien) wagen sich erst dann an dieses konfliktgeladene Thema heran, wenn sie eine hinreichende gesellschaftliche Mehrheit erwarten können. Das ist beim Suffizienz-Thema nach wie vor nicht der Fall.
Politökonomische Erkenntnisse über Interessen und Macht: Jede Idee über neue Strategien und Maßnahmen muss mit einer Analyse der relevanten Akteure, ihrer Interessen und Einflussmöglichkeiten (Macht) verbunden sein (vgl. dazu GD 2026, S. 67). Nur sehr selten bahnen geniale Ideen sich ihren Weg selbst – mit Hegel: „Ist erst das Reich der Vorstellungen revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand.“ Und ein „benevolent dictator“ ist weder verfügbar noch wünschenswert.
Fazit: Viele Probleme, die sich unter Wachstumsbedingungen fast beiläufig lösen ließen, erfordern in der Postwachstumswelt sehr viel mehr politische Kraftanstrengung. Es stellt sich die politökonomische Frage, welche Akteure mit welchen Interessen die Treiber dieses radikalen Reformprozesses, einer „Großen Transformation“ sein könnten. Solange es solche „Pioniere des Wandels“ nicht gibt, wird der Entwicklungsprozess dem tradierten Pfad weiter folgen – und der führt c.p. in Katastrophen (Tipping Points).
Eine Hoffnung ist, dass in der Zivilgesellschaft noch viel unerschlossenes Potenzial steckt, das gehoben werden kann, um neue Wohlstandsmodelle zu finden. Allerdings: Das Zeitfenster für Aufbruch und Große Transformation schließt sich. Ansonsten werden Abstiegsängste, Frust und Wut die (wachstums-fixierte) Gesellschaft zerfressen.
Zum Autor:
Rudi Kurz war bis 2017 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Innovation, Wirtschaftswachstum, Umweltökonomie und Nachhaltige Entwicklung. Ehrenamtlich engagiert er sich im BUND-Arbeitskreis Wirtschaft und Finanzen.








































