Essay

Narrative und Szenarien der Nach-Corona-Welt

Wird durch die Corona-Krise das Ende des Kapitalismus eingeläutet – oder erlebt er ein „Jetzt erst recht“-Comeback? Fest steht: Die jetzigen Erzählungen werden beeinflussen, wie es weitergeht. Ein Essay von Valentin Sagvosdkin und Hannes Böhm.

Viele Menschen fragen sich, ob die Corona-Krise ein Gelegenheitsfenster für einen gesellschaftlichen Wandel darstellen könnte. Nicht nur individuell kann eine persönliche Krise eine Chance eröffnen – auch in Wissenschaft und Gesellschaft ergeben sich strukturelle Veränderungen oft aus vorangegangenen Krisenerfahrungen.

So hebt etwa der Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn in seinem Werk Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (1976) die besondere Bedeutung von Krisen hervor: Nach Kuhn bilden die meisten Wissenschaften ein „disziplinäres System“, ein Paradigma aus. Verkürzt gesagt, denkt der „Mainstream“ einer Wissenschaft innerhalb „seines“ Paradigmas und blendet dabei Widersprüchlichkeiten weitgehend aus oder wehrt Kritik aus anderen Theorieschulen zunächst ab. Im Laufe der Zeit treten jedoch Probleme auf, die das bestehende Paradigma vor Rechtfertigungsdruck stellen können, so dass sich der Raum für neue Theorien eröffnet, was bei der „normalen“ Wissenschaft jedoch auf Widerstand stößt. Die Rechtfertigungskrise kann daher auf drei Arten enden: Das alte Paradigma wird doch irgendwie mit dem neuen Problem fertig. Das Problem wird „archiviert“ und zukünftigen Generationen überantwortet. Oder es setzt sich ein neues Paradigma durch.

Dass Krisen auch wirtschaftspolitisch einen Paradigmenwechsel befördern können, lehrt ein Blick in die Geschichte: Im Zuge der Großen Depression der 1930er Jahre und des Zweiten Weltkriegs setzte ein Wandel zu einer keynesianisch geprägten Wirtschaftspolitik mit aktiven Staatseingriffen und regulierten Kapitalmärkten ein. Die Ölpreis-Krisen der 1970er Jahre, welche das keynesianische Paradigma vor „kuhnsche“ Probleme stellten, waren wiederum Ausgangspunkt für eine Entwicklung zu einer häufig als neoliberal bezeichneten Wirtschaftsordnung, die von deregulierten Finanzmärkten, globalem Freihandel und der Privatisierung staatlicher Aufgaben geprägt war.

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