Arbeitsmarkt

Wenn eine falsche Theorie zu problematischen Empfehlungen führt

Für wichtige und einflussreiche Institutionen wie die OECD, die EZB und die EU-Kommission sind rigide Arbeitsmärkte die Hauptquelle anhaltender Arbeitslosigkeit. Dieser Ansatz ist aber theoretisch und empirisch fragwürdig – und dürfte angesichts des politischen Einflusses, den diese Institutionen gerade während der Krisenjahre hatten, auch das Leben von Millionen Menschen negativ beeinflusst haben.

Warum gerät ein Arbeitsmarkt aus dem Gleichgewicht? Bild: Pixabay

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Wenn eine falsche Theorie zu problematischen Empfehlungen führt

Jakob Steffen

Eine sehr treffende Analyse. Die im Beitrag kurz angerissene Sichtweise des Postkeynesianismus unterstützt die Argumentation bzgl. der NAIRU voll und ganz. Wenn man davon ausgeht, dass die Beschäftigungspläne des Unternehmenssektors primär von seinen Absatzerwartungen abhängen, wird die Argumentation zu Gunsten einer Liberalisierung vermeintlich inflexibler Löhne endgültig gerade gerückt:

Dann nämlich erfolgt die Findung des Nominallohns in der betrachteten Periode ex post und nicht etwa ex ante, womit eine NAIRU bereits theoretischer Unsinn ist (vgl. Kenneth Galbraiths folgliche, vernichtende Kritik an dem Konzept). Geht man konsequent noch einen Schritt weiter, dann ist sogar das theoretische Konzept eines “Arbeitsmarktes” problematisch; denn faktisch hat man es vielmehr mit einer zunächst lohnunabhängig festgesetzten Beschäftigungsnachfrage zu tun, die gleichsam eine Höchstgrenze der Beschäftigung in der aktuellen Periode darstellt. Das Arbeitsangebot ist dann mit einer take it or leave it-Situation konfrontiert; die ex post erfolgenden Lohnverhandlungen zwischen Gewerkschaften (deren Verhandlungsmacht zunehmend schwindet) und Arbeitgebern haben keinen Einfluss mehr auf die Beschäftigung der aktuellen Periode, über ihren Einfluss auf die effektive Güternachfrage der Folgeperiode allerdings sehr wohl auf die Beschäftigungsnachfrage (!) der Folgeperiode. Die Vorstellung eines – womöglich gar atomistischen – Arbeitsmarktes, auf dem ein gleichgewichtiger Lohn gleichsam auf Augenhöhe ausgehandelt wird, erscheint demgegenüber doch arg unplausibel.
Tatsächlich ändert das auch nichts an der sattsam bekannten, mikroökonomischen Regel, wonach das Wertgrenzprodukt dem Nominallohn entsprechen muss. Nur läuft der Wirkungsmechanismus nicht vom ex ante festgesetzten Lohn zum Wertgrenzprodukt, sondern vom erwarteten Wertgrenzprodukt zum Lohn.
In diesem analytischen Rahmen entsteht Inflation vor allem dann, wenn die Unternehmen die effektive Nachfrage auf Grundlage der Lohnabschlüsse systematisch unterschätzen – und nicht etwa, weil die “gleichgewichtige Arbeitslosenrate” (was immer das sein soll) unterschritten wird.