Fremde Federn

Mondlandung, Chat-GPT, Lügenpresse

Diese Woche unter anderem in den Fremden Federn: Warum Deutschland eine „Mondlandung“ guttun würde, was Chat-GPT bislang wirklich bringt und wie ausgewogen deutsche Medien berichten.

Foto: Jojo Bombardo via Flickr (CC BY-ND 2.0)

In den „Fremden Federn“ stellen wir einmal pro Woche in Kooperation mit dem Kuratorendienst piqd eine Auswahl von lesenswerten journalistischen Fundstücken mit wirtschaftspolitischem Bezug zusammen. piqd versteht sich als eine „Programmzeitung für guten Journalismus“ – was relevant ist, bestimmen keine reichweitenoptimierten Algorithmen, sondern ausschließlich ausgewählte Fachjournalisten, Wissenschaftler und andere Experten.

Unsere Mondlandung: Größer denken bei der Energiewende

piqer:
Ralph Diermann

Wir haben uns bei der Diskussion um die Gestaltung der Energiewende verzettelt, argumentiert SZ-Redakteur Helmut Martin-Jung. Wir streiten etwa über das Heizungsgesetz, die Förderung heimischer Photovoltaik-Hersteller oder die künftige Gestaltung des Strommarktes und verlieren dabei aus den Augen, was die Transformation des Energiesystems tatsächlich bedeutet: ein Jahrhundertprojekt zur klimagerechten Modernisierung von Wirtschaft und Infrastruktur, das unseren Wohlstand wahrt, die Strom- und Wärmepreise im Zaum hält und die Energieversorgung sichert.

Martin-Jung plädiert deshalb in einem Essay dafür, die Energiewende zu einem Projekt zu machen, wie es in den USA einst die Mondlandung war. Heißt: Sie in der politischen Debatte konsequent positiv zu besetzen und mit der nötigen Finanz- Kommunikationskraft auszustatten. Regeln zu lockern, so dass Bürger und Unternehmen mehr Möglichkeiten bekommen, Energiewende-Maßnahmen umzusetzen, und Investoren mehr Kapital bereitstellen. Anwohner noch viel stärker an den Erträgen von Wind- oder Solarparks beteiligen.

Dann nämlich, so die Hoffnung von Martin-Jung, könnte es gelingen, einen sehr großen Teil der Nation hinter der Energiewende zu versammeln – so wie in den Sechzigern das Programm zur Mondlandung breite Zustimmung in der Bevölkerung fand, gar Begeisterung auslöste. Mit dieser Vision vor Augen würden wir weniger über das Klein-Klein streiten, sondern vielmehr unsere Ressourcen für Wichtigeres einsetzen: vermehrt ins Handeln kommen – mit der Schlagzahl, die die Klimakrise erfordert.

Was Chat-GPT bislang wirklich bringt

piqer:
Jannis Brühl

Der Hype um Chat-GPT kühlt etwas ab, was aber auch bedeutet: Jetzt wird es ernst. Die Technologie muss zeigen, was sie in der Praxis kann, und ob die großen Summen, die seit etwas mehr als einem Jahr dafür ausgegeben werden, gerechtfertigt sind. Was kann Chat-GPT, was können generative KIs also wirklich? Angesichts der Fülle an Anekdoten, Paper, marktschreierischer Twitter-Screenshots, Studien und Behauptungen fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Dankenswerterweise hat Innovationsmensch Johannes Klingebiel (der einst mit mir im selben Verlag arbeitete) in seinem Newsletter einen knackigen Überblick erstellt.

Er zeigt vor allem die Beschränkungen auf, die Chat-GPT immer noch hat: zu viele Fehler, zu unzuverlässig und schwankend, dabei dennoch unflexibel bei „überraschenden“ Aufgaben, die die Modelle noch nicht kennen. Wie so viele Formen der Automatisierung dürfte auch KI menschliche „Aufpasser“ brauchen, was die Vorstellung schon wieder relativiert, es hier mit wirklicher Intelligenz zu tun zu haben. Zudem litt die Produktivität unter den Hochqualifizierten – zumindest unter Unternehmensberatern.

Fazit: GenAI ist faszinierend, kann die Produktivität steigern – aber wirklich wichtige Aufgaben würde man ihr dann doch nicht anvertrauen.

Der mühsame Wiederaufbau eines geschundenen Rechtsstaates

piqer:
Jürgen Klute

Im Sommer 2023 startete der Verfassungsblog „Das Thüringen-Projekt“. Angesichts dessen, dass in der zweiten Jahreshälfte in drei ostdeutschen Ländern – u.a. in Thüringen – Landtagswahlen anstehen, bei denen die AfD nach Umfragen unter Umständen bis zu gut einem Drittel der Stimmen von Wählerinnen und Wählern erreichen könnte, geht das Thüringen-Projekt der Frage nach, was passiert könnte, wenn autoritär-populistische Parteien staatliche Machtmittel in die Hand bekommen. (Vgl. dazu auch meinen piq „Wie beständig ist das Grundgesetz gegen Demokratiefeinde?“).

Der EU-Mitgliedsstaat Polen hat diese Erfahrung bereits hinter sich. Bei den polnischen Parlamentswahlen vom 15. Oktober 2023 wurde die für den Abbau des Rechtsstaats in Polen verantwortliche PiS-Partei zwar abgewählt und damit durch die Wählerinnen und Wähler die Voraussetzung für eine Wiederherstellung des Rechtsstaates geschaffen. Doch die Reparatur des Rechtsstaates ist offensichtlich gar nicht so einfach. Das jedenfalls ist die Schlussfolgerung aus einem taz-Interview von Gabriele Lesser mit der polnischen Verfassungsrechtlerin Ewa Łętowska. In dem Interview erklärt sie, mit welchen Herausforderungen die Wiederherstellung des Rechtsstaates durch die neugewählte Regierung in Polen konfrontiert ist.

Dieses Interview ist also eine ausgezeichnete Ergänzung zu dem Thüringen-Projekt des Verfassungsblogs und unterstreicht, wie wichtig es ist zu verhindern, dass die AfD Zugriff auf staatliche Machmittel bekommt.

Lügenpresse? Eine Studie belegt die Ausgewogenheit deutscher Medien

piqer:
Jan Freitag

Fake News, Lügenpresse, Gesinnungsjournalismus – je weiter politische Haltungen nach rechts rücken, desto häufiger werfen sie pluralistisch-liberalen Medien links davon vor, staatlich gelenkt zu werden. Dieses Opfer-Narrativ hatte schon der NSDAP beim Aufstieg geholfen. Heute verleiht ihm das Erstarken völkischer Populisten neuen Schwung – und das, obwohl es dafür auch 100 Jahre später keine empirischen Belege gibt.

Die wollte natürlich auch Professor Marcus Maurer, Simon Kruschinski und Pablo Jost vom Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz nicht liefern. Im Gegenteil. Kofinanziert von der Stiftung Mercator haben sie in der bislang umfangreichsten Inhaltsanalyse dieser Art untersucht, wo Nachrichtenformate aller Art politisch zu verorten sind.

Von April bis Juni 2023 haben sie mehr als 10.000 Beiträge öffentlich-rechtlicher und 38 reichweitenstarker privatwirtschaftlich organisierter Medien von Print über TV bis Online auf ihre Vielfalt im Meinungsspektrum hin untersucht. Demnach gab es zwar durchaus Ungleichgewichte, etwa in Richtung soziallstaatlicher statt marktliberaler und progressiver statt konservativer Perspektiven. Insgesamt treffe die Behauptung

Nachrichtenformate des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seien im Vergleich zu anderen Nachrichtenmedien besonders einseitig, aber nicht zu.

Umso interessanter ist das Original-Dokument inklusive aufschlussreicher, leicht verständlicher Grafiken wie der auf Seite 16, wo 47 untersuchte Medien politisch zu verorten sind. Dort finden sich in der Tat nur drei im neoliberal-rechten Eck ganz außen: Neben Springers Welt das AfD-Fanzine Tichys Einblick und die reaktionär-intellektuelle Junge Freiheit. Warum Jürgen Elsässers compact fehlt, die wegen ihrer rechtsextremen Inhalte gerade aus dem Bahnhofsbuchhandel fliegt, bleibt offen.

Wie Silicon Valley traditionelle Medien verschluckte

piqer:
Michaela Haas

Kara Swisher wurde Anfang der 1990er Jahre die erste „Tech“-Reporterin der Washington Post. Das war die Zeit, als man noch erklären musste, was das Internet ist. Swisher machte sich einen Namen als weitsichtige und kluge Chronistin, die als eine der ersten erkannte, dass die digitalen Medien die Schwarz auf Weiß gedruckte Papierzeitung verdrängen werden und die alten weißen Männer in Anzügen von „erwachsenen, in Fleece gekleideten Toddlern“ ersetzt würden.

Sie gründete als eine der ersten ein ausschließlich digitales Medium („D“ für digital) unter dem Dach des Wall Street Journal und hatte einen Sitz in der ersten Reihe, als Nerds wie Sergey Brin, Mark Zuckerberg und Elon Musk erstmals nervös und ungelenk ins Rampenlicht stiegen.

Ich piqe hier ein lesenswertes Kapitel aus ihrem Buch Burn Book, das Ende Februar in Amerika erscheinen wird.

There are better paths for all of us, for the health of our democracy and to restore our sense of truth and social cohesion, than allowing the angriest and loudest and most nonsensical voices on social media (and I am not just talking about Musk, but him, yes, perhaps most of all right now). Which is why we need to continue to press our elected leaders for guardrails for tech to limit its unaccountable power and put in place reasonable protections around a range of inventions that have the potential to cause more harm.

My digital journey in media has been a long one, and perhaps it’s okay that we had to be destroyed — or nearly so — to become something else. What I am certain of is we don’t have to be yet another meal for big tech to Google, oops, gobble up.

They think they can eat media? My reply? Bite me.

Klimawissenschaftler M. Mann gewinnt Prozess gegen rechte Blogger

piqer:
Ole Wintermann

Nicht nur zum Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine gibt es den Versuch, Desinformation zu verbreiten, und damit die westlichen Demokratien zu destabilisieren. Auch in der Klimawissenschaft sind KlimawissenschaftlerInnen wie Katharine Hayhoe oder Michael Mann stetigen Angriffen auf die Integrität ihrer Person ausgesetzt, seitdem professionelle KlimawandelleugnerInnen anerkennen mussten, dass die Erwärmung nicht mehr zu leugnen ist. Was diese LeugnerInnen antreibt, Realitäten und Wissenschaften zu negieren, haben inzwischen weite Teile der Community der PsychotherapeutInnen analysiert.

Einem solchen Angriff auf seine wissenschaftliche Integrität war auch Michael Mann vor 12 Jahren ausgesetzt, als zwei rechte Blogger versucht haben, grundsätzliche Aussagen von Michael Mann sowie seine Person zu diffamieren. Die damalige Diffamierung, die vor einigen Tagen nun auch zu Gunsten von Michael Mann gerichtlich endlich bestätigt worden ist, war nur der Auftakt für die Änderung der Strategie der KlimawandelleugnerInnen, Personen direkt anzugehen oder alle Kraft darauf zu konzentrieren, mögliche Lösungen zur Klimakrise oder Maßnahmen des Klimaschutzes als nicht wirksam zu labeln.

Sowohl im verlinkten Text der New York Times als auch hier in der Washington Post gibt es mehr kontextbezogene Information über die Strategien der VerbreiterInnen von Desinformation. Desinformation zu verbreiten, ist ein Angriff auf den demokratischen Diskurs. Von daher ist das Urteil, das im Sinne von Michael Mann getroffen wurde, so wichtig, da es feststellt: Diffamierung fällt nicht unter den Grundsatz der freien Meinungsäußerung.