Fremde Federn

Krypto-Crash, Nahrungsmittelsicherheit, Dekarbonisierung

Diese Woche unter anderem in den Fremden Federn: Warum die Lebensmittelkrise ohne Umverteilung nicht zu lösen ist, die Psychologie von Krypto und ein Blick in die Mühen der laufenden Klimagesetzgebung.

Foto: Jojo Bombardo via Flickr (CC BY-ND 2.0)

In den „Fremden Federn“ stellen wir einmal pro Woche in Kooperation mit dem Kuratorendienst piqd eine Auswahl von lesenswerten journalistischen Fundstücken mit wirtschaftspolitischem Bezug zusammen. piqd versteht sich als eine „Programmzeitung für guten Journalismus“ – was relevant ist, bestimmen keine reichweitenoptimierten Algorithmen, sondern ausschließlich ausgewählte Fachjournalisten, Wissenschaftler und andere Experten.

Der Mensch und sein Eigentum – auf dem Weg zur Egalität?

piqer:
Thomas Wahl

Der Essay ist eine kritische Analyse der alten Idee, dass Gesellschaften vor der Landwirtschaft von Natur aus egalitär und vollständig auf die Gemeinschaft orientiert waren. Dabei ist Marx` Idee, vom ursprünglichen, primitiven Kommunismus, wohl die einflussreichste, aber wahrscheinlich auch falsche Erzählung. Sie geht so:

Es war einmal, dass Privateigentum unbekannt war. Das Essen ging an die Bedürftigen. Alle wurden umsorgt. Dann entstand die Landwirtschaft und damit das Eigentum an Land, Arbeit und natürlichen Ressourcen. Die Bio-Gemeinschaft zerbrach dann unter dem Gewicht des Wettbewerbs. Diese Geschichte geht auf Marx und Engels zurück. Auch der Schutzpatron des Kapitalismus, Adam Smith, schlug etwas Ähnliches vor, ebenso wie der amerikanische Anthropologe Lewis Henry Morgan aus dem 19. Jahrhundert. Sogar alte buddhistische Texte beschrieben eine vorstaatliche Gesellschaft ohne Eigentum.

Aber die wichtigste Kodifizierung des Grundnarratives stammt von Marx und Engels, die sie mit vielen marxistischen Prinzipien zu einer großen (linken) Theorie verschmolzen und über die Welt verbreiteten.

Heute gilt die Idee, dass die Menschheit lange Zeit ohne Privateigentum gelebt hat und sich Eigentumsrechte erst mit der Landwirtschaft herausbildeten, vielen Intellektuellen als historische Tatsache. In einem wichtigen Lehrbuch für Anthropologie heißt es dann auch: „Das Konzept des Privateigentums ist alles andere als universell und tritt tendenziell nur in komplexen Gesellschaften mit sozialer Ungleichheit auf.“ Aber stimmt die Geschichte vom ursprünglichen Kommunismus? Der Autor Manvir Singh, selbst Anthropologe, ist skeptisch und fragt:

Der primitive Kommunismus ist ansprechend. Es befürwortet ein paradisisches Bild der Menschheit, in dem die Moderne unsere natürliche Güte korrumpiert hat. Aber genau deshalb sollten wir es in Frage stellen. Wenn uns anderthalb Jahrhunderte Forschung über die Menschheit etwas gelehrt haben, dann ist es, dem Verführerischen skeptisch gegenüberzustehen. Von der Rassenwissenschaft bis zum edlen Wilden ist die Geschichte der Anthropologie überfüllt mit den Leichen praktischer Geschichten, von Erzählungen, die die menschliche Vielfalt falsch darstellen, um ideologische Ziele voranzutreiben. Ist der primitive Kommunismus anders?

Wie kann man das besser verifizieren, als empirisch die noch lebenden Gesellschaften zu untersuchen, die noch in vorlandwirtschaftlichen Gemeinschaften leben. So vergleicht der Autor mehrere Erfahrungsberichte verschiedener Anthropologen. Und es zeigt sich, das es differenzierte und sehr unterschiedliche Verfahren von Umverteilung sowie von Eigentumskonzepten gab. Offensichtlich haben unsere Urahnen vieles ausprobiert. So berichtete der Anthropologe Kim Hill von den Aché, dort herrsche „fast reiner wirtschaftlicher Kommunalismus“. Was er so nicht erwartet hatte.

Andere Erfahrungen macht er bei den Hiwi in Venezuela. Auch da gab es Food-Sharing, aber während im primitiven Kommunismus der Aché die Jäger bei der Verteilung wenig Mitsprache hatten, ihre Familien nicht bevorzugen konnten, galt das bei den Hiwi nicht.

Wenn Fleisch in ein Hiwi-Dorf kam, behielt die Familie des Jägers eine größere Charge für sich und verteilte Anteile an mickrige drei von 36 anderen Familien. Mit anderen Worten, wie Hill und seine Kollegen im Jahr 2000 in der Zeitschrift Human Ecology schrieben, „erhalten die meisten Hiwi-Familien nichts, wenn eine Nahrungsressource in das Dorf gebracht wird“.

Die meisten untersuchten Gruppen aus Jägern und Sammlern waren weniger egalitär als die Aché. Jäger etwa genossen in vielen Gemeinden besondere Rechte. Sie behielten die schmackhaftesten Teile, exklusive Organe oder das Mark der Knochen, bevor geteilt wurde. Auch ausschließliche Rechte an den Nachkommen eines getöteten Tieres waren üblich. Das wichtigste Privileg aber, das Jäger genossen, war die Entscheidung, wer Fleisch bekommt:

Selektives Teilen ist mächtig. Es erweitert eine Bindung zwischen Geber und Empfänger, die der Geber ziehen kann, wenn er in Not ist. Die Weigerung, zu teilen, ist unterdessen eine Ablehnung der Freundschaft, ein Ausdruck des schlechten Willens. … Durch die Kontrolle über Verteilungen verwandeln Jäger Fleisch in Beziehungen.

Eine interessante Form der Elitenbildung aus erfolgreichen Jägern und ihren Familien. Wenn man andere davon ausschließen kann, etwas zu benutzen oder zu essen, dann bedeutet dies: man besitzt es. Man kann also sagen, die

Privilegien der Jäger verlagerten die Eigentumsrechte entlang eines Kontinuums von vollständig öffentlich auf vollständig privat. Je mehr Vorteile sie monopolisieren könnten – von Trophäen über Organe bis hin zu Sozialkapital – desto mehr könnte man sagen, dass sie ihr Fleisch besitzen.

Aber es sind nicht nur die Privilegien der Jäger, die gegen die These der egalitären Gesellschaft sprechen. Erwiesen ist, so Manvir Singh, alle Jäger und Sammler hatten Privateigentum, sogar die Aché.

Einzelne Aché besaß Bögen, Pfeile, Äxte und Kochgeräte. Frauen besaßen die Früchte, die sie sammelten. Sogar Fleisch wurde zu Privateigentum, nachdem es verteilt war. Hill erklärte: „Wenn ich mein Gürteltierbein auf [ein Farnblatt] setzte und für eine Minute hinausging, um im Wald zu pinkeln, und zurückkam und jemand es nahm? Ja, das war Diebstahl“.

Auch gab es Eigentum an natürlichen Ressourcen, wie etwa Adlernester. Biberhöhlen oder Angelplätzen. Besonders häufig ist der Besitz von Bäumen. Nach Schätzungen eines Ökonomen kannten demnach mehr als 70 Prozent der Jäger-Sammler-Gesellschaften Privateigentum an Land oder Bäumen. Und so bestraften diese Gesellschaften auch die Verletzung solcher Eigentumsrechte.

Für den Autor geht die eingangs beschriebene egalitäre „Sharing Economy“, etwa der Aché auf die wechselseitige Abhängigkeit der Gruppenmitglieder beim Überleben zurück und weniger auf paradiesische Gemeinschaftsbeziehungen der Menschen. Daher kann dieses Teilen und Helfen auf Gegenseitigkeit auch eine Grausamkeit erzeugen,  die in Diskussionen über den primitiven Kommunismus oft verschwiegen wird.

Wenn eine Person an der Rettungsleine zu einer langfristigen Belastung wird, können Gründe, sie am Leben zu erhalten, verschwinden. In ihrem Buch „Aché Life History“ (1996) listeten Hill und die Anthropologin Ana Magdalena Hurtado viele Aché-Menschen auf, die getötet, verlassen oder lebendig begraben wurden: Witwen, kranke Menschen, eine blinde Frau, ein zu früh geborenes Kind, einen Jungen mit einer gelähmten Hand, ….. Ein solcher Opportunismus erstickt alle sozialen Interaktionen. …. Sobald sich das Bedürfnis zum Überleben aufgelöst hat, könnten sogar Freunde wegwerfbar werden.

Aus all dem schließt der Autor, dass die Erzählungen von einem ‚paradiesischen‘ Urkommunismus eher seiner intuitiven Einfachheit und der politischen Zweckmäßigkeit geschuldet ist, als der realen Geschichte. Man kann vor diesem Hintergrund wunderbar alle nichtidealen Zustände unserer Gesellschaft als „Perversion einer an sich prosozialen menschlichen Natur“ darstellen. Aber wir müssen nun mal mit den Menschen agieren, wie sie sind – aus krummen Holz.

Die Psychologie von Krypto (und dem Krypto-Crash)

piqer:
Jannis Brühl

Jetzt ist es soweit. Der Krypto-Crash ist da. Bitcoin 25 Prozent runter, Coinbase (die bekannteste, mutmaßlich seriöseste Kryptobörse) 50 Prozent und so weiter. Ab Donnerstag „stabilisierten“ sich viele Werte wieder, aber verglichen mit den vergangenen zwei Jahren muss man sagen: Ramschniveau. Nun ist die Häme derer groß, die das ganze schon immer für eine Luftnummer, einen riesigen Scam, ein von Social-Media und Anti-Zentralbanken-Ideologie getriebenes Pyramidensystem hielten – denn sie hatten wohl recht (die Zukunft wird zeigen, ob sich solche pseudo-politischen Theorien etablieren, um Leute abzuziehen, es würde mich nicht wundern). Ich habe mich auch immer zum Skeptiker-Leger gezählt, habe aber wenig Bedürfnis für Häme. Zu brutal sind die Verluste, die die Leichtgläubigen nun einstecken (in den USA gibt es die  schöne Metapher des „bagholders“ dafür). Da müssen einige jetzt sehr stabil sein.

Eine kluge Einordnung hat Ed Zitron, Unternehmer, PR-Mensch und Tech-Versteher, in seinem Newsletter aufgeschrieben. Anhand der völlig pulverisierten „Währung“ Terra, die im Zentrum des Desasters steht, beschreibt er verständlich die Mechanismen des Hypes:

The cryptocurrency industry has a similar problem because it has fundamentally no purpose other than to continue existing. Bitcoin is not a great store of value (as I’ll get into shortly), nor is it an efficient way to send money, nor is it particularly innovative. Ethereum claims to be “software” but seems to completely collapse when it’s charged with operating in any way that resembles the systems it claims to replace…and still has no real fundamental reason to be worth thousands of dollars.

Vor allem blickt er auf die Psychologie der Blase: Das stur vertretene Dogma, Krypto sei die Zukunft, die Freiheit, das einzig Wahre; die Abhängigkeit der Manipulatoren (die ihren Schnitt gemacht haben dürften) vom blinden Glauben der Anhänger ist gigantisch. Schwindet der Glaube – wie bei Terra, dem Coin, der eigentlich exakt am Wert eines Dollar hängen sollte – dann kollabiert binnen Stunden das gesamte System. Zitron macht das Terra-System verständlich und beim Lesen bekommt man das Gefühl, dass die Währungskonstruktion absichtlich schwer durchschaubar gebaut wurde (ebenfalls hilfreich zum Verständnis von Terra und dem Crash ist dieser Artikel von David Gerard).

Am Ende zeigt sich: Das ganze Kryptozeugs ist eben nicht mehr als ungesicherte, unregulierte Wertpapiere – zum Schaden kleiner Investoren, die auf schnellen Reichtum hofften. Ich bin gespannt, wie das weitergehen soll.

Die Lebensmittelkrise ist ohne Umverteilung nicht zu lösen

piqer:
Ole Wintermann

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat eine sowieso schon vorhandene weltweite Fehlverteilung von Nahrungsmitteln sichtbar gemacht und weiter verstärkt. Es gibt in der Summe der weltweiten Produktion nicht zu wenige Nahrungsmittel, so die Autorin des Textes. Jeder Mensch könnte weltweit pro Tag mit 2.300 Kilokalorien versorgt werden. Die Ursachen für die Mangelernährung, die nun durch den russischen Angriff auf die Ukraine immer sichtbarer werden, sind woanders zu verorten:

  • Die Böden zur Erzielung des Ernteertrags sind weltweit auf zu wenige Köpfe verteilt. Individuelle Eigentumsrechte an Böden verhindern eine breitere und abgesicherte Lebensmittelproduktion.
  • Militärische und soziale Konflikte verhindern den möglichen Anbau auf Ackerböden und führen zu einer unnötigen Preissteigerung von Lebensmitteln.
  • Die euphemistisch so genannten “hoch verarbeiteten Lebensmittel” führen in Wahrheit zur Vernichtung von wertvollen Nährstoffen durch die Herstellung wertloser, nährstoffarmer, fetter und zuckerbelasteter “Lebensmittel”.
  • Ein großer Teil des Getreides, das eigentlich für die Menschen gedacht sein müsste, wird in der Fleischproduktion verwendet. Auch hier kommt es zur Vernichtung von energiereichen Lebensmitteln zwecks Umwandlung in Fleischprodukte.
  • “Hoch verarbeitete” Fertigprodukte töten auf Dauer Menschen, die sich regelmäßig davon ernähren und dann an entsprechenden Herz-Kreislauf-Leiden erkranken.
  • Der Überkonsum von “Lebensmitteln” im einen Teil der Welt geht mit einer unnötigen Mangelernährung im anderen Teil der Welt einher. Ernährungssicherheit ist eine Machtfrage, so die Autorin. Es geht um Handelsmacht, Unternehmensmacht, um Profit.
  • Ganz nebenbei befördert diese Art der unsozialen und ungesunden Lebensmittelproduktion auch den Anstieg der Treibhausgasemissionen.

Die Lösung der Probleme sieht die Autorin in der Umstellung der Ernährungsweise und der Produktion sowie der Verteilung von Lebensmitteln:

„What works, ultimately, are adequate social protection floors (basic social security guarantees) and rights based “food sovereignty” approaches that put communities in control of their own local food systems.“

Die positive Botschaft des Textes lautet daher: Es ist ausreichend Essen vorhanden. Die negative Botschaft lautet jedoch: Es geht um Macht.

Wie die Klimakrise die Nahrungsmittelsicherheit bedroht

piqer:
Daniela Becker

Eigentlich wollte Indien in diesem Jahr eine Rekordmenge von rund zehn Millionen Tonnen Weizen auf dem Weltmarkt verkaufen. Eine ungewöhnlich frühe Hitzewelle mit Temperaturen von weit mehr als 40 Grad in Indien hatte zuletzt aber die Sorge vor einer Missernte geschürt.

Indien hat ein sofortiges Weizen-Ausfuhrverbot verhängt und damit die wegen des Russland-Kriegs herrschende Sorge vor drohenden Hungerkatastrophen in der Welt weiter angefacht. Denn die Ukraine kann leider nicht exportieren, wie geplant, weil sie überfallen wurde. Knapp 25 Millionen Tonnen schon geerntetes Getreide können nach Schätzungen nicht aus dem Land gebracht werden. Mit dem Exportverbot sollten Preissteigerungen im eigenen Land eingedämmt werden, teilte Indien mit. Das Land ist der zweitgrößte Weizenproduzenten.

Bis vor kurzem wurde man als Doomer und Aktivist bezeichnet, wenn man vor solchen Szenarien gewarnt hat. Die Nahrungsmittelsicherheit ist von der Klimakrise selbstverständlich bedroht, davor warnen Wissenschaftler schon lange. Durch die Klimakrise ausgelöste Naturkatastrophen in Kombination mit durch Krieg und Pandemie zusammenbrechende Lieferketten können sich zu verheerenden Kaskadeneffekte aufschaukeln.

Agrarminister Cem Özdemir (Grüne) hat den indischen Exportstopp für Weizen scharf kritisiert. „Wir haben alle miteinander, gerade die großen Exportnationen, auch eine Verantwortung für den Rest der Welt“, sagte er in Stuttgart nach Abschluss des Treffens mit seinen Amtskollegen der G7-Industriestaatengruppe.

Indien soll also anscheinend seine Versorgung zurückstellen zugunsten des Gemeinwohls der Welt. Ein schöner Gedanken. Wenn man das aber als Minister eines Landes sagt, dass nach wie vor Öl- und Gas aus Russland importiert sowie Benzin und Gas subventioniert, weil man seiner eigenen Bevölkerung und Wirtschaft so gar nichts zumuten möchte, klingt das in meinen Ohren doch etwas schief.

FragDenStaat deckt auf: Staatsfonds investiert in fossile Energien

piqer:
Leonie Sontheimer

Es ist nur eine kleine Nachricht auf der Webseite von FragDenStaat, aber die hat es in sich. Die Plattform hat mithilfe einer Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz folgendes herausgefunden: Die größte öffentlich-rechtliche Stiftung Deutschlands namens KENFO investiert Geld in fossile Energien, russisches Öl und Banken, gegen die im Zusammenhang mit dem milliardenschweren Cum-Ex-Skandal ermittelt wird. Und all das, während die Stiftung ihr Geld eigentlich nachhaltig anlegen, sogar zur Erreichung der Klimaziele beitragen soll.

Was ist KENFO? (Ich wusste es auch nicht, finde es aber super interessant!)
KENFO ist wie gesagt eine Stiftung und gleichzeitig ein Staatsfonds, der Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung. 2017 haben die Betreiber von Kernkraftwerken der Stiftung 24 Milliarden Euro überwiesen. Gesetzlich erklärtes Ziel ist es nun, dieses Geld so anzulegen, dass der Staat mit den Erträgen die Entsorgung von Atommüll dauerhaft finanzieren kann. Man muss dazu sagen, dass es sich bei den Investitionen in fossile Energien nur um einen Bruchteil dieser Summe handelt:

757,9 Millionen Euro hatte der Fonds Ende 2020 in Öl- und Gasunternehmen investiert.

Nichtsdestotrotz ist es ein Skandal mit schwieriger Symbolwirkung. (Wie z. B. auch, wenn der Bund mit Pensionsfonds in Öl- und Kohlekonzerne investiert, wie im März bekannt geworden.)

Das Projekt FragDenStaat gibt es seit 2011, es gehört zum gemeinnützigen Verein Open Knowledge Foundation Deutschland und hilft Bürger:innen (oder auch Journalist:innen), die Anfragen an Behörden stellen möchten. Es stellt auch oftmals eigene Anfragen auf Basis des Informationsfreiheitsgesetzes sowie anderer Gesetze, um Informationen offenzulegen. Neuerdings gibt es dort auch einen eigenen Klima-Helpdesk, sehr hilfreich!

Die Meldung ist schon elf Tage alt. Ich bin heute erst über den tollen Telegram-Klima-Newsletter von Nick Heubeck und Carla Reemtsma darauf aufmerksam geworden. Dort gibt es täglich drei oder vier Links zu den wichtigsten Klimabeiträgen des Tages. Hier kann ihn abonnieren, wer Telegram hat.

Die Mühen der Dekarbonisierung: die laufende Klimagesetzgebung

piqer:
Dominik Lenné

Europe Calling ist ein Webinarformat, das vom jetzigen Staatssekretär im BMWK Sven Giegold ins Leben gerufen wurde, als er noch grüner Abgeordneter im Europaparlament war und das inzwischen von einem überparteilichen Verein weitergeführt wird. Es dient dazu, ein breiteres Publikum ins direkte Gespräch mit hochrangigen Leuten aus der Europäischen „Szene“ zu bringen. Und diese hochrangigen Leute waren diesmal Patrick Graichen und Oliver Krischer, beide frischgebackene Staatssekretäre im BMWK, sowie Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Thema war die ungeheure Bewegung, die die Ampelkoalition in der klimabezogenen Gesetzgebung in Gang gesetzt hat.

Das Video geht über zwei Stunden – sehr dicht, mit sehr vielen verschiedenen angesprochenen Themen – und gibt einen Einblick in was alles in Arbeit ist und wie die Leute, die es voranbringen, denken. Nach den Keynotes wurden Fragen von acht Verbandsvertreter|innen und schließlich von Zuschauer|innen besprochen. Ich kann hier nur einen groben, etwas ermüdenden, listenhaften Überblick geben, der zeigt, wie komplex und kleinteilig die Angelegenheit ist.

In seiner Keynote teilte Graichen den Bereich in das, was schnell machbar sei (bis zur Sommerpause des Bundestages) und das, was nachgeliefert werden müsse. Der Fokus liege dabei auf der Dekarbonisierung des Stromsektors, weil dieser der zentrale Hebel für den gesamten Energiefluss in Deutschland ist. Sowohl Verkehr als auch Wärme werden zukünftig über Strom laufen. Deshalb wird der Strombedarf sicher steigen: von z. Zt. 70 auf 85 GW mittlere Leistung. Dafür brauchen wir einen jährlichen Zubau von um die 5 GW mittlere Wind- und PV-Leistung, was einem Nennleistungs-Zubau von 30 GW entspricht. Das ist etwa eine Vervierfachung.*

Bei Onshore-Wind gehe es um Flächenbereitstellung, hier insbesondere darum, den Widerstand in einigen Bundesländern zu überwinden und um Genehmigungsverfahren, die u. A. wegen kommunalem Personalmangel zu langwierig seien.

Später ins Jahr geschoben worden sei unter anderem:

  • Die Reform des Natur- und Artenschutzrechts
  • Die Erleichterung des Repowering** vorhandener Anlagen
  • Die Beseitigung der vielen Hürden für den PV-Ausbau. Dieser Punkt wurde dann von Oliver Krischer illustriert: Er habe eine Liste von 143 schikanösen Regelungen im PV-Bereich, die er ändern wolle
  • Das Energieeffizienzgesetz, das u. A. die Verweigerung von Effizienzinvestitionen vieler Industriebetriebe angehen solle
  • Die Reform und Unterstützung der kommunalen Wärmeplanung. Hier geht es darum, dass die Kommunen vorhandene Wärmeerzeugung, etwa in Betrieben, mit dem Wärmebedarf zusammenbringen. Sie benötigen dafür oft Mittel, die sie nicht haben.
  • Stopp des Einbaus fossiler Heizungen. Hier sei etwa ein Problem, dass 90 % der Installationsbetriebe Wärmepumpen gar nicht fachgerecht einbauen könnten. (Gebäudeenergiegesetz)

Claudia Kemfert plädierte im Wesentlichen für ein „Friedens-Sofortprogramm“ aus

  • Abschaffung der Abstandsregeln
  • Schnellere Genehmigung beantragter Anlagen mit besser strukturierten Verfahren
  • Ein nicht-steuerfinanziertes Zwischen-EEG. Was hier die Motivation? Das EEG wird novelliert und muss dann von der EU genehmigt werden, was eine große Verzögerung bringt. Der Ausweg sei, in der Zwischenzeit ein nicht-steuerfinanziertes Programm durchzuführen. Was meint sie damit? Das kann sich nur auf die Beseitigung aller Hürden für private Finanzierung beziehen.
  • Ausbildungs“offensive“ im Handwerk
  • Solarenergiepflicht für (alle?) Gebäude
  • Flexibilisierung von Biogas***
  • Wiederaufbau von Solarproduktion in Deutschland zur Erhöhung der Autarkie
  • Sparen, d. h. Tempolimit

In den Fragen ging es u. A. um:

  • Bürgerenergie
  • Mieterstrom
  • Kleinwasserkraft. Hierzu Graichen sinngemäß: „Schadet mehr durch Naturzerstörung, als es nutzt.“
  • Natur- und Artenschutz. Die Nabu-Vertreterin beklagte, dass dieser nicht den gleichen Stellenwert wie der Klimaschutz habe. Hierbei ist zu bedenken, dass der größte Feind der Biodiversität die Landwirtschaft ist und es mit erneuerbaren Energien durchaus auch Win-Win-Lösungen gibt.
  • Wärmenetze. Hierzu Oliver Krischer sinngemäß: „Da hat die vorige Regierung ein gutes Gesetz gemacht, das aber jetzt auf seine Bestätigung aus der EU wartet. Das ist sehr ärgerlich. Es gibt in der EU Kräfte, die die Dekarbonisierung auf diese Art verzögern wollen.“
  • LNG-Terminals. Hier wurden die kursierenden hohen Terminalzahlen erläutert: Dies sei nur die Zahl der zu prüfenden Orte, nicht die der zu bauenden Terminals.
  • Erzwingung von Gebäude-Dekarbonisierung gegen den Widerstand der Besitzer
  • Balkon-Solaranlagen
  • Das 1,5°C-Ziel. Sowohl Graichen als auch Kemfert sagten sinngemaß: „Ja, wenn wir ein global gleiches Pro-Kopf-Emissionsbudget zugrunde legen – da sind wir drüber. Das machen wir auch transparent. Eine solche Lösung ist unrealistisch. Wir fahren eine Linie mit ungleichem Budget, die aber den Vorteil hat, realisierbar zu sein.“

Kommentar:

Man sieht, dass wir es mit einer unglaublichen Phalanx von Themen zu tun haben. Perfektion ist deshalb nicht zu erwarten. Es ist ein ungeheurer Umbruch im Gange, eine Spannung hat sich über die Jahre aufgebaut, die gerade dabei ist, sich in Aktion zu entladen. Die Ausbauraten bei Wind, PV, Isolierung und Wärmepumpen auf das Vierfache hochzufahren, dabei auch die Industrie vom Erdgas wegzubekommen und zu allem Überfluss einen Haufen Geld für Kriegszwecke zu verbrennen, ist eine enorme, für uns noch nicht dagewesene Herausforderung, die einem durchaus ein mulmiges Gefühl im Bauch machen kann.

Es verfestigte sich der Eindruck, dass die Merkel-Regierungen eine riesige Menge an Maßnahmen verschlafen, verzögert und verweigert haben, was mir bis vor Kurzem nicht so deutlich im Bewusstsein war. Ich habe größten Respekt vor den Menschen, die den Prozess jetzt mit Energie, Sachkenntnis und Arbeitseinsatz vorantreiben. Ich glaube auch, dass die Ampel sich eine Reihe äußerst kompetenter Leute auf Staatsekretär-Ebene verpflichtet hat: Patrick Graichen von AGORA Energiewende, Oliver Krischer aus der Grünen-Bundestagsfraktion, Sven Giegold aus dem Europaparlament und nicht zuletzt Jennifer Morgan von Greenpeace International. Das macht Hoffnung.

——

* Die Nennleistung ist die maximal mögliche Leistung einer Anlage. Meistens laufen sie jedoch nur mit einem Bruchteil davon, so dass die mittlere Leistung niedriger liegt. Der Kapazitätsfaktor, der die mittlere ins Verhältnis mit der Nennleistung setzt, beträgt bei PV etwa 0,1, bei Onshore-Wind 0,25 und bei Offshore-Wind 0,4. 2021 betrug der Ausbau bei Wind 1,9 und bei PV 5,3 GW Nennleistung. Beabsichtigt sind 10 GW Zubau bei Wind und 20 bei PV. (Oft wird die mittlere Leistung noch in TWh/a angegeben. Das ist dann schwer mit der erzeugten Leistung in Beziehung zu setzen, deswegen nutze ich hier konsequent GW. 10 TWh/a sind 1,14 GW. )

** Repowering ist die Ersetzung einer Windkraftanlage durch eine leistungsstärkere, wodurch eine Menge Erschließungskosten wegfallen.

*** Siehe hierzu diesen piq zur Stabilisierung des Stromnetzes mit Biogas.

Aufsichtsratschef der Deutschen Bank geht hochzufrieden – WOMIT?

piqer:
Dmitrij Kapitelman

Die Süddeutsche Zeitung hat eine kritische Würdigung auf den scheidenden Aufsichtsratschef der Deutschen Bank geschrieben, Paul Achleitner. Der mächtigste Kontrolleur von Deutschlands wichtigster Bank also. In seiner Ära, immerhin zehn Kapitalismusjahre, halbierte sich der Aktienkurs seiner Bank. 15 Milliarden Dollar Strafe musste sie zahlen. Manipulation von Zinssätzen, suspekte Hypothekengeschäfte, Geldwäsche im Sanktionsrussland – was will man machen.

„Zehn Jahre, in denen die Ermittler so oft ins Frankfurter Headquarter einrückten, dass die letzte Razzia Ende April schon fast wie Routine wirkte.“

Aber Herr Achleitner scheidet hochzufrieden mit sich aus. Als Reformer. Ach was, als Retter in Not! So legt er es auch im Gespräch mit der SZ dar (aus dem er dann vor lauter Selbstsicherheit kein einziges Zitat freigibt).

Und genau diese elitäre Überheblichkeit und Unbelehrbarkeit, davor triefen sämtliche Posen Achleitners in diesem Porträt – diese Haltung ist es, von der wir alle weiter unten den Schaden behalten. Viel Spaß beim Lesen.

Bayer und Glyphosat – Nein, doch, oh!

piqer:
Rico Grimm

Als der deutsche Chemieriese Bayer den US-Agrarkonzern Monsanto vor mehreren Jahren kaufte, griffen sich an den Kopf: die internationale Investorengemeinschaft, die Umweltverbände und eigentlich jeder, der sich mit dem Fall näher beschäftigte. Denn warum holte sich Bayer da freiwillig einen ganzen Schlag Milliardenklagen ins Haus, die laufen, weil das Pflanzenschutzmittel Glyphosat Krebs erregen soll?

Die Antwort von Bayer hatte mich damals interessiert. Denn, das muss man annehmen, ganz dumm sind sie auch nicht. Die Wette des Bayer-Vorstandes damals war: Unser Agrargeschäft wird bei wachsender Weltbevölkerung und sich verschlimmernder Klimakrise immer wichtiger werden. Monsanto ist eine gute Ergänzung dafür. Auf lange Sicht wird sich der Zukauf trotz der Klagen auszahlen.

Und diese Wette… ging überhaupt nicht auf. Bis vor ein paar Monaten. Deswegen piqe ich heute ausnahmsweise mal einen schnöden Bericht über Quartalszahlen. Denn plötzlich wurde Monsanto zu einem wichtigen Umsatzbringer für den Konzern. Der Gewinn sprang um über 50 Prozent nach oben. Hauptverantwortlich dafür: Glyphosat.

Aber nur zwei Tage später kam eine Nachricht aus den USA: Bayer wird die Glyphosat-Klagen einfach nicht los. Nächste Runde also.