The State of Swing

Konjunkturanalyse geht jeden an

Ökonomen verstehen noch immer recht wenig davon, warum sich Boom und Krise alle paar Jahre abwechseln. Beginnen wir doch damit, die Konjunkturimpulse richtig zu beschreiben.

Genau wie beim Fußball ist es auch bei der Konjunkturanalyse häufig aufschlussreicher, das Geschehen nüchtern und mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Foto: Pixabay

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Konjunkturanalyse geht jeden an

Michael Wendl

So deprimierend ist der Status der Konjunkturanalyse nicht: Kühnlenz weist auf Joseph Schumpeter hin. Dieser hatte 1939 das damals bestehende Wissen über Konjunkturzyklen zusammengefasst. Er unterschied zwischen einem kurzen (3-5 Jahre) nach seinen Entdecker Joseph Kitchin benannten Zyklus, einem nach Clemens Juglar benannten langen (8-10 Jahre) Zyklus und einen nach dem russischen Ökonomen Kondratieff benannten superlangen Zyklus (40-50 Jahre). Der von Marx gezeichnete ca. 10- jährige Zyklus ist mit dem Juglar-Zyklus identisch. Beide modellieren Investitionszyklen. Der Kitchin-Zyklus ist ein Lagerzyklus, der Kondratieff-Zyklus ein Innovationszyklus. Dieses Wissen besteht spätestens seit dem Erscheinen von Schumpeters Business Cycles 1939 (deutsch: Konjunkturzyklen, 1961).

Aber bereits seit Mitte der 1920er Jahre wurde eine systematische Konjunkturforschung institutionalisiert (für Deutschland in Berlin – das heutige DIW, und in Kiel – das heutige Institut für Weltwirtschaft – die “frühen” Kieler waren allerdings links und mussten 1933 emigrieren). Bis weit in die 1980-er Jahre wurde das auch noch in Lehrbüchern so dargestellt (z.B. W. Glastetter, Konjunkturpolitik 1987, G. Tichy, Konjunktur 1994). Auch die Konjunkturforschung (hier das Ifo-Institut) hat diese kurzfristigen Zyklen in der Konjunkturberichterstattung empirisch erfasst, um die Zuverlässigkeit ihrer auf Umfragen basierenden Konjunkturprognosen zu testen.

Erst nach den 1980er Jahren hat sich die deutsche Konjunkturforschung von dieser Orientierung an diesen Investitionszyklen entfernt und in den Konjunkturprognosen eine kontinuierliche Entwicklung des Wachstums angenommen. Obwohl diese Prognosen regelmäßig falsifiziert worden sind, wurde diese Konjunkturoptimismus nicht in Frage gestellt. Das liegt vermutlich an dem Denken in neoklassischen Gleichgewichtsmodellen, dass eine Orientierung in endogenen Zyklen, also systematischen Ungleichgewichten nicht zulässt. Erst der Übergang in die neoklassische Mainstream-Ökonomie hat den Konjunkturzyklus aus der Konjunkturforschung vertrieben.

Auch die makroökonomischen Modelle wie DSGE (Dynamic Stochastic General Equilibrium) sind sowohl in ihrer neoklassischen, wie in der neokeynesianischen Variante grundsätzlich gleichgewichtsorientiert. Es handelt sich dabei um einen Verlust oder eine Verdrängung von makroökonomischen Wissen durch die Dominanz der neoklassischen Modelle. Keynes hatte keine systematische Konjunkturtheorie, außer der Erkenntnis einer nachlassenden Grenzleistungsfähigkeit des eingesetzten Kapitals.

Möglicherweise erklärt das, warum auch heute keynesianisch orientierte Institute wie das IMK sich bei ihren Konjunkturprognosen nicht mehr am Modell eines Investitionszyklus orientieren und einen Finanzzyklus für ausschlaggebend halten. Dessen Zeitdauer weist aber keine Regelmäßigkeit auf, weil sich Blasen nicht an Regeln halten. Trotzdem ist die nächste Rezession sicher.