Kommentar

Im Kapitalismus gibt es nichts umsonst

Immer wieder stehen Unternehmer in der Kritik, weil sie teils brutal soziale Bedenken ignorieren. Allerdings macht es in einem kapitalistischen System keinen Sinn zu glauben, dass Firmen irgendein anderes Ziel als die Maximierung ihrer Profite verfolgen sollten. Nur eine aktivistische Regierung kann an dieser Logik etwas ändern. Ein Kommentar von Branko Milanovic.

Foto: Bianca Farrow via Flickr (CC BY-ND 2.0)

Martin Shkreli hat der Financial Times ein interessantes Interview gegeben. Shkreli wurde berühmt (bzw. berüchtigt), als er den Preis für ein lebensrettendes HIV/Aids-Medikament um 5.000% erhöhte, nachdem er das Patent gekauft hatte. Er gefällt sich in der Rolle des Bad Boys, bereut seine Entscheidung nicht im Geringsten und glaubt, dass er genau das Richtige getan hat, weil er für die Aktionäre den Unternehmenswert erhöhte. Shkreli sagt, er würde es jederzeit wieder tun.

Und Shkrelis Argumentation hat eine eiserne Logik. Wie ich zuvor schon argumentiert habe (hier und hier), macht es in einem kapitalistischen System keinen Sinn zu glauben, dass Unternehmen irgendein anderes Ziel als die Maximierung ihrer Profite verfolgen sollten. Wenn die Gesellschaft daran etwas ändern will, wie sie es in diesem Fall offensichtlich tun sollte, dann obliegt es der Regierung entweder Regulierungen wie z. B. Preisbeschränkungen vorzunehmen, ein besseres Versicherungssystem zu schaffen oder schlicht und ergreifend die Nutzer dieser Medikamente zu subventionieren. Aber es nicht Shkrelis Pflicht, soziale Bedenken in seiner Preispolitik zu berücksichtigen. Er würde sich immer wieder gleich verhalten, egal welche Produkte er verkauft: Ob es nun ein lebensrettendes Medikament oder ein Paar Schuhe ist – die Regeln sind dieselben.

Tatsächlich scheint sich Shkreli nur einer Sünde schuldig gemacht zu haben. Diese bestand darin, dass er so brutal offen und nicht heuchlerisch war. Viele Unternehmen (insbesondere die großen Pharmakonzerne) tun genau das gleiche, aber eben viel diskreter: sie treiben den Preis vielleicht nicht um 5.000% in die Höhe und erhalten dadurch auch keine unerwünschte Aufmerksamkeit. Sie erhöhen den Preis nur um 2.000% und fliegen unter dem Radar von Politikern und Meinungsmachern hindurch. Sie sind vielleicht schlauer und sorgfältiger als Shkreli, aber nicht anders. Sie legen gegenüber der (sehr vage definierten) Gruppe von Aktionären Lippenbekenntnisse ab, aber sie wissen genauso gut wie Shkreli, dass sie sich zuallererst auf ihre Profite fokussieren müssen, wenn sie ihre Jobs behalten wollen oder ihre Firma nicht sogar vom Markt verschwinden soll.

In einem kapitalistischen System können Sie nicht beides haben: Sie können nicht knallharte Effizienz verlangen und für Wettbewerb plädieren, und dann plötzlich in einigen Fällen Kapitalisten und Unternehmer dazu auffordern, einer vollkommen anderen Logik zu folgen. Wenn Sie sich andere Ergebnisse wünschen, dann darf sich die Regierung nicht weiter zurückhalten, sondern muss intervenieren und eine aktive Rolle spielen.

Das erinnert mich an eine ähnliche Geschichte, die ich vor vielen Jahren gelesen habe. Ein US-amerikanischer Basketballspieler (ich erinnere mich leider nicht mehr an den Namen) hatte es abgelehnt, sich als Role Model hochstilisieren zu lassen. Er antwortete einem Journalisten, der ihn kritisiert hatte, kein inspirierendes Beispiel für Kinder zu sein, indem er auf eine offensichtliche Tatsache hinwies: Sein Job wäre es, Körbe zu werfen – und nicht die Kinder anderer Leute zu erziehen. Und das ist genau der springende Punkt: Wenn man sich bessere Kinder und ein stärkeres Engagement der Eltern wünscht, bekommt man es durch Dinge wie bezahlte Elternzeit oder durch Kindergeld oder indem man den Eltern erlaubt, später zur Arbeit zu kommen, nachdem sie ihre Kinder abgesetzt haben – aber nicht, indem man alles gleich lässt und so tut, als wäre es die Pflicht von Sportlern sicherzustellen, dass Kinder gut erzogen werden.

Mit anderen Worten: Menschen folgen einer bestimmten Verhaltenslogik (die oftmals die dominanten sozialen Gepflogenheiten und das institutionelle Setup reflektiert). Und wenn man an dieser Logik etwas ändern will, braucht man eine aktivistische Regierung. Denn im Kapitalismus gibt es nichts umsonst.

 

Zum Autor:

Branko Milanovic ist Professor an der City University of New York und gilt als einer der weltweit renommiertesten Forscher auf dem Gebiet der Einkommensverteilung. Milanovic war lange Zeit leitender Ökonom in der Forschungsabteilung der Weltbank. Er ist Autor zahlreicher Bücher und von mehr als 40 Studien zum Thema Ungleichheit und Armut. Außerdem betreibt er den Blog Global Inequality, wo dieser Beitrag zuerst erschienen ist.

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Im Kapitalismus gibt es nichts umsonst

Markus Pfeifer

„Menschen folgen einer bestimmten Verhaltenslogik (die oftmals die dominanten sozialen Gepflogenheiten und das institutionelle Setup reflektiert). Und wenn man an dieser Logik etwas ändern will, braucht man eine aktivistische Regierung.“ –Das, oder man schafft den Kapitalismus ab.

Wie wäre es zum Beispiel mit einer rein genossenschaftlich organisierten Wirtschaft? Die Produktionsmittel würden dann vor allem den Arbeitnehmern gehören, es würde Demokratie am Arbeitsplatz herrschen. Ich frage mich sowieso, wie immer alle die Demokratie verteidigen können, aber es gleichzeitig hinnehmen, dass wir dort, wo wir einen großen Teil unserer Zeit verbringen – am Arbeitsplatz – schlicht keine haben. Hätten wir sie, dann kämen solche Entscheidungen nicht mehr so leicht zustande. Die Arbeitnehmer wären sich selbst verpflichtet – und würden sich ganz selbstverständlich auch für die Gemeinschaft einsetzen, in der sie leben.

Es gäbe auch einen einfachen Mechanismus, wie man kapitalistische Unternehmen in Genossenschaften transformieren könnte: Der Staat kauft einfach die Unternehmen auf, demokratisiert sie und gibt sie dann in die Hände der Arbeitnehmer. Es bleibt dem Geschmack der Wähler überlassen, ob man die Schulden, die der Staat dafür machen muss, dann den Genossenschaften selbst aufbürdet oder ob man sie gemeinschaftlich abträgt.

Sicherlich gäbe es noch mehr zu tun. Wünschenswert wäre es, die Kreditvergabe öffentlich zu organisieren. So könnte man zum Beispiel den Zins dauerhaft loswerden und Entscheidungen zur Kreditvergabe an makroökonomischen Interessen ausrichten. Auch benötigt man ein Wechselkursregime, das zu ausgeglichenen Leistungsbilanzsalden führt sowie einen Mechanismus, damit Genossenschaften in der gleichen Branche sich nicht gegenseitig niederkonkurrieren und damit auch Berufe außerhalb der Industrie am Produktivitätsfortschritt beteiligt werden. Und bei einigen Produkten, wie den im Artikel genannten Medikamenten, bei denen es schlicht nicht um Präferenzen geht, sondern um Bedürfnisse, braucht es natürlich, wie hier zutreffend gefordert, eine „aktivistische Regierung“.

Nichtsdestotrotz denke ich, dass die Demokratisierung der Wirtschaft bei allen Reformvorhaben oberste Priorität genießen sollte. So kann man auf einen Schlag einige der Widersprüche des Systems beseitigen, indem man sie an der Wurzel bekämpft. Hätten wir eine Regierung, die das will (und eine Bevölkerung, die bereit ist, erwachsen zu werden und endlich selbst Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen (!) ), so könnte das schon morgen umgesetzt werden.

Siehe zu dem Thema http://democracyatwork.info/ .