Fremde Federn

Identitätskrise, Mini-Rezession, Spurwechsel

Diese Woche unter anderem in den Fremden Federn: Was dabei rauskommen kann, wenn man ökonomische Denke auf die Politik überträgt, wieso Flüchtlinge nicht mit alteingesessenen Arbeitskräften konkurrieren und warum unsere Gesellschaften offener werden, obwohl die extreme Rechte weiter wächst.

Foto: Jojo Bombardo via Flickr (CC BY-ND 2.0)

In den „Fremden Federn“ stellen wir einmal pro Woche in Kooperation mit dem Kuratorendienst piqd eine Auswahl von lesenswerten journalistischen Fundstücken mit wirtschaftspolitischem Bezug zusammen. piqd versteht sich als eine „Programmzeitung für guten Journalismus“ – was relevant ist, bestimmen keine reichweitenoptimierten Algorithmen, sondern ausschließlich ausgewählte Fachjournalisten, Wissenschaftler und andere Experten.

Die Mini-Rezession, die wir alle verpasst haben

piqer:
Rico Grimm

Ganz spannender Blickwinkel in diesem Artikel. The Upshot hat eine Mini-Rezession gefunden, die im beginnenden US-Wahljahr 2016 ihren Höhepunkt erreichte. Betroffen waren vor allem Ölindustrie, Bergbau und Landwirtschaft – die aber auch im Herbst 2016 wieder abflaute und damit zu einem wichtigen Motor des folgenden US-Aufschwungs werden sollte. Im Text zeichnet Neil Irwin diese Entwicklung genauso wie die wichtige Rolle der US-Zentralbank nach. Spannend! Vor allem für jene, die gerne in die Tiefen der Wirtschaftsdaten abtauchen.

Wie die extreme Rechte weiter wächst, aber Gesellschaften doch offener werden

piqer:
Michaela Maria Müller

In dem lesenswerten Essay führt Jonas Schaible vor einem historischen Horizont Diskurse zusammen und zeigt neue Denkweisen auf.

In acht Punkten diskutiert er differenziert, warum die extreme Rechte in Gesellschaften zwar wächst, aber kein Rechtsruck zu befürchten ist.

Er beginnt im Jahr 1991 und umreißt knapp, dass die Gesellschaft nicht so fortschrittlich war, wie wir sie heute vielleicht sehen:

Deutsche Männer durften ihre Frauen noch vergewaltigen. Der „Diercke Weltatlas“ unterteilte die Welt in drei Menschenrassen: Europide, Mongolide, Negride. Die USA hatten bis zu diesem Moment 41 Präsidenten und 61 Außenminister erlebt. Die Bundesrepublik Deutschland sechs Kanzler, ihre maßgeblichen Parteien (CDU, CSU, SPD, FDP) seit 1948 zusammen 23 Vorsitzende. Seit 1945 hatten mehr als 100 Menschen an der Spitze deutscher Landesregierungen gestanden. Unter diesen rund 250 Spitzenpolitikern war nur eine Frau, alle waren weiß, alle nach außen heterosexuell, fast alle Christen.

Er stellt dar, wie emanzipatorische Bewegungen Gegenbewegungen auslösen. Wie manche Menschen sich in ihrer Freiheit bedroht sehen, wenn sie auf andere ausgeweitet werden soll, wie die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan kürzlich in „Der Zeit“ schrieb.

Grundsätzlich geht Schaible davon aus, dass

(…) westliche Gesellschaften nicht geschlossen nach rechts rücken. Im Gegenteil, große Teile öffnen sich in großem Tempo. Sie werden pluraler, liberaler und selbstverständlich diverser.

PODCAST: Was Armut anrichtet – und wieso sie politisch nicht lösbar ist

piqer:
Rico Grimm

Es gibt in allen Reden über Armut eine eigenartige Leerstelle: die Armen. Diejenigen, die arm sind, kommen oft nur als Opfer zu Wort. Diejenigen, die mal arm waren, wollen sich nicht mehr damit identifizieren und diejenigen, die arm werden könnten, wollen mit der ganzen Sache nichts zu tun haben. Denn Armut ist ein Stigma – jedenfalls, wenn man das als Stigma, als reine Außenbeschreibung akzeptiert.

Wie es anders gehen kann, zeigt Darren McGarvey, ein schottischer Rapper, der gerade das Buch Armutssafari geschrieben hat, in diesem Podcast. Darin spricht er über seine alkoholkranke Mutter, sein Aufwachsen in der Arbeiterklasse Glasgows und vor allem über die wirklichen Unterschiede zwischen Unter- und Mittelschicht. Das macht seinen Reiz aus: McGarvey muss nicht Betroffenheit simulieren, denn er ist selbst betroffen und er hat auf eine sehr konsequente Weise mit der Politik abgeschlossen, weswegen sein Blick frei wird auf das Alltägliche, Zersetzende von Armut zu schauen und darauf, wie sie ihre eigenen Regeln entfaltet, die mit denen der Mittelschicht wenig zu tun haben und deswegen auch nicht politisch gelöst werden können.

PS: Die SZ hat das Buch besprochen, hier.

Nehmen Flüchtlinge Deutschen Arbeitsplätze weg oder liegen sie ihnen auf der Tasche?

piqer:
J. Olaf Kleist

Es ist ein Klischee, das doch so plausibel klingt: Es gibt nur begrenzt Arbeitsplätze und viele Deutsche sind arbeitslos oder prekär beschäftigt. Kommen nun Flüchtlinge, konkurrieren sie nicht mit den Alteingesessenen? Das Vorurteil ist alt und wurde immer wieder von der Wissenschaft widerlegt.

Herbert Brücker erklärt in diesem Interview die vielen Gründe, warum die Umstände etwas komplizierter sind. Nicht nur, dass die Finanzierung der Ankunft der Asylsuchenden einem Konjunkturprogramm gleich kam, Flüchtlinge und Deutsche sind weitgehend in unterschiedlichen Segmenten des Arbeitsmarkts beschäftigt. Man kennt das aus dem alten Stereotyp, dass Migranten die Jobs machen würden, die Deutsche nicht machen wollen. Dass viele Migranten, zumal oft hoch qualifizierte, diese Jobs auch nicht unbedingt machen wollen, verweist zugleich auf die Problematik dieser Segmentierung. Ältere Studien haben sogar argumentiert, dass durch die Besetzung des unteren Segments des Arbeitsmarkts Alteingesessene ins höhere Segment des Arbeitsmarkts aufsteigen. Wenn es nun zum lange von Arbeitgebern geforderten „Spurwechsel“ für Geduldete kommt, so ist dies eben nicht unbedingt auf Kosten von deutschen Arbeitssuchenden.

Das andere Argument, dass Flüchtlinge uns auf der Tasche liegen würden, stimmt damit aber auch nicht. Zum Ende des Jahres werden voraussichtlich ein Drittel der Menschen, die seit 2015 aus den wichtigsten Asylländern gekommen sind, in Arbeit sein – vielfach im Servicebereich wo Deutschkenntnisse nicht unbedingt erforderlich sind, wo sie eher mit EU-Migrant*innen konkurrieren als mit alteingesessenen Deutschen.

All dies was Brücker zu sagen hat, mag also hilfreich sein, wenn die Diskussion um Spurwechsel und Einwanderungsgesetz diesen Klischees wieder zum Auftrieb verhelfen wird.

Was dabei rauskommen kann, wenn man ökonomische Denke auf die Politik überträgt? – Ein Brexit!

piqer:
Silke Jäger

Verantwortungsvolle Politiker sollten die Macht des Staates einschränken, Einfluss auf den freien Markt zu nehmen. Das wäre der einzige ehrliche Weg in einer Welt, in der der Homo oeconomicus auch in den Regierungsstuben sitzt und die Wähler nur denjenigen Politikern ihre Stimme geben, die ihnen den größten wirtschaftlichen Nutzen versprechen.

Diese Sätze stehen beispielhaft für ein Denken, das zur angebotsorientierten Wirtschaftspolitik gehört, wie es in den letzten 30 Jahren die Antwort auf diverse ökonomische Krisen geprägt hat. Warum dieses Denken zum Erfolg der populistischen Bewegungen beigetragen hat, erklärt die Autorin dieses Blogbeitrags. Sie ist Assistenz-Professorin für politische Ökonomie – was ihren Beitrag nicht ganz einfach zu lesen macht. Aber die Mühe lohnt sich sehr.

Denn Abby Innes schafft es, die Mechanismen herauszuarbeiten, die den Rechten – und Linken – Argumente für ihre Elitenkritik liefern. Man versteht nach dem Lesen besser, warum die rechte Skandalpolitik solche Erfolge einfährt und was das mit der Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit zu tun hat.

Dabei macht sie zwei Denkfehler aus, die besonders fatal sind:

1. Denkfehler: Der Staat als Wirtschaftsunternehmen: Das führt zu dem Argument, dass die „Monopolbestrebungen“ des Staates nur in seiner totalitären Herrschaft enden könnten. So kann man die EU als ein Kartell von eigennützigen Monopolen verstehen, bei der es keine echte Chance auf Reform gibt. Die einzige Lösung ist nach dieser Logik die Zerschlagung.

2. Denkfehler: Der Staat als Wirtschaftsagentur: Bei Privatisierung ist das Risiko für sogenannte asymmetrische Verträge höher. Das heißt, Verträge, in denen ein Partner mehr Wissen über die Leistung hat als der andere. Solche Verträge zu kontrollieren und ggf. zu korrigieren, ist unter Umständen teurer als der Wert des Vertragsgegenstands. Diese „Sparpolitik“ scheitert oft.

Was als Neoliberalismus bekannt ist, legte demnach den Grundstein für den Brexit. Was wird aus dieser Denke in anderen EU-Ländern?

Wir waren wie Brüder – Daniel Schulz über die DDR und Deutschlands Identitätskrise

piqer:
Dmitrij Kapitelman

Manchmal entdecke ich Texte, die so großartig sind, dass ich fürchte, sie mit meiner kleinen Anmoderation hier unter Wert zu verkaufen. Sei es, weil ich die Originalität des Autors nicht transportieren kann und stattdessen bereits bekannte Diskurs-Labels und Schlagwörter dranpappe. Dieser Text von Daniel Schulz in der taz ist so einer.

Ich möchte daher eine minimale Zusammenfassung voranstellen: Schulz erzählt von seiner Kindheit in der DDR, seiner infantilen Wut über die Wende, seiner Jugend in Angst vor Neo-Nazis, denen nun plötzlich die Stadt zu gehören schien. Um weiterhin einige Auszüge aus dieser phänomenalen Arbeit für sich sprechen lassen:

Es geht viel um verlorene Arbeitsplätze und ja, das klingt hübsch technisch, wie ein leicht lösbares Problem. Aber in diesem preußischen Vollbeschäftigungsstaat namens DDR, in dem Arbeit gleich Lebenssinn war und die wenigen, die keine Jobs hatten, „Assis“ gerufen wurden, bedeutete das eben auch: Kollegen, Brüder, Ehemänner, die sich erhängten, Geschwister und Cousins, die sich langsam zu Tode soffen.

Die große Macht der Volkspolizisten ist ebenso gebrochen wie die unserer Lehrerinnen. In der DDR konnten diese Autoritäten noch im Alleingang ganze Biografien versauen – du darfst studieren und du nicht – und jetzt lachen wir sie aus, wenn sie vor uns stehen. Wir lachen, bis sie heulen. Sie haben Angst vor der neuen freien deutschen Jugend.

Sitzen wir lieber mit einem uns vertrauten Rechtsextremen am Tisch und tun so, als wäre alles normal oder stellen wir ihn und damit auch uns selbst infrage, indem wir uns für die einsetzen, die für uns Fremde sind?

„Wenn wir alt sind, gibt es sowieso keine Rente mehr“: Lasst uns mehr über Altersvorsorge reden

piqer:
Florian Meyer-Hawranek

„Wenn wir alt sind, gibt es sowieso keine Rente mehr.“ Das meint nicht nur Maximilian Klein selbst. Klein ist der Ansicht, das meinen auch verdammt viele andere der heute 30-Jährigen. Und tatsächlich: So denken auch ganz viele Leute, die ich kenne. Zu recht? Klar ist: Die Aussichten sind trüb, die Sache kompliziert. Deshalb kümmern sich viele erst gar nicht, sagt Maximilian Klein: Altersvorsorge, Rentenvorsorge. „Das klingt wie Prostatauntersuchung.“

Wir reden über alles. Auf Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat. Mit „Wir“ meine ich meine Generation. Die nach 1980 Geborenen. Wir labern. Gerne. Viel. Offen. Grenzenlos. Es geht um Sex, um Liebe, um Mode, um Kinder. Ernährung. Gesundheit. Karriere. Filme. Produkte. Aber über zwei Dinge reden wir nicht: Geld. Und das Alter.

Deshalb macht Maximlian Klein sich auf und spricht mit Freunden, Banken und Versicherungen – vor allem aber spricht er über sich selbst. Und das macht die Sendung, die 30-minütige Folge des Deutschlandfunk Zeitfragen Podcasts, so wertvoll.

Klein lässt das Mikrofon bei Gesprächen mit seinen Freunden laufen und nimmt die Hörer mit zu seinem Bankberater. „Ausbildung. Studium. Praktika. Selbstständig. Seit drei Jahren. Ich werde voraussichtlich in diesem Jahr 28.000 Euro Brutto verdienen. Rekordjahr. Meine Fixkosten: 1000 Euro.“ Das Ergebnis: Ein guter Aufschlag, um überhaupt mal über Altersvorsorgen nachzudenken und darüber zu reden.