„Homo oeconomicus im Amt“

Eine verfrühte Kapitulation

Branko Milanović meint resignierend, dass wir uns schlicht an die große Kluft zwischen politischer Elite und Bevölkerung gewöhnen müssten. Doch ebenso wie frühere Ökonominnen und Ökonomen eine „neoliberale Revolution“ auf den Weg brachten, sollte heute auch eine andere Ökonomik möglich sein, mit der sich dieser Vertrauensverlust wieder beseitigen lässt. Eine Replik von Sebastian Thieme.

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Es sind markige Worte, die Branko Milanović da wählt: In einem Meinungsbeitrag für das IPG-Journal diagnostiziert er eine schwere politische Krise, genauer eine „Vertrauenskrise in politische Institutionen und Regierungen“, die nicht erst mit der Banken- und Finanzkrise 2007/2008 begonnen habe, sondern weiter zurückreiche. Die „neoliberale Revolution der frühen 1980er Jahre“ sei laut Milanović auch mit „einer Revolution in den Wirtschaftswissenschaften“ verbunden gewesen: „Ansätze wie die Public-Choice-Theorie und der Libertarismus begannen, den politischen Raum explizit als Verlängerung der Wirtschaft zu behandeln.“

Die verschiedenen Korruptionsskandale in der Politik (z.B. Sarkozy, Kohl oder peruanische Präsidenten) lesen sich für ihn daher wie eine Bestätigung des „neoliberalen ‚ökonomischen Imperialismus‘“, also der „Idee, dass jedes menschliche Verhalten vom Drang nach materiellem Erfolg getrieben ist und dass unser gesellschaftlicher Wert von unserer Fähigkeit abhängt, Geld zu verdienen“. Diese „kapitalistische Logik“ wäre hierzu auf die Politik übertragen worden, woraus ein tiefes Misstrauen gegenüber Politik und Regierungen erwuchs. Aber wie lässt sich dieser Vertrauensverlust zurück gewinnen? Milanovićs Antwort ist einfach, provokativ und resignierend zugleich: Gar nicht, denn es gäbe schlicht keine realistische Lösungsmöglichkeit.

Spätestens hier stellen sich Fragen. Mehr noch, der Beitrag von Milanović zeigt ganz gut die Probleme, in denen die aktuelle Debatte um mehr Pluralismus in der Ökonomik und vielleicht sogar gesamtgesellschaftliche Diskurse stecken: Ein für die Plurale Ökonomik – und die Gesellschaft – relevantes Thema wird von bekannten Ökonomen aufgegriffen, aber nur halbherzig und dann noch auf eine Pointe endend, die jegliches Streben nach Alternativen in den Papierkorb wandern lässt.

Die neoliberale Revolution war kein Naturereignis

Das Urteil einer halbherzigen Analyse mag etwas hart klingen, gerade im Falle eines (zu Recht) international hoch angesehenen Forschers wie Milanović. Doch lässt sich dazu bereits anführen, dass Milanovićs Leserinnen und Leser den Eindruck haben dürfen, die Public-Choice Ansätze wie auch die neoliberale Revolution wären einfach so vom Himmel gefallen. Zwar präzisiert Milanović, dass es sich hier auch um eine „Revolution in den Wirtschaftswissenschaften“ gehandelt habe. Aber was heißt das konkret? Insbesondere dann, wenn er schreibt, dass die damit verbundene Weltsicht „verblüffend unhinterfragt“ blieb? Wer habe denn diese Weltsicht nicht hinterfragt? Stimmt das in dieser absoluten Form überhaupt? Wie ist die Aussage angesichts von zahlreichen Veröffentlichungen wie etwa „Mythos Markt“ oder der Ökonomismus-Kritik im Rahmen der Integrativen Wirtschaftsethik (Peter Ulrich) zu werten? Verhält es sich nicht eher so, dass es schon eine Hinterfragung gab, die kritischen Stimmen aber marginalisiert wurden?

Wer dem nachgehen will, befindet sich schon mittendrin in der aktuellen Pluralismus-Debatte, wie sie schon seit geraumer Zeit in der deutschen Ökonomik tobt. Tatsächlich scheint es mir in diesem Kontext sinnvoll, die Hochschulen, wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereiche sowie die Forschenden in den Fokus zu rücken: als Orte und Personen, die mehrheitlich der von Milanović kritisierten Weltsicht nicht nur „verblüffend unhinterfragt“ gegenüberstanden, sondern diese erst auf den Weg brachten und weiterverbreitet haben. Das mag für Einzelne zwischen den Zeilen offensichtlich sein. Aber warum konfrontiert Milanović mit seiner Kritik nicht deutlicher sein Fach und seine Kolleginnen und Kollegen?

Kritisch zu hinterfragen ist auch Milanović` Behauptung, dass es „die Bürgerinnen und Bürger […] von nun an nicht mehr [verwunderte], wenn Politiker in erster Linie an ihren eigenen finanziellen Vorteil dachten“. Wenn dazu, wie Milanović eingangs behauptet, die „Revolution in den Wirtschaftswissenschaften“ die Ursache bildet, fehlen vor allem Hinweise darauf, wie sich die Bürgerinnen und Bürger diese „neoliberale“ Weltsicht aneigneten.

Plausibler ist die angedeutete Prägung durch die Hochschule (als Ort der „kapitalistischen Logik“) für die Politikerinnen und Politiker, die Milanović dadurch charakterisiert, dass sie „es als ganz normal ansahen, als Homo oeconomicus in ihrem Amt zuallererst ihr eigenes Vermögen (und das ihrer Anhänger) zu vermehren“. Wer lernt, die Politik und die eigenen Motive im Sinne des „ökonomischen Imperialismus“ zu lesen, mag sich dann als Politikerin oder Politiker zumindest darin bekräftigt (legitimiert) sehen, das eigene Handeln auf den eigenen finanziellen Vorteil hin auszurichten.

Misstrauen gegen „unten“?

Das Eigennutzverhalten von Politikerinnen und Politikern ist die eine Sache. Aber was ist mit der von ihnen betriebenen Politik? Hierzu lässt sich ebenfalls auf ein (mittlerweile) standard-ökonomisches Theoriecluster verweisen: die Neue Institutionenökonomik (inkl. Agency-Theorie). Dort wird von Verträgen unter Informationsasymmetrien ausgegangen, in denen Informationsvorteile im Sinne ökonomischer Rationalität und Nutzenmaximierung stets zu Lasten der schlechter informierten Menschen ausgenutzt werden.

Zudem wird dort unverblümt auch der von Milanović kritisierte „ökonomische Imperialismus“ gefordert: Aus dem entsprechenden Selbstverständnis heraus wären diese Konzepte auf sämtliche Teile des Lebensalltags anwendbar. Arbeitsbeziehungen wie Partnerschaften usw. charakterisieren sich dann als Vertragsbeziehungen unter Ungewissheit und Informationsasymmetrie – immer in der Gefahr stehend, über den Tisch gezogen zu werden, begegnet mensch dem Gegenüber mit Misstrauen.

Letzteres findet seinen Niederschlag auch – und das halte ich im Kontext von Milanović` Beitrag für besonders wichtig – im Umgang mit Menschen in prekären Lebenslagen, die sich so ständig dem Vorwurf des potenziellen Sozialmissbrauchs ausgesetzt sehen. Wer sich ein wenig mit Hartz IV beschäftigt, wird dort tatsächlich an viele typische Agency-Lösungen erinnert (Kontrolle, Benchmarks, Signalisierung usw.). Das Misstrauen, das im Einzelfall als „Vorsichtsprinzip“ eine gewisse Berechtigung haben mag (z.B. in verantwortungsvollen Funktionen bzgl. Sicherheit, Datenschutz etc.), wird dann in der Anwendung auf alle Lebenssituation zum Normalfall verallgemeinert. Kritische Köpfe dürften an dieser Stelle schon fragend einwenden, was das für eine Art von „Gesellschaft“ sein soll, in der jeder Mensch seinen Mitmenschen misstraut.

Nun ließe sich einwenden, dass das gar nicht Milanovićs Thema war. Ihm ging es doch um das Misstrauen gegenüber der Politik. Warum sollte er sich dann mit dem hier eben angesprochenen Misstrauen beschäftigen? Die Antwort ist, dass ein Grund für das Misstrauen gegenüber der Politik auch in dem „neoliberalen“ Misstrauen bestehen kann, mit dem „die Politik“ den Menschen in verschiedenen (prekären) Lebenslagen gegenübertritt. Das wiederum wird in der Fachliteratur unter Schlagworten wie „autoritärer Kapitalismus“, „Ökonomisierung“ und „Demokratieentleerung“ thematisiert (z. B. Heitmeyer 2018). Wer also – wie Milanović – mit Bezug auf die „kapitalistische Logik“ und ökonomische Theorie über das Misstrauen gegenüber einer korrupten Politik sprechen möchte, sollte dann aber auch nicht über die „kapitalistische Logik“ einer Politik des „Bestrafen[s] der Armen“ (Loïc Wacquant) schweigen.

Ans Misstrauen gewöhnen?

Milanovićs Beitrag endet mit dem Vorschlag, dass „wir“ uns an das Misstrauen gegenüber der Politik und die Kluft zwischen Eliten und Bevölkerung gewöhnen müssen. Als Begründung führt er an, dass wohl nicht davon ausgegangen werden kann, Menschen zu finden, die „den Wertekanon des kapitalistischen Systems […] zurückweisen“. Die Entkoppelung der Politik von der „kapitalistischen Logik“ hält Milanović für unrealistisch.

Aber wie überzeugend ist das? Schließlich verweist Milanović selbst auf die Ökonomik als eine Ursache für den von ihm kritisierten „Neoliberalismus“. Hierzu lässt sich die Standard-Ökonomik tiefergehender daraufhin analysieren, welche ökonomischen Konzepte, Argumente oder Ideen sowie welche dahinter (verborgen) liegenden normativen Haltungen oder Grundüberlegungen das gesellschaftliche Fundament unterminieren (Menschenwürde, Solidarität usw.). Tatsächlich fördern erste Studien diverse misanthropische Momente der Ökonomik zu Tage, die auch dem von Milanović thematisierten Misstrauen zuarbeiten (negative Menschenbilder, Agency-Theory, Dogma des Wettbewerbs, das Leitbild der Arbeits- und Marktgesellschaft etc.; ausführlich dazu z.B. Thieme 2013). Die Vermutung liegt nahe, dass diese ökonomischen Elemente und Argumentationsmuster auch auf politischer Ebene wirksam werden, etwa im Rahmen von Ausdrucks-, Rechtfertigungs- und Verschleierungsideologien (Heitmeyer 2008).

Insofern wäre es denkbar, dass eine andere Ökonomik auch einen Beitrag zu einem anderen (nicht neoliberalen) Weltbild leisten kann. Und genau dazu ließe sich an die Forderungen der Pluralen Ökonomik anknüpfen (z.B. ISIPIE 2014 und Netzwerk Plurale Ökonomik 2012). Freilich darf das nicht auf eine formal-mathematische Heterodoxie beschränkt bleiben, sondern muss vor allem die Bereiche einer sozialwissenschaftlichen Ökonomik umfassen. Damit sind beispielsweise Ansätze wie die feministische Ökonomik(en) gemeint, die auf Kooperation statt auf konfrontativen Wettbewerb setzen (z.B. das Vorsorgende Wirtschaften) oder sozialökonomische Ansätze, die im Sinne von Getraude Mikl-Horke Wirtschaft und Gesellschaft zusammendenken. In dem Kontext wäre es zumindest möglich, alternative Wirtschaftsformen mit anderen (nicht-neoliberalen) Mentalitäten angemessen (!) zu erfassen und zu bearbeiten.

Ebenso wie frühere Ökonominnen und Ökonomen eine „neoliberale Revolution“ auf den Weg brachten, sollte heute auch eine andere Ökonomik – wenn mensch so will: eine Konterrevolution – möglich sein

Zur Illustration sei an die Allmende (Gemeingüter) erinnert: Die standard-ökonomische Darstellung in Lehrbüchern stellt die Allmende unter Annahmen der Nutzenmaximierung usw. als „Unmöglichkeit“ dar (Zerstörung durch egoistische Übernutzung). Vor allem die ökonomische Annahme des Eigennutzstrebens sorgt nicht zuletzt auch auf der politischen Ebene für ein rational-ökonomisches Misstrauen gegenüber gemeinwohlorientierten Praktiken. Dagegen wäre im Lichte einer Pluralen Ökonomik eine angemessene Darstellung von Allmende möglich als Verbund aus Ressourcen (Wasser, Boden usw.) und spezifischen Formen sozialer Übereinkünfte in der kollektiven Nutzung derselben (Helfrich/Stein 2011: 11). Die dort erwähnten sozialen Übereinkünfte setzen wiederum ein gewisses Maß an Vertrauen voraus. Vertrauen wäre somit von Grunde auf als Voraussetzung (bestimmter) wirtschaftlicher Organisationsformen und Betätigungen berücksichtigt.

Würden dann noch die Forderungen nach mehr Wirtschaftsethik und Ideengeschichte endlich ernst genommen, dann könnten auf diese Weise weitere Ideen, Konzepte und Überlegungen abseits der von Milanović als „neoliberal“ kritisierten Denkhaltung sichtbar(er) und akademisch kultiviert werden. Ließen sich entsprechende Lehrpläne und Lehrbücher der Ökonomik, aber auch die Möglichkeiten zur ökonomischen Forschung usw. mit anderen ökonomischen (pluralen) Inhalten füllen, dann wüsste auch ein Branko Milanović um Alternativen zu einer „kapitalistischen Logik“ (jenseits einer Rhetorik des kalten Kriegs) und müsste nicht das Handtuch werfen.

Mit der Forderung nach einer Pluralen Ökonomik existieren also viele Möglichkeiten, die durchaus der „kapitalistischen Logik“ und dem damit verbundenen Misstrauen entgegenwirken könnten. Mensch muss also nicht im Pessimismus verharrend eine Gewöhnung an bestehende Verhältnisse fordern. Denn es gibt viele Alternativen, und somit keinen Grund zur Kapitulation. Und ebenso wie frühere Ökonominnen und Ökonomen eine „neoliberale Revolution“ auf den Weg brachten, sollte doch heute auch eine andere Ökonomik – wenn mensch so will: eine Konterrevolution – möglich sein, mit der sich der von Milanović thematisierte Vertrauensverlust wieder beseitigen lässt.

 

Zum Autor:

Sebastian Thieme ist Diplom-Volkswirt, hat im gleichen Fach zum Thema „Subsistenz/Selbsterhaltung“ promoviert. Er vertrat die Professur VWL im Fachbereich Verwaltungswissenschaften der Hochschule Harz (10/2018-02/2019) und war in verschiedenen Projekten zur Pluralität der Ökonomik tätig. Forschungsschwerpunkte sind u. a. Subsistenzethik, Selbsterhaltung als Wirtschaftsmotiv, Sozialstaat, Ökonomik und Normativität, Plurale Ökonomik, das Denken in Wirtschaftsstilen und ökonomische Misanthropie. Webseite: economicethics.blogspot.com Auf Twitter: @EconomicEthics