Arbeitsmarktwunder

Hartz IV hat gewirkt – aber anders als oftmals vermutet

Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland nach 2005 nicht deshalb so stark fiel, weil mehr Menschen aus der Arbeitslosigkeit heraus eine Stelle fanden – sondern vor allem, weil weniger Menschen arbeitslos wurden. Eine Analyse von Benjamin Hartung, Philip Jung und Moritz Kuhn.

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Hartz IV hat gewirkt – aber anders als oftmals vermutet

Michael Wendl

Das Problem an dieser Studie sehe ich darin, dass nur Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt modelliert und danach zu interpretieren versucht worden sind. Das ist insofern unzureichend, weil Arbeitslosigkeit und Beschäftigung kausal nicht auf dem Arbeitsmarkt entstehen, sondern dort nur gemessen werden. Für Deutschland gilt, dass der Anstieg des Arbeitsvolumens bis 2008 schwach blieb und sich durch einen deutlichen Anstieg nur auf mehr Köpfe verteilt hatte. Insofern ist die Zahl der Beschäftigten die falsche Größe, um Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt zu interpretieren. In Österreich war die Erwerbsbevölkerung in diesem Zeitraum angestiegen und damit auch die Arbeitslosigkeit hoch geblieben. Es wird in der Studie auch nicht analysiert, welche Effekte das starke Wachstum der Weltwirtschaftskonjunktur ab 2012 für eine so stark exportorientierte Wirtschaftsgesellschafft hatte wie Deutschland. Hartz IV hat zu Umgruppierungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt geführt, aber nicht zu einem Rückgang der Arbeitslosigkeit. Dafür waren makroökonomische Effekte verantwortlich. Die Entwicklung 2009 – das “Arbeitsmarktwunder” – war eine durch Kurzarbeit und flexible Arbeitsregeln in Tarifverträgen gebaute Beschäftigungsbrücke, die eine rasche Beendigung dieses Konjunktureinbruchs ermöglich hatte. Es war aber keine Folge von Hartz IV. Eine Partialanalyse des Arbeitsmarkts kann die Folgen von Krisen und Aufschwüngen nicht analysieren, sondern nur nachzeichnen. Sie sollte dann aber nicht versuchen, diese Nachzeichnung als kausalen Zusammenhang zu werten. Es wird zwar darauf hingewiesen, dass es sich nur um eine Korrelation handelt, aber mit der Formulierung “Hartz IV hat gewirkt”, wird dann doch eine kausale Beziehung behauptet.