Interview

„Die Agenda 2010 war überflüssig“

Ein Gespräch mit dem Arbeitsmarktforscher Gerhard Bosch über die Bedeutung der Agenda 2010, den Machtverlust der Gewerkschaften und die Folgen der Automatisierung.

Foto: Pixabay

Kommentare
Kommentare zu
„Die Agenda 2010 war überflüssig“

Dr. Klemens Wittebur

Ich stimme Prof. Dr. Gerhard Bosch zu 80% zu. Seiner Einschätzung, dass die Gewerkschaften bereits 2006 den Mindestlohn unterstützten, kann ich so jedoch nicht zustimmen. Es waren lediglich größere Teile von verdi, die den Mindestlohn bereits 2006 gefordert haben. Die IG BCE dagegen hat sich lange schwer damit getan. Jetzt haben wir ihn endlich und sollten ihn auch schnell auf 10-12 € anheben (z.B. bis 2020). Damit wäre Altersarmut noch nicht beseitigt, aber immerhin ein Einkommen gesichert, dass in vielen Haushalten eine Abhängigkeit vom SGB II beseitigen würde.

Wer sein Leben lang (50 Jahre von 16-66) einen jährlich angepassten Mindestlohn von 11 € verdient, wird auch im Alter noch auf Sozialleistungen angewiesen sein, da die Rente auf heutigen Niveau bei ca. 750  € liegen wird. Hier müssen andere rentenrechtliche Regelungen eine Lösung des Problems bringen. Zweitens finde ich die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe im SGB II grundsätzlich richtig. Es müssen aber Übergangsregelungen vom SGB III zum SGB II geschaffen werden. Hier stehen die Gewerkschaften vor einer Herkulesaufgabe, eine Lösung zu finden. Ähnliches gilt für eine unverzichtbare „große“ Rentenreform, die es spätestens bis 2025 geben muss. Ein einfaches „zurück“, von dem so viele träumen, kann es nicht geben.