Economists for Future

Eine Frage der Autonomie

Was es konkret bedeutet, autonom handlungsfähig zu sein, hängt von den jeweiligen produktiven Machtverhältnissen ab. Ein Beitrag von Karoline Kalke zur Notwendigkeit und Illusion der Selbstbegrenzung.

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Unsere Gesellschaft befindet sich inmitten eines tiefgreifenden Transformationsprozesses. Mittendrin: die Wirtschaft. In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, ob wir den Wandel by disaster oder by design schaffen.

Diese Debattenreihe von Economists for Future e.V. widmet sich den damit verbundenen ökonomischen Herausforderungen. Zum einen werden Engführungen in den Wirtschaftswissenschaften sowie Leerstellen in der aktuellen Wirtschaftspolitik kritisch-konstruktiv beleuchtet. Zum anderen diskutieren wir Orientierungspunkte für eine zukunftsfähige Ökonomie und geben Impulse für eine plurale Ökonomik, die sozial-ökologische Notwendigkeiten angemessen berücksichtigt.

Die erste Ausgabe der Debattenreihe startete im September 2019. Die mittlerweile fünfte Staffel stellt nun den Aspekt der Grenzen in den Mittelpunkt – seien es planetare Grenzen und soziale Grundlagen, die Grenzen der Machbarkeit und der politischen Durchsetzbarkeit, die Grenzen ökonomischer Theorie oder (ver)altete Leitbilder, die Grenzen des Subjekts, des Raums oder der Zeit. Alle bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier.

Autonomie ist ein uneindeutiger Begriff. Als zentrales Element der westlichen Moderne umfasst es die aufklärerische und demokratische Vorstellung von freien und gleichen Subjekten, die als Autor:innen ihres eigenen Lebens über dieses selbst bestimmen können. Für kritische Gesellschaftstheorien geht diese Form der Selbstbestimmung über persönliche Entscheidungen hinaus. Sie zielt mit dem Begriff der Mündigkeit auf kritische Subjekte, die sich durch die eigene moralische Selbstgesetzgebung gesellschaftlichen Autoritäten widersetzen können. Dies erfordert zugleich, das eigene Handeln so zu begrenzen, dass es nicht auf Kosten anderer geht, also im Sinne der Freiheit unter Gleichen verallgemeinerbar wäre (Kant 2008 [1785]). Autonomie ist in diesem Verständnis ein Kernelement für emanzipatorische Projekte.

Diesem aufklärerischen Typus der Selbstbestimmung stand jedoch bereits seit dem 18. Jahrhundert ein anderer Typus von Autonomie gegenüber. Dieser ist geprägt durch die Epoche der Romantik: das Ideal der Selbstverwirklichung. Als Gegenentwurf zum Wert der Gleichheit geht es darum, die eigenen einzigartigen Eigenschaften und Bedürfnisse zu (er)finden und ihnen in einem stetigen Weiterentwicklungsprozess nachzukommen. Letztlich soll so die eigene Authentizität gegen Entfremdungsprozesse verwirklicht werden. Auch dieser Typus von Autonomie enthält folglich eine emanzipatorische Bedeutung (zur Differenzierung beider Autonomieideale siehe z.B. Simmel 2007 [1917]; Graefe 2019).

Autonomie als kollektive Selbstbegrenzung

Innerhalb der kritischen Nachhaltigkeitsforschung spielt Autonomie eine wiederkehrende Rolle. Vor dem Hintergrund planetarer Grenzen (Rockström et al. 2019) wird die Idee demokratisch legitimierter sozialer Grenzen für eine sozial-ökologische Transformation diskutiert. Durch intensive Beteiligungsprozesse soll über die Bedingungen für ein gutes Leben für alle entschieden werden. Autonomie wird dabei als kollektive Selbstbestimmung zur Selbstbegrenzung in Stellung gebracht (Brand et al. 2021; Fuchs et al. 2021). Darin liegt, so das Argument, die Chance einer Emanzipation von den zerstörerischen Expansions- und Wachstumszwängen kapitalistischer Gesellschaften (Brand et al. 2021:266) zugunsten einer sozialen Freiheit (Polanyi 1927) zur verantwortungsvollen Selbstgesetzgebung jenseits von Markt und Staat. Selbstgesetzte Regeln und Grenzen werden dabei als das eigentliche Wesen der Autonomie verhandelt (vgl. Fuchs et al. 2021:69).

Vor dem Hintergrund dieses Ideals von Autonomie als kollektive Selbstbestimmung zur Selbstbegrenzung drängt sich die Frage auf, wie es um die Bedeutung von Autonomie in westlichen Gegenwartsgesellschaften bestellt ist. Dieser Frage liegt die Annahme zugrunde, dass das Ideal der moralischen Urteilsfähigkeit und verallgemeinerbaren Selbstbegrenzung für kritische Gesellschaftstheorien zwar eine „notwendige Illusion“ (Meyer-Drawe 1990) darstellt, zugleich aber gesellschaftliche Beziehungen und deren Machtverhältnisse die konstitutiven Bedingungen für autonome Handlungsfähigkeit bilden (zum Spannungsfeld von Notwendigkeit und Illusion siehe Graefe 2019:71f.).

Was es also konkret bedeutet, autonom handlungsfähig zu sein, hängt von den jeweiligen produktiven Machtverhältnissen ab. In diesem Debattenbeitrag geht es folglich um die Frage, was autonome Handlungsfähigkeit als Norm in westlichen Gegenwartsgesellschaften bedeutet. Westliche Gegenwartsgesellschaften verstehe ich dazu anhand von drei Bedingungen: sie sind flexibel-kapitalistisch und spätmodern, krisenhaft und digital vermittelt.

Autonomie im flexiblen Kapitalismus

Die Frage nach der vorherrschenden Handlungsnorm in flexibel-kapitalistischen und spätmodernen Gesellschaften konnte bis in die Mitte der 2010er Jahre mit einem breiten soziologischen Konsens beantwortet werden: Mit dem Individualisierungsschub in den postindustriellen Gesellschaften der späten 1960er und frühen 1970er Jahre und den Neuen Sozialen Bewegungen rückten stabile soziale Positionen und Hierarchien des organisierten Kapitalismus in den Hintergrund. An ihre Stelle drangen Bestrebungen nach Selbstfindung und Authentizität, Flexibilität und Eigenverantwortung in individualisierten Lebensmodellen.

Folgten diese emanzipatorischen Forderungen zunächst dem eingangs erläuterten romantischen Ideal der Selbstverwirklichung, wurden sie letztlich im Zuge der neoliberalen Wende als Norm marktförmig übersetzt: Singuläre Selbstverwirklichung (Reckwitz 2017) im Markt wurde zur disziplinierenden Anforderung und zum begehrten Versprechen gleichermaßen (Boltanski/Chiapello 2005). Autonomie war nun keine emanzipatorische Zielsetzung mehr, sondern Tagesordnung (Ehrenberg 2012) der eigenverantwortlichen, flexiblen, selbstoptimierenden und einzigartigen Subjekte (Bröckling 2007).

Diese wurden dadurch paradoxerweise zwar autonomer als zuvor, erlebten aber gleichzeitig eine teils überfordernde Einengung in ihrer Handlungsfähigkeit. Für kollektive Selbstbestimmung durch politische Teilhabe blieben unter dem Diktum der neoliberalen Eigenverantwortung für das Bestehen im kompetitiven Markt wenig Ressourcen: So wurden die Themen der Neuen Sozialen Bewegungen im Verlauf der neoliberalen Wende ad acta gelegt, und sich im Zuge einer „Emanzipation zweiter Ordnung“ (Blühdorn 2013) von gesellschaftlichen Verantwortlichkeiten befreit, die der Resilienz der Subjekte (Graefe 2019) weichen mussten.

Multiple Grenzerfahrungen durch dynamisierende Krisen

Mit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise haben verwobene Krisendynamiken (Demirović et al. 2011) die ökonomischen, ökologischen, sozialen und subjektiven Grenzen des Versprechens und der Anforderung westlicher Selbstverwirklichung offengelegt. Im Zuge multipler Grenzerfahrungen durch stagnierende Wachstumsraten und Austeritätspolitik, die sich zuspitzende sozial-ökologische Katastrophe, soziale Missstände wie Wohnungsnot und die Unterfinanzierung öffentlicher Einrichtungen, die zunehmende Erschöpfung selbstverantwortlicher Subjekte und schließlich der sogenannten “Flüchtlingskrise” gewannen Fragen der (kollektiven) Selbstbestimmung wieder an Bedeutung (z.B. della Porta 2015).

Diese wurden zuerst von Bewegungen, Initiativen und Organisationen aufgeworfen, die nach vier Jahrzehnten des neoliberalen und spätmodernen Einzigartigkeitskredos den Wert der Gleichheit mit Forderungen nach Gerechtigkeit wieder auf die Tagesordnung setzten: etwa für neoliberal Prekarisierte und Ausgebrannte, für von sozial-ökologischen Katastrophen ungleich Betroffene oder für Geflüchtete.

Gleichzeitig wurde mit dem Aufstieg von Parteien und Bewegungen der äußeren Rechten, dem Brexit-Votum und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten sichtbar, dass Grenzerfahrungen von weiten Teilen der Bevölkerung eher exklusiv und autoritär beantwortet werden: Als Reaktion auf Abstiegs- und nicht-mehr-Aufstiegsängste (Nachtwey 2016) wird dabei – kollektiv selbstbestimmt – das Versprechen zur Selbstverwirklichung für Wenige verteidigt. Selbstbestimmung wurde und wird also illiberal und regressiv gewendet, um sich dem Wert der Gleichheit zu entledigen (Blühdorn, Butzlaff, Haderer 2021).

Soziale Medien: Zerstörer oder Katalysator der Autonomie?

Mit dieser großen Regression (Geiselberger 2017), nicht zuletzt der Wahl Trumps in Zusammenhang mit dem Datenskandal um Cambridge Analytica, wurde der (antidemokratische) Einfluss sozialer Medien zunehmend kritisch diskutiert. Ein zentraler Kritikstrang wird unter der polit-ökonomischen Analyse des Überwachungskapitalismus (Zuboff 2019) subsumiert. Dort wird auf die Aushöhlung der Autonomie der Nutzer:innen verwiesen. Durch detaillierte Datenprofile können Inhalte personalisiert auf die Interessen und Werte der Nutzer:innen zugeschnitten und damit deren Verhalten manipuliert werden (auch für politische Zwecke).

Dabei wird allerdings die “politische Aneinung und Prägung” sozialer Medien (Hofmann 2019: 36) und die Perspektive der Social Media Nutzer:innen ausgeklammert. So werden Subjekte in sozialen Netzwerken nicht nur für die Werbekund:innen der Plattformen vermessen und personalisiert – also einzigartig – angesprochen, sondern erhalten im Gegenzug auch die Infrastruktur, diese Einzigartigkeit auszudrücken (Staab/Thiel 2021; Reckwitz 2017).

Gemäß dem neoliberalen Autonomieideal der singulären Selbstverwirklichung erfolgt die Vernetzung über inszenierte Einzigartigkeit durch Authentizität, die in Anerkennung, über Selbstoptimierung bis hin zur Selbstverwertung als Influencer:in münden kann. Je authentischer – das heißt persönlicher, privater, nahbarer und damit glaubwürdiger – ein Profil gestaltet ist, desto erfolgsversprechender ist es. Auch wenn die dahinterstehende Inszenierung von Authentizität weitgehend bekannt ist, erlaubt die suggerierte Nahbarkeit den Follower:innen wiederum, sich mit ihrem Gegenüber zu identifizieren. Die personalisierte Verbindung von Authentizität der Einen, und Selbst-Identifikation der Anderen hat im Influencer:innen Marketing zur gefühlten Verlässlichkeit von Informationen (über Produkte) geführt.

Diese Vorstrukturierung personalisierter Verbindungen nach neoliberalen Kriterien wurde in den eben beschriebenen krisenhaften Zeiten multipler Grenzerfahrungen sukzessive politisiert. Dies begann mit der Nutzung sozialer Medien für die digitale Mobilisierung von sozialen Bewegungen wie bspw. den Indignados in Spanien oder den Aganaktismenoi in Griechenland. Zunächst waren deren Mobilisierungsstrategien noch auf eine möglichst breite Vernetzung einer heterogenen Gruppe innerhalb eines individuell personalisierbaren Aktionsrahmens ausgerichtet (Bennett/Segerberg 2013). Aufgrund eines fehlenden kollektiven Charakters und mangels einer geteilten politischen Ideologie wurde dieser Strategie jedoch kein langfristiger politischer Einfluss zugeschrieben (z.B. Papacharissi 2015).

Eine personalisierbare Kommunikationsweise mit kollektivem Charakter ließ sich schließlich zuerst in den Profilen der äußeren Rechten beobachten. Durch die Verknüpfung von Lifestyle und politischer Ideologie werden jeweils eigene Identifikationsmöglichkeiten und gleichzeitig ein kollektiver Aktionsrahmen geboten (Rösch 2023). Letztlich hat vor allem Trumps Nutzung von Twitter diese Verknüpfung maßgeblich normalisiert: Mit seinem ungefilterten, unkonstruiert und ungelehrt wirkenden rhetorischen Stil vermittelte Trump trotz seiner damaligen Funktion als US-Präsident eine Authentizität, die es vielen ermöglichte, sich individuell mit „ihrem“ Präsidenten zu identifizieren, während er gleichzeitig seine nativistische, nationalistische Ideologie teilte.

Authentische Selbstbestimmung als Ausdruck und Verteidigung autonomer Handlungsfähigkeit

Eine derartige Verschränkung von personalisierten Verbindungen und kollektiver Ideologie beförderte in den sozialen Medien eine Norm autonomer Handlungsfähigkeit, die Selbstbestimmung mit dem Kriterium der Authentizität verknüpft (siehe auch Lütjen 2022). Authentische Selbstbestimmung impliziert eine Form der Selbstgesetzgebung nach jenen Inhalten, die für einen selbst authentisch erscheinen, indem sie eine Selbstidentifikation ermöglichen und damit mit den persönlichen Werten, Interessen und der Alltags- und Lebenswelt resonieren (zum Begriff der Lebenswelt siehe Hausknost 2019).

Diese Verknüpfung von Selbstbestimmung und Authentizität ist inzwischen auch bei den sogenannten „Sinnfluencer:innen“ und (politischen) Influencer:innen jeglicher Couleur zu finden. Dabei wird ersichtlich, dass authentische Selbstbestimmung nicht zwingend regressive Auswirkungen haben muss. Gleichwohl begünstigt authentische Selbstbestimmung die Hinwendung und Radikalisierung wachsender Teile der Bevölkerung zu Protagonist:innen der äußeren Rechten, deren Narrative – in Zeiten der Verunsicherung (Decker et a. 2022) – die Absicherung der eigenen Interessen, Lebenswelt und Handlungsfähigkeit durch soziale Schließungsprozesse und/oder Gegenwissen anbieten: Eben dann, wenn sich bestehende Grenzerfahrungen mit Extremwetterereignissen, Pandemie, Energiekrise und Inflation weiter zuspitzen, die Versprechen von Wachstum, Fortschritt und Aufstieg immer brüchiger werden – und damit auch die Bedingungen, Anforderungen und Versprechen autonomer Handlungsfähigkeit durch Selbstverwirklichung in den westlichen Gegenwartsgesellschaften tiefgreifend erschüttert sind. Dann ermöglicht authentische Selbstbestimmung mit dem Angebot der äußeren Rechten einen attraktiven Ausweg aus den Grenzerfahrungen: „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“ (Bogner 2021).

Kein gutes Leben für alle

Der normative Horizont kollektiver Selbstbestimmung zur Selbstbegrenzung für ein gutes Leben für alle wird von der kritischen Nachhaltigkeitsforschung also zu einer Zeit in Stellung gebracht, in der autonome Handlungsfähigkeit durch Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung einen äußerst hohen Stellenwert innehat. Insofern scheinen Vorschläge für Beteiligungsprozesse zur kollektiven Selbstbestimmung zunächst eine bessere Strategie zu sein als die von manchen als entmündigend empfundenen Aufrufe nach „Listen to the Science“ großer Teile der Klimabewegung.

Die Idee der kollektiven Selbstbestimmung zur Selbstbegrenzung erfordert indes Subjekte, die Selbstbestimmung im ursprünglichen aufklärerischen Sinn unter dem Wert der Gleichheit verstehen und gewillt sind, ihre moralische Urteilskraft durch Selbstbegrenzung in den Dienst der Gerechtigkeit zu stellen. Allerdings wurde mit der politischen Nutzung neoliberal strukturierter sozialer Medien in krisenhaften Zeiten ein Verständnis von Selbstbestimmung normalisiert, das den romantischen Werten wie Einzigartigkeit, Authentizität und das Ausleben eigener Bedürfnisse folgt. Jene normativ notwendigen Werte der Freiheit bei Gleichheit, Moral und Vernunft wurden dabei nicht zuletzt in der digitalen Vermittlung sozialer Medien zunehmend ersetzt. Authentische Selbstbestimmung als autonome Handlungsfähigkeit ebnet so den anti-egalitären Weg für den (versprochenen) Schutz der eigenen Lebenswelt und Handlungsfähigkeit durch ein Begrenzen anderer: Kein gutes Leben für Alle (Blühdorn et al. 2020:47).

 

Zur Autorin:

Karoline Kalke ist Doktorandin am Institut für Gesellschaftswandel und Nachhaltigkeit (IGN) an der Wirtschaftsuniversität Wien und Promotionsstipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie forscht in der politischen Soziologie und Umweltsoziologie. Ihre Schwerpunkte umfassen sozial-ökologische Transformation, Digitalisierung, Subjekttheorie und kritische Theorie.