Wenn es um die Kritik an Forschung, Lehre und Politikberatung der Wirtschaftswissenschaften geht, werden für gewöhnlich altbekannte Schlagwörter hervorgeholt: Die Disziplin wird wahlweise als neoklassisch, neoliberal, ordoliberal oder marktradikal bezeichnet. Differenziert werden diese Begriffe dabei meist nicht, sondern allzu oft sogar gleichgesetzt. Mag dies als rhetorisches Stilmittel durchaus geboten sein, so kontraproduktiv ist es für eine zielführende Kritik am Zustand der Wirtschaftswissenschaften, die darauf abzielt, woran ökonomische Wissensproduktion und Bildung im 21. Jahrhundert tatsächlich krankt.
Die Harmonie-, Stabilitäts- und Effizienzpostulate der Mainstream-Ökonomik, ihre deduktive Einseitigkeit, ihr Modellplatonismus und die damit verbundene Realitätsferne waren der Grund, warum der wirtschaftswissenschaftlichen Zunft eine Mitverantwortung für die Finanzkrise 2008 attestiert und ein Paradigmenwechsel gefordert wurde. Jetzt stellt sich aber die Frage, ob dies eigentlich (noch) den eigentlichen Kern der wirtschaftswissenschaftlichen Malaise ausmacht.
Erstens äußerte sich die Kritik in einer Zeit, in der sich die Disziplin – zumindest in ihrem Selbstverständnis – durchaus pluralisiert hat. Die gestiegene Bedeutung von Ökonometrie und experimentellen Methoden ebenso wie das Infragestellen allzu rationalistischer Handlungsfiguren durch die Verhaltensökonomik waren für viele Ökonomen Zeichen dafür, dass der ihnen unterstellte Glaube an die Überlegenheit freier Märkte allenfalls ein Zerrbild vergangener Zeiten darstellt. Zweitens ist auch das Verhältnis von ökonomischer Wissenschaft und ökonomischer Realität in den Blick zu nehmen, wenn die Wissensproduktion kritisiert wird und die Wirtschaftswissenschaften als aktiver politischer Akteur für wirtschaftliche Krisen verantwortlich gemacht werden.
Intellektuelle Sackgassen
Die intellektuellen Entwicklungen innerhalb der Wirtschaftswissenschaften sollten keineswegs als Ausweis einer produktiven Erneuerung verstanden werden. Vielmehr offenbaren sie, dass sich die Wirtschaftswissenschaften in ihrer Arbeitsweise nicht mit dem greifen lassen, was ihre (populären) Kritiker ihr unterstellen. Denn diverse bibliometrische Studien zeigen den empirical turn der Wirtschaftswissenschaften, wonach abstrakte Theorien zunehmend durch einen dezidierten Anwendungsbezug verdrängt werden. Auch und gerade der Ordoliberalismus, der Lieblingsfeind vieler Kritiker der Wirtschaftswissenschaften, gerät somit zusehends zu einem Anachronismus vergangener Zeit, weil er den Methodenrigorismus der modernen Forschung nicht teilt. Wer wirtschaftswissenschaftliche Fachkonferenzen besucht, der kommt nicht darum herum, Stunden damit zu verbringen, die Eleganz quantitativ empirischer Methoden bestaunen zu dürfen. Dies betrifft übrigens auch Konferenzen, auf denen sich insbesondere heterodoxe Ökonomen zu Hause fühlen.
So läuft eine wirtschaftswissenschaftliche Alternative zur Mainstream-Ökonomik in eine intellektuelle Sackgasse, wenn sie mit quantitativ empirischen Methoden primär auf jenes methodische Rüstzeug zurückgreift, das ihre Kontrahenten selbst bereits nutzen. Sich wissenschaftstheoretisch darauf zu fokussieren, bestehende Mainstream-Theorien falsifizieren zu wollen, ist wenig zielführend. Gleiches gilt für den Versuch, die sozioökonomischen Folgen beispielsweise von Austerität und Vermarktlichung vorwiegend anhand von deskriptiven Statistiken über Vermögensverteilung oder Reallohnverluste als Ausweis verfehlter Wirtschaftspolitik verdeutlichen zu wollen.
Dass sich nicht ganze Theorien, sondern allenfalls einzelne Hypothesen einer Theorie falsifizieren lassen, ist ein Gemeinplatz der Wissenschaftstheorie. Erkenntnisse eines reinen Empirismus sagen wiederum nichts über die ökonomische Wirklichkeit aus, was über einen unübersichtlichen Wust von Daten hinausgeht, die wiederum entsprechend unterschiedlichen ökonomischen Vorverständnissen heterogen interpretiert werden können.
Der reine Empirismus lässt für Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft keine neuen wirtschaftspolitischen Schlüsse zu, weil ein theoretisches Verständnis von Ökonomie fehlt, das sich von der Mainstream-Ökonomik tatsächlich und vollumfassend abgrenzt. So mag uns empirische Evidenz womöglich darlegen, dass auch die erneute Erhöhung des Mindestlohns nicht zu Arbeitsplatzverlusten führt. Was den Kapitalismus aber in seiner grundlegenden Funktionsweise ausmacht, rückt dabei aus dem Blickfeld der Wirtschaftswissenschaften. Basiert die eigene Vorstellung von Ökonomie auf einer neoklassischen Tauschwirtschaft, auf einer Verpflichtungsökonomie im monetär-keynesianischen Sinne oder auf dem Antagonismus von Arbeit und Kapital, der marxistischen Analysen zugrunde liegt? Diese Vorstellungen sind offenzulegen und für das 21. Jahrhundert theoretisch mit Leben zu füllen. Sonst bleiben Ansätze der „antifaschistischen Wirtschaftspolitik“ oder „transformativen Wirtschaftswissenschaft“ ein Muster ohne Wert.
Mit Theorie ist in diesem Kontext aber gewiss nicht mathematische Modellierung gemeint, sondern der analytische Versuch, mit Begriffen und Konzepten ein umfassendes Verständnis davon zu entwickeln, was uns in ihrer historisch spezifischen Gestalt als ökonomische Wirklichkeit gegenübertritt. Erst dann kann sich ein intellektueller Nährboden bilden, auf dem empirische Erhebungen fruchten.
Möglicherweise würde man in diesem Zuge auch dem Ordoliberalismus nachtrauern, wenn seine heutigen Kritiker in einer ruhigen Minute erkennen, dass mit ihm auch die letzte theoretisch anspruchsvolle Ausformulierung von Ökonomie und Gesellschaftstheorie aus den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten verschwunden sein und die quantitative Methodenausbildung sogar die neoklassische Modellierung verdrängt haben wird. Als wirtschaftspolitischer Akteur wird der Ordoliberalismus gleichwohl nicht so einfach von der Bühne treten, verfügt er doch über etablierte Verbindungen zur institutionalisierten Politikberatung und diversen Think Tanks.
Verändert Wissen die Wirklichkeit?
Für jene Akteure und Institutionen, die mit ihrer Kritik an der Mainstream-Ökonomik nicht nur die wirtschaftswissenschaftliche Verantwortung für die Finanzkrise herausstellen wollen, sondern auch die sozial-ökologische Transformation von Ökonomie und Gesellschaft verfolgen, stellt sich angesichts der Entwicklungen innerhalb der Wirtschaftswissenschaften die nicht unerhebliche Frage, wie sich ökonomische Wirklichkeit mittels wirtschaftswissenschaftlicher Wissensproduktion tatsächlich verändert hat bzw. verändern lässt.
Wenn Marktwirtschaft oder Kapitalismus in der eigenen Vorstellung ökonomischen Gesetzmäßigkeiten bzw. Tendenzen folgt, kann Wissen nur sehr eingeschränkt dazu führen, dass sich Strukturen, Institutionen und Handeln entsprechend ökonomischen Wissens verändern. Orientiert man sich hingegen an konstruktivistischen Ansätzen der Wissenschaftssoziologie, offenbart sich mit dem Performativität-Konzept zumindest eine theoretische Grundlage, die das Verhältnis von Wissenschaft und ökonomischer Realität für das eigene Anliegen sinnvoll umreißt.
Performativität geht davon aus, dass die Wirtschaftswissenschaften die ökonomische Wirklichkeit nicht nur beschreiben, sondern auch an ihrer Konstruktion beteiligt sind. So macht sich beispielsweise die transformative Wirtschaftswissenschaft dieses Konzept explizit zu eigen. Lobenswert ist dies zunächst insofern, als dass der (schädliche) Einfluss von Ökonomen auf Politik und Wirtschaft in jüngeren populärwissenschaftlichen Abhandlungen allzu oft nur anekdotisch und ohne theoretische Rahmung behauptet wird.
Gleichwohl sind sowohl diese Kritiker des regressiven Einflusses als auch die Verfechter eines möglichen progressiven Einflusses mit der Frage zu konfrontieren, inwiefern Wissen die Wirklichkeit tatsächlich verändert. Greifen Entscheider in Politik und Wirtschaft einfach auf die Erkenntnisse der Disziplin zurück, entwickeln dann wahlweise falsche oder richtige Wirtschaftspolitik und machen die Wirtschaft so zu einer neoliberalen Dystopie oder sozial-ökologischen Utopie? Oder sind einerseits umfassende Übertragungs- und Übersetzungsprozesse notwendig, um wirtschaftswissenschaftliches Wissen für politisches Entscheiden nutzbar zu machen, und andererseits polit-ökonomische Machtverhältnisse entscheidend dafür, ob von den Wirtschaftswissenschaften eine realwirtschaftliche Konstruktionsleistung ausgehen kann? Für eine Kritik an der tradierten ebenso wie für eine – im Selbstverständnis – progressive Erneuerung der Wirtschaftswissenschaften sind diese Fragen zwingend zu beantworten.
Emanzipatorisches Potenzial entfalten
Gewährt man für einen Moment der These Gültigkeit, dass Wissen Wirklichkeit im Sinne des eigenen Anliegens u.U. verändern kann, rückt angesichts der spezifischen Wissensproduktion der Disziplin die Frage in den Blickpunkt, mit welchem wirtschaftswissenschaftlichen Wissen die ökonomische Wirklichkeit zwar nicht unmittelbar verändert, aber zumindest mittelbar emanzipatorisches Potenzial entfaltet werden kann. Dazu können die drei Orte der wirtschaftswissenschaftlichen Wissensproduktion in unterschiedlicher Weise beisteuern.
Der gemeinhin wichtigste Ort der Wissensproduktion, die Forschung, spielt angesichts von Drittmittellogik und Publikationswahnsinn leider eine untergeordnete Rolle. Hier ließe sich auf komplexe Auswüchse einer dem meritokratischen Ideal der Bestenauslese folgenden Wissenschaft rekurrieren. Aber zur Verdeutlichung der Irrelevanz wirtschaftswissenschaftlicher Forschung für ökonomisches Denken abseits starrer Grenzen und mit emanzipatorischem Anspruch genügt ein Verweis auf die Rolle sogenannter Top-5-Journale bei der Reproduktion des bestehenden Denkens. Wenn sich die Vergabe von Professuren danach richtet, ob ein Kandidat in einem der US-amerikanischen Top-5-Journale publiziert hat, die von einigen wenigen Editoren geführt werden, bedarf es keiner ausgereiften Machttheorie, um zu begreifen, dass die Forschung als der Ort intellektueller Freiheit und wirtschaftswissenschaftlicher Erneuerung wohl ausscheidet.
Auch die Lehre scheint auf den ersten Blick wenig geeignet, um dieser Ort zu sein. Die inhaltliche Einseitigkeit sowie die strukturellen Rahmenbedingungen machen das Studium der Wirtschaftswissenschaften zu einem monotonen, standardisierten, fremdbestimmten und stressbelasteten Lebensabschnitt.
Gleichwohl ergeben sich für Professoren, Dozierende und Lehrkräfte gerade aus der Tatsache, dass ihr Engagement in der Lehre gemeinhin kaum als karriereförderlich angesehen wird, unverhoffte Freiheitsgrade. Die bedauernswerte Irrelevanz der Lehre für das Renommee von Wissenschaftlern ermöglicht es ihnen, Inhalte, Theorien und Methoden abseits des eingefahrenen Lehrbuchkanons zu integrieren. Eine Erneuerung wirtschaftswissenschaftlicher Lehre würde dann nicht nur bei der wichtigen Forderung nach einer Pluralität verschiedener Paradigmen stehen bleiben. Lehre würde ebenfalls mehr sein als die richtige Wahl quantitativer Methoden und der dabei verwendeten Daten.
Ein Blick auf die großen Denker – ganz gleich welche politische Couleur die Gegenwart mit ihren Schriften assoziiert – zeigt doch, dass ökonomisches Denken immer auch Moralphilosophie und Gesellschaftstheorie gewesen ist. Adam Smith für die Ökonomisierung der vergangenen vier Dekaden verantwortlich zu machen oder John Maynard Keynes ausschließlich als Begründer einer linken Reformpolitik zu verstehen, konnte nur gelingen, weil deren Ideen aus ihrem historischen Kontext entrissen und damit ihres emanzipatorischen Potenzials entledigt und auf eine positivistische Analyse von Ökonomie reduziert wurden.
Es gilt, Studierenden im 21. Jahrhundert – entgegen aller digitalen, methoden- und datenfixierten Lehrprogrammatik – diese Pluralität einzelner Denker ebenso wie die von Paradigmen nahezubringen. Nur dies befähigt Studierende dazu, die Fragilität ökonomischen Denkens und ökonomischer Wirklichkeit sowie ihrer potenziellen Veränderbarkeit nahezubringen. Studierende sind mit radikaler ontologischer Unsicherheit zu konfrontieren, ohne sie dabei in Apathie zu stürzen, sodass ihnen intellektuell wie emotional die Komplexität von Wissenschaft und Wirtschaft begreifbar wird. Dafür braucht es leider mehr als eine exzellente Methodenausbildung, die eine epistemische Sicherheit lediglich suggeriert, dabei aber den Blick auf die Wirklichkeit verstellt.
Ähnliches gilt für alle Akteure und Institutionen, die sich an der wirtschaftswissenschaftlichen Politikberatung beteiligen; sei es im digitalen Raum der Sozialen Medien oder im institutionalisierten Feld. Empirische Evidenz allein genügt nicht, um dem, was mal als neoliberal, mal als neoklassisch bezeichnet wird, den Rang abzulaufen. Es geht immer auch oder sogar insbesondere darum, holistische Sinnangebote zu machen, die der neoliberalen Erzählung freier Märkte mehr als eine technokratische Reform der Schuldenbremse entgegensetzen.
In der Politikwissenschaft wird vielfach von einem post-neoliberalen Interregnum gesprochen, in dem frei nach Gramsci die Krise gerade in der Tatsache besteht, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann. Das Neue sollte aber nicht darin bestehen, den Staatskeptizismus des Neoliberalismus mit einem unkritischen Staatsglauben zu kontrastieren, ohne diesen vor seinen (möglichen) Steuerungsgrenzen theoretisch auszuleuchten.
Dies bedeutet zuallererst auch, Mehrdeutigkeit zu lassen. Einerseits ist zur Kenntnis zu nehmen, dass sich nicht nur die wirtschaftswissenschaftliche Forschung, sondern auch ihre Politikberatung merklich verändert hat. Sie ist pragmatischer geworden, ohne dabei aber einen Paradigmenwechsel einzuleiten. Andererseits zeigt ein Blick auf die ideengeschichtlichen Traditionen der Disziplin, dass sich ökonomisches Denken immer im Bestreben vollzieht, der Wirklichkeit ein Stück näher zu kommen, ohne sie dabei auf das zu reduzieren, womit sie theoretisch (be)greifbar gemacht werden soll. Verändert sich dabei die ökonomische Wirklichkeit und nimmt neue Ausformungen an, verändert sich auch unsere Perspektive auf Denker der Vergangenheit und Paradigmen der Gegenwart. Dies führt zu Mehrdeutigkeit, die es in der politischen Auseinandersetzung zumindest anzuerkennen gilt.
Dieser idealistisch anmutende Appell soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Kampf um Hegemonie nicht im machtfreien Raum stattfindet, in dem sich der zwanglose Zwang des besseren Argumentes durchsetzt. Wenn aber weder ein wirtschaftspolitischer Paradigmenwechsel noch eine sozial-ökologische Transformation am Horizont aufzieht, ist wohlmöglich über einen Strategiewechsel nachzudenken. Damit öffentliche Interventionen und die heterogenen Formen der Politikberatung zur Entwicklung emanzipatorischer Potenziale beitragen, sollten sie bei aller notwendigen Konfrontation, die nicht auf der Ebene von Evidenzen, sondern von Werten zu führen ist, die Mehrdeutigkeit ökonomischer Wirklichkeit zum Ausgangspunkt ihrer Kritik an den Wirtschaftswissenschaften machen.
Zum Autor:
Rouven Reinke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Wissenschaftstheorie, Plurale Ökonomik, Social Studies of Economics und Politische Ökonomie.








































