Als eines der ärmsten Länder der Erde befindet sich Bhutan am Fuße des mächtigen Himalayas, eingezwängt zwischen den großen Nachbarn China und Indien. Für seine 800.000 Bewohner hat sich das kleine buddhistische Königreich unter Gletschern, Tempeln und grünen Weiden die Suche nach dem Bruttonationalglück verschrieben, was weltweit für aufmerksames Interesse sorgt. Das Besondere dabei: Die Energie für die Suche nach Karma und Erlösung basiert zu beinahe 100% auf Wasserkraft aus den Flussläufen des Himalayas. Noch vor wenigen Jahren abgeschieden von der Welt versorgt das Land seine Einwohner auf Basis neuester Kraftwerke und höchster technischer Standards – und exportiert sogar elektrischen Strom an seine Nachbarstaaten.
Wie Bhutan vollziehen auch andere Staaten in der Region die Energiewende in beeindruckender Konsequenz. Vietnam, ein Land mit mittlerweile über 100 Millionen Einwohnern, hat innerhalb kürzester Zeit den Wandel von schmutziger Kohleverstromung hin zu einem regionalen Spitzenreiter bei Erneuerbaren geschafft. Durch attraktive Einspeisevergütungen und staatliche Anreize wurden in wenigen Jahren Kapazitäten aufgebaut, die Vietnam zum größten Solarmarkt in Südostasien machen. Gegenwärtig deckt das Land am Mekong beinahe die Hälfte seiner wachsenden Nachfrage nach Strom aus erneuerbaren Quellen. Beispielhaft für die Welt zeigen die Vietnamesen, wie sich klimapolitische Ziele in kürzester Zeit realisieren und Sektoren mit einer intelligenten Auswahl der Instrumente nachhaltig transformieren lassen.
In Indien hat sich die Regierung vorgenommen, bis 2030 kolossale 500 Gigawatt seiner Stromkapazität aus nicht-fossilen Quellen zu beziehen – ein richtungsweisendes industrielles Unterfangen im bevölkerungsreichsten Land der Erde. Programme wie die National Solar Mission haben riesige Solarparks ermöglicht, besonders bemerkenswert ist hierbei der rasche Kostenverfall. Bis März 2026 überschritt Indien die Marke von 150 Gigawatt installierter Solarkraft, allein im Geschäftsjahr 2025/26 wurden rekordverdächtige 44 Gigawatt neu installiert. Dies entsprich dem Zubau der bestehenden solaren Kapazitäten von Bayern, Baden-Württemberg Nordrhein-Westfalen zusammen – in wenigen Monaten. Mit Programmen wie PM KUSUM unterstützt die Regierung in Neu-Delhi Millionen von Landwirten dabei, Dieselpumpen durch solare Bewässerungssysteme zu ersetzen, was die ländliche Energieversorgung revolutioniert. Erneuerbare in vielen Ländern der Erde an erster Stelle
25 Jahre nach der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) in Deutschland expandieren die Erneuerbaren auf allen Kontinenten. Mehr als 80 Länder haben bereits Elemente der deutschen Gesetzgebung übernommen, als Motor technologischer Sprünge erweist sich vielerorts die Einspeisevergütung für Solarenergie. In Lateinamerika und der Karibik basieren nach Angaben der Weltbank schon mehr als die Hälfte der kompletten Stromversorgung auf Wasserkraft, in Ländern wie Panama, Ecuador and Paraguay ist der Anteil jenseits von 70%. Der Gigant Brasilien ergänzt seine bestehenden nachhaltigen Kapazitäten gerade massiv durch Energie aus Wind und Sonne. Besonders im Nordosten des Landes entstehen riesige Windparks, die den Anteil der Erneuerbaren am Gesamtstromverbrauch auf insgesamt 90% erhöhen – einer der saubersten Strommixe weltweit. Gleichzeitig bleibt das Land Weltmarktführer bei der Nutzung von Biokraftstoffen im Verkehrssektor.
Doch es gibt Grenzen: In Afrika verfügt Nigeria über riesige Solarressourcen, blockiert sich jedoch durch instabile Stromnetze selbst. Der Energiesektor leidet an Korruption und unsicheren Investitionsbedingungen, nicht wenige Projekte bleiben auf dem Papier. Vielerorts dominieren weiter teure und klimaschädliche Dieselgeneratoren. In Südafrika hat der staatliche Energiekonzern Eskom den Ausbau der Erneuerbaren gezielt verzögert. Mangelnde Netzanschlüsse und langsame Ausschreibungen erschweren den Zubau, Stromausfall ist ein flächendeckendes Problem. Trotz hervorragender geografischer Voraussetzungen bleibt das Land somit abhängig von der Kohleverstromung. Als kontinentales Gegenbeispiel positioniert sich hingegen Kenia, wo 40% des Stroms aus Geothermiekraftwerken kommen. Viele Haushalte nutzen Solar-Home-Systeme, Mobile Payment wie M-Pesa erleichtert den Zugang zu Energie aus sauberen Quellen.
Technologische Reifegrade und sinkende Entwicklungskosten
Denn die Vorteile liegen auf der Hand. Die Erneuerbaren befreien von hohen Importkosten fossiler Brennstoffe, reduzieren die Treibhausgase und schaffen Arbeitsplätze. Sie akzentuieren die geografischen Vorteile eines Staates und verkürzen politisierte und hochfragile Lieferketten. Die Kartellmacht von fossilen Giganten wird an vielen Stellen unterlaufen, was implizit marktwirtschaftlichen Strukturen fördert.
Während Preisrisiken, Transport- und Entwicklungskosten rapide sinken, stützen Stromexporte den Staatshaushalt und bringen vielen Regierungen die so dringend benötigten Devisen. Statt alte Systeme teuer zu modernisieren, setzt man vielerorts direkt auf die neueste Technik, innovative Finanzierung und dezentralen Netzausbau. Echter politischer Wille überträgt sich in großangelegte Förderprogramme und klare Ausbauziele.
In vielen Regionen (z. B. Indien oder Chile) bietet Solarstrom echte Kostenvorteile und ist mittlerweile die günstigste Form der Stromerzeugung überhaupt – oft billiger als bestehende Kohlekraftwerke weiterzubetreiben. Viele Schwellenländer liegen zudem in der „Sonnengürtel”-Region der Erde mit idealen Bedingungen für Photovoltaik. Schnell wachsende Volkswirtschaften benötigen hier dringend mehr Energie; Erneuerbare lassen sich oft schneller modular aufbauen als riesige konventionelle Kraftwerke.
Von der Erklärung von Rio zum Pariser Abkommen
Weltpolitisch bedeutsam befasste sich erstmals die Rio-Erklärung der Vereinten Nationen (VN) 1992 mit Entwicklung und Umwelt. Nach den Millennium-Entwicklungszielen (2000) formulierten die VN 2015 mit den Sustainable Development Goals (SDGs) eine umfassende Transformationsagenda, die viele Entwicklungsländer zur Grundlage konkreter politischer Planung einschließlich eines Monitorings machten.
Mit dem Pariser Abkommen von 2015 wurden parallel die Klimaziele für Regierungen weltweit verbindlich, selbst Papst Franziskus mahnte im selben Jahr mit einer Enzyklika: nicht die Umwelt vermeintlich reparieren, sondern im Sinne von Ausgegrenzten gerechter machen. Auch wenn die CDU-geführte Bundesregierung zurecht stolz auf die Gipfelergebnisse von 2015 sein konnte, kürzte sie anschließend die Subventionen und gab – wohl ungewollt – die Marktführung bei Solarenergie an die Chinesen ab. Heute bestärkt die Energiepolitik der Union mit Katharina Reiche wieder Oligopole großer Gaskonzerne. Die gegenwärtige Weltlage zeigt: Ein Schritt in die falsche Richtung.
Denn die Ambition der Energiewende ist gewaltig. Bundesregierung und EU-Kommission fordern für ihre Klimaziele die Restrukturierung von umweltbezogenen Prozessen in 35 Millionen Unternehmen und Organisationen europaweit. Die langfristige Reduktion von schädlichen Emissionen bedeutet dabei nicht den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern und Umweltgiften selbst. Auch schwerwiegende fossile Nachteile wie epochale Kriegsfolgekosten, Kartellmacht, Lärmverschmutzung, Börsenspekulation, Endlichkeit, geografische Disposition, Gesundheitsfolgen und maritime Umweltrisiken werden durch den Nenner Klimaneutralität oftmals geschickt aus der Debatte genommen und vordergründig politisch bearbeitet.
Auch führt die Verengung des Blickwinkels auf klimaschädliche Gasemissionen zu der absurden Situation, dass sich global tätige Chemieriesen mit „Klimaneutralität und Net-Zero“ brüsten können, während sie über 300 verschiedene Chemikalien durch Rückstände im Abwasser in die umliegenden Ökosysteme einleiten. Selbst der weltweit größte Hersteller von Plastikdeckeln und Kunststoffverschlüssen (11 Milliarden Einheiten pro Jahr) sonnt sich im Lichte von Klimafreundlichkeit, da die Verpackungen zukünftig weniger Gewicht auf die Waage bringen, was CO2 einspare und gut für den Planeten sei – ein umweltpolitischer Wahninhalt. Gleichzeitig überlagert Klimagerechtigkeit als schöne Erzählung eine echte Auseinandersetzung mit den Folgen des 500 Jahre alten europäischen Kolonialsystems und den inhärenten Widersprüchen einer kapitalistischen Produktionsweise in allen Teilen der Erde.
Saubere Luft und gutes Karma
Was davon in Deutschland ankommt, ist ein schlechtgelaunter und widerspenstiger Alarmismus aus drohenden Naturkatastrophen, hohen Steuern und wirren Klimaklebern, die rechtschaffenen Bürger den Weg zur Arbeit blockieren. Während die Kalifornier mit Tesla in eine sonnige Zukunft aus Fortschritt und Freiheit kurven, bekam der Deutsche Michel Robert Habeck als Schreckfigur vorgesetzt, der ihm vermeintlich schon morgen persönlich die Gasheizung herausmontieren möchte.
Der Spin („Grüne wollen euch alles verbieten“) verfängt selbst in Teilen des Bürgertums. Eine große energiepolitische Erfolgsgeschichte im 21. Jahrhundert wird auf eine absurde Art und Weise provinzialisiert und verdreht. Ängste schüren hierbei immer diejenigen, die ihre fossilen Geschäftsmodelle in Gefahr sehen. Künftig wird es daher wichtig sein, die umweltpolitischen Zielsysteme offenzuhalten und statt deutschem Kleinmut eine Kultur der Zuversicht und des technologischen Fortschritts zu kultivieren. Dabei kommt es darauf an, die weltwirtschaftlichen Narrative nicht nur glaubwürdig, sondern in positiven und illustrativen Bildern einer schönen und wünschenswerten Zukunft zu erzählen. Denn Wälder, Sonne, Wind und Meere sind stärkste archetypische Symbole in vielen Kulturen und Religionen, und machen weltweit bald ein Drittel der gesamten Stromversorgung aus.
Neben herausragenden Beispielen wie Vietnam ist selbst ein Kleinstaat wie Bhutan mittlerweile Energieexporteur, die Kraftwerksbranche des Königreiches rasch am Expandieren. Bis vor wenigen Jahren eines der ärmsten Entwicklungsländer, gibt es für die fleißigen Buddhisten am Fuße des Himalayas in Zukunft außer gutem Karma und sauberer Luft auch sprudelnde Einnahmen für die königliche Staatskasse. Wie in Asien gilt in vielen Teilen der Welt: Die Erneuerbaren sind ein fulminanter politischer Erfolg und grundlegender Wandel der technologischen Moderne, der noch vor Kurzem undenkbar gewesen wäre.
Zu den Autoren:
Andreas Beckermann ist Regierungsdirektor a.D., ehemals im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Er spezialisierte sich auf die Themen Privatwirtschaftsförderung und Entwicklungsfinanzierung mit Schwerpunkt auf Infrastruktur und PPP, einschließlich der Erneuerbaren Energien. 15 Jahre leitete er die bilateralen Entwicklungsprogramme an den Botschaften in Marokko, Südafrika, Indonesien und Benin. Er ist Diplom-Volkswirt, Alumnus des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (heute IDOS) und verfügt über 35 Jahre praktische Erfahrung in der Wirtschaftspolitik. Er vertritt hier seine persönliche Meinung.
Sebastian Kirchner ist ein deutscher Volkswirt und langjähriges Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Er arbeitete mehrere Jahre im Bereich Global Health und in der Humanitären Logistik des THW. Als Entwicklungshelfer war er in Kambodscha und Jordanien tätig, hierüber war er Angestellter der Episkopalkirche zu Jerusalem. Er war Stipendiat des DAAD und verfolgte als Beobachter die Prozesse gegen die Roten Khmer in Phnom Penh.








































