Ideengeschichte

Die destruktive Hand des Adam Smith

Mit seinem Konzept der „unsichtbaren Hand“ hat Adam Smith verdeutlicht, wie das menschliche Schwarmverhalten die Wirtschaft antreibt. Allerdings sah er nur die positive Seite – denn selbst wenn wir als Einzelpersonen nach einem besseren Leben streben, können unsere kollektiven Handlungen eine vernichtende Wirkung haben. Ein Beitrag von Frances Coppola.

Menschen sind eine ausschwärmende Spezies. Und Schwärme können gutartig sein – aber auch destruktiv. Foto: Pixabay

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Die destruktive Hand des Adam Smith

Markus

Die Dynamik eines Menschenschwarms im Wirtschaftsleben wird tendenziell vom schlechtesten möglichen Verhalten bestimmt. Erlaubt man zum Beispiel Betrieben, sich Tarifverträgen zu entziehen oder Arbeit in Niedriglohnländer outzusourcen, dann wird es immer irgendwen geben, der genau das macht und damit alle anderen niederkonkurriert. Die anderen müssen dann nachziehen oder sie gehen unter. Darum sind anerkannte Standards, die nicht einfach ausgehöhlt werden können, so wichtig – und mangels anerkannter gesellschaftlicher Alternativen nehmen diese Standards heute oft die Form von Gesetzen an.

Wirklich problematisch ist, dass die unsichtbare Hand von Smith oft als Rechtfertigung herhalten muss, um Verschlechterungen solcher Standards durchzusetzen. Es wird dann argumentiert, dass das eigennützige Schwarmverhalten der Menschen schon dafür sorgen werde, dass alles besser wird. Das gilt aber nur bei konstanten Regeln und wenn man schon beim worst case war!

Zu bemerken ist an dieser Stelle auch, dass das Schwarmverhalten von Menschen kein rein kapitalistisches Phänomen ist. Dieses Schwarmverhalten gab es schon immer. Allein die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Statt Sklavenhaltern oder Feudalherren haben wir jetzt eben Großunternehmer, deren Eigeninteressen einen größeren Einfluss auf das Schwarmverhalten haben als die Eigeninteressen der Massen. Wie schon in früheren Klassengesellschaften sind sie nicht nur materiell besser ausgestattet, ihren Interessen zur Geltung zu verhelfen – ihre Interessen stehen auch oft genug den Interessen der restlichen Bevölkerung diametral entgegen.

Beides ließe sich abmildern, wenn wir endlich den Weg in eine Wirtschaftsdemokratie fänden: Unternehmen werden als Genossenschaften geführt, es gilt Demokratie auf Betriebsebene und Unternehmen sind auch in Streubesitz statt in der Hand der Wenigen. Sowohl das unternehmerische Risiko (und somit die Verantwortung) als auch wirtschaftliche Macht wären stärker gestreut und Klassengegensätze wären aufgehoben.

Darauf aufbauend müsste man neue überbetriebliche Koordinationsmechanismen finden, um gemeinsame Standards festzulegen, an die sich dann auch alle freiwillig halten, statt dass man immer Gesetze bemühen muss, die von manchen (meistens den größten Egoisten) als autoritärer Eingriff in die unternehmerische Freiheit verstanden werden. Diese Diskussion scheint zur Zeit in progressiven Kreisen (makroskop.eu [haben eine Artikelreihe zu Kapitalismus an der Sättigungsgrenze], Rosa Luxemburg Forum, Heinz Bontrup [hat das Thema neulich mal wieder aufgegriffen], CIC [eine jüngere Plattform mit großen Zielen in dieser Richtung], democracy at work [das gleiche],…) an Fahrt aufzunehmen. Selbst in klassischen Gewerkschaftskreisen wird an der Basis (!) zunehmend in diese Richtung gedacht. Es lohnt sich, das im Auge zu behalten und mitzureden!

 

Sophia

Es ist immer eine Sache der Perspektive. Jedoch ist nichts nur positiv oder negativ, deshalb hat der Menschenschwarm in seiner Geschichte sowohl destruktives Verhalten gezeigt als auch Einzigartiges geschaffen. Destruktion ist Teil der Natur, Teil der Erschaffung, Teil der Evolution. Deshalb ist die unsichtbare Hand, die einen Schwarm steuert, letztendlich an dessen Fortschritt zu beurteilen. Und als ein winziger Teil des Menschenschwarms bin ich dieser unsichtbaren Hand im Allgemeinen, trotz destruktiver Verhalten und Fehler, dankbar für die heutigen Lebensstandards und unser zunehmendes Bewusstsein.

Das Handeln im Eigeninteresse liegt in unserer Natur und es treibt Fortschritte voran. Vielleicht sah Adam Smith, dass diese unsichtbare Hand uns den Weg zur Weiterentwicklung freier macht. Dass dieser Weg über Zerstörung führt ist ein wichtiger Teil des ganzen Prozesses. Menschen lernen nun mal auch aus Fehlern.