Migrationsgipfel

Der Migrationsdruck aus Afrika wird weiter steigen

Die europäischen Regierungen haben erneut deutlich gemacht, dass sie die wachsende Migration aus Afrika mit aller Macht verhindern wollen – auch um den Preis der Aufgabe humanitärer Grundprinzipien. Ein Beitrag von Helmut Reisen und Robert Kappel.

Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos: Die meisten wanderungswilligen Afrikaner wollen inzwischen nach Westeuropa. Foto: Pixabay

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hatte in der letzten Woche die Präsidenten des Niger, des Tschad und den libyschen Regierungschef in den Élysée-Palast geladen, um nach Lösungen für die Flüchtlingskrise zu suchen. Mit dabei waren die Staatschefs Italiens und Spaniens sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Ergebnisse des Migrationsgipfels gehen zwar in die richtige Richtung, haben aber auch viele Schwachstellen. So ist es durchaus begrüßenswert, dass die besonders betroffenen afrikanischen Staaten von den Europäern etwas besser eingebunden werden. Auch die Gewährung von Asyl-Kontingenten für die Aufnahme in der Europäischen Union ist richtig und notwendig.

Problematisch ist hingegen die Auslagerung der europäischen Außengrenzen bis kurz vor die libysche Küste und nun gleich in die Sahelzone, die durch die vereinbarten Asylzentren de facto vollzogen wird – die Vorfeldkontrolle als populistisches Entsorgungsinstrument, egal wie menschenunwürdig die dortigen Auffanglager auch sein mögen. Dies als „Migrationspartnerschaft“ zu bezeichnen, ist schon sehr euphemistisch.

Die deutsche Bundesregierung hat ein erhöhtes Interesse an Afrika, weil sie befürchtet, dass die Immigration in der Öffentlichkeit unpopulär ist. So zeigen Umfragen zur Bundestagswahl 2017, dass es kein anderes Thema gibt, das die Deutschen derzeit so sehr umtreibt, wie die Zuwanderung und Integration von Ausländern: Deutlich mehr als die Hälfte der Befragten hält die Migration und die möglichen Komplikationen, die sich daraus ergeben, für das größte gesellschaftliche Problem, dem Deutschland gegenüberstehe.

Tatsächlich hatte die irreguläre Migration nach Deutschland und Europa – hauptsächlich über das Mittelmeer – bis 2015 stark zugenommen. Noch ist die Migration aus Afrika im Vergleich zur Gesamtbevölkerung und zur Flüchtlingswelle aus Vorderasien gering. Aber diese Zahl wird steigen und mit ihr auch der politische Druck auf die europäischen Regierungen.

Afrika und die „malthusianische Falle“

Die geschichtliche Erfahrung – früher in Europa, Ostasien und Nordamerika, aber zuletzt auch in China und Indien – hat ein demografisches Übergangsmuster gezeigt, das eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung verknüpft ist. In der vorindustriellen Phase bewirken hohe Geburtenraten und hohe Sterberaten ein schwaches Bevölkerungswachstum. Der demografische Übergang setzt im ersten Teil mit sinkender Sterberate bei hoher Geburtenrate ein, das Bevölkerungswachstum bleibt also hoch.

Im zweiten Teil des demografischen Übergangs führen dann sinkende Geburtenraten und sinkende Sterberaten zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums. In der (post-)industriellen Phase verursachen tiefe Geburtenraten und tiefe Sterberaten also ein schwaches oder sogar rückläufiges Bevölkerungswachstum.

Bis 2050 wird sich Afrikas Bevölkerung laut UN-Projektionen auf 2,5 Milliarden verdoppeln

In einer Weltregion lässt dieser demografische Übergang jedoch auf sich warten, obwohl sich das Pro-Kopf-Einkommen verbessert hat: in Afrika südlich der Sahara, beispielsweise in Afrikas bevölkerungsreichsten Staat Nigeria, das heute bereits knapp 200 Millionen Einwohner hat. Südlich der Sahara vollzieht sich der Rückgang der Geburtenrate quälend langsam: Die Ziffer fiel von 5,1 im Zeitraum 2000-05 auf nur 4,7 in der Periode 2010-2015. Bis 2050 wird sich Afrikas Bevölkerung laut UN-Projektionen auf 2,5 Milliarden verdoppeln.

Medizinische Fortschritte und der Ausbau der Gesundheitssysteme sorgen zwar für eine höhere Lebenserwartung, der Lebensstandard blieb aber nicht zuletzt wegen der damit verbundenen Bevölkerungsexplosion gering. Man muss befürchten, dass ohne Geburtenkontrolle und energische Bildungsmaßnahmen für die jungen Afrikanerinnen der Kontinent noch lange in der ersten Phase des demografischen Übergangs verbleibt. Die afrikanischen Gesellschaften sind in der sogenannten „malthusianischen Falle“ steckengeblieben.

Das Migrationspotenzial Afrikas, also die Gesamtzahl afrikanischer Abwanderungswilliger, dürfte aus demographischer Sicht steigen, solange die Bevölkerung stark wächst. Aus ökonomischer Sicht wird die Abwanderungsbereitschaft aufgrund fehlender Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen bei einer wachsenden Erwerbsbevölkerung hoch bleiben. Der IWF stuft 85% der afrikanischen Migranten als wirtschaftlich motiviert ein, und nur 15% als politische Flüchtlinge.

Politisch nährt sich Afrikas Migrationspotenzial durch Regierungsversagen, Instabilität, politische Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen. Die Anziehungskraft von politischer Stabilität, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Sozialpolitik in Europa erklärt einen Teil der Fluchtmigration nach Europa. Das Migrationspotenzial Afrikas dürfte schließlich auch aus ökologischer Sicht steigen, weil durch voranschreitenden Klimawandel und wachsenden Bevölkerungsdruck Wassermangel und die Degradation der Böden zunehmen werden. Ob das afrikanische Migrationspotenzial sich tatsächlich in Migration nach Europa manifestiert, richtet sich auch nach der Aufnahmekapazität innerafrikanischer Zielregionen (wie Nordafrika und dem südlichen Afrika).

In der Tat hat sich die afrikanische Wanderungsbereitschaft bislang hauptsächlich in Migrationsbewegungen innerhalb des Kontinents manifestiert. Auch ist nach IWF-Daten der Bestandsanteil von Migranten an der Gesamtbevölkerung in Afrika mit 2% relativ niedrig im Vergleich zu den anderen Entwicklungsländern (3%), weil sich die Ärmsten eine Auswanderung schlicht nicht leisten können.

Und es ist genau jene zukünftige Migrationsdynamik Afrikas, welche den Mächtigen vor allem in Europa Sorgen bereitet. Heute übersetzt sich eine Gesamtbevölkerung von knapp einer Milliarde Afrikanern in 20 Millionen Menschen, die ihre Heimatländer verlassen – im Jahr 2050 dürften es 50 Millionen sein, wenn der genannte Prozentanteil bei 2% bleibt und Afrikas Bevölkerung auf 2,5 Milliarden Menschen steigt. Wie viele davon werden Afrika verlassen?

Es ist zu vermuten, dass in den kommenden Jahrzehnten pro Jahr 20 Millionen Menschen aus Afrika auswandern werden

Der Anteil der afrikanischen Migranten, die ihren Kontinent tatsächlich verlassen, hat sich im letzten Vierteljahrhundert von einem Viertel auf ein Drittel erhöht. Ihre Anzahl schwoll von einer Million im Jahre 1990 bis heute auf sechs Millionen an. Das Bevölkerungswachstum und der steigende Anteil von Afrikaemigranten lassen vermuten, dass die Zahl der aus Afrika auswandernden Menschen in den kommenden Jahrzehnten auf 20 Millionen pro Jahr steigen wird. Die meisten wanderungswilligen Afrikaner wollen inzwischen nach Westeuropa.

Und wenn die Europäer keinen klaren Strategiewechsel vollziehen, wird sich daran auch künftig nichts ändern. Nötig wäre vielmehr eine klarere rechtliche Ordnung, die über kurzfristige Eindämmungsversuche hinausgeht. Dazu zählen etwa die Umsetzung eines europäischen Einwanderungsgesetzes oder eine deutliche Ausweitung der Finanzierung sowie Wirtschaftskooperationen, die die Perspektiven auf dem afrikanischen Kontinent verbessern. Auf dem Gipfel im Elysee-Palast haben die europäischen Regierungen erneut lediglich deutlich gemacht, dass sie die wachsende Migration aus Afrika mit aller Macht verhindern wollen, auch um den Preis der Aufgabe humanitärer Grundprinzipien.

 

Zu den Autoren:

Helmut Reisen war bis 2012 Forschungsdirektor am Development Centre der OECD in Paris. Seitdem betreibt er die unabhängige entwicklungspolitische Beratungsfirma ShiftingWealth Consulting.

Robert Kappel ist Senior Researcher und ehemaliger Präsident des German Institute of Global and Area Studies in Hamburg (GIGA). Seine Arbeitsschwerpunkte sind globale Machtverschiebungen, Wertschöpfungsketten, Klein- und Mittelunternehmen und afrikanische Wirtschaftsentwicklungen.

Beide Autoren betreiben gemeinsam mit Thomas Bonschab den Blog Weltneuvermessung.

Kommentare
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Der Migrationsdruck aus Afrika wird weiter steigen

pcn

Das Problem Nr.1 ist die wachsende Bevölkerung, für die keine oder nur unzureichende Erwerbsmöglichkeit gegenübersteht. Ein Problem, das eigentlich schon seit Bestehen der Entwicklungshilfe existiert. Nicht der Klimawandel ist das gravierende Problem; erster Linie die fehlende Familienplanung nach Einkommensmöglichkeit.

Es fehlen industrielle Kerne. Es fehlt insgesamt an Bildungsmöglichkeiten, um überhaupt erst eine Makroökonomie zu entwickeln, mit all den wirtschaftlichen Nebenzweigen der öffentlichen Daseinsvorsorge wie Energie als Voraussetzung für eine ökonomische Entwicklung, die Erschließung von Süßwasserquellen, eine nachhaltige Landwirtschaft und der daraus resultierende Natur- und Tierschutz. Wer einmal Afrikas Nationalparks war, der weiß, wie notwendig der Schutz der Tiere dort ist. Wilderei ist eine Folge fehlender Erwerbszweige.

Und: Notwendig ist ein faires Wirtschaftsabkommen für landwirtschaftliche Produkte, dass es Afrika ermöglicht zu exportieren.