Das Problem mit dem Brutto

Wir rechnen uns zu reich

Es gibt nicht nur ein Bruttoinlandsprodukt, sondern auch ein Nettoinlandsprodukt. Und diese scheinbar technische Unterscheidung hat erhebliche Konsequenzen für die wirtschaftspolitische Debatte. Ein Beitrag von Alfons Weichenrieder.

Das Nettoinlandsprodukt (NIP) ergibt sich aus dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), indem man die Abschreibungen auf den Kapitalstock abzieht. Diese Abschreibungen spiegeln den Wertverlust von Maschinen, Gebäuden, Infrastruktur oder immateriellen Investitionen wider. Sie sind notwendig, um den bestehenden Kapitalstock zu erhalten. Anders gesagt: Sie stehen nicht für Konsum, Löhne oder Gewinne zur Verfügung, ohne dass in die Substanz der Volkswirtschaft eingegriffen wird.

Damit ist das NIP ein besseres Maß für die Einkommen, die tatsächlich verteilt werden können. Nun könnte man argumentieren: Solange die Abschreibungen konstant einen festen Anteil am BIP ausmachen, ist es egal, ob man mit Brutto- oder Nettogrößen arbeitet – die Wachstumsraten wären identisch. Doch genau das ist nicht der Fall.

Die stille Verschiebung: Abschreibungen steigen

In Deutschland ist der Anteil der Abschreibungen am BIP über Jahrzehnte hinweg deutlich gestiegen. Lag er 1970 noch bei 11,2%, waren es 1991 bereits 15,6%. Für das Jahr 2025 liegt der Anteil bei rund 20,6%.

Das ist kein statistisches Detail, sondern Ausdruck struktureller Veränderungen: der wachsenden Bedeutung immaterieller Investitionen, der verkürzten Nutzungsdauer vieler Kapitalgüter sowie – phasenweise – unterschiedlicher Preisentwicklungen bei Investitionsgütern und dem übrigen BIP.

Das Ergebnis ist jedenfalls: Ein wachsender Teil dessen, was wir als „Wirtschaftsleistung“ messen, dient lediglich dazu, den bestehenden Kapitalstock zu erhalten.

Warum das wichtig ist: verzerrte Quoten

Diese Entwicklung hat unmittelbare Folgen für zentrale wirtschaftspolitische Kennzahlen. Viele prominente Quoten verwenden das BIP als Bezugsgröße – etwa die Staatsquote, die Schuldenquote oder die Sozialleistungsquote.

Ein Blick auf aktuelle Zahlen zeigt die Größenordnung: Für Deutschland lag die Staatsquote 2024 bei 49,4% des BIP. Bezieht man dieselben Staatsausgaben jedoch auf das NIP, ergibt sich eine Quote von 62,2%. Ähnlich stark fallen die Unterschiede bei der Schuldenquote aus: 59,3% des BIP entsprechen rund 74,7% des NIP.

Auch im Zeitverlauf ergeben sich deutliche Unterschiede. Zwischen 1991 und 2024 ist die Staatsquote auf Basis des BIP um 2,9 Prozentpunkte gestiegen, auf Basis des NIP hingegen um 7,1 Prozentpunkte. Bei der Schuldenquote beträgt der Anstieg 21,8 Prozentpunkte beim BIP gegenüber satten 30,3 Prozentpunkten, wenn man das NIP verwendet.

Mit anderen Worten: Der Staat erscheint kleiner und seine Expansion moderater, wenn man seine Ausgaben ins Verhältnis zu einer Größe, dem BIP, setzt, die die steigenden Abschreibungen enthält, auch wenn die gar nicht zum tatsächlich verfügbaren Einkommen zählen.

Auch das Wachstum wird überschätzt

Seit der deutschen Wiedervereinigung ist das nominale BIP im Durchschnitt schneller gewachsen als das nominale NIP. Die Differenz beträgt rund 0,2 Prozentpunkte pro Jahr. Kumuliert über mehr als drei Jahrzehnte ergibt sich daraus eine merkliche Lücke. So ist zwischen 1991 und 2024 das nominale BIP um 172% gestiegen, das NIP nur um 156%. Die Differenz von rund 16 Prozentpunkten ist vor dem Hintergrund eines realen BIP-Wachstums von 47,97% im gleichen Zeitraum beachtlich.

Der Grund für die Wachstumsdifferenz von NIP und BIP liegt ebenfalls in der steigenden Abschreibungsquote: Wenn ein wachsender Teil des BIP aus Abschreibungen besteht, wächst das Bruttoaggregat systematisch schneller als das Nettoaggregat. Ein Teil des gemessenen Wachstums spiegelt somit nicht zusätzliche verteilbare Einkommen wider, sondern höheren Kapitalverschleiß.

Rechnen wir uns zu reich?

Die verbreitete Fokussierung auf das BIP führt daher zu einer verzerrten Wahrnehmung der wirtschaftlichen Entwicklung. Wir messen unsere Leistungsfähigkeit an einer Größe, die zunehmend auch jene Komponenten enthält, die nicht konsumiert oder verteilt werden können. In diesem Sinne „rechnen wir uns zu reich“.

Das gilt nicht nur für Deutschland. Auch in vielen anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften ist der Anteil der Abschreibungen am BIP langfristig gestiegen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass das BIP als Maß in jeder Hinsicht ungeeignet ist. Es bleibt ein zentraler Indikator für die wirtschaftliche Aktivität und für Konjunkturfragen. Aber für viele Fragestellungen – insbesondere für Verteilungsfragen und für die Bewertung staatlicher Aktivitäten – ist das NIP die sachgerechtere Bezugsgröße. Wer die Größe des Staates, die Entwicklung der Sozialausgaben oder die Tragfähigkeit öffentlicher Schulden beurteilen will, sollte diese Größen ins Verhältnis zu den tatsächlich verfügbaren Einkommen setzen.

Die Konsequenz ist klar: Viele bekannte Kennzahlen fallen dann weniger günstig aus. Staatsquote und Schuldenquote liegen höher, und ihre Dynamik über die Zeit ist ausgeprägter. Eine wirtschaftspolitische Debatte, die Nettogrößen stärker berücksichtigt, beschreibt die ökonomische Realität präziser – auch wenn sie mit weniger beruhigenden Zahlen verbunden sein mag.

 

Zum Autor:

Alfons Weichenrieder ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Goethe-Universität Frankfurt, Gastprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien und stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium.