Erbschaften

Das letzte Trinkgeld

Wir behandeln die größte freiwillig beeinflussbare Vermögensbewegung des Landes immer noch wie ein Randthema des Fundraisings. Dabei ließe sich daraus eine gesellschaftlich lesbare Norm machen. Ein Beitrag von Stefan Mannes.

Bild: Pixabay

Im Sommer 2025 saß ich mit dem Geschäftsführer einer gemeinnützigen Organisation beim Mittagessen. Wir sprachen über Erbschaftsfundraising. Über Broschüren, Veranstaltungen, sensible Beratung, Testamentsratgeber. Also über all das, was man heute eben tut, wenn man Menschen dafür gewinnen will, über ihren Tod hinaus Gutes zu bewirken.

Dann kam die Rechnung. Da das Essen lecker und der Service aufmerksam war, gab ich 10% Trinkgeld ohne nachzudenken. Und in diesem Moment war er da, der Gedanke, der mich seitdem nicht mehr loslässt: Was wäre, wenn jeder von uns beim Vererben ähnlich denken würde? Eine Art Trinkgeld, ein Dank an ein gutes Leben und an die, die es möglich gemacht haben. 10% jeder Erbschaft für einen gemeinnützigen Zweck nach Wahl. Freiwillig. Nicht gesetzlich. Nicht moralistisch. Aber kulturell lesbar. Das wäre nicht einfach eine neue Fundraising-Idee. Es wäre ein anderer Mechanismus. Ein anderes Framing. Vielleicht sogar eine neue Infrastruktur des Gebens.

Denn in Deutschland werden Jahr für Jahr Vermögen in einer Größenordnung von rund 300 bis 400 Milliarden Euro übertragen. Gleichzeitig liegt das private Spendenvolumen um ein Vielfaches darunter. Schon dieser Vergleich zeigt die eigentliche strategische Blindstelle: Wir behandeln die größte freiwillig beeinflussbare Vermögensbewegung des Landes immer noch wie ein Randthema des Fundraisings.

Dieser Text ist ein Denkversuch darüber, wie aus einer heute randständigen Entscheidung eine gesellschaftlich lesbare Norm werden könnte.

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