Arbeitsmarkt

Das deutsche Jobwunder ist schlechter als sein Ruf

Keine Frage: In Deutschland sind in den letzten Jahren jede Menge neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt jedoch, dass deren Qualität alles andere als hoch ist – und die Folgen des deutschen „Jobwunders“ noch jede Menge sozial- und verteilungspolitische Brisanz bergen dürften. Eine Analyse von Stefan Sell.

Das deutsche „Jobwunder“ schreitet offenbar weiter voran: „Die gute Entwicklung am Arbeitsmarkt setzt sich fort“, diagnostizierte die Bundesagentur für Arbeit (BA) in der letzten Woche anlässlich der neuesten Arbeitsmarktzahlen. Demnach ist die Zahl der Arbeitslosen im April weiter gesunken, sie liegt jetzt offiziell bei 2,57 Millionen.

Unabhängig davon sollte man an die Zahlen zur Beschäftigungsentwicklung mit großer Demut, wenn nicht sogar mit größter Skepsis, herangehen. Zunächst wäre da ein Hinweis, den man immer bei der Berichterstattung über die Arbeitsmarktstatistik mitliefern muss: Die „offizielle“ Arbeitslosenzahl ist eine sehr unvollständige Kennziffer, da sie keine Menschen erfasst, die sich zum Zeitpunkt der Erhebung beispielsweise in Maßnahmen befunden haben oder krankgeschrieben waren. Die „wahre“ Zahl der Arbeitslosen lässt sich eher an der Zahl der sogenannten „Unterbeschäftigten“ ablesen, die derzeit bei 3,6 Millionen Menschen liegt, also um eine satte Million höher als die offizielle Arbeitslosenzahl.

Zudem ist auch die Bundesagentur für Arbeit vor Pannen nicht gefeit. So korrigierte die BA Anfang März ihre Zahlen zur sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung deutlich nach oben, weil es seit Anfang 2016 „Datenverarbeitungsfehler von Beschäftigungsmeldungen“ gegeben hätte – von einem Tag auf den anderen gab es plötzlich 400.000 Beschäftigte mehr.

In diesem Beitrag soll es aber um einen anderen Aspekt gehen: nämlich um die Qualität, die sich hinter den rein quantitativen Zahlen verbirgt.

Erwerbstätige und Arbeitsvolumen

Beginnen wir mit der Zahl der Erwerbstätigen. Diese wird medial in der Regel unkritisch und unreflektiert widergegeben. Eine gängige Formulierung lautet: „Im März sind 43,8 Millionen Menschen in Deutschland einer bezahlten Arbeit nachgegangen.“ Meldungen wie diese sind keinesfalls falsch – die Zahlen stimmen. Problematisch ist allerdings, wie diese Zahlen interpretiert werden könnten und oftmals leider auch werden.

Denn bei diesen Zahlen dürften viele Menschen an „normale Jobs“ denken, also an eine Vollzeitbeschäftigung als Arbeitnehmer in einem Unternehmen. Auch das ist durchaus korrekt – aber bei weitem nicht die ganze Wahrheit, sondern nur eine Teilmenge dessen, was unter dem Oberbegriff „Erwerbstätige“ gezählt wird. Hier die offizielle Erwerbstätigen-Definition des Statistischen Bundesamtes:

Erwerbstätige sind nach den Definitionen der internationalen Arbeitsorganisationen (ILO) Personen im Alter von 15 Jahren und mehr, die mindestens eine Stunde gegen Entgelt irgend­einer beruflichen Tätigkeit nach­gehen bzw. in einem Arbeitsverhältnis stehen (Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer) oder selbst­ständig ein Gewerbe, einen freien Beruf, ein Hand­werk oder eine Landwirtschaft betreiben oder als mit­hel­fende Familienangehörige im Betrieb eines Fa­mi­lien­mit­glie­des mitarbeiten, ohne dafür Lohn oder Gehalt zu beziehen.

Einbezogen sind ferner Soldatinnen und Soldaten und Personen in Freiwilligendiensten. Als Erwerbstätige gelten auch Per­so­nen, die vorübergehend nicht arbeiten, sofern sie formell mit ihrem Arbeitsplatz verbunden sind (z.B. Urlauber, Kranke, Strei­ken­de, Aus­ge­sperr­te, Mutter­schafts- und Elternurlauber, Schlecht­wet­ter­geld­emp­fän­ger usw.). Die Bedeutung des Ertrages der Tätigkeit für den Le­bens­un­ter­halt ist hierbei irrelevant.

Diese Definition verdeutlicht die enorme Spannweite der unter dem Erwerbstätigen-Begriff subsumierten Beschäftigungsformen. Der entscheidende Punkt: Die Zahl der Erwerbstätigen sagt nichts darüber aus, ob es sich auch um halbwegs „normale Jobs“ handelt. Dazu ein Beispiel: Eine vollzeitbeschäftigte Mitarbeiterin im Einzelhandel (bislang also = 1 Erwerbstätige) wird ersetzt durch zwei teilzeitbeschäftigte Verkäuferinnen (= 2 Erwerbstätige) oder gar durch vier geringfügig Beschäftigte (= 4 Erwerbstätige). Obwohl die Arbeitszeit (40 Stunden pro Woche) gleichgeblieben ist, gibt es statistisch nun zweimal bzw. viermal so viele Erwerbstätige wie vorher. Eine auf 450-Euro-Basis, also geringfügig Beschäftigte, geht in die Statistik der Erwerbstätigen mit dem gleichen Gewicht ein wie eine für 40 Wochenstunden tariflich vergütete Angestellte.

Wie wichtig diese Differenzierung ist, zeigt der Vergleich von Erwerbstätigen und tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden: Seit 2010 laufen die „Kopfzahl“-Entwicklung bei den Erwerbstätigen und die Entwicklung der geleisteten Arbeitsstunden, also das Arbeitsvolumen, auseinander. Die Zunahme der Zahl der Erwerbstätigen geht deutlich über die Expansion der geleisteten Arbeitsstunden hinaus. Es ist naheliegend, dass das nur dann passieren kann, wenn der Anteil der Beschäftigten steigt, die von der Arbeitszeit her gesehen weniger als die Beschäftigten früher arbeiten.

Datenquellen: Johann Fuchs et al. (2017): IAB-Prognose 2017. Der Arbeitsmarkt stellt neue Rekorde auf. IAB-Kurzbericht Nr. 09/2017, Nürnberg; Zahlen für 2017: Prognose des IAB; Arbeitsvolumen = in Mio. Arbeitsstunden; eigene Berechnungen.

Dass diese Vermutung durchaus ihre Berechtigung hat, zeigt die Aufarbeitung der Entwicklungsdynamik der einzelnen Komponenten der Erwerbstätigenzahlen, die man beispielsweise in der Arbeitsmarkt-Prognose 2017 des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) finden kann:

*) Ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigte, ausschließlich kurzfristig Beschäftigte und Beschäftigte in Arbeitsangelegenheiten, sog. „1-Euro-Jobs“, werden in der Erwerbstätigenrechnung der VGR unter den „marginal Beschäftigten“ zusammengefasst. Datenquellen: Johann Fuchs et al. (2017): IAB-Prognose 2017. Der Arbeitsmarkt stellt neue Rekorde auf. IAB-Kurzbericht Nr. 09/2017, Nürnberg; Zahlen für 2017: Prognose des IAB; eigene Berechnungen.

Demnach hat die Zahl der „marginal Beschäftigten“ und auch die der Selbständigen seit 2010 abgenommen. Die Zahl der in Vollzeit beschäftigten Arbeitnehmer hat – gemessen an der Entwicklung der Zahl der Erwerbstätigen insgesamt – nur unterdurchschnittlich zugelegt.

Vollzeit und Teilzeit

Dagegen ist die Zahl der in regulärer Teilzeit beschäftigten Arbeitnehmer nach oben geschossen und hat entsprechend einen überdurchschnittlichen Beitrag zur allgemeinen Entwicklung der Erwerbstätigenzahlen geleistet. Für 2017 gehen die Arbeitsmarktforscher des IAB von einer Teilzeitquote bei den beschäftigten Arbeitnehmern in Höhe von 39,4% aus.

Nun könnte man an dieser Stelle eine alte Statistikerweisheit zitieren: Auf das Basisjahr kommt es an. Die oben gezeigten Daten bezogen sich schließlich auf die Jahre ab 2010. Blicken wir also etwas weiter zurück, um zu prüfen, ob es in der langen Sicht vergleichbare Verschiebungen gegeben hat oder ob sich am aktuellen Rand etwas gegenüber dem verändert hat, was wir in der Vergangenheit feststellen konnten:

*) Erwerbstätige = Kernerwerbstätige: nur Erwerbstätige im Alter von 15 bis 64 Jahren, nicht in Bildung oder Ausbildung oder einem Wehr-/Zivil- sowie Freiwilligendienst. **) Solo-Selbstständige = Teilgruppe der ebenfalls ausgewiesenen Selbstständigen insgesamt. Der Wert für die geringfügig Beschäftigten (2015 = 357,6) wird hier nur nachrichtlich ausgewiesen, der Höhepunkt lag im Jahr 2007 mit 422,9. Datenquellen: Statistisches Bundesamt, Ergebnisse des Mikrozensus, eigene Berechnungen.

Auch hier sehen wir wieder die unterdurchschnittliche Entwicklung bei den „Normalarbeitnehmern“. Davon gibt es seit 1991 sogar weniger, eine Trendwende dieses Abbauprozesses ist erst ab 2007 und mit einer gewissen Dynamik vor allem seit 2011 zu erkennen – was sicher die insgesamt gute Arbeitsmarktentwicklung der vergangenen Jahre widerspiegelt (wahrscheinlich in Verbindung mit den Engpasserfahrungen eines Teils der Unternehmen, die vor allem auch demografisch bedingt sind). Am aktuellen Rand der Entwicklung steigen die Vollzeitstellen im sozialversicherungspflichtigen Bereich wieder hinsichtlich ihres Beitrags zur Zahl der zusätzlichen Erwerbstätigen an.

Die veränderte allgemeine Arbeitsmarktlage schlägt sich auch bei der Entwicklung der Selbständigen und darunter bei der Gruppe der Solo-Selbständigen nieder. Deren Zahl hat sich bis 2012 stark erhöht, seitdem geht sie wieder zurück, was auch den Rückgang bei den Selbständigen insgesamt erklären kann – sicher auch deshalb, weil bisherige Solo-Selbständige, die sich eher aus der Not heraus selbständig gemacht haben, nun wieder in abhängige Beschäftigungsverhältnisse wechseln.

Aber auch aktuell entfallen die meisten zusätzlichen Erwerbstätigen auf den Bereich der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitarbeit. Damit wird die langjährige Entwicklung fortgeschrieben, wie die folgende Abbildung zeigt:

Datenquelle: IAB (2017)

Das hat Auswirkungen, die sozialpolitisch bedeutsam sind, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Zum einen gibt es eine geschlechterpolitische Dimension, denn Teilzeit ist immer noch primär eine Sache der Frauen. Hinzu kommt, dass Teilzeitarbeit überdurchschnittlich stark in Branchen vertreten ist, in denen das Lohnniveau eher niedrig ist – und sogar innerhalb der einzelnen Branchen gibt es einen Lohnunterschied zwischen Arbeitnehmern in Teil- und Vollzeit.

Sozialpolitisch besonders brisant ist die Tatsache, dass wichtige Teile unseres sozialen Sicherungssystems, von der Arbeitslosenversicherung bis hin (vor allem) zur Rentenversicherung, auf dem Modell der möglichst ohne Unterbrechungen praktizierten Vollzeit-Erwerbsarbeit mit einer (mindestens) durchschnittlichen Vergütung basieren. Man denke hier nur an die Mechanik der Rentenformel: In der gesetzlichen Rentenversicherung hat man keine reale Chance, eigenständig ausreichende Sicherungsansprüche aufzubauen, wenn man „nur“ und das auch noch über längere Zeiträume in Teilzeit arbeitet. In Kombination mit den Merkmalen „Frauen“ und „Niedriglöhne“ ist das – wenn keine anderweitig abgeleiteten ausreichenden Sicherungsansprüche existieren oder diese wegbrechen – eine sichere Quelle für zukünftige Altersarmut.

Sozial- und verteilungspolitische Brisanz

Es lässt sich sicherlich lange und ausgiebig darüber diskutieren, wie sehr diese Zahlen das Image des deutschen Jobwunders schmälern – man denke nur an den Slogan „Sozial ist, was Arbeit schafft“. Diese Formulierung ist nicht grundfalsch, aber sie ist eben auch bei weitem nicht der Weisheit letzter Schluss und kann vor allem nicht das einzige Kriterium für die Bewertung der Arbeitsmarktentwicklung sein: Natürlich wurden in Deutschland in den letzten Jahren jede Menge Arbeitsplätze geschaffen, was definitiv besser als ein Verlust von Arbeitsplätzen ist.

Die Qualität der neuen Arbeitsplätze ist bei weitem nicht so hoch, als dass sich die Sozialpolitik zufrieden zurücklehnen könnte

Aber die Qualität dieser Arbeitsplätze ist bei weitem nicht so hoch, als dass sich die Sozialpolitik zufrieden zurücklehnen könnte – im Gegenteil: gerade die Entwicklung der Teilzeitarbeit zeigt, dass die Folgen des deutschen Jobwunders noch jede Menge sozial- und verteilungspolitische Brisanz hervorbringen können, die wir heute wohl noch gar nicht vollständig abschätzen können. Man sollte sich also mit Blick auf den Arbeitsmarkt nie mit der rein deskriptiven Vermeldung von Zahlenreihen zufriedengeben, deren interpretative Aussagekraft schlicht und ergreifend begrenzt ist. Das gilt in Wahlkampfzeiten mehr denn je.

 

Zum Autor:

Stefan Sell ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz und Direktor des Instituts für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM). Außerdem betreibt Sell die Portale Aktuelle Wirtschaftspresse und Aktuelle Sozialpolitik, wo dieser Beitrag zuerst in einer früheren Form erschienen ist.

Kommentare
Kommentare zu
Das deutsche Jobwunder ist schlechter als sein Ruf

Philippa Sigl-Gloeckner

Gibt es Datenerhebungen zu den Gründen der stark gestiegenen Teilzeitarbeit? Es wäre doch sehr interessant zu sehen, ob dies vor allem die Folge freiwillig gewählter Lebensmodelle, die Kinder und Beruf vereinen oder klassischer Unterbeschäftigung ist. Auch wenn beides problematisch mit Hinsicht auf Rentenansprüche ist, wären die Schlussfolgerungen für die Arbeitsmarktpolitik doch sehr verschieden.