Fremde Federn

Chinesische Moderne, Bienen-KI, Post-Corona-Wirtschaft

Diese Woche unter anderem in den Fremden Federn: Warum Superreiche Trump unterstützen, wieso (volkswirtschaftlich betrachtet) Präsenz-Weiterbildung für das Gros der Erwerbstätigen immer weniger Sinn macht und welche fünf Ökonominnen man unbedingt lesen sollte.

Foto: Jojo Bombardo via Flickr (CC BY-ND 2.0)

In den „Fremden Federn“ stellen wir einmal pro Woche in Kooperation mit dem Kuratorendienst piqd eine Auswahl von lesenswerten journalistischen Fundstücken mit wirtschaftspolitischem Bezug zusammen. piqd versteht sich als eine „Programmzeitung für guten Journalismus“ – was relevant ist, bestimmen keine reichweitenoptimierten Algorithmen, sondern ausschließlich ausgewählte Fachjournalisten, Wissenschaftler und andere Experten.

Fünf Ökonominnen, die man lesen sollte

piqer:
Antje Schrupp

Nicht nur die Welt der Konzerne und Börsen ist weiterhin so stark von Männern dominiert wie kaum ein anderer gesellschaftlicher Bereich. Auch Wirtschaftstheorie bleibt weithin eine Männerdomäne. Dabei könnte das Image der Zunft neue Perspektiven und einen Blick „von außen“ gut gebrauchen.

In diesem Artikel werden fünf Ökonominnen vorgestellt, die mit neuen und originellen Ansätzen von sich reden machen: Esther Duflo, Stephanie Kelton, Mariana Mazzucato, Carlota Perez and Kate Raworth. Bei aller Unterschiedlichkeit stellen sie grundsätzliche Fragen neu, wie zum Beispiel die nach der Definition von Wert, dem Sinn von Wachstum, dem Verhältnis von Politik und Wirtschaft.

In diesem Text werden ihre Überlegungen zwar nur kurz angerissen, aber er ist ein guter Ausgangspunkt für weitere Lektüre. Mit dem Weiterlesen kann dabei gleich hier auf piqd begonnen werden: Über Kate Raworth und ihr Modell der Donut-Ökonomie hatte ich schonmal einen Text empfohlen. Auch Esther Duflo, Stephanie Kelton und Marianna Mazzucato sind für aufmerksame Leser*innen dieses Kanals keine ganz Unbekannten.

Chinas Wandel, Chinas Moderne – und wir?

piqer:
Thomas Wahl

China ist das Land der wirtschaftlichen Superlative – bei Wachstum, Geschwindigkeit, Masse und Qualität. Was natürlich auch die Gesellschaft dramatisch schnell verändert:

Rechne damit, dass morgen alles anders sein wird: Das ist das Merkmal der Moderne und für die Schanghaier eine unabweisbare Lebensrealität.

Und man fragt sich: Werden unsere alternden, wohlhabenden und trägen westlichen Nationen in diesem Wandel mithalten – können und wollen? Hartmut Rosa schildert die Eindrücke seiner Reise durch China aus der Sicht eines Wissenschaftlers, der in seinen Arbeiten die Beschleunigungs- und Entfremdungseffekte der „Spätmoderne“ analysiert. Etwa in seinem Buch „Beschleunigung“. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ (Suhrkamp, 2005). Die Erkenntnis, die Welt verändert in immer kürzeren Abständen ihre Gestalt. Jede Generation schafft sich ihre Welt gleichsam neu:

Jede Generation kommt mit einem Innovationsauftrag ins Leben: Schaffe dir eine neue Heimat, übernimm nicht einfach das, was die Väter und Mütter dir vorgeben. Finde deinen eigenen Beruf, gründe deine eigene Familie, bau dir dein eigenes Haus. Indes, in fast allen Hinsichten entspricht die Veränderungsgeschwindigkeit Schanghais nicht mehr diesem Muster des generationalen Wandels, sondern hat längst ein intragenerationales Tempo erreicht: Keine Arbeitsstelle, kein Haus und kaum ein Familienarrangement hat mehr über ein ganzes Leben hinweg Bestand.

Man mag das hierzulande als Bedrohung empfinden, aber kann man einfach aus diesem Tempo aussteigen? Oder heißt es mitmachen, wie in China mit stoischem Gleichmut die Folgen ertragen oder eben dramatisch an Wohlstand verlieren? Reicht uns eine etwas wohldosiertere kreative Zerstörung a la Schumpeter? Ein paar chinesische Wirtschaftsdaten und -pläne zeigen, was eine solche Dynamik z.B.  für Europa bedeuten könnte:

  • Von 2011 bis 2013 verbaute China 6,6 Milliarden Tonnen Beton – mehr als die USA im gesamten 20. Jahrhundert.
  • China steuerte im vergangenen Jahrzehnt wirtschaftlich ein Drittel zum globalen Wachstum bei.
  • Nach Schätzungen ist der chinesische Internethandel heute größer als der von Frankreich, Deutschland, Japan, Großbritannien und den USA zusammen.
  • Bis 2020 soll jeder chinesische Bürger mit einer Punktezahl bewertet werden, die sich aus Arbeitsverhalten, Freizeitaktivität und finanziellen Transaktionen zusammensetzt.
  • Bis 2030 will China die elf Städte des Perlflussdeltas zu einer Megacity ausbauen, 80-Millionen Menschen sollen dort leben.

Auch wenn dies auf zentralstaatlichen Vorgaben beruht, man geht pragmatisch vor:

 So finden sich an den Universitäten des Landes Lehren des Konfuzius in der School of Marxism, welche keinerlei Problem damit zu haben scheint, unter einer riesigen Mao-Büste neueste westliche Betriebswirtschaft zu unterrichten.

Und man diskutiert auch die von Rosa entwickelte Theorie der Moderne, nach der sich unsere modernen Gesellschaften nur dynamisch stabilisieren können. Was ständiges Wachstum und Innovation erzwingt, um institutionelle Struktur und den sozialen Status quo erhalten zu können:

Ohne Wachstum und stetige Innovation verliert sie Arbeitsplätze, schließen Unternehmen, sinken die Staatseinnahmen, weshalb sich der Sozialstaat, das Gesundheits- und das Bildungswesen nicht mehr finanzieren lassen, und am Ende kommt es – in Europa wie in China – zum Legitimitätsverlust des politischen Systems. Die Konsequenz ist, dass wir alle, gleichgültig ob wir in Europa, China oder den USA leben, jedes Jahr ein wenig schneller laufen, ein wenig härter arbeiten müssen, nur um unseren Platz zu verteidigen, nur damit alles so bleiben kann, wie es ist. Die Spätmoderne mündet in einen rasenden Stillstand, der uns systematisch von der Welt entfremdet und eine wachsende Sehnsucht nach einer anderen Form des Lebens, …. erzeugt.

Wobei die (offizielle?) chinesische Seite die negativen Folgen verneint und den Drang zur Entschleunigung, zum Wohlstand durch Verteilungsgerechtigkeit, für eine westliche Idee hält. Für China sei die Beschleunigung und Zuordnung nach messbaren Leistungsparametern gut und zukunftsweisend. Was auch immer sich am Ende als richtig erweisen wird, für die westlichen Gesellschaften, für jeden von uns, ist dieser Wettstreit der Ideen, der Strategien, eine dramatische Herausforderung. Und wer sich zu früh zur Ruhe setzt, der wird wohl verlieren, mit und ohne „Resonanzkonzept“ …

Anwendung von Künstlicher Intelligenz in Arbeitsprozessen: Schädlich oder hilfreich?

piqer:
Ole Wintermann

Angesichts der scheinbar immer komplexer werdenden Welt und ihrer globalen Herausforderungen ist es unabdingbar, nach neuen Möglichkeiten der KI-gestützten Entscheidungsfindung und Kollaboration zu forschen. Dieser BBC-Beitrag beschäftigt sich mit Ansätzen und derzeit noch vorhandenen Grenzen der Anwendung von KI in kollaborativen Arbeitsprozessen.

Dabei orientieren sich viele Firmen, die eine solche KI entwickeln, an Vorbildern in der Natur – wie dem Zusammenwirken der Bienen in einem Bienenstock. Das Start-up Unanimous AI hat eine Anwendung entwickelt, die auf einem Bildschirm verschiedene Lösungsansätze für ein Problem zeigt. Die Teammitglieder, die zu einer Entscheidung bezüglich der “besten” Lösung kommen müssen, können nun von ihrem eigenen PC aus einen “Puck” in die Ecke versuchen zu ziehen, in der die von ihnen bevorzugte Lösung liegt. Durch die Interaktion, die Stärke des Engagements, die Eindeutigkeit der individuellen Zugbewegung und die Tendenz, sich entmutigen zu lassen, “errechnet” die KI am Ende die “beste” Lösung. Dieser Ansatz konnte – durch Studien belegt – in der Vergangenheit bereits die Prognosen von Börsenanalysten, die Vorhersehbarkeit des Erfolgs von TV-Serien und die Diagnosefähigkeit von Röntgen-Ärzten verbessern helfen.

Eine weitere genannte Studie hat sich mit dem konkreten Erfolg von Werkzeugen beschäftigt, die helfen sollen, die Potenziale von kollektiver Intelligenz zu heben. Dabei hat sich gezeigt, dass KI, die Teammitgliedern ein beständiges und sofortiges Feedback bezüglich ihrer Leistungen gibt oder aber dabei helfen soll, Aufgaben zu teilen und zu verteilen, zu Frustration und Planungs-Overload führt. Als eindeutig überlegen hat sich jedoch KI erwiesen, die Gruppen dazu bringt, über die jeweiligen individuellen Kompetenzen und Präferenzen zu reden. Nur diese Art von Werkzeugen stellt sicher, so die Forscher, dass jeweils die geeignetsten Menschen mit denen für das Team relevanten Aufgaben beschäftigt sind. Zudem hat sich gezeigt, dass KI in solchen sozialen Prozessen nur dann effektiv sein kann, wenn sie in ihrem Wirken nicht im Vordergrund steht und zugleich von allen Beteiligten als Unterstützung anerkannt ist. Wird die KI zu dominant, so versuchen Menschen sofort, sie wieder aus dem Prozess herauszudrängen.

Die Zukunft der KI in sozialen Dynamiken wird von Forschern vor allem dort gesehen, wo es darum geht, große Datenmengen effizienter zu nutzen, in komplexen sozialen Räumen zu Entscheidungen zu gelangen, implizite Verzerrungen zu vermeiden und eher ungewöhnliche Sichtweisen, die in sozialen Prozessen gern negiert werden, stärker hervorzuheben. Auch wird die Effektivität dieser KI in den Kontexten erhöht, in denen sie gemeinsam mit menschlicher Einschätzung zu besseren Ergebnissen führt. So nutzt das Start-up Factmata die Einschätzungen von 2.000 Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen, um in Moderationsprozessen Verzerrungen oder implizite Meinungsfilter zu erkennen. Die Entwicklung einer solchen KI hätte weitreichende Bedeutung für die Filterung von Inhalten auf sozialen Plattformen.

Bei der Lektüre dieser Potenziale habe ich mich am Ende gefragt: Würde nicht KI, die in Gruppen ungewöhnliche Meinungen und Lösungsansätze sichtbarer machen würde, mit KI in Konflikt geraten, die auf sozialen Plattformen vorgibt, welche Meinung “üblich” und welche “unüblich” sei? Mir scheint, dass bei der Entwicklung von KI für soziale Gruppenprozesse wesentliche Erkenntnis der Sozialwissenschaften und der Psychologie vollkommen außen vor gelassen werden. Statt über die Verzerrungen von KI in der Personalauswahl zu sprechen, sollten wir vielleicht eher über die stärkere Berücksichtigung der Methoden der empirischen Sozialforschung beim Entwickeln dieser KI reden?

Connecticut, die Elite und Trump

piqer:
Jannis Brühl

Greenwich in Connecticut ist die reichste Metropolregion der USA. Seit einem Jahrhundert siedeln sich hier die Mächtigen inklusive der CEOs von Banken und Konzernen an (und in den vergangenen Jahrzehnten vermehrt Hedgefondsmanager). Hier ist man unter sich, und nahm immer Einfluss auf die Politik. Die Bush-Dynastie hinterließ hier Spuren, ebenso wie die Chefs von General Electric. Dieser Longread aus dem New Yorker von Evan Osnos, der selbst in der Gegend aufgewachsen ist, ist eine politische Nahaufnahme einer verschlossenen Gegend, wo die Mauern wortwörtlich immer höher werden, um die Basketballhallen und Schwimmbäder der Superreichen vor neugierigen Blicken zu schützen, und wo die Riesen-Yachten nach Büchern von Ayn Rand benannt sind.

Der Text verfolgt die Abwendung reicher Konservativer von den moderaten Republikanern, nachdem die sich – mit den Demokraten und dem ganzen Land – seit 50 Jahren nach links bewegt haben. Und die Hinwendung dieser einflussreichen Konservativen zu Donald Trump. Die unterstützen ihn mit Millionen, übernehmen Jobs in seiner Regierung, und verstetigen seine Macht. Dafür bekommen sie Steuergeschenke.

Der Text zeichnet auch den Aufstieg des marktradikalen Denkens der Chicagoer Schule unter den Superreichen nach, und ihre Allianz mit den weißen Unterschichten, die republikanische Strategen in den 60ern begannen und die in Trumps Wahl kulminierte.

Das beinhaltet zum einen die Erkenntnis, dass die Angst vor „Sozialismus“ – also die Angst ums eigene Vermögen – jegliche Vorbehalte gegen Trumps Charakter oder den offenen Rassismus anderer Teile der Trump-Allianz aufwiegt. Dieses Denken ist in diesem Satz zusammengefasst:

Nothing matters more than cutting taxes and regulations and slowing immigration.

Zum anderen, dass Nähe zur Macht einfach persönliche Vorteile bringt, weshalb Anpassung auch in Greenwich durchaus geschätzt wird:

Others in town have abandoned their objections to Trump. Leora Levy, who called him vulgar in the local paper, took to applauding his “leadership” and quoting him on Twitter, where she adopted some of his rhetorical style. “america will never be a socialist country!!!” she posted. “we are born free and will stay free!!!” Last fall, Trump nominated her to be the American Ambassador to Chile.

Mit Blick auf die Fotos wutschnaubender Trump-Anhänger aus ärmeren Gegenden der USA lässt sich nämlich leicht vergessen, dass der durchschnittliche Trump-2016-Wähler deutlich mehr Geld verdiente als der von Hillary Clinton. Der Text erinnert den Leser daran, welche Kräfte Trumps Revolution maßgeblich antreiben.

Die Slowakei: Ein liebenswertes Land im Werden

piqer:
Ulrich Krökel

Die Slowakei ist etwa so groß bzw. klein wie Dänemark und hat auch etwa so viele Einwohner. Das Land steht aber in einem völlig anderen, sehr viel schlechteren Ruf. Skandinavische Staaten haben aus deutscher Sicht ja oft diesen Bullerbü-Touch. Es sind Wohlfahrtsstaaten mit Wohlfühleffekt. Im Osten Europas ist es dagegen meistens finster, kalt und gefährlich. Mafia, Oligarchie, Korruption. So wollen es die Klischees. Dabei liegt Bratislava, die Hauptstadt der kleinen Slowakei, nur 55 km Luftlinie von Wien entfernt. Mitten im Herzen Europas.

In jedem Fall lohnt ein genauerer Blick auf die Slowakei, wo an diesem Wochenende gewählt wird, denn tatsächlich gehören Korruption und Oligarchie zur Wirklichkeit des Landes. Aber es gibt eben auch berechtigte Hoffnungen, dass die jungen EU-Staaten im östlichen (Mittel-)Europa mit ihren liebenswerten Menschen irgendwann doch noch „die Kurve kriegen“. Dass dort momentan sehr viel im Werden ist, zeigt der Wahlkampftext von Caterina Lobenstein in der Zeit, der bei Zon nachzulesen ist. Die Autorin konzentriert sich dabei vor allem auf die junge Präsidentin Zuzana Čaputová:

Während [Ungarns Premier] Viktor Orbán die Brüsseler Bürokratie verhöhnt und Ressentiments gegen Juden und Flüchtlinge schürt, hat Čaputová den Schutz von Minderheiten und die enge Bindung an Brüssel ins Zentrum ihrer Politik gestellt. Sie will die Korruption bekämpfen, das größte Problem der Slowakei – aber auch die Diskriminierung der Roma, die im ländlichen Osten des Landes leben. Sie will die Gesundheitsversorgung für bedürftige Menschen ausweiten – aber auch das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. Sie will, dass die Bürger den Politikern in Bratislava wieder vertrauen können – aber auch den Bürokraten in Brüssel. Der Slogan, mit dem sie die Präsidentschaftswahl gewann, lautete: „Keinen Fußbreit den Bösen“.

Kann sie damit Erfolg haben? Bei der Parlamentswahl dürfte Čaputovs linksliberale Partei PS nur auf zehn Prozent der Stimmen kommen. Aber wichtiger scheint so etwas wie ein politischer Mentalität-Wandel in dem Land zu sein, in dem mit Vladimír Mečiar und Robert Fico lange Jahre machtversessene und demokratievergessene Männer das Sagen hatten. So ein Wandel braucht natürlich Zeit, wie Lobenstein am Beispiel einer jungen Frau zeigt:

Wegen Männern wie diesen überlegt die Unternehmensberaterin Julia Syrna, ihre Heimat zu verlassen. Und wegen Männern wie diesen weiß sie, dass sie eigentlich bleiben müsste. Syrna sagt, sie habe schon einmal im Ausland gelebt, in Österreich. Drei Jahre habe sie es ausgehalten, dann sei sie zurückgekehrt. Die Slowakei sei halt nicht nur ein korruptes Land. Die Slowakei ist ihr Zuhause.

Lobensteins Text gibt einen guten Einblick in die gesellschaftliche Gefühlslage der Slowakei und zeigt Hoffnungen und Gefahren auf.

Berufliche Weiterbildung bleibt für immer online

piqer:
Anja C. Wagner

„Jede Aus- und Weiterbildung, die online durchgeführt werden kann, wird von diesem Zeitpunkt an immer online erfolgen. Die Gründe dafür sind einfach: Die Unternehmen haben erkannt, dass sie es schneller, effektiver und kostengünstiger online machen können, während ihre Mitarbeiter es auch weitgehend bevorzugen.“
So die Prognose für die betrieblichen Weiterbildungen. Während Schulen und Hochschulen mittels Containern ihre Präsenz-Kapazitäten hochfahren und an einer „Normalisierung“ arbeiten, sehen Unternehmen die vielen Vorteile angesichts des immensen Zeit- und Kostenaufwandes, den Präsenz-Trainings mit sich bringen. Dies war zwar alles schon vor der Krise bekannt – aber mit dem Sprung ins kalte Wasser wurde es fast allen offensichtlich: Online lässt sich in mindestens genauso guter Qualität lernen, so man denn will. Die Zukunft der Arbeit trägt die Zukunft der Bildung in sich. Quod erat demonstrandum 🙂

Und während die Qualität der verschiedenen Online-Angebote breit gefächert ist, lernen kluge Einkäufer und Verbraucher von Online-Schulungen schnell die Guten von den Schlechten und Hässlichen zu unterscheiden. Vorbei sind die Klick-dich-durch-Folien-und-schalte-das-Audio-aus-Junk-Kurse für Compliance-Schulungen. Wir werden eine Explosion von Weltklasse-Online-Optionen in allen Branchen erleben.

Dieser Lernprozess war dringend erforderlich, weil Umfang und Geschwindigkeit des Transformationsprozesses einfach zu schnell sind für Präsenz-Schulungen.

Klar werden einige die persönlichen Begegnungen vor Ort vermissen, aber die Corona-Krise hat einfach gezeigt: Volkswirtschaftlich betrachtet macht für das Gros der Erwerbstätigen das Präsenz-Training immer weniger Sinn.

Aber ich bin mir auch sicher: Wir werden richtig innovative, multiple, gewinnbringende Formate finden, die Präsenz als Highlight aufwerten – als Leuchtstern in einem grundlegend online abgebildeten Lernprozess.

Fünf Prinzipien für eine Wirtschaft nach Corona

piqer:
Leonie Sontheimer

Wie sieht eine Wirtschaft aus, die das Wohl aller zum Ziel hat? Und wie können wir von unserer aktuellen Wirtschaftsweise in diese andere gelangen? Über diese Fragen tauschen sich dieser Tage Wissenschaftler*innen, Künstler*innen, Aktivist*innen und Organisationen der Degrowth-Bewegung aus. Auf der Konferenz “Degrowth Vienna 2020”, die nicht wie geplant in Wien stattfindet, sondern im Internet.

So gesehen als Auftakt zu dieser Konferenz hat eine Arbeitsgruppe mit dem Namen „Degrowth: New Roots“ Mitte Mai einen offenen Brief geschrieben, in dem sie nationale und internationale Institutionen sowie zivilgesellschaftliche und wirtschaftliche Akteur*innen auffordert, die folgenden fünf Prinzipien zu befolgen:

1) Das Leben in den Mittelpunkt unserer Wirtschaftssysteme stellen.

2) Radikal neu bewerten, wie viel und welche Arbeit für ein gutes Leben für alle notwendig ist.

3) Die Gesellschaft um die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen herum organisieren.

4) Die Gesellschaft demokratisieren.

5) Politische und wirtschaftliche Systeme auf dem Prinzip der Solidarität verankern.

(Die einzelnen Punkte werden noch etwas umschrieben, also klickt ruhig auf den Link und lest den ganzen Brief)

Der offene Brief hat über 1.000 Unterzeichner*innen und wurde u. a. in openDemocracy (GB), Mediapart (Frankreich), The Wire (Indien), HGV (Ungarn), ctxt (Spanien) und Pagina 12 (Argentinien) veröffentlicht. Die deutsche Fassung findet sich auf degrowth.info. In den großen deutschen Medien konnte ich bisher keine Berichterstattung darüber finden. Schade, mir hätte ein Interview mit einem*r Unterzeichner*in gefallen, das in die Tiefe geht und konkrete Lösungen diskutiert.

Milliardäre verbieten? Hasan Minhaj erklärt, warum Superreiche uns nicht retten werden

piqer:
Maximilian Rosch

Superreiche sind ein Problem für demokratische Gesellschaften. Mit ihren Vermögen sind sie in der Lage, Gesetze zu umgehen, nach ihren Wünschen zu verbiegen und zu nutzen. Einen Fall hatte ich hier vor einer Weile vorgestellt, darin ging es um die Insel Sark im Ärmelkanal, auf der sich zwei Milliardärsbrüder gegen den Willen der Inselbewohnerinnen ausbreiten und Missgunst säen. Wer sich wehrt wird verklagt, so einfach die Strategie der Milliardäre. Und davor schrecken eigentlich alle Gegnerinnen zurück, einfach, weil sie es sich nicht leisten können.

Hasan Minhaj geht in seiner Netflix-Show „Patriot Act“ auf den Philanthropismus von Superreichen ein und hinterfragt das Konzept der zur Schau gestellten Spendenwilligkeit. Was nobel anmutet, dient vielleicht in erster Linie dem Polieren des eigenen Images oder der Steuervermeidung. Minhaj stellt einige rechtliche Konstrukte vor, die letzteres nahelegen. Dabei blickt er auf US-amerikanische Reiche wie Robert F. Smith, die Sacklers, Mark Zuckerberg, Robert Mercer, Rupert Murdoch, die Koch Brothers oder Bill Gates. Sicherlich fände man auch in den meisten anderen Ländern passende Beispiele.

In Interview-Sequenzen mit dem Autor und Politik-Analyst Anand Giridharadas spricht Minhaj über konkrete Beispiele, die grundsätzlichen Probleme und mögliche Lösungen. Auch wenn Minhaj natürlich immer wieder stark überspitzt, bringt er das Thema letztlich auf den Punkt. Sein Lösungsvorschlag: Nicht Milliardäre verbieten, weil kaum möglich und es seiner Meinung nach wohl immer (Super-)Reiche geben wird, sondern „Tax that Ass“ wie Minhaj es mit Giridharadas nennt. Also Milliardärsvermögen wie das von bspw. Jeff Bezos mal richtig mit 8-10% besteuern. In Deutschland besteht da auch deutlicher Verbesserungsbedarf (Bspw.: „Wer viel erbt, zahlt kaum Steuern„, SZ).

Achja, witzig ist die Sendung auch. Sehr.

Ebenfalls eine feine Empfehlung aus der Community zu einer Folge von „Patriot Act“: Face/Off – Justin Trudeau zwischen Schein und Wirklichkeit.