Fremde Federn

Bürokratieabbau, Klima-Superminister, Wandel durch Handel

Diese Woche unter anderem in den Fremden Federn: Eine nüchterne Bilanz der Ära Merkel, wieso Unternehmen eine Richtlinie für das digitale Nomadentum brauchen und warum es für die Sozialdemokratie noch ein weiter Weg zurück zu alter Größe ist.

Foto: Jojo Bombardo via Flickr (CC BY-ND 2.0)

In den „Fremden Federn“ stellen wir einmal pro Woche in Kooperation mit dem Kuratorendienst piqd eine Auswahl von lesenswerten journalistischen Fundstücken mit wirtschaftspolitischem Bezug zusammen. piqd versteht sich als eine „Programmzeitung für guten Journalismus“ – was relevant ist, bestimmen keine reichweitenoptimierten Algorithmen, sondern ausschließlich ausgewählte Fachjournalisten, Wissenschaftler und andere Experten.

Die Forderung nach Bürokratieabbau als Digitalisierungskritik?

piqer:
Magdalena Taube

„Das gesellschaftliche Unbehagen an der Digitalisierung liest sich wie ein Re-Enactment der Bürokratiekritik des 19. Jahrhunderts. Dies ist keine beruhigende Nachricht, denn die historischen Parallelen von Bürokratie- und Digitalisierungskritik zeigen eine verzerrte Sichtweise, die das Digitale angstvoll romantisiert“, konstatiert Medien- und Filmwissenschaftler Florian Hoof in seinem Essay „Digitalisierung und Kritik“.

Ich hatte in meinem letzten piq den Zusammenhang von Digitalisierung, Automatisierung und Bürokratisierung angesprochen. In Florian Hoofs Text findet sich nun eine lesenswerte Vertiefung dieses Sachverhalts – auch, wenn die Frage nach dem inhärenten Rassismus von bürokratischen Apparaten weitgehend ausgespart bleibt.

Ansonsten möchte ich mich der Kritik meines (entfernten) Kollegen Felix Stalder, anschließen, der auf Twitter dazu meinte: „Sehr aufschlussreich, aber merkwürdig unentschieden ob das nun auf einen Bruch oder auf Kontinuität hindeutet. Sehr deutsch.“

All das sei vorweggeschickt, um Euch zu ermöglichen, den Text durch eine kritische Brille zu lesen.

Denn lesenswert ist er allemal!

Wie tickt der neue Klima-Superminister?

piqer:
Sven Prange

Ich fand das Format von Spiegel-Autor Markus Feldenkirchen und dem WDR schon in der Erstauflage interessant. Da begleitete Feldenkirchen den bald ehemaligen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet für ein Porträt und konfrontierte ihn später mit seinen Eindrücken. Im Reigen glatt geschliffener, inszenierter Politiker-Profile ermöglichte das den ein oder anderen unformatierten und damit ehrlichen Moment. Nun hat Feldenkirchen das zweite dieser Portraits vorgelegt. Mit Robert Habeck, vieler Meinung nach der zweitmächtigste Mann der gerade startenden Bundesregierung.

Feldenkirchen begleitet Habeck durch den Bundestagswahlkampf bis hin zur Präsentation der kommenden Ampel-Regierung. Er trifft Habeck in Flensburg, begleitet ihn zu Veranstaltungen, spricht mit Annalena Baerbock und weiteren Weggefährten. Direkt nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen etwa trifft er nicht auf einen euphorischen Sieger, sondern einen angehenden Vizekanzler, der über seine Zweifel und Ängste kurz vor seinem Schritt in die Regierung, zum Vizekanzler spricht:

„Manchmal fragt man sich ja, wie kannst du so doof sein, regieren zu wollen?“

Nun ist es nicht ausgeschlossen, dass auch dieses Format nicht ganz frei von Inszeniergehabe ist. Es erlaubt dennoch einen Blick in die Gedankenmuster der Spitzenpolitik, den andere Formate so nicht hinbekommen. Nur der Titel ist nicht ganz richtig: Konfrontiert wird Habeck allenfalls mit sich selbst, nicht unbedingt mit dem Autor.

Verschworenes Trio: Angela Merkel und ihre engsten Mitarbeiterinnen

piqer:
Meike Leopold

Wie war eigentlich das engste Team um die nunmehr gewesene Bundeskanzlerin Angela Merkel organisiert und wie hat es gearbeitet? Einen spannenden Artikel, den ich mir viel früher gewünscht hätte (aber, vielleicht gab es da auch schon mal was), brachte das Redaktionsnetzwerk Deutschland in den Tagen des Machtwechsels in Berlin.

Der Fokus des Beitrags liegt auf Eva Christiansen, ihrer langjährigen Beraterin für Medien und politische Planung, und weniger auf ihrer treuen Büroleiterin Beate Baumann, mit der Angela Merkel nun ihre Biographie schreiben will.  (Bei DEM Brainstorming wäre ich ja gerne mal „Mäuschen“. :))

Dass Eva Christiansen „51, groß, blond, blauäugig“ sei, ist natürlich mal wieder so eine typische Formulierung. Aber vielleicht ist sie hier sogar halbwegs berechtigt, weil die Frau für die Öffentlichkeit ähnlich wie Beate Baumann ansonsten eine Unbekannte geblieben ist. Genau so hat sich Merkel das sicher auch vorgestellt. Vor allem die CDU-Spendenaffäre und der damit verbundene Griff Merkels nach der Macht habe Merkel und Christiansen schon weit vor ihrer Kanzlerschaft „zusammen­geschmiedet“, so das RND.

Christiansen ist viele Jahre durch Merkels Schule gegangen und immer absolut loyal und verschwiegen geblieben. Ihren Job bei der frischgebackenen Kanzlerin hat sie in Teilzeit angetreten. Viel Aufhebens wurde darum nie gemacht, obwohl die Regelung zu jener Zeit und in diesen Sphären mit Sicherheit mehr also ungewöhnlich war.

Merkel, so das RND, bot ihren Mitarbeiterinnen

Loyalität und Authentizität, allerdings forderte sie auch beides von anderen. Und natürlich vollen Einsatz. Einmal, während einer Erkältungs­welle, rutschte ihr der putzige Satz raus, sie habe „volles Verständnis für jeden, der mal krank ist, die Hauptsache ist ja, man macht seine Arbeit“.

Christiansen und auch Baumann seien weniger Mitarbeiterinnen als Verbündete Merkels gewesen und mit ihr gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Wohl dem Chef oder der Chefin, die solche Leute um sich hat.

Eine nüchterne und realistische Bilanz der Ära Merkel

piqer:
Jürgen Klute

Angela Merkel wird anläßlich ihres Abschieds aus dem Kanzlerinnenamt bis hinein in die Linke mit Lob und Anerkennung für ihre politische Leistung überzogen. In einer Weise gebietet das der Respekt vor der Person und ebenso die Höflichkeit angesichts eines solchen Abschieds, meint Margarete Stokowski in ihrer aktuellen SPIEGEL-Kolumne.

Schiebt mensch allerdings diesen Abschiedsschleier zur Seite, wie Margarete Stokowski es dann im Weiteren ihrer Kolumne tut, zeigt sich ein ganz anderes Bild. Stokowski buchstabiert die verschiedensten Politikfelder durch: Ob es die Frauenfrage ist, ob es die Klimapolitik ist, ob es die soziale Frage ist, ob es die Migrationspolitik ist, etc. Nüchtern betrachtet reiht sich eine politische Leerstelle an die andere. Kaum ein Politikfeld listet die Kolumnistin auf, in dem Merkel nennenswerte und nachhaltige politische Erfolge erzielt hat. Außer einem: ihr eigener Machterhalt.

Die Ära Merkel, so legt es diese Kolumne nahe, lässt sich als eine Ära verpasster Chancen lesen. Stokowski stellt das aber nicht einfach als steile Meinung in den Raum, sondern sie unterfüttert ihre Einschätzung mit der Benennung der Merkelschen Defizite. Was sie zu der Frage bringt, weshalb sich in letzter Zeit aus der Linken so viele Stimmen gemeldet haben, die den Abschied Merkels mehr oder weniger bedauern.

Diese Kolumne ist aus meiner Sicht eine der wenigen nüchternen und realistischen Kommentare zur Langzeit-Kanzlerin Angela Merkel. Und deshalb empfehle ich ihn hier.

Warum Unternehmen eine Richtlinie für digitale Nomad*innen brauchen

piqer:
Anja C. Wagner

Es ist ruhig geworden um die digitalen Nomad*innen. Und doch sind es weltweit immer mehr geworden – gerade auch aufgrund der coronabedingten Veränderungen am Arbeitsmarkt.

Eine US-amerikanische Studie hat herausgearbeitet, dass alleine in den USA die Zahl der digitalen Nomaden von 7,3 Mio. in 2019 auf 10,9 Mio. in 2020 gestiegen ist. Das entspricht einem Wachstum von 49%.

Das ist nicht wirklich verwunderlich angesichts des Anstiegs der dezentralen Arbeit. Aufmerksamkeit erregt diese Studie, weil nunmehr mobile traditionelle Angestellte die Anzahl der Freelancer deutlich überrundet haben. Aktuell sind ca. zwei Drittel aller Nomad*innen angestellt unterwegs – manche im Inland, andere im Ausland. Nicht immer in Kenntnis ihrer Arbeitgeber*innen. Und spätestens hier können sich bislang unbekannte Problemfelder für die Unternehmen eröffnen.

Darüber berichtet der Artikel. Indem digitale Nomaden sich im Ausland längerfristig niederlassen, können durchaus lokale Regularien greifen, die niemand auf dem Schirm hatte. So könnten sich Unternehmen plötzlich genötigt sehen, in dem Land vor Ort Steuern zu zahlen, Compliance-Regeln zu beachten usw. usf. Hier gelte es, eine defensive und proaktive Unternehmenspolitik zu gestalten, so die Autor*innen.

Gleichzeitig steckt in dieser Klientel ein großes Talentepotenzial, mit dem wissensbasierte Unternehmen es sich nicht verscherzen sollten. Nomad*innen sind meist gut ausgebildet, digital versiert und durchaus für aktuell wichtige Jobs, die gut dezentral verarbeitet werden können, zu gebrauchen.

Und das Potenzial könnte „nach Corona“ noch deutlich wachsen. Bis zu 45 Millionen Amerikaner*innen antworteten mit „vielleicht“ auf die Frage, ob sie planen, in den nächsten 2 bis 3 Jahren zu digitalen Nomad*innen zu werden. Das ist eine stattliche Zahl, die eine Wunschvorstellung durchscheinen lässt, mit der Unternehmen kalkulieren sollten beim sogenannten „Fachkräftemangel“.

Dabei können kohärente, explizite Programme für digitale Nomaden helfen, diese gefragten Arbeitskräfte einzustellen und bestehende Mitarbeiter*innen, die reisen möchten, zu beschäftigen, zu belohnen und zu halten.

Die Programme können auch Richtlinien für die Einstellung von freiberuflichen Nomaden enthalten, die weniger wahrscheinlich rechtliche oder regulatorische Probleme verursachen, da sie keine traditionellen Angestellten sind.

Wie solche Programm für angestellte Nomad*innen ausschauen könnten?

Diese Richtlinien und Programme variieren je nach Branche und Unternehmen, aber der erste Schritt besteht darin, Ihre digitalen Nomaden zu identifizieren und zu wissen, wo sie sind und wohin sie reisen. Dann können Sie eine Vereinbarung aufsetzen, in der die Bedingungen für die Vereinbarung festgelegt werden. Darin sollte festgelegt werden, dass der Nomade ein Telearbeiter ist, dessen Arbeitsplatz sich an einem Ort befindet, an dem das Unternehmen derzeit tätig ist, und dies auch bleiben wird. Andere Bedingungen, wie die Begrenzung der Zeit, die der Nomade an einem Ort verbringen kann, und die Auflistung von „Flugverbotszonen“ – Orte, die aufgrund ihrer Compliance-Vorschriften und -Regelungen tabu sind – können das Risiko, dass der Nomade mit lokalen rechtlichen, steuerlichen oder Compliance-Problemen in Konflikt gerät, erheblich verringern.

Mit anderen Worten: Das „nomadige“ wird den Angestellten hier ein wenig genommen, aber ein Kompromiss und eine Öffnung für alternative Beschäftigungsverhältnisse birgt es allemal. Das dürfte für viele potenzielle Angestellte durchaus interessant sein.

Arabische Emirate führen 4,5-Tage-Woche ein

piqer:
Squirrel News

Wer hätte es gedacht: Ausgerechnet die Vereinigten Arabischen Emirate haben angekündigt, die Viereinhalb-Tage-Woche einzuführen.

Die neuen Arbeitszeiten werden ab Januar Pflicht für Regierungseinrichtungen und sollen die Balance zwischen Arbeits- und Privatleben sowie die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit des Landes verbessern.

Zur neuen Regelung gehört auch, dass das Wochenende wie in den Staaten des Westens auf Samstag und Sonntag verschoben wird.

Der Kapitalismus wird ja immer wieder gescholten und nicht selten auch verteufelt, aber er führt eben ganz offenbar auch zu Änderungen wie diesen.

Neue Schulbücher in Saudi-Arabien: Hass wird abgelöst durch Toleranz

Dazu kommt eine weitere Entwicklung aus Saudi-Arabien, die langfristig noch stärkere positive Auswirkungen haben könnte: Nach einem Bericht des Christian Science Monitor hat sich die Ausrichtung der Schulbücher dort geändert, so dass dort nicht mehr Hass auf andere Religionen verbreitet wird, sondern vielmehr Toleranz.

… perhaps no country has made such a swift change in its textbooks over the past few years than Saudi Arabia, the center of the Islamic world.
The shift by the Saudi Ministry of Education away from teaching hate and fear of others – especially Jews and Christians – has been so dramatic that a new study of the latest textbooks claims a change in Saudi attitudes “could produce a ripple effect in other Muslim majority countries.“

Auch dieser Bericht sieht nicht zuletzt wirtschaftliche Ursachen für den Wandel, zusammen mit dem Druck der jungen Generation, die dank des Internet wohl mehr über den Rest der Welt erfahren hat, als alle Generationen vor ihr.

But the real motive for change may be the need to allow a free flow of ideas among students and to encourage critical thinking in order to create an economy based on technological innovation, rather than oil exports. While Saudi Arabia is far from being a democracy, it feels pressure from young people to modernize. Nearly two-thirds of Saudis are under the age of 35.

„Wandel durch Handel“ – das funktioniert längst nicht immer, und vor allem nicht so schnell, wie es sich die meisten wünschen. Aber die beiden Beispiele zeigen doch, dass wirtschaftliche Zusammenarbeit und technologische Vernetzung mit der Zeit einiges bewirken.

Europas Sozialdemokraten, die Rückkehr – Wunsch vs. Möglichkeit

piqer:
Thomas Wahl

Die letzten 20 Jahre waren problematisch für Westeuropas Sozialdemokraten. Die fundierte Datenanalyse des Artikels zeigt: Wähler wanderten, in den Alterskohorten wechselten die Loyalitäten, die Parteien verloren überall an Einfluss.

In Frankreich und den Niederlanden sind sie sogar regelrecht implodiert. Doch dann kam der Herbst 2021. Die SPD gewann die Bundestagswahl in Deutschland, die Arbeiterpartei die Parlamentswahl in Norwegen, und der Partito Democratico schnitt bei der Kommunalwahl in Italien unerwartet gut ab. …. Und erstmals seit 2001 haben Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark allesamt wieder sozialdemokratische Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten.

Allerdings „gewann“ die SPD in Deutschland die Wahl nur mit dem drittschlechtesten Stimmanteil der Nachkriegszeit und die norwegische Arbeiterpartei sogar mit ihrem zweitschlechtesten Ergebnis seit 1924. Man kann also eine Wahl auch dadurch gewinnen, das man weniger Stimmen verliert als die politischen Gegner.

In Deutschland und Norwegen etwa profitierten die Sozialdemokraten von der Schwäche der Mitte-rechts-Parteien und wurden mit kleinen Zugewinnen oder sogar Verlusten stärkste Kraft.

Lässt sich das schon als ein Comeback der Sozialdemokratie interpretieren? Eher nicht. In den 1990er und 2000er Jahren hatten diese Parteien (als sie noch Volksparteien waren?) in vielen westeuropäischen Ländern Stimmenanteile in der Größenordnung von 40%. Um danach durchschnittlich 10 – 15% zu verlieren.

Wohin sind ihre Wählerinnen und Wähler gewandert? Viele Stimmen haben Sozialdemokraten an grüne und weiter links stehende Parteien verloren. Das linke Lager ist insgesamt etwa gleich stark geblieben, aber die internen Kräfteverhältnisse haben sich verschoben. Verluste gab es auch an Mitte-rechts-Parteien, aber es gingen kaum Stimmen an die extreme Rechte.

Kamen vor 30 Jahren die Stimmen noch zu zwei Dritteln aus der Arbeiterschicht und zu einem Drittel aus der Mittelschicht, ist es heute eher umgekehrt. Es scheint aber, als ob die absolute Höhe der Stimmenanteile unwichtiger geworden ist, solange es dazu reicht, im linken Lager vorn zu liegen:

Gelingt es sozialdemokratischen Parteien, das eigene Lager zu dominieren, können sie wie in Norwegen oder Deutschland auch mit relativ schwachen Ergebnissen regieren – vorausgesetzt, die anderen Parteien schneiden noch schlechter ab.

Nur sollte man daraus nicht wie Saskia Esken auf dem jüngsten Parteitag der SPD selbstzufrieden schließen: „Die Zwanzigerjahre werden ein Jahrzehnt der Sozialdemokratie sein.“

Die Autoren analysieren daher die Herausforderungen für die Sozialdemokratien der Zukunft kritisch. Es zeigt sich, der aktuelle relative Wahlerfolg, nicht nur der deutschen SPD, beruht auf den Stimmen älterer Wählerschichten. Jüngere Linke wählen vermehrt grüne Parteien.

Das wird zum Problem, wenn sich die junge Generation mit einer Partei identifiziert und ihr dann treu bleibt. Indizien aus der Forschung deuten genau darauf hin.

Ein weiteres heikles und umstrittenes Thema bleibt die Migrationspolitik, die nach Corona sicher wieder auf der Tagesordnung stehen wird. Hier sind die europäischen sozialdemokratischen Parteien gespalten.

Die Positionen der Parteien haben sich seit Beginn der Flüchtlingskrise in gegensätzliche Richtungen entwickelt. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei in Schweden etwa vertritt heute eine deutlich restriktivere Haltung als noch 2014, in Frankreich, Grossbritannien und Irland sind die Sozialdemokraten dagegen klar liberaler geworden.

Wie könnte ein erfolgreiches Profil der zukünftigen Sozialdemokratie aussehen? Der Artikel beruft sich dabei auf verschiedene Untersuchungen und auf die Politikwissenschaftlerin Silja Häusermann von der Universität Zürich:

Wenig erfolgversprechend ist laut Untersuchungen denn auch ein links-nationales Programm mit expansiver Sozialpolitik und gesellschaftspolitisch konservativen Positionen. Mehr Erfolg verspricht ein zentristischer Wahlkampf, wie ihn die SPD unter Scholz geführt hat. Dieser hat den Vorteil, dass die Sozialdemokraten nicht einfach Stimmen von verbündeten grünen und anderen linken Parteien übernehmen, sondern in einer Vermittlerposition in der Mitte eher Mehrheiten schaffen können.

Das klingt erst mal nachvollziehbar. Ob es dann aber in der Tat wirklich die zwei von Häusermann genannten programmatischen Linien sind, die potenzielle sozialdemokratische Wählerinnen und Wähler überzeugen, wage ich zu bezweifeln. Sie nennt:

ein neu-linkes, das sowohl gesellschaftspolitisch als auch sozialpolitisch progressiv ist und den Fokus auf Themen wie Gleichstellung, Kinderbetreuung oder Europa legt, und ein alt-linkes, das auf sozialstaatlichen Leistungen und staatlicher Umverteilung beruht. Ersteres kommt bei jüngeren, Letzteres bei älteren Wählern gut an.

Genau das erzählt und verspricht ja unter dem Stichwort soziale Gerechtigkeit die SPD ihren Wählern seit Jahrzehnten. Die Erfolge kennen wir …

Hybrides Arbeiten wird sich in 2022 verstetigen

piqer:
Ole Wintermann

Auf wired.com findet sich aktuell ein schöner Beitrag zur nahen Zukunft der Arbeit, der viele verweisende Links zum Thema enthält. Im Fokus steht die Frage nach der Art des Arbeitens im Jahre 2022; welche naheliegenden Veränderungen, die aber wohl eine längerfristige Wirkung haben werden, deuten sich an?

Im Kern wird es 2022 um die Verstetigung der stärkeren Selbstbestimmtheit der Beschäftigten gehen. Bisher gelten virtuelles und mobiles Arbeiten noch als Übergangsphänome und -lösungen in Zeiten der Pandemie. Die befragten Expertinnen gehen aber davon aus, dass sich hybrides Arbeiten verstetigen wird.

„For most knowledge-worker companies, hybrid work will become the central model, predicts James Berry, director of the MBA program at University College London.“

Unternehmen werden darauf achten müssen – auch aus Gründen des Fachkräftemangels – sowohl bereits angestellten wie auch neu anzustellenden Beschäftigten die Infrastruktur und Freiheit zur Verfügung zu stellen, mit denen diese eine maximale Produktivität erreichen können. Büros werden vor diesem Hintergrund zu einem von mehreren Orten des Arbeitens, der beispielsweise dem gezielten Aufbau sozialer Arbeitsbeziehungen dient, während Wissensarbeit dann selbstbestimmt an anderen Orten stattfinden kann.

HR-Abteilungen und Führungskräfte haben sich dahingehend fortzubilden, dass sie lernen, mit der Heterogenität der Orten und der Arbeitsweisen umzugehen, um in der Karriereentwicklung ihrer Angestellten nicht dem Analog-Bias zu unterliegen und damit nur Angestellte zu fördern, die sich mit ihnen vor Ort im Büro befinden.

Auf der Ebene der digitalen Werkzeuge werden zunehmend Beschäftigte von Unternehmen gesucht werden, die die Gestaltung einer virtuellen effizienten Zusammenarbeit – sei es via Video oder Dokumenten – als Skill vorweisen können.

Unternehmen, die die Änderungen beherzigen, werden einen klaren Wettbewerbsvorteil beim Kampf um Talente und Märkte vorweisen können:

„Remote working will no longer be seen just as a temporary solution to pandemic lockdowns or as an employee benefit but as a hedge against future crises.“

Am ferneren Arbeitshorizont erscheinen derweil Werkzeuge wie AR und VR, die 3-D-Zusammenarbeit möglich werden lassen. Dies wird aber im Jahre 2022 noch kein relevantes Thema für die Unternehmen werden. Mit der Zubilligung des Aufenthaltsbestimmungsrechts an die Beschäftigten dürften die Unternehmen kulturell sowieso schon genug zu kämpfen haben.

Von der Kuriosität zur Wirklichkeit: VW kauft deutsches Lithium

piqer:
Dominik Lenné

 

Die Dekarbonisierung des massenhaften Individualverkehrs in den industriellen Metropolen benötigt auch ebenso massenhaft globale Ressourcen. Die Rollenfestlegung des globalen Südens als Rohstoffliefergebiet ist zweischneidig: einerseits ermöglicht der damit verbundene Geldstrom Entwicklung, andererseits droht er – in einigen Gebieten – Naturressourcen zu ruinieren und findet teilweise unter neokolonialistischen Terms of Trade statt, die einem die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen sollten (dies ist auch auf Piqd.de bereits thematisiert worden, etwa hier und hier).

Nun ging vor einiger Zeit eine skurril erscheinende Meldung durch die Medien (als Beispiel hier in der Deutschen Welle von Juli 2020): die Tiefengewässer des Oberrheingrabens, also quasi unter unseren Füßen, enthalten eine so hohe Konzentration an Lithium, dass dieses in großen Mengen wirtschaftlich und emissionsarm gewonnen werden könne. Zum Einsatz kommt dabei ein vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entwickeltes, auf der Umkehrosmose per Membran basierendes Verfahren. Dieser Ansatz hat den weiteren Vorteil, dass die Infrastruktur der existierenden geothermischen Kraftwerke im Oberrheingraben für die Lithumgewinnung genutzt werden kann.

VW – wie vorher schon Renault und Stellantis – hat nun mit der Deutsch-Australischen Vulcan Energie einen verbindlichen Liefervertrag über Lithium über 36 – 42 Tausend Tonnen (Quelle) geschlossen. Um das ins Verhältnis zu setzen: Ein E-Auto enthält 10 – 15 kg Lithium (Quelle). Also reicht diese Lieferung für ungefähr 3,5 Mio. Autos. Das ist etwas mehr, als in einem Jahr in Deutschland zugelassen werden, also nur ein Bruchteil – wenn auch ein bedeutender – der benötigten Menge. Die Konflikte um unseren Ressourcenhunger sind gemildert – nicht gelöst.