Brasiliens geldpolitisches Paradox

Wenn hohe Zinsen mehr Kredit erzeugen

Brasiliens Zentralbank hat die Inflation in den Zielkorridor zurückgeführt. Doch bei einem Leitzins von 14% steigen Zahlungsausfälle und Schuldendienst auf Rekordwerte. Der Fall ist auch für die europäische und insbesondere die deutsche Debatte hoch relevant.

Brasilien bietet derzeit ein Lehrstück darüber, wie eine grundsätzlich notwendige Inflationsbekämpfung in eine monetäre Übersteuerung kippen kann. Anfang August senkte der geldpolitische Ausschuss der brasilianischen Zentralbank den Leitzins Selic auf 14%. Die Verbraucherpreisinflation lag im Juli bei 4,44% und damit wieder knapp innerhalb des offiziellen Zielkorridors von 1,5 bis 4,5%. Selbst nach einer exakten Bereinigung um die Inflation verbleibt damit ein kurzfristiger Realzins von rund 9%. Für eine große, diversifizierte Volkswirtschaft ist das keine gewöhnliche restriktive Geldpolitik. Es ist ein monetärer Stresstest für nahezu jede Bilanz außerhalb des Finanzsektors.

Die traditionelle Rechtfertigung lautet, dass die Nachfrage trotz hoher Zinsen widerstandsfähig geblieben sei. Als Beleg wird häufig angeführt, dass der Kreditbestand weiterhin wächst. Genau hier liegt jedoch ein analytischer Fehler. Ein steigender nominaler Kreditbestand ist nicht zwangsläufig Ausdruck neuer Investitionen, höheren Konsums oder wirtschaftlichen Optimismus. In einer hoch verschuldeten Wirtschaft kann er das Gegenteil bedeuten: Haushalte und Unternehmen nehmen neue Kredite auf, um alte Kredite zu bedienen, Laufzeiten zu verlängern, Lieferanten zu bezahlen oder schlicht zahlungsfähig zu bleiben. Das Kreditvolumen wächst, während seine ökonomische Qualität sinkt.

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