Seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran hat sich der Ölpreis für die Sorte Brent, in Euro gerechnet, zwischenzeitlich fast verdoppelt. Seit dem Höhepunkt von etwa 97 Euro ist er auf rund 77 Euro je Barrel (20. April) gefallen. Infolge der Blockade der Straße von Hormus, durch die 20% der weltweiten Öllieferungen und 25% der Flüssiggaslieferungen müssen, gibt es eine dramatische Verknappung des globalen Öl- und Gasangebots. Das ist historisch einzigartig: In den ersten großen Ölkrisen 1973 und 1979 wurde zwar Verknappung angedroht, konnte aber nicht wirklich nachgewiesen werden.
Die Besonderheiten des deutschen Marktes
Schauen wir uns zunächst die wichtigsten Fakten für Deutschland an. Die Rohölpreisentwicklung wird meistens mittels der Preise auf dem Spotmarkt berichtet, also dem Markt zum jeweiligen Zeitpunkt. Gehandelt wird aber überwiegend auf dem Terminmarkt, also mit Kontrakten über einen oder mehrere Monate im Voraus. Es handelt sich dann also um erwartete Preise.
In Krisenphasen liegen die Preise auf dem Terminmarkt meist niedriger als die Spotmarkt-Preise. Das Rohöl wird von den großen – vorwiegend westlichen – Mineralölkonzernen gekauft und weiter an die Raffinerien verkauft, die häufig Töchter der Mineralkonzerne sind. Die zwölf Raffinerien in Deutschland verkaufen Benzin und Diesel an die gut 14.000 Tankstellen. Sieben Raffinerien gehören große Teile der Tankstellen, so etwa Aral (BP) mit einer Raffinerie in Gelsenkirchen oder Shell, dem weltweit fünftgrößten Mineralölkonzern, der an zwei Raffinerien beteiligt ist. 2.600 Tankstellen in Deutschland sind sogenannte freie Tankstellen.
Bevor das Benzin im Tank ist, haben wir es mit drei bis vier verbundenen Märkten zu tun: Einkauf von Rohöl durch die Mineralölkonzerne, Weiterverkauf an die Raffinerien, dann Verkauf an die Tankstellen, und schließlich Verkauf der Tankstellen an die Endkunden. Dabei haben die einzelnen Tankstellen nur sehr wenig Einfluss, eher noch die freien Tankstellen. Wie der folgende Chart zeigt, folgen die Benzin- und Dieselpreise in Deutschland weitgehend den Rohölpreisen am Weltmarkt.

Rechnet man Rohöl Brent je Liter in Euro, dann waren es vor der Krise im tiefsten Punkt 29,6 Cent im Dezember, in der Spitze im März 63,5 Cent, also ein Anstieg von 33,9 Cent. Der Benzinpreis (Super E10) stieg von 1,65 Euro Mitte Dezember 2025 auf 2,19 Euro am 5. April 2026, also um 54 Cent bzw. ein Drittel.
Der nächste Chart zeigt die Zusammensetzung des Benzinpreises. Der Preisanstieg bei Rohöl (Brent) von 34 Cent je Liter hat „Kosten und Gewinn“ um nahezu den gleichen Betrag bis zum Peak 2026 erhöht (unterster Balken). Das hieße: Es gab keine Übergewinne. Der Rest sind Steuern. Die internen Kosten der Raffinerien und Tankstellen sind ja vermutlich nicht gestiegen. Natürlich gilt diese Rechnung nur für Raffinerien, die die erhöhten Rohölkosten tatsächlich zahlen mussten.

Die Benzinpreise folgen meist dem rocket and feathers-Syndrom: Sie schießen schnell nach oben und sinken nur langsam. Man sieht den etwas langsameren Rückgang der Benzinpreise nach dem Peak im März. Das spricht für vermachtete Benzinmärkte. Das sagt auch die Monopolkommission, die die Gefahr eines Missbrauchs von Marktmacht sieht. Die besondere deutsche Variante kommt dadurch zustande, dass die Mehrzahl der Raffinerien großen globalen Ölkonzernen gehören, die zugleich einen großen Teil der Tankstellen besitzen.
Im letzten Jahr kamen 93,1% der Rohölimporte Deutschlands aber gar nicht aus dem Nahen Osten. Heißt: Hier herrscht keine Ölknappheit, aber die globale Preisbildung auf dem Weltmarkt für Rohöl suggeriert, es gäbe überall Ölmangel. Vielmehr macht die Globalisierung des Rohölmarktes alle Rohölverkäufer zu Trittbrettfahrern mit dem Nahen Osten. Genau das führt zu enormen Übergewinnen. Deshalb hat sich Trump auch – trotz der Drohungen gegen Iran – über die hohen Extragewinne seiner fossilen Klientel in den USA sehr gefreut.

Die Reaktion der Bundesregierung
Die Bundesregierung hat mit vier Maßnahmen auf die Krise reagiert:
Tankrabatt: Die Maßnahme von 2022 wird wiederaufgelegt. Sie sieht eine Senkung der Energiesteuer (= Mineralölsteuer) um 17 Cent für zwei Monate vor. Das sind 26% der bisherigen Steuer von 65 Cent. Bezogen auf einen Benzinpreis E10 von 2,08 Euro pro Liter entspricht das einer Senkung um 8,4%, bei Diesel etwas weniger. Die erwarteten Einnahmeausfälle für den Staat betragen 1,6 Milliarden Euro. Bei 50 Millionen Pkw und 3,7 Millionen Lkw in Deutschland wären das pro Fahrzeug durchschnittlich 30 Euro Entlastung über beide Monate.
12-Uhr-Regel: Die Tankstellen dürfen ihre Preise nur einmal am Tag um 12 Uhr erhöhen. Früher waren es bis zu 22 Mal, wodurch große Intransparenz entstand.
Optionale steuerfreie Entlastungsprämie für Arbeitnehmer: Wenn die Arbeitgeber dies wollen, können sie ihren Angestellten einmalig 1.000 Euro steuerfrei auszahlen. Die Gegenfinanzierung erfolgt durch eine Anhebung der Tabaksteuer.
Kartellrecht: Es soll einen Begründungszwang für Kraftstoffanbieter (Tankstellen, Raffinerien) geben, wenn der Verdacht auf „überhöhte Preise“ besteht. Zudem wird dem Kartellamt eine erleichterte Feststellung ermöglicht, wenn sinkende Großhandelspreise nicht oder nur langsam an Verbraucher weitergegeben werden.
Bemerkenswerterweise nicht im Paket enthalten ist eine Übergewinnsteuer nach dem Muster von 2022. Diese lag damals bei 33% auf den Extra-Gewinn, sofern dieser über einer tolerierten Marge von +20% lag. Die Steuer kam damals zu spät und wurde sehr restriktiv bemessen, so dass sie keinen großen Ertrag brachte. Viele europäische Länder nutzen jedoch auf unterschiedliche Weise diese Steuer als Instrument.
Energieinflation droht
Das Paket ist weder sozial ausgewogen, also auf bedürftige Gruppen fokussiert, noch auf grüne Transformation. Die erste Maßnahme ist mehr symbolisch, im schlimmsten Fall nutzt sie den Öl- und Benzinkonzernen, indem deren Übergewinne durch Steuergeld gestützt werden. Die zweite Maßnahme ist zwar richtig, aber wenig wirksam, die dritte schiebt die Verantwortung auf die Unternehmen. Die vierte bringt immerhin etwas mehr Transparenz und entspricht den Ideen der Monopolkommission, wird aber vermutlich ein Papiertiger.
Eine echte und wirksame Übergewinnsteuer ist ein komplexes Thema und sicherlich kein Königsweg. Am besten wäre eine temporäre Gewinnmarge als Obergrenze, definiert in Euro je Liter, möglichst rückwirkend mit Beginn der Übergewinne, soweit diese nachweisbar sind. Die Lieferanten für die Raffinerien müssten geprüft werden, also die ganze Lieferkette. Der „windfall profit“ kommt in erster Linie den Ölkonzernen in jenen Ländern zu, aus denen wir importieren, die jedoch teilweise mit den Energiemultis, die in Deutschland Raffinerien betreiben, über Lieferketten verbandelt sind.
Zudem vernachlässigt das Benzinpaket der Bundesregierung die wahrscheinlichen oder eventuellen Folgeprobleme, je nachdem wie lange es dauert, bis die globale Ölknappheit beseitigt ist. Heizöl, Erdgas und Industriegas werden auch teurer. Da fossile Energie in fast allen Produkten enthalten ist, ist mit „Energieinflation“ zu rechnen, die dann alle Erzeuger- und Verbraucherpreise hochdrückt.
Dies gilt selbst dann, wenn der Krieg rasch zum Ende kommt. Es könnte länger dauern, bis die Tanker in der Hormus-Meerenge wieder flott werden und ihr Ziel erreichen – und noch länger, bis die Zerstörungen von Öl-Infrastruktur in Nahost beseitigt sind. Energieinflation ist durch die Zentralbanken schwer zu bekämpfen: Zinssteigerungen belasten die Konjunktur, besonders den Wohnungsbau und können auch zu schweren Einbrüchen an den Finanzmärkten führen. Bei Wahlen spielt Inflation eine viel größere Rolle als man lange dachte. Psychologisch werden Benzinpreise ähnlich wie die Preise für Grundnahrungsmittel wahrgenommen. Und diese Wahrnehmung ist politisch viel wichtiger als die meisten Ökonomen denken.
Die Iran- und Hormus-Krise macht die schwache geopolitische Lage Deutschlands und der EU deutlich. Wir können offenbar nur zuschauen. Die USA können sich selbst mit Energie versorgen, aber ihre traditionelle Rolle als Friedensgarant im Nahen Osten nicht mehr mit Vernunft wahrnehmen. China hat sich energetisch diversifiziert und sichert sich über Iran und Russland ab. Europa, insbesondere Deutschland, hat Russland als stabilen Partner verloren.
Die EU müsste strategische Energiepolitik betreiben. Wir haben eine riesige Marktmacht, die nicht ausgespielt wird. Wenn der globale Ölmarkt nicht mehr zufriedenstellend funktioniert, sollte man mit den Lieferländern, wo dies möglich ist, über langfristige Lieferverträge sprechen, möglichst fakturiert in Euro. Die Preise müssten gar nicht extrem niedrig sein, aber einen stabilen Trend haben und Versorgungssicherheit ermöglichen. Mit Norwegen, Kasachstan etc. ließe sich reden, auch über Kooperation mit Ländern wie Iran und Russland, geknüpft an weitreichende Bedingungen: Ende der Kriege, Beginn von Abrüstungsverhandlungen usw… Wäre dies erfolglos, so wäre es doch eine Geste der Kooperationsbereitschaft.
Der Nahost-Konflikt zeigt: Energie und Frieden hängen sehr eng zusammen. Die andere und alles andere als neue Lehre ist, wie dringend notwendig es ist, mit konsequenter Klimapolitik schneller unabhängig von Öl- und Gaslieferanten zu werden.
Zum Autor:
Jan Priewe ist Professor i.R. für Volkswirtschaftslehre an der HTW Berlin.







































