Arbeitsmarkt

Was kommt nach Hartz IV?

Aus der wissenschaftlichen Evidenz lässt sich nicht verlässlich schließen, in was für einem Ausmaß Hartz IV dazu beigetragen hat, die Arbeitslosigkeit in Deutschland zu senken. Doch es besteht weitgehend Konsens, dass die Reform Nebenwirkungen hatte und ein neues Krankheitsbild entstanden ist – und Deutschland dementsprechend eine neue Therapie braucht. Ein Beitrag von Tom Krebs.

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Die Welt ändert sich, aber eines bleibt gleich: Deutschland diskutiert über die Hartz IV-Reform. Hat die Therapie „Hartz IV“ gewirkt und die Krankheit „Arbeitslosigkeit“ geheilt? Oder sind es andere Faktoren, die den Rückgang der Arbeitslosigkeit in Deutschland erklären?

In diesem Beitrag versuche ich, diese Frage mit Hilfe der wissenschaftlichen Literatur zu beantworten. Meine Schlussfolgerung ist, dass die verfügbare wissenschaftliche Evidenz – wie so häufig – keine eindeutige Antwort zulässt: Einerseits war die Hartz IV-Reform einer von mehreren Faktoren, die zu einem Rückgang der strukturellen Arbeitslosigkeit in Deutschland geführt haben. Andererseits ist es nicht möglich, den Anteil der Hartz IV-Reform verlässlich zu quantifizieren – ein Spektrum von Werten mit erheblicher Bandbreite steht im Einklang mit der verfügbaren Evidenz.

Zudem werde ich argumentieren, dass es für die aktuelle Wirtschaftspolitik ohnehin eher zweitrangig ist, wie wir die Frage „Hat Hartz IV gewirkt?“ beantworten. Denn es besteht weitgehend Konsens, dass die Therapie „Hartz IV“ Nebenwirkungen hatte, die zu einer Verschlechterung der Lebensqualität vieler Menschen geführt haben. Zudem ist die größte wirtschaftspolitische Herausforderung anno 2019 nicht die hohe Arbeitslosigkeit, sondern ein Übermaß an atypischer Beschäftigung und ein ausufernder Niedriglohnsektor. Es gibt also eine neue Krankheit, und entsprechend braucht es eine neue Therapie.

Diagnose

Beginnen wir mit den Krankheitssymptomen. Die folgende Abbildung zeigt die Entwicklung der Arbeitslosenquote (nach internationaler ILO-Definition) zwischen 1970 und 2017. Die Arbeitslosenquote stieg von einem Durchschnittswert von circa 3% in den 1970er Jahren auf knapp 10% im Jahr 2002 an. Der Zeitverlauf der Arbeitslosigkeit legt nahe, dass dieser Anstieg der Arbeitslosenquote im Wesentlichen ein säkulares Phänomen war und unabhängig vom Konjunkturzyklus erfolgte.

Quelle: OECD

Sicherlich war das einst vom Economist bemühte Sprachbild von „Europas krankem Mann“ eine Übertreibung, aber es gab die damalige Stimmung in breiten Teilen der Öffentlichkeit gut wieder. Deutschland hatte fünf Millionen Arbeitslose und es schien keine Besserung in Sicht. Und für die meisten Expertinnen und Experten stand die Diagnose fest: Der deutsche Arbeitsmarkt ist nicht flexibel genug. Als dann noch der Jagoda-Skandal hinzukam, beauftragte der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder eine Expertenkommission unter der Leitung von Peter Hartz, konkrete Vorschläge für grundlegende Reformen des deutschen Arbeitsmarkts zu erarbeiten.

Therapie

Die Arbeit der Expertenkommission mündete Mitte 2002 in den Gesetzen für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, den sogenannten Hartz-Reformen. Ein wesentlicher Bestandteil dieses weitreichenden Maßnahmenpakets war die Hartz IV-Reform, welche die Arbeitslosenhilfe mit der Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II zusammenlegte und zu einer erheblichen Kürzung der Lohnersatzleistungen für viele Langzeitarbeitslose führte. In anderen Worten: Die Hartz IV-Reform war eine wesentliche Komponente der Therapie „Hartz-Reformen“, die dem „Patienten“ Deutschland verschrieben wurde, um die „Krankheit“ strukturelle Arbeitslosigkeit zu heilen.

Die nächste Abbildung stellt den durchschnittlichen Effekt der Hartz IV-Reform auf die Arbeitslosenversicherung in Deutschland grafisch dar. Die Abbildung zeigt, dass die Reform die (Netto-)Lohnersatzleistung für langzeitarbeitslose Erwerbspersonen, deren vorheriges Arbeitseinkommen dem durchschnittlichen Arbeitseinkommen entsprach, binnen eines Jahres von 57% auf 46% reduziert hat – eine Senkung um 11 Prozentpunkte. Wenn langzeitarbeitslose Erwerbspersonen mit nur 67% des durchschnittlichen Arbeitseinkommens betrachtet werden, dann ergibt sich eine kleinere, aber immer noch erhebliche Reduktion der Lohnersatzleistung um 6 Prozentpunkte. Hingegen hat die Hartz IV-Reform die durchschnittliche Lohnersatzleistung für kurzzeitarbeitslose Erwerbspersonen nicht verändert.

Quelle: OECD, für Personen mit 100% des durchschnittlichen Erwerbseinkommens

Welche Wirkung hat man sich damals von der Hartz IV-Reform versprochen? Die Erwartung war, dass sich das Suchverhalten der arbeitslosen Erwerbspersonen ändern würde – das „Fordern“ in dem bekannten Prinzip des „Fördern und Fordern“. Konkret verstärkt eine Senkung der Lohnersatzleistungen den Anreiz der Arbeitslosen, nach Beschäftigung zu suchen und auch schlechter bezahlte Arbeit anzunehmen. Dieser „Anreiz-Effekt“ sollte die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine arbeitssuchende Erwerbsperson eine Beschäftigung findet, und somit zu einer Reduktion der Arbeitslosigkeit führen.

Der Konsens in der Arbeitsmarktforschung war und ist im Wesentlichen immer noch, dass eine Absenkung des Arbeitslosengelds die Arbeitslosigkeit senken kann

Die Erwartungen der Expertenkommission waren nicht aus der Luft gegriffen, denn der beschriebene Wirkmechanismus hat eine empirische Basis. Der Konsens in der Arbeitsmarktforschung war und ist im Wesentlichen immer noch, dass eine Absenkung des Arbeitslosengelds aufgrund des veränderten Suchverhaltens der arbeitslosen Erwerbspersonen die Arbeitslosigkeit senken kann. Beispielweise veröffentlichten Alan Krueger und Bruce Meyer 2002 einen Übersichtsartikel, der eine große Anzahl von mikroökonomischen empirischen Studien zum Thema diskutierte und zu dem Schluss kam, dass eine Kürzung des Arbeitslosengelds um ein Prozent die Chance eines Arbeitslosen, einen Job zu finden, um durchschnittlich ein Prozent steigert.

Mittlerweile gibt es aufgrund der US-amerikanischen Erfahrungen in der Großen Rezession verstärkt Stimmen, die einen Zusammenhang dieser Größenordnung zwischen Arbeitslosengeld und Arbeitslosigkeit in Frage stellen (Rothstein, 2011). Doch ebenso gibt es neuere Studien zur Großen Rezession in den USA, deren Ergebnisse einen solchen starken Zusammenhang bestätigen (David Card und Co-Autoren, 2015).

Auswirkungen: Der zentrale Wirkmechanismus

Was können wir heute im Rückblick darüber sagen, ob und wie die Hartz IV-Reform gewirkt hat? Anders gefragt: War die Hartz IV-Komponente der Therapie erfolgreich?

Diese Frage kann durch rein empirische Studien kaum beantwortet werden. Aus makroökonomischer Sicht gibt es nur einen Datenpunkt – Deutschland vor der Hartz IV-Reform und Deutschland nach der Hartz IV-Reform. Natürlich kann man durch Hinzufügen von Daten aus anderen Ländern die Anzahl der Beobachtungen erhöhen, doch sind solche Ländervergleiche aus wissenschaftlicher Sicht mehr als fragwürdig, denn es werden in der Regel wichtige Heterogenitäten, Variablen und Effekte bei Länderstudien nicht berücksichtigt.

Diese Problematik kann durch mikroökonomische Untersuchungen überwunden werden, doch stellt sich dann die Frage, welche Auswirkung die geschätzten mikroökonomischen Effekte auf die Gesamtwirtschaft haben. Im Fall der Hartz IV-Reform kommt noch hinzu, dass die Möglichkeiten einer mikroökonomischen Analyse begrenzt sind, weil es keine wissenschaftlich verwertbaren Kontrollgruppen gibt – die Reform wurde in allen Bundesländern und (fast) allen Kommunen zeitgleich und (relativ) einheitlich eingeführt.

Die hier beschriebenen Grenzen der rein empirischen Analyse in solchen und ähnlichen Fällen sind seit Längerem bekannt. Deshalb ist die wissenschaftliche Makroökonomik in den letzten 30 Jahren dazu übergegangen, die empirische Analyse mit einer theoretischen Fundierung in einem ganzheitlichen Modellrahmen zu kombinieren. Bei dieser Methode wird in einem ersten Schritt ein theoretisch fundiertes Modell der deutschen Volkswirtschaft entwickelt, das wesentliche Eigenschaften des deutschen Arbeitsmarkts abbildet. In einem zweiten Schritt werden die Werte der freien Modellparameter so gewählt, dass die Modellwirtschaft im Einklang mit der relevanten (insbesondere mikroökonomischen) Evidenz steht – das ist die empirische Fundierung. In einem letzten Schritt werden die quantitativen Auswirkungen der Hartz IV-Reform mittels Modellsimulationen analysiert.

In einer 2013 erschienenen Studie haben Martin Scheffel und ich diese Methode der modernen Makroökonomik genutzt, um die Auswirkungen der Hartz IV-Reform auf die strukturelle Arbeitslosigkeit zu untersuchen, die sich aufgrund der Veränderung des Suchverhaltens der arbeitslosen Erwerbspersonen ergeben. Dabei sind wir zunächst zu dem Schluss gekommen, dass die Hartz IV-Reform zu einem erheblichen Rückgang der Arbeitslosenquote um mehr als ein Prozentpunkt geführt hat.

Eine weiterführende Analyse in einem erweiterten Modellrahmen mit verschiedenen Beschäftigungszuständen (Vollzeit, Teilzeit, Mini-Jobs) und einer großen Anzahl an Haushaltstypen (inklusive Unterschiede im Bevölkerungsniveau) hat jedoch gezeigt, dass der durch die Hartz-Reform verursachte Rückgang der strukturellen Arbeitslosigkeit moderater ausfällt – je nach Modellspezifikation zwischen einem halben und einem Prozentpunkt. Eine ausführliche Beschreibung des erweiterten Modellrahmens hatten wir bereits 2016 veröffentlicht.

Auswirkungen: Zusätzliche Wirkmechanismen

Die wissenschaftliche Literatur hat zwei weitere Wirkungskanäle untersucht, durch die eine Senkung der Höhe oder der Bezugsdauer des Arbeitslosengelds die strukturelle Arbeitslosigkeit reduzieren kann. Beide Wirkmechanismen wurden von den Nobelpreisträgern Dale Mortensen und Chris Pissarides in einer 1994 erschienen Studie über Konjunkturzyklen in den USA thematisiert (eine Zusammenfassung des in dieser Studie entwickelten Modellrahmens und der nachfolgenden Literatur mit Fokus auf die USA haben Richard Rogerson und Robert Shimer vorgenommen).

Der erste Wirkmechanismus hebt hervor, dass eine Senkung des Arbeitslosengelds die Verhandlungsposition der beschäftigten Arbeitnehmer und ihrer Vertreter (Gewerkschaften) verschlechtert. Dies führt zu Lohnzurückhaltung und steigenden Unternehmensgewinnen, so dass die Unternehmen durch Neueinstellungen ihre Beschäftigung ausweiten und die Arbeitslosigkeit zurückgeht.

In einer in 2012 erschienen Studie haben Michael Krause und Harald Uhlig den Beschäftigungseffekt der Hartz IV-Reform untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass allein aufgrund dieses Wirkungskanals die Reform die Arbeitslosenquote in Deutschland langfristig um fast 3 Prozentpunkte gesunken ist – ein gewaltiger Rückgang. Wie ich schon an anderer Stelle argumentiert habe, ist dieses Ergebnis jedoch nicht plausibel, weil es weder mit der mikroökonomischen noch der makroökonomischen Evidenz im Einklang steht.

Der zweite Wirkmechanismus unterstreicht ebenfalls den Zusammenhang zwischen Arbeitslosengeld und der Verhandlungsmacht der beschäftigten Arbeitnehmer. Doch im Gegensatz zum ersten Mechanismus liegt der Fokus in diesem Fall auf der Wahrscheinlichkeit, dass ein bestehendes Beschäftigungsverhältnis aufgelöst wird. Konkret führt eine Senkung des Arbeitslosengeldes dazu, dass Arbeitnehmer größere Zugeständnisse bei Löhnen im Austausch für Arbeitsplatzsicherheit machen, was wiederum die Unternehmensgewinne steigert und so die Anzahl der Entlassungen reduziert.

Hartung et al. (2018)

In einem kürzlich veröffentlichten Arbeitspapier haben Benjamin Hartung, Philip Jung und Moritz Kuhn diesen Wirkungskanal in den Mittelpunkt ihrer Analyse der Hartz IV-Reform gestellt. Dabei kommen die Autoren zu dem Schluss, dass aufgrund dieses Mechanismus die Hartz IV-Reform die nicht-zyklische Arbeitslosigkeit in Deutschland um circa zwei Prozentpunkte gesenkt hat.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Studie interessant, weil sie einen Wirkmechanismus untersucht, der seit der ursprünglichen Veröffentlichung der Arbeit von Mortensen und Pissarides in der Literatur etwas vernachlässigt wurde. Es gibt jedoch einige Gründe, warum die Analyse von Hartung et al. den Effekt der Hartz IV-Reform auf die strukturelle Arbeitslosigkeit in Deutschland stark überschätzt. Aus Platzgründen beschränke ich mich in diesem Beitrag darauf, nur die drei wichtigsten Argumente für diese Behauptung kurz zu erläutern.

Zum Ersten ziehen Hartung, Jung und Kuhn keine mikroökonomische Evidenz heran, um die empirische Plausibilität des Wirkmechanismus direkt zu überprüfen. Eine solche Überprüfung ist in der Regel aber notwendig und in der Literatur auch üblich. Es ist daher verwunderlich, dass die Autoren diesen Punkt bis auf eine kurze Referenz zu einem Arbeitspapier nicht weiter vertiefen. Das Fehlen direkter mikroökonomischer Evidenz ist ein großes Manko. Anders gesagt: Es gibt hunderte von empirischen Studien, die mit Hilfe von Mikrodaten den Zusammenhang zwischen Arbeitslosengeld und Suchverhalten der arbeitslosen Erwerbspersonen untersucht haben – die Grundlage des oben besprochenen Wirkungskanals des „Forderns“. Doch wo sind die empirischen Mikro-Studien, die direkte Evidenz für den von Hartung, Jung und Kuhn untersuchten Wirkmechanismus liefern?

Der in breiten Teilen der Bevölkerung anzutreffende Widerstand gegen die Hartz IV-Reform ist nicht nur menschlich verständlich, sondern auch aus wissenschaftlicher Sicht keinesfalls überraschend

Zum Zweiten überschätzt die Modellsimulation den durchschnittlichen Effekt der Hartz IV-Reform auf die Transferleistungen der langzeitarbeitslosen Erwerbspersonen in Deutschland. Konkret nehmen die Autoren an, dass die Hartz IV-Reform die durchschnittliche Lohnersatzquote für langzeitarbeitslose Erwerbspersonen um circa 25 Prozent gesenkt hat. Doch die oben diskutierten Daten zeigen lediglich eine Reduktion von 19 Prozent (11 Prozentpunkte) für Langzeitarbeitslose, deren vorheriges Arbeitseinkommen dem durchschnittlichen Arbeitseinkommen entsprach, und 10 Prozent (6 Prozentpunkte) für Langzeitarbeitslose mit vorherigen Arbeitseinkommen von 67% des Durchschnitts.

Zum Dritten berücksichtigt der verwendete Modellrahmen nicht hinreichend die Heterogenität innerhalb der Gruppe der Erwerbspersonen. Dies führt sehr wahrscheinlich dazu, dass die Simulationen den wahren Effekt der Hartz IV-Reform überschätzen. Zum Beispiel vernachlässigt die Analyse Unterschiede im Bildungsgrad und im Alter der Erwerbspersonen. Die Daten der Autoren zeigen, dass für alte Arbeitnehmer der geschätzte Rückgang der Abgangsrate aus der Beschäftigung in die Arbeitslosigkeit wesentlich größer war als der Rückgang für alle anderen Altersgruppen. Die Analyse erklärt den gesamten Rückgang der Abgangsrate für ältere Erwerbspersonen durch den oben beschriebenen Wirkmechanismus, aber ein Großteil dieses Rückgangs ist sicherlich auf Frühverrentung und ähnliche Maßnahmen zurückzuführen.

Nebenwirkungen

Hat die Hartz IV-Reform also gewirkt? Die ehrliche Antwort ist, dass die verfügbare wissenschaftliche Evidenz – wie so häufig –  keine eindeutige Antwort zulässt. Auf der einen Seite ist es sehr wahrscheinlich, dass die Therapie-Komponente „Hartz IV“ einen nicht zu vernachlässigbaren Beitrag zur Heilung der Krankheit „strukturelle Arbeitslosigkeit“ geleistet hat. Auf der anderen Seite ist es nicht möglich, den Anteil der Hartz IV-Komponente an der beobachteten Heilung punktgenau zu quantifizieren – ein Spektrum von Werten mit erheblicher Bandbreite ist möglich.

Die Frage nach der Wirkung auf die Arbeitslosigkeit mag nicht eindeutig beantwortet werden können, doch eine verwandte Frage erlaubt eine relativ eindeutige Antwort: Hatte die Hartz IV-Reform Nebenwirkungen? Die verfügbare wissenschaftliche Evidenz legt nahe, dass es erhebliche Nebenwirkungen gab, und zwar mit negativen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen. Konkret hat die wissenschaftliche Literatur die folgenden drei Nebenwirkungen hervorgehoben:

  1. Die mit der Hartz IV-Reform verbundene Senkung der sozialen Absicherung hat die Unsicherheit am deutschen Arbeitsmarkt erhöht. Die gesteigerte Unsicherheit hat die Lebensqualität für viele Menschen verschlechtert und Wohlfahrtsverluste für breite Bevölkerungsschichten verursacht (Krebs und Scheffel, 2013).
  2. Jede Kürzung des Arbeitslosengelds führt zu Produktivitätsverlusten und damit verbundenen Lohnkürzungen in Teilen des Arbeitsmarkts, weil arbeitslose Erwerbspersonen schlechter bezahlte Jobs mit geringer Produktivität annehmen müssen (Acemoglu und Shimer, 2000). In Deutschland gab es nach den Hartz-Reformen einen starken Anstieg der Beschäftigung im Niedriglohnsektor. Insbesondere stieg die Anzahl der häufig schlecht bezahlten Mini- und Teilzeit-Jobs, und die Hartz IV-Reform hat zu dieser Entwicklung beigetragen (Burda, 2016).
  3. Die Hartz IV-Reform hat den Druck auf Beschäftigte und Gewerkschaften erhöht, schlechtere Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Unabhängig von der Lohnentwicklung kann eine solche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen zu signifikanten Wohlfahrtsverlusten für die betroffenen Erwerbspersonen führen (Hartung et al., 2018).

Jede dieser drei Nebenwirkungen der Hartz IV-Therapie hat die Lebensqualität der betroffenen Menschen verschlechtert. Der in breiten Teilen der Bevölkerung anzutreffende Widerstand gegen die Hartz IV-Reform ist also nicht nur menschlich verständlich, sondern auch aus wissenschaftlicher Sicht keinesfalls überraschend. Was folgt aus dieser Einsicht?

Neue Therapie

Als erstes folgt, dass eine Reform der Hartz IV-Reform notwendig ist. Doch eine solche Reform ist alleine nicht ausreichend, um die gegenwärtigen Schwächen des deutschen Arbeitsmarkts zu beheben. Denn die Hartz IV-Reform ist nicht allein verantwortlich für den ausufernden Niedriglohnsektor in Deutschland – hier sind besonders Teile der Hartz I und II-Reformen sowie die vor den Hartz-Reformen einsetzende Arbeitsmarktderegulierung zu nennen. Es braucht daher ein Paket an Maßnahmen, um den deutschen Arbeitsmarkt für alle Beteiligten zukunftsfest zu machen. Was sind die wichtigsten Elemente einer solchen umfassenden Arbeitsmarktreform?

Vor der Therapie kommt die Diagnose. Ein Blick auf die Daten zeigt ein gemischtes Bild. Einerseits ist die Arbeitslosigkeit niedrig und die Unternehmensgewinne sind hoch – Deutschland geht es gut. Anderseits arbeiten mehr als 20 Prozent der Beschäftigten im Niedriglohnsektor und knapp 10 Prozent der Erwerbspersonen beziehen Hartz IV – vielen Menschen in Deutschland geht es nicht so gut. Zudem haben Deregulierung und Hartz-Reformen zu einer großen Verunsicherung in breiten Teilen der Bevölkerung geführt. Deutschland braucht also eine Therapie, die mehr gut bezahlte Arbeit schafft und der verunsicherten Mehrheit wieder mehr Sicherheit gibt.

Sicherlich gibt es eine Vielzahl von sinnvollen Maßnahmen, die zum Erreichen dieses Ziels beitragen können. Eine ausführliche Darstellung habe ich bereits in einem früheren Beitrag vorgenommen. Hier daher lediglich eine kurze Zusammenfassung jener Arbeitsmarktreformen, die ich mit Blick auf die Bekämpfung der Krankheit „schlecht bezahlte und unsichere Arbeit“ für besonders erwähnenswert halte:

  1. Die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften und die Tarifbindung müssen gestärkt werden.
  2. Der Mindestlohn muss schrittweise auf 12 Euro angehoben werden.
  3. Die Bezugsdauer des Arbeitslosengelds I muss abhängig von vorherigen Beschäftigungszeiten verlängert und beim Arbeitslosengeld II müssen die Freibeträge erhöht werden.

Eine Stärkung der Gewerkschaften ist derzeit das beste Mittel, um qualitativ hochwertige Arbeit mit guter Entlohnung in Deutschland zu schaffen. Doch solange viele Jobs nicht durch entsprechende Tarifverträge abgedeckt sind, braucht es zusätzlich einen starken Mindestlohn. Ein Mindestlohn von 12 Euro stellt sicher, dass Arbeit sich für alle Beschäftigten in Deutschland lohnt. Zudem ist er ein wichtiger Baustein, um Altersarmut zu verhindern.

Doch würde ein Mindestlohn von 12 Euro nicht Massenarbeitslosigkeit erzeugen und die deutsche Wirtschaft ins Unglück stürzen? Die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass die Antwort auf diese Frage „Nein“ lautet. Ganz im Gegenteil würde ein Mindestlohn von 12 Euro die gesamtwirtschaftliche Produktion sogar steigern, weil einem leichten Rückgang der Beschäftigung eine signifikante Steigerung der Arbeitsproduktivität entgegenstehen würde. Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro in Deutschland werde ich in einen separaten Aufsatz ausführlich besprechen. An dieser Stelle sei nur vermerkt, dass selbst in den marktgläubigen USA aktuell einige Städte einen Mindestlohn von 15 US-Dollar eingeführt haben oder bald einführen werden.

Sicherlich wäre eine Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro innerhalb des derzeitigen Regelwerks nicht möglich, wie Stefan Sell in einem fachkundigen Beitrag erläutert. Deshalb muss die Mindestlohnkommission in ihrer derzeitigen Form abgeschafft werden. Die Festlegung des Mindestlohns ist eine politische Entscheidung mit ökonomischen Konsequenzen. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen verschiedener Optionen können von Expertinnen und Experten untersucht werden – doch es sind politische Optionen, die in einer demokratischen Gesellschaft durch Wahlen und nicht durch Expertenkommissionen entschieden werden sollten.

Hartz IV hatte Nebenwirkungen: Es hat die Menschen verunsichert, Produktivität und Löhne gesenkt und die Qualität der Arbeitsplätze verschlechtert

Die unter 3.) vorgeschlagene Reform der Hartz IV-Reform hätte eine Stärkung der Versicherungsfunktion des Arbeitslosengeldes zur Folge und würde somit die Lebensqualität der direkt betroffenen Menschen steigern. Die Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosegelds I sollte kombiniert werden mit zusätzlichen Qualifizierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, so dass auch diese Maßnahme zum Erreichen des Ziels „mehr gute Arbeit“ beitragen würde. Eine solche Reform würde das System der Arbeitslosenversicherung in den Augen vieler Menschen gerechter machen und dürfte somit die Akzeptanz in der Bevölkerung steigern. Weitere sinnvolle Reformvorschläge für die deutsche Arbeitslosenversicherung hat Anke Hassel vorgelegt.

Fazit

Über Hartz IV ist viel diskutiert worden und die öffentliche Debatte hält an. Dabei beschränkt sich die ökonomische Analyse häufig auf die Frage, ob und wie die Hartz IV-Reform die Arbeitslosigkeit in Deutschland gesenkt hat. Dieser Ansatz greift aus zwei Gründen zu kurz.

Erstens hatte Hartz IV Nebenwirkungen: Es hat die Menschen verunsichert, Produktivität und Löhne gesenkt und die Qualität der Arbeitsplätze verschlechtert. Zusammen mit der Arbeitslosenquote bestimmen all diese Faktoren die Lebensqualität der Menschen. Deshalb darf sich eine umfassende ökonomische Analyse nicht eindimensional auf die Arbeitslosenquote beschränken, sondern muss immer auch diese Faktoren einbeziehen.

Zweitens gibt es in Deutschland längst ein neues Krankheitsbild, das unserer vollen Aufmerksamkeit bedarf. Im Jahr 2002 waren zehn Prozent der Erwerbspersonen arbeitslos. Heute ist die Arbeitslosigkeit niedrig, aber immer noch beziehen knapp zehn Prozent der Erwerbspersonen Hartz IV, und niedrige Löhne sind alles andere als die Ausnahme.

Es wäre daher wünschenswert, wenn sich mehr Ökonominnen und Ökonomen mit Therapievorschlägen für diese neue Krankheit beschäftigen würden.  Anders gefragt: Wie schaffen wir mehr menschenfreundliche und gut bezahlte Arbeitsplätze in Deutschland, ohne bereits bestehende, gut bezahlte Arbeitsplätze zu gefährden?

 

Zum Autor:

Tom Krebs ist Professor für Makroökonomie und Wirtschaftspolitik an der Universität Mannheim.