Subjektive Deprivation

Warum Demokratien erodieren

Eine Studie in sechs europäischen Ländern zeigt, wie das Gefühl, unfair behandelt zu werden, die demokratische Stabilität schleichend gefährden kann – und wie demokratische Parteien darauf reagieren sollten. Ein Beitrag von Maximilian Filsinger.

Die Erfolge der als teilweise rechtsextrem eingestuften Alternative für Deutschland bei den jüngsten Landtagswahlen haben die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion über die möglichen Gefahren für die liberale Demokratie, die von solchen Parteien ausgeht, weiter befeuert. Zu den vielfältigen und gut erforschten Gründen, rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien zu wählen, zählen unter anderem kulturelle Identität, migrationsfeindliche Einstellungen, politischer Protest wie auch ökonomische Interessen.

Ein Erklärungsfaktor, der zunehmend Beachtung findet, konzentriert sich auf Gefühle der sogenannten relativen Deprivation. Diese beschreibt das Gefühl unfair behandelt und benachteiligt zu werden – sei es wirtschaftlich, sozial oder kulturell. Wichtig ist, dass es sich hierbei um wahrgenommene und nicht notwendigerweise um tatsächliche Benachteiligung handelt. Ökonomische subjektive Benachteiligung bezieht sich somit auf das Gefühl, weniger zu bekommen als andere und nicht unbedingt auf tatsächliche Einkommensunterschiede. Dieses subjektive Empfinden muss jedoch nicht ökonomisch motiviert sein, sondern kann sich auch auf das Ansehen der eigenen sozialen Gruppe in der Gesellschaft oder politische Anerkennung beziehen.

Menschen, die sich in solcher Weise als Verlierer gesellschaftlicher Entwicklungen empfinden, wenden sich häufiger radikalen Parteien zu, die versprechen für „die eigene Gruppe” einzustehen. In Anbetracht der Tatsache, dass solche Parteien der liberalen Demokratie zumindest skeptisch gegenüberstehen, bleibt die Frage relevant und weitgehend unbeantwortet, ob sich Menschen, die subjektive relative Deprivation empfinden, auch von der Demokratie als Regierungsform insgesamt abwenden. Dieser Frage sind wir in einer Studie nachgegangen.

Die Legitimität des Systems wird untergraben

Stabile Demokratien basieren unter anderem darauf, dass eine überwiegende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger die liberale Demokratie als beste Staatsform wertschätzt (Claassen 2020, Easton 1975). Diese Unterstützung beruht überwiegend auf normativen Überzeugungen, hängt aber auch zunehmend an der ökonomischen und sozialen Leistungsfähigkeit der Institutionen (Magalhães 2014). Das bedeutet, dass die Unterstützung für die Demokratie als Regierungsform im Allgemeinen leidet, wenn das vorhandene demokratische System als wirtschaftlich und sozial nicht mehr funktional wahrgenommen wird.

In unserer Studie argumentieren wir, dass der Eindruck, die eigene Gruppe werde systematisch benachteiligt, bei Menschen vermehrt ein Gefühl erzeugt, dass das demokratische System als Gesamtkonstrukt nicht mehr funktioniert. Daraus ergeben sich Frustration und Wut gegenüber dem bestehenden demokratischen System, die eine Abkehr von der Demokratie zur Folge haben können. Es ist wichtig zu betonen, dass die Benachteiligung nicht objektiv „real” sein muss. Vielmehr ist es die subjektive Wahrnehmung, unfair benachteiligt zu sein, die graduell die Legitimität der liberalen Demokratie untergräbt.

Subjektive relative Deprivation erhöht die Offenheit für autokratische Alternativen

Aus dieser graduellen Unzufriedenheit erwächst der Drang nach Alternativen. Autoritäre Systeme gelten als vermeintlich erfolgreicherer Gegensatz zum langsameren und kompromissgetriebenen demokratischen Prozess. Autokratien wirken oft schnell und effizient. Allerdings beruht dieser vermeintliche Vorsprung auf mangelnder demokratischer Beteiligung und häufig Unterdrückung (Neundorf et al. 2020). Legitimation basiert in diesen Systemen häufig auf (wirtschaftlichen) Performanz-Versprechen, die großzügige, aber gezielte Sozialleistungen beinhalten, um Bürger:innen und Eliten zu besänftigen (Gerschewski 2023). Ferner befördern Autokratien ein starkes Gruppendenken mit klaren Innen- und Außengrenzen, um Stabilität zu sichern (Gerschewski 2023). Diese Charakteristiken autokratischer Regime wirken besonders attraktiv auf Menschen, die sich im demokratischen System benachteiligt fühlen. Subjektive relative Deprivation macht das Versprechen von Schutz und Stärke nach außen und innen besonders attraktiv, da die liberale Demokratie vermeintlich versagt hat.

Diese Argumentation haben wir anhand von Umfragedaten aus sechs europäischen Ländern – Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich – zwischen 2020 und 2022 empirisch getestet. Die Analysen basieren auf drei Querschnittsbefragungen in Kombination mit Panel-Daten, also auf Befragungen derselben Personen über mehrere Zeitpunkte hinweg. Somit können sowohl Zusammenhänge als auch Veränderungen über die Zeit hinweg betrachtet werden.

Unsere Analysen zeigen zunächst, dass subjektive relative Deprivation nur unzureichend durch sozio-ökonomische Faktoren erklärt werden kann. Menschen, die sich subjektiv benachteiligt fühlen, sind somit nicht zwangsläufig sozial oder ökonomisch schlecht(er) gestellt – die subjektive Wahrnehmung stimmt nicht unbedingt mit der objektiven Realität überein. Im Vergleich zu klassischen ökonomischen Faktoren, wie Bildung, Einkommen oder soziale Klasse, deckt subjektive relative Deprivation somit zumindest teilweise eine andere Form der Benachteiligung ab (Filsinger & Wamsler 2026; Schwaiger 2026).

Das Fundament der Demokratie wird brüchig

Der Zusammenhang zwischen subjektiver relativer Deprivation und demokratischer Unterstützung zeigt ein gemischtes Bild. In den untersuchten Ländern ist die allgemeine Unterstützung für die Demokratie als beste Staatsform sehr hoch. Die Demokratie gewinnt hier klar gegen autoritäre Regierungsformen. Auch Menschen, die sich subjektiv benachteiligt fühlen, weisen keine geringere demokratische Unterstützung auf.

Es zeigt sich jedoch, dass subjektive relative Deprivation mit einer größeren Offenheit gegenüber autokratischen Staatsformen korreliert. Menschen, die sich subjektiv benachteiligt fühlen, sind eher der Meinung, dass Autokratie unter Umständen einer Demokratie vorzuziehen ist oder dass es keinen Unterschied macht, ob man in einer Demokratie oder Autokratie lebt.

Die folgende Abbildung veranschaulicht diese Zusammenhänge in den sechs Ländern in den Jahren 2020, 2021 und 2022. Dieser Befund zeigt sich besonders stark in Deutschland, Frankreich, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Deutschland sticht hier mit besonders starken Effekten heraus, was möglicherweise an der Kombination aus subjektiver Benachteiligung und dem objektiven Anstieg an Ungleichheit liegt, der hier besonders ausgeprägt ist. Die Analyse der Paneldaten zeigt ähnliche Resultate und bestärkt somit die Schlussfolgerungen.

Subjektive Gruppenbenachteiligung und Offenheit für autokratische Alternativen

Anmerkungen: Erklärungen zum methodischen Vorgehen finden Sie im Forschungspapier.

Die Resultate zeigen, dass das Fundament stabiler demokratischer Unterstützung langsam erodiert. Subjektive Deprivation macht Bürgerinnen und Bürger nicht über Nacht zu überzeugten Autokraten. Doch weckt die Offenheit gegenüber autokratischen Systeme Zweifel an der Ehrlichkeit der Unterstützung für die liberale Demokratie. Stabile Demokratien bauen auf eine klare und unbedingte Ablehnung autoritärer Systeme. Diese Ablehnung wird selbst in etablierten Demokratien schwächer, wenn Menschen das Gefühl haben, dass die eigene Gruppe systematisch benachteiligt wird.

Dies ist ein besorgniserregender Befund, wenn man bedenkt, dass die Lebensrealität der befragten Personen von demokratischen Institutionen geprägt ist. Stabile Demokratien weisen in der Regel ein Reservoir an politischer Unterstützung auf, dass eine strikte und kompromisslose Ablehnung autoritärer Staatsformen beinhaltet. Eine systematische Erosion dieser Einstellungen untergräbt somit die Stabilität der liberalen Demokratie.

Herausforderungen für die Demokratie und demokratische Parteien

Die Befunde haben weitreichende Implikationen für demokratische Gesellschaften. Subjektive Deprivation führt nicht unmittelbar zu einem Bruch mit der Demokratie. Vielmehr führt diese gefühlte Benachteiligung zu einer schleichenden Offenheit gegenüber autokratischen Staatsformen. Diese Offenheit gegenüber autokratischen Alternativen wiederum setzt demokratische Gesellschaften unter Druck, da ein Teil der Bevölkerung demokratische Werte nicht mehr bedingungslos teilt.

Hinzu kommt: Gefühle der subjektiven Benachteiligung entstehen nicht im luftleeren Raum. Die Forschung hat gezeigt, dass insbesondere rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien und Akteure gezielt diese Gefühle schüren und mobilisieren (Filsinger 2023). In Kombination mit Fantasien einer „illiberalen Demokratie” – also einem System, das sich formal noch demokratisch nennt, aber liberale Grundprinzipien wie Minderheitenschutz oder Gewaltenteilung aushöhlt – entsteht eine Mischung, die selbst etablierte Demokratien vor große Herausforderungen stellen kann (Wunsch et al. 2023).

Unsere Studie ermöglicht ein tieferes Verständnis demokratischer Erosion. Subjektive relative Deprivation trägt nicht nur dazu bei, dass Menschen eher für rechtspopulistische Parteien stimmen, sondern unterminiert die diffuse Unterstützung für die Demokratie und somit ein Fundament demokratischer Stabilität.

Hieraus ergeben sich immense Herausforderungen für die demokratische Gesellschaft und demokratische Parteien. Die Gefühle der Benachteiligung und Deprivation als irrational abzutun, wäre ein Fehler. Sie müssen ernst genommen, adressiert und angegangen werden, denn subjektiv erlebte Ungleichheit wirkt unabhängig davon, ob sie sich in objektiven Daten widerspiegelt. Hier muss es vor allem darum gehen, den Abstiegs- und Bedrohungsnarrativen der extremen Rechten etwas entgegensetzen. Demokratische Parteien sollten eigene – positive – Zukunftserzählungen erarbeiten, die zeigen, dass demokratische, liberale Politik Antworten auf diese Sorgen bieten kann, ohne auf Ausgrenzung und autokratische Politik zu bauen.

 

Zum Autor:

Maximilian Filsinger ist Assistant Professor in Comparative Politics an der European School of Political and Social Sciences (ESPOL) an der Université Catholique de Lille.

Hinweis:

Die Studie, auf der dieser Beitrag basiert, finden Sie hier.