Unsere Gesellschaft befindet sich inmitten eines tiefgreifenden Transformationsprozesses. Im Zentrum steht die Wirtschaft – und die Suche nach Wegen zur Nachhaltigkeit. Die nächsten Jahre werden entscheiden, inwiefern dieser Wandel by disaster geschieht oder uns by design gelingt.
Die Debattenreihe #econ4future widmet sich den damit verbundenen ökonomischen Herausforderungen und diskutiert mögliche Lösungsansätze. Die Beiträge analysieren Engführungen in den Wirtschaftswissenschaften und Leerstellen in der aktuellen Wirtschaftspolitik. Zugleich zeigen sie Orientierungspunkte für ein zukunftsfähiges Wirtschaften auf und geben Impulse für eine plurale Ökonomik, die sozial-ökologische Notwendigkeiten ernst nimmt. Die Kooperation mit Economists for Future e.V. begann im September 2019. Seitdem erscheint jährlich eine neue Staffel mit wechselnden Themenschwerpunkten.
Thema der aktuellen 8. Ausgabe ist die Frage: Wie lässt sich Vertrauen in Zeiten ökonomischer Umbrüche bewahren oder neu begründen? Die Beiträge versammeln unterschiedliche Perspektiven und Ansätze, die ökologische und soziale Krisen zusammendenken und danach fragen, welche Institutionen, Beziehungen und Formen wirtschaftlicher Organisation Orientierung und Verlässlichkeit schaffen können. Damit möchten wir zur Diskussion einladen, wie gesellschaftliche Handlungsfähigkeit, demokratischer Zusammenhalt und die Planbarkeit des eigenen Lebens auch unter Bedingungen tiefgreifender ökonomischer Umbrüche und vielfältiger, miteinander verflochtener Problemlagen gestärkt werden können.
Alle bisher erschienenen Beiträge der Economists for Future-Reihe finden Sie hier.
Wagen wir den Versuch einer gedanklichen Zeitreise. Etwa im Jahr 2076 findet ein Kongress zu den historischen Vorbedingungen des Klimawandels statt. Die Geschichtsschreibung unterläuft zu der Zeit eine Revision, die die polit-ökonomischen Bedingungen des Klimawandels zu beleuchten sucht. Unter dem Motto „Fossile Energie oder fossile Institutionen?” wird erforscht, warum die Menschheit trotz technologischer Alternativen lange an klimaschädlicher Wirtschaft festhielt.
Die ForscherInnen stoßen auf ein Zitat von William Nordhaus, der dem ersten Bericht des Club of Rome aus dem Jahr 1972 Weltuntergangsstimmung vorwarf, und ihren Prognosen entgegnete:
„Long-run economic forecasts have generally fared quite poorly. Marx predicted the immiseration of the working class under capitalism; Keynes guessed’ that capital could have no net productivity by the present year (1973), Galbraith assured us that scarcity is obsolete.”
Auf die vom Club of Rome berechneten Wachstumsgrenzen bezogen, kritisierte Nordhaus, dass langfristige ökonomische Prognosen im Allgemeinen falsch liegen. Das ironisch Interessante hierbei ist, dass Nordhaus nur wenige Jahre später unter hypothetischen Annahmen nicht nur einen Kosten-Nutzen-optimalen Klimawandel berechnete, sondern 2018 für die Integration des Klimawandels in die langfristige makroökonomische Analyse auch den Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel erhielt.
Nordhaus entspringt seinem historischen Kontext, in dem sich die politische Notwendigkeit von Wachstum manifestiert und dessen Grenzenlosigkeit belegt zu sein scheint. Dies wird gut verbildlicht durch das Solow-Modell, entwickelt von Nordhaus´ Doktorvater. Es ist universell, einleuchtend und abstrakt. Zentrale ökonomische Größen wie Geld, Klassen, informelle Sorgearbeit oder eben natürliche Ressourcen werden dafür nicht abgebildet. In seiner eigenen Replik auf den Club of Rome („Is the end of the world at hand?“) argumentierte Solow schließlich, dass Marktpreise die richtigen Signale senden, um Ressourcenerschöpfung nachhaltig zu umschiffen. (Besseres) Wissen über Knappheit kann so politisch elegant in eine Ökonomie eingestreut werden, um diese, unter Berücksichtigung von Externalitäten, von einem suboptimalen zum optimalen Wachstumspfad zu bringen.
Diese Perspektive setzt nicht nur hinreichenden technologischen Optimismus voraus, sondern auch das Vorhandensein und die Stabilität bestimmter polit-ökonomischer Institutionen. Vor diesem Hintergrund erscheint der Solow und Nordhaus zugrunde liegende Fokus auf ein, in heutiger Formulierung, marktbasiertes Green Growth weniger als realistischer Ausblick auf eine nachhaltige Transformation, denn als ein Argument für eine bestimmte polit-ökonomische Ordnung. Der analytische Fokus auf Preise und Kosteninternalisierung war damit nicht (nur) Umwelt- und Klimaschutz, sondern verteidigte die voraussetzungsreiche Theorie, dass dezentrale Märkte langfristig effizient sind und einen optimalen Wachstumspfad herstellen.
Kontrastlinien aus der Geschichte der VWL
Nordhaus´ und Solows Blicke in die Zukunft verdeutlichen, dass auch jene Prognosen, die auf neueste theoretische und mathematische Werkzeuge zurückgreifen, im historischen Kontext verhaftet sind. Demgegenüber hob Julie Nelson 2008 in ihrer Kritik an der neoklassischen Klimaökonomik hervor, dass nachhaltige Transformation quantitativ nicht prognostizierbar ist:
“Most of the adjustments that will need to be made to mitigate climate change strongly affect the composition of output and consumption, not merely an overall magnitude. They will affect how people live and how they perceive their quality of life in myriad–and perhaps unpredictable–ways.”
Nelson adressiert hier eine zentrale Schwierigkeit klimaökonomischer Optimierungsmodelle: die langfristige Vorhersagbarkeit ökonomischer Prozesse sowie die Messbarkeit und Aggregierbarkeit relevanter ökonomischer Größen. Damit berührt Nelson Problematiken, die wegweisend waren für die ideengeschichtliche Entwicklung der Disziplin im vergangenen Jahrhundert und sich nun im Kontext der Klimaökonomik verdichten.
Nach häufiger Definition ist Ungewissheit als erkenntnistheoretisches Problem abzugrenzen von Risiko als eine statistische (probabilistische) Größe. So zutreffend diese Gegenüberstellung ist, so zeigt sich mit Blick auf die Ideengeschichte, dass die ökonomische Bedeutung einer ungewissen Zukunft häufig nicht Ende, sondern Ausgangspunkt einer ökonomischen Theorie ist.
Eine wichtige Kritikerin der VWL ihrer Zeit, Joan Robinson, schrieb in ihrem Essay History vs. Equilibrium:
„As soon as the uncertainty of the expectations that guide economic behaviour is admitted, equilibrium drops out of the argument and history takes place”.
In ihrer Wachstumstheorie betonte sie die Bedeutung von Pfadabhängigkeiten und Wachstum als historischen Prozess. Innovationen ändern nicht nur die Quantität eines Produktionsprozesses, sondern auch dessen qualitative Zusammensetzung. Ökonomischer Wandel lässt sich daher nicht als Bewegung entlang eines bestimmten, quantifizierbaren Wachstumspfades verstehen. Dies verweist auf die Bedeutung fundamentaler Ungewissheit: Während Risiko probabilistisch beschrieben werden kann, sind die Folgen von Innovationen und strukturellem Wandel häufig gerade nicht durch Wahrscheinlichkeitsverteilungen zu erfassen.
Eine progressive Lesart von Ungewissheit sieht diese als Aufforderung zur politischen Gestaltung. Normen, Gesetze und Verträge formen eine Ordnung, die Ungewissheit nicht eliminiert, sondern möglichst bewusst gestaltet. Diese Annahme liegt keynesianischem Denken zugrunde, und wird auch aus ökologischer oder feministischer Perspektive hervorgehoben. Ungewissheit adressiert nicht nur eine technisch-quantitative Dimension, etwa in Bezug auf zukünftige Kostenstrukturen nachhaltiger Energiequellen oder Kapitalerträgen. Ungewissheit betrifft kulturelle Aspekte des Zusammenlebens: Soziale Beziehungen und die Vorstellung über ein gutes (Zusammen-)leben unterliegen einem historischen Wandel und sind formbar.
Erstens kann also festgehalten werden, dass Ungewissheit in der Ideengeschichte sich sowohl auf formal staatliche als auch – und insbesondere – auf informelle Institutionen bezieht. Zweitens lässt sich in der Literatur erkennen, dass die Betonung einer ungewissen Zukunft nicht mit einer polit-ökonomisch eindeutigen Position gleichzusetzen ist. Kontrastlinien bestehen (beispielsweise) dahingehend, dass liberal-wirtschaftliche Perspektiven die Anpassungsfähigkeit durch individuelle Autonomie auf Märkten betonen. Für progressive Positionen entsteht durch Ungewissheit hingegen ein politisches Moment, das die Stabilisierungskraft durch Institutionen hervorhebt und zu deren politischer Gestaltung aufruft.
Ungewissheit als quantifizierbares Risiko: Eine Bedingung für Stabilität?
Mary Morgan (2008) beschreibt in ihrer Geschichte der VWL im 20. Jahrhundert eine zunehmende Entwicklung der Disziplin zu „Economics as Engineering“. Während in der klassischen politischen Ökonomie ein politischer Gestaltungscharakter inhärent war, entwickelte sich die VWL im Verlauf dieses Jahrhunderts zu einer technisch-quantitativen Wissenschaft. Diese Entwicklung bedeutete allerdings keine Entpolitisierung: Die politische Dimension äußerte sich damit vielmehr in entstehenden Formen des Messens, Modellierens und Quantifizierens.
Diese Geschichte der Disziplin leuchtet im historischen Kontext ein: Die politischen und wirtschaftlichen Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts förderten eine technische VWL, die Regierungen in Krisenbewältigung und Kriegswirtschaft unterstützte. Die Systemkonkurrenz des Kalten Krieges verstärkte die ideologische Komponente dieser Entwicklungen. So wird beispielsweise auch die Entstehung der neoklassischen Wachstumsökonomik um Robert Solow rückblickend als maßgeblich durch die politischen Entwicklungen dieser Zeit geprägt verstanden. John F. Kennedys Satz „A rising tide lifts all boats“ beschreibt das polit-ökonomische Versprechen in den USA der Nachkriegszeit, in der sich die US-Wirtschaftachsender sozialistischer Ökonomien behaupten sollte. Die Ökonomik der 1950er und 60er Jahre lieferte wissenschaftliche Legitimation und Expertise für diesen Gesellschaftsvertrag.
Die Formalisierung der VWL wurde ermöglicht und begleitet durch die Etablierung mathematischer (Programmierungs-)Methoden, die ursprünglich in Mathematik und Ingenieurwissenschaften entwickelt wurden. Viele Wegbereiter moderner VWL, wie etwa Gerard Debreu, Leonid Kantorowitsch oder John von Neumann, stehen exemplarisch für die zunehmende Verbindung von Mathematik, Ingenieurwissenschaften und Ökonomik.
Interessant ist, dass auf Grundlage derselben mathematischen Entwicklungen auch analytische Methoden entstanden, mit denen Ökonomien zentral geplant und optimiert werden konnten. Inwieweit diese Methoden in sozialistischer Zentralplanung eingesetzt wurden, ist umstritten. Unabhängig davon zeigt sich allerdings, dass die Formalisierung der Disziplin an sich keine bestimmte polit-ökonomische Ordnung voraussetzte. Vielmehr zeigt sich ein Spielraum dafür, welche ökonomischen Probleme als berechenbar und als Gegenstand gezielter Gestaltung gelten können.
Wenn Produktionsweisen und Institutionen historischem Wandel und damit auch Ungewissheit unterliegen, bleibt also die zentrale Frage, welche Bedingungen formalen ökonomischen Prognosen (oder Plänen) zugrunde gelegt werden. Hier entsteht ein deliberatives Moment, das die VWL sichtbar machen muss.
Ungewissheit als Charakteristikum ökonomischen Wandels
Eine Hypothese auf dem eingangs erwähnten imaginären Kongress in der Zukunft könnte sein, dass die erforderliche institutionelle Transformation zur institutionellen Absorption wurde. Wenn William Nordhaus in einer Sache Recht hat, dann wohl darin, dass die quantitative Gestalt langfristigen Wachstums und langfristiger Entwicklung ungewiss ist – wobei sich bereits heute sagen lässt, dass dies im Widerspruch zu seinen eigenen Prognosen eines optimalen Klimawandels steht.
Der Erfolg von Nordhaus Modellen hängt auch damit zusammen, dass sie nicht nur minimal notwendige Veränderungen (Interventionen) in der Gegenwart berechneten, sondern vorbildlich die vorherrschende Theorie und Methodik anwendeten. Der Fokus auf (aggregiertes) Wachstum und Stabilisierung von Märkten ist damit einerseits im historischen Kontext nachzuvollziehen. Andererseits ergibt sich daraus ein neues Bild für die Rolle von VWL in der Transformation.
Die Lehre, die sich für eine Gesellschaft im Wandel ziehen lässt, liegt in einem grundlegenden Widerspruch: für institutionellen Wandel offen zu sein, ihn gar zu planen, aber ohne ihn zu determinieren. Das heißt, die polit-ökonomischen Voraussetzungen zu entwickeln, die Wandel begleiten und formen. Die Aufgabe der Wissenschaft ist dabei, diese Voraussetzungen nicht zu definieren, sondern zu reflektieren und Handlungsspielräume aufzuzeigen.
Für eine VWL, die sich auf formale Methoden und universale Gesetzmäßigkeiten festlegt, wird dies zum Problem. Denn der Blick auf Wirtschafts- und Ideengeschichte zeigt: Ungewissheit, als qualitative Unbekannte, liegt nicht nur in der Natur von Transformation, sondern ist zugleich wünschenswert, da sie Wandel bedingt und ermöglicht. Die progressive Lesart dessen sollte sein, individuelle ökonomische Verluste dieses Wandels abzufedern und existentielle Ungewissheit zu verhindern – und gleichzeitig das kreative Moment von Ungewissheit zu entfalten.
Zum Autor:
Kai Brüggemann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Hamburg und promoviert dort am Arbeitsbereich Geschichte der VWL. Er schreibt seine Dissertation zur Geschichte der Klimaökonomik.








































