Damals wie heute stehen die Menschen in Sachsen-Anhalt vor der Aufgabe, ihre Zukunft unter veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu gestalten. Demografischer Wandel, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, geopolitische Spannungen sowie der Umbau der Energieversorgung prägen die Entwicklung des Landes.
Wie sich Wirtschaft und Gesellschaft entwickeln, lässt sich nicht sicher vorhersagen. Politische Entscheidungen beruhen deshalb auf Annahmen über die weitere Entwicklung. Je besser diese die Wirklichkeit beschreiben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit tragfähiger Entscheidungen. Entfernen sie sich dagegen von der Wirklichkeit und orientieren sich vor allem an unseren Wünschen, wird aus ihnen Wunschdenken.
Menschen orientieren sich an Erfahrungen. Daraus entstehen Annahmen darüber, wie die Welt funktioniert. Sie bleiben oft tragfähig, solange sich die Rahmenbedingungen nur langsam verändern. Schwieriger wird es, wenn sich diese schneller verändern, als Menschen ihre Annahmen hinterfragen und anpassen.
Die deutsche Vereinigung ist dafür ein eindrückliches Beispiel. In Ostdeutschland brachen nach 1990 Märkte und Lieferbeziehungen weg, Institutionen und Eigentumsstrukturen veränderten sich grundlegend. Der Verlust vieler Arbeitsplätze traf nicht nur die wirtschaftliche Situation vieler Menschen, sondern auch Selbstwertgefühl und soziale Stellung. Damit wurde die Erwartung erschüttert, dass eigene Anstrengung Sicherheit schafft. Das hilft zu erklären, warum viele Menschen tiefgreifenden Veränderungen zunächst mit Vorsicht begegnen.
Entscheidungen unter veränderten Bedingungen
Politische Entscheidungen werden unter den Bedingungen ihrer Zeit getroffen. Fossile Energieträger haben die industrielle Entwicklung entscheidend geprägt; auch der Neuaufbau von Wirtschaft und Infrastruktur in Ostdeutschland nach der deutschen Vereinigung beruhte weitgehend auf ihnen. Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage, ob er stärker mit dem Übergang zu nachhaltigen Technologien hätte verbunden werden können. Windkraft und Photovoltaik waren damals technologisch und wirtschaftlich weit von ihrem heutigen Stand entfernt. Wer damalige Entscheidungen allein mit heutigem Wissen und heutigen Möglichkeiten beurteilt, wird deshalb den Bedingungen und Leistungen dieser Zeit nicht gerecht.
Der Umbau der Energieversorgung gehört zu den größten Investitionsprozessen der Weltwirtschaft. Nach Daten der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien entfielen 2024 rund 89% des weltweiten Netto-Zubaus an Stromerzeugungskapazität auf Solar- und Windenergie. Technologische Fortschritte und sinkende Kosten haben den Ausbau verstärkt. China spielt bei wichtigen Energietechnologien eine führende Rolle – insbesondere bei Solarmodulen und Batterien, aber auch bei Windkraftanlagen und Wärmepumpen.
Eine zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung erfordert neben der Stromerzeugung auch leistungsfähige Netze, Speicher und Möglichkeiten, Schwankungen von Angebot und Nachfrage auszugleichen. Industrielle Investitionen hängen zudem von der langfristigen Berechenbarkeit der Energieversorgung ab. Was wäre, wenn Erdgas aus Russland künftig wieder günstig verfügbar wäre? Auch dann blieben die Anforderungen des Klimaschutzes bestehen. Der russische Angriff auf die Ukraine hat zugleich die wirtschaftlichen Risiken der Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferland gezeigt. Eine breitere Verteilung der Bezugsquellen verringert diese Risiken, doch politische Konflikte und Krisen können Preise und Verfügbarkeit weiterhin beeinflussen.
China ist zum Wettbewerber geworden
Auch die internationalen Wettbewerbsbedingungen haben sich grundlegend verändert. Über viele Jahre ergänzten sich die Wirtschaftsstrukturen Deutschlands und Chinas: China lieferte Rohstoffe, Vorprodukte und Industriegüter – Deutschland Maschinen, Chemietechnik und hochwertige Automobile.
Heute verfügt China selbst über erhebliche technologische Kompetenzen. Chinesische Unternehmen produzieren moderne Maschinen, Batterien, Solarmodule, Windkraftanlagen und konkurrieren zunehmend mit etablierten Anbietern. Besonders sichtbar wird dieser Wandel in der Automobilindustrie: Während deutsche Hersteller über viele Jahre Fahrzeuge nach China exportierten, verkaufen chinesische Hersteller heute auch in Europa.
Die Europäische Union führte wegen wettbewerbsverzerrender Subventionen Ausgleichszölle auf batterieelektrische Fahrzeuge aus China ein. Über solche Maßnahmen lässt sich streiten. Das Beispiel zeigt jedoch, dass bestimmte handelspolitische Antworten auf den globalen Wettbewerb nur auf europäischer Ebene möglich sind.
Für Sachsen-Anhalt stellt sich die Frage, welche Bedeutung seine bestehenden industriellen Stärken unter diesen Bedingungen haben.
Chemie verschwindet nicht – ihre Rohstoffbasis verändert sich
Die chemische Industrie gehört zu den prägenden Wirtschaftszweigen Sachsen-Anhalts. Standorte wie Leuna und Bitterfeld-Wolfen stehen für einen erheblichen Teil der industriellen Wertschöpfung des Landes.
Viele chemische Produkte werden auch künftig Kohlenstoff benötigen. Deshalb geht es in der Chemie weniger um Dekarbonisierung als um Defossilisierung: Verändern müssen sich vor allem die Herkunft des Kohlenstoffs und die Energie für seine Verarbeitung. Langfristig ist Erdöl als Kohlenstoffquelle vollständig verzichtbar. An seine Stelle können Recyclingmaterialien, Biomasse oder abgeschiedenes Kohlenstoffdioxid treten. Zugleich lässt sich der Rohstoffbedarf verringern.
Auch Wasserstoff muss zunehmend nichtfossil gewonnen werden. Im Energiepark Bad Lauchstädt wird erprobt, wie eine solche Versorgung im industriellen Maßstab aussehen kann: Mit Windstrom erzeugter Wasserstoff soll über eine umgewidmete Gasleitung zur Raffinerie in Leuna transportiert werden. Manche Verfahren der Defossilisierung werden bereits industriell eingesetzt, andere sind noch nicht wettbewerbsfähig.
Eine vorausschauende Industriepolitik sollte diese Unterschiede weder verwischen noch Technologien vorschnell für marktreif erklären. Sie muss aber ermöglichen, neue Verfahren zu erproben und in die Produktion zu überführen. Denn beim Übergang von der Entwicklung zur Produktion entscheidet sich, wo die damit verbundene Wertschöpfung künftig entsteht – in Sachsen-Anhalt oder bei Wettbewerbern in anderen Weltregionen.
Maschinenbau bleibt eine Schlüsselindustrie
Mit Elektrifizierung und Digitalisierung wächst der Bedarf an neuen Produktionsanlagen. Davon profitieren Maschinenbau und Automatisierungstechnik, in denen Deutschland traditionell über besondere Kompetenzen verfügt.
Besondere Wettbewerbschancen entstehen dort, wo Künstliche Intelligenz auf bestehende industrielle Kompetenzen trifft. Ein wichtiges Anwendungsfeld ist die Entwicklung und Serienfertigung von Robotern – sowohl für den industriellen als auch für den privaten Einsatz.
Generative KI eröffnet weitere Möglichkeiten: ChatGPT oder Google Gemini erleichtern es, allgemeine Erkenntnisse auf konkrete Situationen zu übertragen. Beschäftigte können damit prüfen, wo sich Energie oder Rohstoffe einsparen lassen, welche alternativen Verfahren infrage kommen oder wie sich Abläufe verbessern lassen. KI ersetzt aber weder Fachwissen noch menschliche Verantwortung.
Wie sich neue Fertigungsverfahren bewähren, zeigt sich erst unter realen Produktionsbedingungen. In Pilotanlagen und Modellfabriken können Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen gemeinsam neue Produkte, Verfahren und Automatisierungslösungen entwickeln. Dabei entsteht technologisches Know-how, das in vielen Industriezweigen genutzt werden kann.
Menschen sind auch ein Standortfaktor
Der demografische Wandel verschärft den Fachkräftebedarf in Sachsen-Anhalt. Viele ältere Beschäftigte scheiden aus dem Erwerbsleben aus, während deutlich weniger junge Menschen nachrücken.
Zugewanderte decken einen Teil des Fachkräftebedarfs. Ohne sie würden etwa Gesundheitswesen, Forschung, IT und Industrie schlechter funktionieren. Entscheidend ist, ihnen langfristig gute Perspektiven im Land zu bieten.
Gut ausgebildete Fachkräfte können zwischen Regionen und Arbeitgebern wählen. Dabei zählen neben Einkommen und Wohnkosten auch berufliche Entwicklungsmöglichkeiten, Bildungsangebote, kulturelle Angebote und das Gefühl, willkommen zu sein. Das gilt ebenso für junge Menschen, die in Sachsen-Anhalt aufgewachsen sind und andernorts bessere Perspektiven sehen. Der Wettbewerb um Fachkräfte findet längst nicht mehr nur zwischen Unternehmen statt, sondern auch zwischen Städten und Regionen.
Was Sachsen-Anhalt beeinflussen kann – und was nicht
Nicht alle Bedingungen für die wirtschaftliche Entwicklung lassen sich vor Ort gestalten. Sachsen-Anhalt kann weder die chinesische Industriepolitik noch globale Rohstoffpreise oder internationale Konflikte beeinflussen. Politik verliert an Glaubwürdigkeit, wenn sie für jede internationale Entwicklung eine regionale Lösung verspricht.
Das Land kann jedoch beeinflussen, wie gut es auf Veränderungen vorbereitet ist – etwa durch zügige Genehmigungsverfahren, leistungsfähige Bildungs- und Forschungseinrichtungen und die Verbindung von Forschung und industrieller Anwendung.
Andere Probleme lassen sich nur auf Bundes- oder europäischer Ebene lösen. Länder und Kommunen bleiben unverzichtbar, wo regionale Kenntnisse und die Umsetzung vor Ort entscheidend sind. Eine nüchterne Debatte beginnt deshalb mit der Frage: Welche politische Ebene – Magdeburg, Berlin oder Brüssel – kann welches Problem lösen, und wo müssen mehrere Ebenen zusammenwirken?
Demokratie lebt vom Austausch zwischen den Wahlen
Auf allen politischen Ebenen beruhen Entscheidungen auf Annahmen über die Wirklichkeit. Manche werden durch neue Erfahrungen bestätigt, andere müssen ergänzt oder korrigiert werden.
Wahlen übertragen politische Verantwortung auf Zeit. Doch auch vor der nächsten Wahl müssen Erfahrungen und Erkenntnisse in den politischen Prozess einfließen können. Petitionen an den Deutschen Bundestag bieten dafür einen direkten Weg. Zugleich bringen Wissenschaft, Medien, Verbände, Unternehmen und engagierte Bürgerinnen und Bürger unterschiedliche Perspektiven in die gesellschaftliche Debatte ein.
In einer komplexen Gesellschaft kann niemand alle Entwicklungen überblicken. Der Austausch mit anderen hilft, blinde Flecken zu erkennen und eigene Annahmen zu überprüfen. Auch generative KI kann dazu beitragen: Sie zeigt Gegenargumente auf, stellt unterschiedliche Perspektiven gegenüber und weist auf bisher nicht berücksichtigte Zusammenhänge hin. Da ihre Antworten fehlerhaft sein können, sollten ihre Angaben anhand verlässlicher Quellen überprüft werden.
Die Überprüfung eigener Annahmen sollte sich jedoch nicht auf Fehlentwicklungen beschränken. Auch das Erreichte darf nicht aus dem Blick geraten. Seit der deutschen Einheit hat Sachsen-Anhalt einen tiefgreifenden Wandel erlebt: Betriebe verschwanden, neue kamen hinzu, Menschen fanden neue berufliche Wege; moderne Industrieunternehmen und Forschungseinrichtungen wurden aufgebaut. Dieser Wandel prägt auch den Erfahrungshintergrund der Gesellschaft und damit ihren Blick auf die Wirklichkeit.
Die Wirklichkeit zuerst
Die Gleichzeitigkeit mehrerer tiefgreifender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen stellt die Politik derzeit vor besondere Herausforderungen. Politische Entscheidungen beruhen auf Zielen und Wertvorstellungen sowie auf Annahmen über die Wirklichkeit.
Bei der Landtagswahl 2026 entscheiden die Bürgerinnen und Bürger deshalb nicht nur darüber, welche politischen Ziele sie unterstützen. Sie entscheiden auch darüber, von welchem Verständnis der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen die Politik der kommenden Jahre ausgeht.
Zum Autor:
Daniel Gembris ist Professor für mathematisch-naturwissenschaftliche Grundlagen an der Dualen Hochschule Sachsen.








































