Kaffee, Tabak, Zucker

Europas Zölle in kolonialer Tradition

Während Donald Trump mit seinen zollpolitischen Machtgesten weltweit für Aufsehen sorgt, gehen die Europäer seit Jahrhunderten sehr viel verschwiegener zu Werke. Mit sogenannten „Effektivzöllen“ sorgen sie dafür, dass die gewinnbringende Weiterverarbeitung fast ausschließlich im globalen Norden stattfindet.

Das Geheimnis hinter Kaffeemarken wie Jacobs, Tchibo oder Dallmayr ist weniger ansprechend und verlockend, als man landläufig vermuten würde. Wer an edle Manufakturen, ausgewählte Zutaten und sorgfältiges Handwerk denkt, wähnt sich alsbald im Bereich der Werbeillusion. Denn 40% der weltweit gehandelten Kaffeebohnen stammen von Brasiliens gigantischen, industriellen Plantagen, erstaunliche 20% bereits aus Vietnam. Während dort die Arbeiter auf den Feldern schuften, werden die Erzeugnisse hierzulande als deutsches Markenprodukt angepriesen. Das Problem dieser asymmetrischen Wertschöpfung ist weithin bekannt – die zugrundeliegenden Mechanismen sind jedoch nicht einmal den meisten Ökonomen geläufig.

Der Schlüssel zu Europas Handelsimperien sind diskrete Zollkaskaden, sogenannte „Effektivzölle“, oder „effektive Raten der Protektion“. Diese verhindern mit präzisem Kalkül, dass eine wertschöpfende Verarbeitung von Rohstoffen in den Erzeugerländern wirtschaftlich Sinn ergibt. Das Wort „diskret“ bedeutet in diesem Kontext, dass es sich um klar voneinander getrennte, stufenförmige Zollklassen handelt (z. B. Rohstoff = 0%, Halbfabrikat = 5%, Endprodukt = 12%). Mit ihrem Ursprung im europäischen Merkantilismus und dem kolonialen Seehandel spanischer, holländischer und britischer Prägung sorgen sie seit Jahrhunderten dafür, dass sich industrielle Wertschöpfungsstufen und Kapitalakkumulation in Zentraleuropa verorten. Gleichzeitig schreiben sie den Globalen Süden systemisch in der Rolle des reinen Lieferanten von Rohstoffen und Vorprodukten fest. Drei Beispiele:

1.

Kaffee aus Äthiopien: Unverarbeiteter Rohkaffee hat einen Regelzollsatz von 0% und freien Marktzugang in die EU. Auf gerösteten Kaffee erhebt die EU 7,5% Zoll, um die europäischen Röstereien zu schützen. In der Außenwirtschaft entscheidet jedoch nicht der absolute Prozentsatz darüber, wie ein Zoll wirkt, sondern die effektive Protektion auf den geschaffenen Mehrwert. Hierbei zehren die 7,5% an Zollabgaben große Teile des potenziellen Gewinns auf.

Rohstoff und Verarbeitung: Angenommen, der Rohkaffee kostet im Einkauf 4,00 €. Das Rösten und Abpacken im Herkunftsland kosten 2,00 €. Der Wert des Kaffees steigt damit auf 6,00 €.

Der Zolleffekt: Die EU erhebt die 7,5% Zoll nicht auf die 2,00 € Verarbeitung, sondern auf den gesamten Endwert des Produkts (6,00 €). Das macht 0,45 € Zoll. Bezieht man diese 0,45 € Zoll nun auf den eigentlich geschaffenen Mehrwert, die 2,00 € fürs Rösten, entspricht das einer effektiven Besteuerung der Verarbeitung von 22,5%.

2.

Kakaobohnen aus Ghana: Da Kakaobohnen als Grundstoff für gefüllte Schokolade zollfrei sind, kommt die Steigerung erst durch Wert- und Agrarzölle von 27% zustande, je nach Milchfettanteil oder Saccharose.

Rohstoff und Verarbeitung: Ein europäischer Süßwarenkonzern importiert rohe Kakaobohnen im Wert von 3,00 €. Eine Fabrik in Ghana versucht, diese Bohnen im eigenen Land zu rösten, einzudicken, mit Zucker und Milch zu mischen, in Riegel zu pressen und zu verpacken. Dieser gesamte inländische Veredelungsprozess fügt einen Mehrwert von 1,00 € hinzu. Der Gesamtwert des fertigen Schokoladenprodukts liegt bei 4,00 €.

Der Zolleffekt: Bei der Einfuhr in die EU wird der kombinierte Zoll von 27% auf den gesamten Endwert (4,00 €) erhoben. Das bedeutet eine Zollschuld von 1,08 €. Bezieht man diese 1,08 € Zoll auf den in Afrika geschaffenen Mehrwert von einem Euro liegt die effektive Protektion bei hohen 108%.

3.

Zuckerrohr aus Kolumbien: Eine landwirtschaftliche Kooperative im tropischen Tal von Cali (Kolumbien) erntet Zuckerrohr und presst daraus rohen, braunen Rohrzucker.

Rohstoff und Verarbeitung: Die Produktionskosten für eine Tonne dieses Rohstoffs betragen auf dem Weltmarkt 280 Euro. Der Weltmarktpreis für veredelten weißen Zucker sind 400 Euro, die potenzielle Wertschöpfung 120 Euro.

Der Zolleffekt: Auf fertig raffinierten weißen Zucker wird in der EU ein Importzoll von 150% erhoben, während der rohe, braune Zucker als notwendiger Rohstoff nur mit 100% betroffen ist. Durch diese Zölle steigt der Binnenpreis für weißen Zucker in Brüssel auf 1.000 € und für ausländischen Rohzucker auf 560 €. Eine in der EU ansässige Fabrik kann nun eine künstlich geschützte Wertschöpfung von 440 € erzielen. Vergleicht man die geschützte Wertschöpfung zwischen Kolumbien und der EU ((440-120) / 120) ergibt sich eine effektive Protektionsrate von 2,67.

Der künstlich geschaffene, subventionierte Wettbewerbsvorteil, also die erlaubten Kosten des Herstellers, um wirtschaftlich arbeiten zu können, liegen in Europa mit 320 Euro um 267% höher als in Kolumbien.

Nirgendwo zeigt sich heutige globalen Divergenzen deutlicher als beim seit Jahrzehnten verschleppten EU-Mercosur-Abkommen. Während Brüssel und Berlin offiziell das Ziel ausgeben, strategische Allianzen mit Südamerika zu stärken, wird das Abkommen in Europa blockiert – vorgeblich aus ökologischer Sorge um den Regenwald. Hinter der grünen Fassade verbirgt sich der altbekannte Schutz zentraleuropäischer Agrar-Lobbys vor billigen Rindfleisch- und Sojaimporten. Die EU verlangt von den Mercosur-Staaten die zollfreie Öffnung für ihre Hightech-Industrie, weigert sich aber im Gegenzug, vor allem auf Druck Frankreichs hin, die eigenen Marktbarrieren für verarbeitete Agrarprodukte des Südens fallen zu lassen.

Eine strukturelle Modernisierungsbremse

Aus entwicklungspolitischer Sicht wirkt all dies wie eine strukturelle Modernisierungsbremse und verstetigt eine anachronistische Arbeitsweise: Der globale Süden übernimmt die ökologisch verheerende und wertschöpfungsarme Extraktion unter hohem Ressourcen- und Landverschleiß. Der globale Norden importiert die Primärressource steuerfrei, behält jedoch die technologisch anspruchsvolle Veredelung, Kühlung, Raffination, Röstung, Pressung, Mischung, Schmelze und Hightech-Walzung bei Metallen im eigenen Wirtschaftsraum. Zusätzlich schöpft man die eigentlichen industriellen Gewinne und Steuereinnahmen ab. Die Zahl der physisch handelbaren Forst- und Agrarprodukte, Industriemineralien, Erze, Holzarten, und Chemierohstoffe beläuft sich hierbei auf etwa 1.000 eigenständige Primärgüter aller Arten und Klassen, darunter die viel diskutierten Seltenen Erden aus China.

In Deutschland kennt man diesen Effekt genau. Fragt man in den zuständigen Expertenkreisen des Bundeswirtschaftsministeriums, des Entwicklungsministeriums oder der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) nach den strukturellen Folgen dieser Politik, erntet man meist ein beredtes Schweigen. Alternativ dazu erhält man einen ausweichenden Verweis auf die ausschließliche Zuständigkeit der Europäischen Union und der Generaldirektion Handel (GD Trade) in Brüssel. Und dies aus gutem Grund: Im Laufe der Epochen sorgten diskrete Zollstrategien unter dem beschönigenden Stichwort „Kolonialwaren“ für die Anhäufung sagenhafter Vermögen in Norddeutschland und begründeten den Aufstieg einer mächtigen, jedoch verschwiegenen Kaste von Milliardären und Großkapitalisten in der Hansestadt Hamburg.

So kontrollierten Dynastien mit den Namen Herz, Reimann, Reemtsma oder Woermann – oft über Generationen hinweg – den Import und die Verteilung von Zucker, Obst, Nüssen, Kaffee, Tabak, Palmöl, Baumwolle und Kautschuk. Die Rohstoffe stammten auch aus den ehemals kaiserlichen Kolonien wie Tansania, Ruanda, Togo und Kamerun („Kamerun-Banane“). Das Hamburger Afrikahaus steht in diesem Kontext als sinnstiftendes Zeichen einer beinahe obszön reichen Handelsoligarchie – und verweist stumm auf deren verheerende sozial-, gesundheits- und umweltpolitische Hinterlassenschaften im Globalen Süden. Denn das Deutsche Kaiserreich herrschte von 1884 bis 1919 über das drittgrößte Kolonialreich der Erde, welches sich im Osten bis nach Papua-Neuguinea („Deutsch-Neuguinea“) erstreckte.

Von der Uruguay-Runde zur Doha-Runde

In Genf kümmern sich die Welthandelsorganisation (WTO) und die UN-Konferenz für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) mit analytischer Seriosität und intellektueller Tiefe um diese globalen Handelsfragen. Deren Generalsekretärin Rebeca Grynspan – eine renommierte Ökonomin aus Costa Rica – hat derzeit vielversprechende Aussichten, im Herbst als nächste Generalsekretärin an die Spitze der Vereinten Nationen berufen zu werden. Mit ihrer potenziellen Wahl würden die oft im Verborgenen wirkenden Dynamiken von globalem Handel und protektionistischen Zöllen mit einem Schlag in den Zielfokus der Weltöffentlichkeit rücken. Denn vor allem die UNCTAD wirbt seit den 1960er Jahren unter der Ägide von Raúl Prebisch konsequent für die Rechte und gegen die strukturelle Benachteiligung rohstoffreicher Exportländer.

Deren institutioneller Gegenspieler, die WTO, zementierte die globalen Asymmetrien hingegen in der historischen Uruguay-Runde (1986–1994). Während der Globale Süden damals weitreichenden Marktöffnungen und strengen westlichen Patentschutzregeln zustimmte, verfestigte der Westen im Gegenzug seine protektionistischen Agrarsubventionen und Effektivzölle. Das bleibende Trauma dieser Übervorteilung führte schließlich zum faktischen Scheitern der 2001 ausgerufenen Doha-Entwicklungsrunde. Was als ambitionierter Versuch begann, die Sünden der Uruguay-Runde zugunsten der Entwicklungsländer zu korrigieren, zerschellte im Jahr 2015 endgültig am Unwillen der EU und der USA, ihre Marktbarrieren substanziell zu öffnen.

Auch in der Schweiz profitiert man von diesen globalen Asymmetrien. Rohstoffgiganten wie Archer Daniels Midland (ADM), Bunge oder Glencore schöpfen hier ebenfalls massive Renditen ab – meist indirekt über die Handelsfinanzierung, Schiffsversicherungen, Logistik und hochkomplexe Arbitragegeschäfte. Begünstigt durch das liberale Schweizer Gesellschafts- und Steuerrecht operieren diese Konzerne in einer hochprofitablen Nische des Transithandels, die sich den Augen der regulierenden Weltöffentlichkeit fast vollständig entzieht.

Ein rücksichtsloser Kampf um Ressourcen

Wie rücksichtslos der Kampf um diese globalen Ressourcenströme mittlerweile geführt wird, zeigt sich derweil im Osten Europas. Hinter dem geopolitischen Kalkül des russischen Angriffs auf die Ukraine verbirgt sich auch das unausgesprochene, aber fundamentale Ziel, Zugriff auf das gigantische Agrarpotenzial des Landes zu erlangen. Würde Moskau die landwirtschaftlichen Herzkammern der Ukraine dauerhaft kontrollieren, hätte ein autokratisches Regime Zugriff auf über 35% der weltweiten Weizenexporte sowie eine milliardenschwere, hochmodern ausgebaute Exportinfrastruktur. Der globale Rohstoffhandel droht damit von einem ohnehin ungleichen Marktgeschehen vollends zum geopolitischen Macht- und Erpressungsinstrument zu geraten, mit dem politische Gefälligkeiten und strategische Abhängigkeiten erzwungen werden können.

Während die USA das Thema Handel und Zölle ostentativ und machtpolitisch auf die globale Agenda setzen, sollte sich die deutsche Politik dringend mit der Wirklichkeit des europäischen Erbes vertraut machen. Schrille Debatten über 1,5-Grad-Ziele in Bezug auf ein oft ominös vage definiertes „vorindustrielles Zeitalter“ als moralischer Fixpunkt der deutschen Außenwirtschaftspolitik lassen sich am besten durch echtes Geschichtsbewusstsein ergänzen.

Ein instruktives Beispiel für diese notwendige politische Akzentverschiebung bietet der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz. Dieser erwähnte unlängst, dass er in seiner Freizeit ein Buch über das koloniale Erbe der Niederländer in Indonesien lese – ein Land mit über 17.000 Inseln, welches die Kolonialmacht Holland über einen historisch langen Zeitraum von 350 Jahren ökonomisch überformte und ausbeutete. Passenderweise leitet der Hanseat und einstige Fachanwalt für Arbeitsrecht nun die neue entwicklungspolitische Nord-Süd-Kommission der Bundesregierung zur Reform der Beziehungen zum Globalen Süden. Dies tut er gemeinsam mit seiner Co-Vorsitzenden Laura Chinchilla, der profilierten ehemaligen Präsidentin Costa Ricas.

Denn die Ein- und Ausfuhren der EU sind ein beispielloser entwicklungspolitischer Hebel und belaufen sich auf die unvorstellbare Summe von über 5.000 Milliarden Euro jährlich. Diskrete Zollklassen entscheiden demnach über die ökonomische Verfasstheit ganzer Weltregionen von Subsahara-Afrika und Südamerika bis nach Zentralasien. Schätzungen der Weltbank zufolge beläuft sich die Zahl derer, die in strukturell vom Rohstoffexport abhängigen Volkswirtschaften leben müssen, auf rund 2,5 Milliarden Menschen in über 100 Ländern.

 

Zum Autor:

Sebastian Kirchner ist ein deutscher Volkswirt und langjähriges Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Er arbeitete mehrere Jahre im Bereich Global Health und in der Humanitären Logistik des THW. Als Entwicklungshelfer war er in Kambodscha und Jordanien tätig, hierüber war er Angestellter der Episkopalkirche zu Jerusalem. Er war Stipendiat des DAAD und verfolgte als Beobachter die Prozesse gegen die Roten Khmer in Phnom Penh.